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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die Anderen

Von Andrea Reichstein


Die Heldin dieser Geschichte lebt in einer durchschnittlichen Stadt, kommt aus einer intakten Familie und hat einen vernünftigen Job.
Sie hat auch einen größeren Freundeskreis und einen Freund.
Ihre Wohnung ist gut gelegen.
In ihrer Freizeit betreibt sie Sport, geht shoppen und abends mal aus.
Man könnte also meinen, sie hätte alles was man braucht und führe ein gutes Leben.
Es ist sechs Uhr in der Früh.
Der Wecker klingelt.
Sie ist nicht wirklich überrascht, liegt sie doch schon seit Ewigkeiten wach und wartet nur auf dieses erlösende Signal.
Wieder ein neuer Tag. Ein Tag wie alle anderen.
Waschen, duschen, frühstücken, kurz Zeitung lesen und zur Arbeit.
In der Mittagspause sitzt sie mit ein paar Kollegen in der Kantine.
Sie haben schon gegessen und konzentrieren sich jetzt ganz auf den alltäglichen Smalltalk.
Ob sie schon mal das und das genommen hätte, wird gefragt.
Hat sie natürlich nicht, aber die anderen alle schon und sie schauen sie so komisch an.
Also bejaht sie die Frage und hofft, nicht noch über irgendwelche Einzelheiten befragt zu werden.
Und sie hat Glück - wie jedes Mal.
Mittlerweile muss sie bei solchen Sachen nicht mal mehr nachdenken und auch ihr Puls erhöht sich bei den Lügen nicht mehr.
Sie wäre die perfekte Pokerspielerin.
Wieder zuhause schmeißt sie ihre Arbeitsmappe achtlos auf den Schreibtisch und macht es sich auf ihrem Bett bequem.
Sie starrt an die Decke und überlegt sich, was sie mit ihrem Leben nur anfangen soll.
Die Arbeit macht ihr keinen Spaß - aber was zum Teufel sollte sie denn sonst tun?
Ihre Kollegen sind ja alle furchtbar nett - es sind ihre Freunde.
Aber diese Verantