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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Seelenfarbe

Von Robert Herbig


Zuerst sah er die Bäume. Große, knorrige und mächtige Eichen, die erhaben und irgendwie drohend über die hohe Mauer blickten. Als wollten sie jeden Besucher von einem unüberlegten Eintritt abhalten - ihm klar machen, wie endgültig sein Besuch sein konnte. Einige Sekunden blieb er neben seinem Wagen stehen und sah sie sich genauer an. Dann ging er zu seinem Kofferraum und nahm eine kleine Fototasche heraus. Kurz überprüfte er den Inhalt. Als er damit zufrieden war, verschloss er die Tasche und bewegte sich auf den Eingang zu.
Durch sein Können und seine Kreativität hatte sich Jörg Hausner im Laufe der letzten sechs Jahre über die Grenzen Deutschlands hinaus einen Namen als Modefotograf gemacht. Aber immer wenn es seine Zeit zuließ, zog es ihn an Orte, wo es keinen Catwalk gab, keine gestylten Models, keine Studios oder malerische Strände. Es zog ihn zu moosbewachsenen Grabsteinen, alten Bäumen und verwitternden Holzkreuzen.
Langsam, fast ehrfürchtig, trat er durch das große, schmiedeeiserne Tor. Es war einer dieser unwirklichen, diesigen Novembermorgen und noch ziemlich früh, gerade mal halb zehn. Schnell machte Jörg die ersten Bilder, versuchte den besonderen Reiz, die Unwirklichkeit dieser Tageszeit einzufangen. Die Frühnebel hatten sich verzogen und hingen nur noch in zarten Fetzen in Büschen, Sträuchern und Bäumen.
Er schritt den gepflegten Kiesweg entlang, sah links und rechts am Eingang die älteren Gräber, die mit imposanten Grabsteinen, Engeln oder anderen Figuren auf wichtige, auf reiche, oder auf wichtige und reiche Tote hinwiesen.
Schon immer hatten Friedhöfe für ihn diese besondere, morbide Faszination besessen. Er war noch ein Kind, da hatte ihn seine Großmutter Ilse, deren Mann früh gestorben war, immer mit zur Grabpflege genommen. Er durfte die vergilbten Blätter von Großvaters Grab pflücken, Wasser in der Gießkanne holen oder auch einmal frische Blumen in die Erde pflanzen.
"Nicht so tief, Junge, lass ihnen Platz zum Atmen."
Am Abend zuvor hatte er einen lukrativen Termin in Stuttgart wahrgenommen und war durch den obligatorischen Small Talk mit der liebestollen, zwanzig Jahre älteren Modeschöpferin über die Präsentation der neuesten Sommerkollektion erst sehr spät, aber immerhin alleine in sein Bett gekommen.
Heute Morgen beim Auschecken befragte er den Portier im Hotel nach einem alten Friedhof in der Nähe.
"Sie suchen einen Friedhof?"
Jörg lächelte. Diese Reaktion kannte er zur Genüge. Er deutete auf seine Fototaschen.
"Man kann auch mal etwas anderes fotografieren. Es muss ja nicht immer Mode sein."
Der in Stuttgart geborene Concierge dachte kurz nach. Dann erklärte er Jörg, wo er am frühen Morgen Ruhe und geeignete Motive finden würde.
Nach dem Frühstück hatte sich Jörg mit Gepäck und seiner Ausrüstung sofort auf den Weg gemacht.
Er kam an der Leichenhalle vorbei, wo Mitarbeiter einer Gärtnerei gerade mit dem Ausladen von Blumen beschäftigt waren. Maler hatten ein Gerüst errichtet, dunkle Planen bedeckten das Ganze nach außen. Das Gerüst war alt, voller Farbflecken, es zeigte starke Spuren von Abnutzung. Die herrlich frischen Blumen und der alte Anstrich des Gerüsts erweckten Jörgs Aufmerksamkeit. Automatisch holte er seine Kamera heraus und machte unter den misstrauischen Blicken der Arbeiter ein paar Bilder.
Nach wenigen Minuten kam er zu dem Teil der Anlage, in dem die neueren Gräber zu finden waren. Jörg hatte noch nie Probleme damit, geeignete Motive zu finden. Überall sah sein geschultes Auge ein Detail, einen Ausschnitt, oder eine besondere Konstellation, die sich zu fotografieren lohnte. Bis sich sein Sucher auf einen kunstvollen Grabstein richtete, auf dem der Name einer Frau namens Marie stand und urplötzlich war sein morgendlicher Enthusiasmus wie weggeblasen. Er fröstelte.
Marie. Erinnerungen wurden wach.
Drei Jahre waren sie zusammen gewesen, vor einer Woche hatten sie sich ‚bis auf Weiteres', wie sie es genannt hatte, getrennt.
Jörg setzte sich gegenüber auf eine Bank und dachte zum wiederholten Mal in den letzten Tagen über ihre Beziehung nach. Marie konnte nicht verkraften, dass er ständig unterwegs war. Aber als freischaffender Fotograf war es nun mal nicht möglich, von 9.00-17.00 Uhr zu arbeiten und dann zu Frau und Kind nach Hause zu fahren.
Außerdem störten sie, laut Maries eigener Aussage, die 'überirdisch aussehenden Models, mit den riesigen Plastiktitten', mit denen er ständig zu tun hatte. Sie war nach dem letzten Streit schimpfend zu ihrer Freundin Karin gezogen, mit der zusammen sie eine kleine Boutique in Köln betrieb. Jörgs Anrufe in den letzten Tagen hatte immer Karin entgegen genommen. Sie hat ihm erzählt, Marie wolle nicht mit ihm sprechen.
Karin war einerseits sein bester Verbündeter, da sie seit Beginn der Beziehung der Meinung war, Jörg würde Marie gut tun, andererseits war sie in erster Linie Maries beste Freundin.
"Sie wirken traurig."
Jörg schrak auf. Die Stimme war förmlich aus dem Nichts aufgetaucht. Er drehte sich um und sah neben sich eine Frau sitzen, die unbemerkt auf der Bank Platz genommen hatte.
"Verzeihung?", sagte er.
"Sie starren die ganze Zeit auf diesen Grabstein. Die Tote ist aber keine Verwandte von Ihnen, sonst würde ich Sie kennen."
Jörg sah sich seine Banknachbarin an. Sie war etwa 80 Jahre alt, ziemlich klein und wirkte durch ihre Blässe irgendwie gebrechlich. Sie trug ein dunkles Kleid, das ihr fast bis zu den Knöcheln reichte und um ihren Kopf hatte sie ein dunkles Tuch geschlungen.
'Chemotherapie', fuhr es Jörg sofort durch den Kopf. Solche Tücher trugen Frauen, denen durch eine Strahlenbehandlung die Haare ausgefallen waren. Etwas an ihrer Erscheinung rührte ihn, er wusste jedoch nicht, was es war. Vielleicht die Erinnerung an Großmutter Ilse, die vor ... zehn Jahren gestorben war? Waren das schon zehn Jahre?
"Pass gut auf dich auf, mein Junge und sieh ab und zu mal nach meinem Grab, ja?"
"Nein, ich kenne die Frau nicht, die dort begraben liegt. Es war nur ..., sie hat ..., es ist ihr Name, wissen Sie?", sagte er stockend.
Die alte Dame schaute zu dem Grabstein.
"Marie? Ich kannte diese Marie. Sie war fast in meinem Alter. Starb vor ein paar Jahren an Schilddrüsenkrebs, die Arme."
Sie bemerkte, dass Jörg weiterhin auf ihr Tuch starrte und lächelte.
"Wir Frauen sind eitel, wissen Sie? Auch in meinem Alter."
Jörg schluckte.
"Wie geht man damit um? Ich meine, wenn man weiß, dass man ... also der Tod ...?"
"Verärgert!", sagte sie. "Sie wollen doch wissen, wie man sich fühlt, wenn man weiß, dass man nicht mehr lange zu leben hat, oder?"
Jörg nickte nur. "Und wie lange ...?"
"Ach, ich habe eine Ewigkeit Zeit, machen Sie sich mal keine Sorgen." Wieder lächelte sie ihn an.
"Haben Sie hier auch jemanden besucht?"
"Nein, nein, ich war hier auf einer Beerdigung. Eine gute, alte Freundin wurde heute beigesetzt. Eine wirklich gute Freundin." Dabei sah sie einige Meter nach rechts zu einem frischen Grab, das über und über mit Blumen und Kränzen bedeckt war. Jörg kam es vor, als würde eine kleine Träne über ihre Wange rinnen.
"Sie muss sehr beliebt gewesen sein, Ihre Freundin, bei den vielen Blumen."
Klara sah ihn nachdenklich an.
"Ja, das war sie. Das war sie wirklich."
"Und wie kommen Sie jetzt nach Hause? Fahren Sie mit der Straßenbahn? Oder dem Taxi?", fragte Jörg, um das Thema zu wechseln.
"Mit der Straßenbahn?" Sie lächelte nachsichtig. "Nein, da wo ich hin muss, fährt keine Straßenbahn. Aber ich werde bald abgeholt, machen Sie sich mal keine Sorgen."
"Erzählen Sie mir von Ihrer Marie", forderte sie ihn auf, "mein Name ist übrigens Klara."
"Jörg, ich bin Fotograf ...," er hob erklärend die Kamera, "... freut mich, sie kennen zu lernen, Klara. Meine Marie? Oh, sie ist eine ganz bemerkenswerte Frau." Jörg wunderte sich selbst über seine plötzliche Gesprächigkeit. Es war normalerweise nicht seine Art, sein Gefühlsleben vor wildfremden Leuten auszubreiten.
"Sie ist ... ja, sie ist der liebenswerteste Mensch, der mir jemals begegnet ist."
"Sie lieben sie, das spürt man. Wie sieht sie aus?", wollte Klara wissen.
Jörg legte den Kopf zurück und schloss seine Augen. Vor ihm erschien Marie, wie sie in einem leichten, farbigen Kleid lachend über eine sommerliche Wiese lief, ein paar Blumen in ihrer Hand. Sie sah einfach hinreißend aus. Bevor er Marie beschreiben konnte, fragte Klara: "Welche Farbe haben die Blumen?"
"Die Blumen?" Jörg stutzte. Hatte er laut gesprochen?
"Die Blumen sind ...", er überlegte kurz, "... gelb, blau und weiß!"
Klara nickte verstehend.
"Blau ist die Farbe der Treue"m erklärte sie, "aber auch die der Entfernung, der Unendlichkeit. Eine schöne Farbe."
"Die Unendlichkeit ist blau?" Jörg sah sie an.
"Ja."
"Und gelb?"
"Die Farbe der Glückseligkeit im alten China, aber auch die Farbe der Sonne."
Jörg überlegte kurz und zog eine Augenbraue nach oben.
"Und welche Farbe hat der Zweifel?", fragte er schmunzelnd.
Klara lachte laut auf.
"Grau. Der Zweifel ist natürlich grau, weil er sich nicht zwischen schwarz und weiß unterscheiden kann."
Jörg fiel in ihr Lachen ein. Er mochte Klara plötzlich und fühlte sich erneut an Großmutter Ilse erinnert.
Gegenüber, direkt auf Maries Grab scharrte eine Amsel auf dem harten Boden nach Futter. Ab und zu pickte sie erfolglos mit dem Schnabel zwischen den nassen Blättern. Als in ihrer direkten Nähe eine Krähe vorbeiflog, zwitscherte sie laut auf und machte sich ohne Beute davon.
"Das Leben kann ganz schön grausam sein", sagte Jörg nachdenklich.
"Grausam oder wundervoll, es kommt ganz darauf an, was man mit seinem Leben anfängt. Welche Pläne haben Sie denn mit Ihrer Marie?"
Jörg überlegte. "Mit meiner Marie? Pläne? Eine gute Frage."
Er beugte sich nach vorn, legte die Arme auf seine Knie und knetete seine klamm gewordenen Finger.
"Wir haben noch nie über Heirat gesprochen, wenn Sie das meinen."
"Ja, in der Tat, so etwas meinte ich mit Plänen", schmunzelte Klara.
Jörg stand auf. "Es ist nicht so einfach, wie es vielleicht scheint", erklärte er, "natürlich lieben wir uns, aber ..."
"Aber ...?"
Aufgewühlt ging Jörg vor der Bank auf und ab.
"Es ist meine Arbeit, Klara. Marie hat damit einfach ihre Probleme. Und ich bin nicht bereit, alles aufzugeben, was ich mir in den letzten Jahren aufgebaut habe."
"Auch nicht für Marie?", fragte Klara zweifelnd.
Jörg setzte sich wieder auf die Bank und sah sie nachdenklich an.
"Vielleicht ist es dafür schon zu spät. Vor einer Woche ist sie ausgezogen. Sie wohnt jetzt erst einmal bei ihrer Freundin."
Klara nickte und blickte nachdenklich auf Maries Grab.
"Mein Paul war damals in Russland. Wir waren so gut wie verlobt, als er eingezogen wurde. Er wurde verwundet, gefangen genommen und verbrachte drei lange Jahre in russischen Lagern, bevor er endlich nach Hause kam."
Sie redete sehr leise, aber eindringlich.
"Als er nach Hause kam, war er ein gebrochener Mann. Mein Vater hat damals vorsorglich einen wohlhabenden Bauern als Ehemann für mich ausgesucht, nachdem er sah, dass Paul keinen Fuß auf den Boden bekam."
"Und Sie, Klara? Was wollten Sie?", fragte Jörg neugierig.
"Ich?", fragte sie, als hätte sie die Frage nicht verstanden. Dann sah sie Jörg direkt in die Augen. "Ich wollte natürlich meinen Paul wieder haben. Aber den Paul, den mir der Krieg genommen hatte. Aber es gab ihn nicht mehr. Da war nur ein abgemagerter, leicht hinkender Mann, der eine entfernte Ähnlichkeit mit meinem vor Kraft strotzenden Paul von damals hatte. Einen, der als Aushilfskraft in einer Mühle arbeiteten musste und in schäbiger, abgetragener Kleidung herumlief."
"Und?" Jörg hatte mittlerweile alles um sich herum vergessen.
Klara sah ins Leere.
"Paul hatte vor dem Krieg Mechaniker gelernt, wollte Ingenieur werden. Eines Abends stand er vor unserem Haus und warf kleine Steine an mein Fenster. Er hatte das Angebot bekommen, in Hamburg auf einer Werft zu arbeiten." Sie stockte. Jörg spürte, wie schwer ihr die Erinnerung fiel, auch noch nach so vielen Jahren.
"Wie er so vor mir stand, einen alten, zerschlissenen Jutesack auf seinem Rücken, glaubte ich nicht an eine gemeinsame Zukunft. Ich hatte Angst, Jörg, verstehen Sie das? Nackte Angst vor der Ungewissheit. Ich kam aus einem behüteten Elternhaus und traute mich nicht, mit dem Mann, den ich so geliebt hatte, ein solches Risiko einzugehen. Mit dem Paul von früher, ja, da hätte ich es wohl gewagt."
"Sie sind nicht mit ihm gegangen?", wollte Jörg wissen.
Klara schwieg sekundenlang.
"Nein. Ich habe ein Jahr später den Bauern aus der Nachbarschaft geheiratet, wie mein Vater es wollte. Franz Keller war ein guter Ehemann, aber er starb leider drei Jahre später bei einem Unfall."
"Und Paul?"
Klara sah hinauf zum verhangenen Himmel.
"Paul habe ich erst dreißig Jahre später wieder gesehen. Bei einer Beerdigung, auch hier auf diesem Friedhof. Er kam, weil ein Cousin von ihm beerdigt wurde." Als ihr die Erinnerung kam, lächelte sie wehmütig.
"Wäre er mir auf der Strasse begegnet", dabei schüttelte sie ihren Kopf, "ich hätte ihn wohl nicht erkannt. Er war noch immer schlank, aber alles anderes als abgemagert, wie damals, als er vor unserem Haus stand."
Klara sah Jörg plötzlich erschrocken an.
"Sagen Sie, langweile ich sie auch nicht mit diesen alten Geschichten?"
Jörg protestierte: "Nein, nein, erzählen Sie bitte weiter, Klara. Ich möchte gerne wissen, was danach passierte. Wie es Paul in Hamburg ergangen ist."
In diesem Augenblick sahen sie beide eine junge Frau mit einem kleinen Hund den Kiesweg entlang kommen. Sie hielt eine Gießkanne in der Hand und sah Jörg, der sich interessiert zu Klara gewandt hatte, merkwürdig an. Klara selbst beachtete sie mit keinem Blick. Als sie sich einige Meter entfernt hatte, fuhr Klara fort:
"Paul hat in Hamburg eine richtige Nachkriegskarriere gemacht. Nach einigen Jahren als normaler Arbeiter wurde er Vorarbeiter auf der Werft, ließ sich zum Ingenieur ausbilden, dann machte er sich mit Hilfe der Werft, die zuverlässige Zulieferfirmen brauchte, selbstständig. Er hat dann irgendwelche neuartigen Lademaschinen hergestellt, kurz darauf geheiratet und wurde Vater von zwei Söhnen und einer Tochter. Er hatte, als er hier auf der Beerdigung war, sogar schon zwei Enkelkinder. Und er war richtig wohlhabend geworden, gut situiert sagt man wohl. Mit der Zeit hat er sich ein richtiges kleines Imperium aufgebaut. Sie würden den Namen der Firma kennen, wenn ich ihn ihnen sagen würde."
"Und dann?" Paul war von dem Erzählten richtig aufgewühlt, längst hatte er denn eigentlichen Sinn seines Besuches vergessen.
"Nichts dann. Er erkannte mich sofort, grüßte mich sogar aus der Ferne. Er nahm mit der Witwe seines Cousins am offenen Grab die Beileidsworte von den Trauergästen entgegen und fuhr danach, ohne ein Wort mit mir gewechselt zu haben, mit seiner Frau wieder nach Hamburg zurück." Klara sah Jörg an und nickte nachdenklich.
"Eine wirklich gut aussehende Frau."
"Und Sie haben nie wieder etwas von ihm gehört?", fragte Jörg verblüfft.
Und wieder lächelte Klara ein Lächeln, dass sie Jahre jünger aussehen ließ.
"Doch. Er hat mir geschrieben ...!"
"Aha. Dieser Schlawiner!"
Klara schüttelte den Kopf: "Nein, nein, nicht was sie denken. Er hat mir nur in einem Brief erklärt, dass er sich beim Begräbnis nicht getraut hatte, mit mir eine Unterhaltung zu beginnen, weil seine Frau ihn begleitete."
"War das alles?"
Klara schien zu zögern, ob sie wirklich weiter erzählen sollte.
"Na ja, er schrieb auch, dass seine Ehe, übrigens seine zweite - nicht wirklich glücklich sei."
"Klara, er wollte Sie zurückhaben!" Jörg breitete demonstrativ die Arme aus.
"Zurückhaben? Nach all den Jahren?" Klara überlegte lange.
"Ich hatte Angst, ihn danach zu fragen. Ich ließ seinen Brief damals unbeantwortet, wieder einmal habe ich mich nicht getraut."
Jörg schüttelte den Kopf.
"Schon wieder Angst, Klara? Sie wirken auf mich aber alles andere als ängstlich."
Klara nickte zustimmend.
"Ja, sicher haben Sie Recht, Jörg. Jetzt, im Nachhinein wüsste ich genau, was ich zu tun hätte, aber damals? Ich hatte zweimal die Chance und habe sie zwei Mal nicht genutzt. Jetzt ist es leider zu spät. Zwei einsame Seelen konnten nicht zueinander finden, weil die eine davon zu ängstlich war."
Mehrere Minuten saßen sie schweigend nebeneinander, jeder hing seinen Gedanken nach. Dann erinnerte sich Jörg wieder an ihre Worte, wenige Minuten zuvor. Nachdenklich sah er Klara an und fragte: "Welche Farbe haben denn Seelen?"
Sie sah ihn überrascht an. Nach kurzen Überlegen sagte sie: "Seelen? Sie sind natürlich weiß. Ein reines, unschuldiges Weiß." Sie wandte sich zur Seite und hob etwas von der Bank auf. "So wie diese Rose."
Jörg war verblüfft. Er hatte die ganze Zeit über nichts davon bemerkt, dass Klara eine langstielige, weiße Rose neben sich liegen hatte.
"Was ich damit sagen will, Jörg, man darf eine solche Chance nicht vergehen lassen. Sie sollten Marie bitten, zu Ihnen zurück zu kommen. Jetzt gibt es noch die Möglichkeit dazu. Warten Sie aber nicht so lange wie ich, sonst werden Sie es irgendwann bereuen. Wie wäre es zunächst mit einem einfachen Anruf?"
Jörg fühlte sich überrumpelt. Andererseits, so überlegte er, was hatte er zu verlieren? Als er Klara zweifelnd ansah, nickte sie ihm zustimmend zu. Er nahm sein Handy aus der Tasche und wählte die ihm so wohlbekannte Nummer.
"Modeboutique B&S, Bergner, was kann ich für Sie tun?"
Jörg räusperte sich: "Hallo Marie", sagte er mit trockener Stimme.
"Hallo Jörg." Maries Stimme klang nicht abweisend, wie er erwartet hatte, eher erfreut. "Ich habe gerade an dich gedacht."
"An mich?" Jörg drehte sich zu Klara.
Sie lächelte aufmunternd. Er stand auf und entfernte sich zwei, drei Schritte von der Bank.
"Ja, hättest du nicht angerufen, dann hätte ich das bestimmt in den nächsten Minuten getan. Wir müssen uns unbedingt treffen und noch mal über alles reden, hörst du? Ich will ..." Sie stockte, "... ich darf dich nicht verlieren, das ist mir jetzt klar geworden."
Jörgs Herz machte einen Sprung.
"Marie, du machst mich damit sehr, sehr glücklich, weißt du das?"
Es entstand eine kurze Pause.
"Ich liebe dich, Jörg", sagte sie leise.
"Ich liebe dich auch, Kleines", antwortete er, "und ich komme sofort bei dir vorbei, wenn ich hier fertig bin. Ich bin gerade in der Nähe von Stuttgart, in ein paar Stunden bin ich bei dir."
Als er das Gespräch beendet hatte, drehte er sich freudig zu Klara um, um ihr zu danken. Er lächelte vor Glück.
Die Bank war leer.
Nur die weiße Rose lag einsam an ihrem Platz.
Erstaunt sah Jörg sich um. Weit und breit war niemand zu sehen, obwohl der ganze Weg mehrere Hundert Meter weit einsehbar war. Er verstand nicht, wohin Klara hätte gehen können, zumal er sie wenige Sekunden vorher noch gesehen hatte.
Mit der Rose in seiner Hand ging er nachdenklich in Richtung des Grabes, auf das ihn Klara hingewiesen hatte. Es war über und über mit Blumen bedeckt, mehrere große Kränze waren liebevoll darauf drapiert. ‚In stiller Trauer', und ‚In ewiger Erinnerung' konnte man auf den goldenen Bändern lesen. Ganz in Gedanken versunken blieb Jörg stehen. Neben dem Grab lag ein kleines Holzkreuz, das die Arbeiter wohl nach dem Absenken der Erde auf das Grab setzen sollten. Neugierig geworden bückte sich Jörg und las die Inschrift: ‚Klara Keller, geboren 1926, vom Krebs besiegt 2004.'
Jörg musste den Text zweimal lesen. Er verstand die Welt nicht mehr. Verblüfft sah er zurück zu der Bank, auf der er gesessen hatte. Klara Keller? Ziemlich genau erinnerte er sich daran, dass Klara gesagt hatte, ihr Vater habe sie mit einem Mann namens Franz Keller verheiratet. Er dachte angestrengt nach. Woher hatte Klara gewusst, dass er bei dem Gedanken an Marie Blumen gesehen hatte?
Und er glaubte noch ihre Stimme zu hören als sie sagte: "... da wo ich hingehe, fährt keine Straßenbahn." Und wohin war sie so schnell verschwunden?
Konnte es sein, dass ...? Er schüttelte den Kopf.
Jörg war in der Regel ein ziemlich nüchtern denkender Mensch, der mit Geistern und lebenden Toten nicht viel am Hut hatte, aber jetzt kam sein Weltbild doch ein wenig ins Wanken.
Während er noch nachdenklich vor dem Grab stand, kam ein alter, leicht hinkender Mann in einem teuren, dunklen Mantel mit Fellbesatz den Kiesweg herauf.
Direkt neben Jörg blieb er stehen, nickte ihm kurz zu und legte dann einen Strauß weiße Rosen auf das Grab. Danach faltete er seine Hände und schloss die Augen.
"Sie müssen Paul sein", hörte Jörg sich plötzlich selbst sagen.
Der Alte öffnete seine Augen und sah ihn erstaunt an.
"Sie kennen mich?"
Jörg sah hinab auf das geschmückte Grab.
"Klara hat mir von Ihnen erzählt."
Der Alte blickte ihn nachdenklich an, dann sah er auf das Grab.
"Sie war eine ganz besondere Frau. Ich weiß das, obwohl ich sie lange, sehr lange nicht mehr gesehen habe. Kannten Sie Klara näher?"
"Nein, leider nur ganz flüchtig", erklärte Jörg.
Stumm standen sie mehrere Minuten nebeneinander.
"Ich hoffe, die weißen Rosen waren richtig, ich habe keine Ahnung, welche Blumen sie gerne mochte", sagte Paul fragend.
Jörg lächelte. "Weiße Rosen waren ihre Lieblingsblumen, Sie haben sehr gut ausgesucht, Paul. Denn Weiß", er machte eine kleine Pause und lächelte, "so sagte Klara mir erst vor kurzem, ist die Farbe der Seele."
Er verabschiedete sich von Paul, drehte sich um und ging zurück zu seinem Wagen.
In seiner Hand hielt er Klaras weiße Rose.




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Eingereicht am 12. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.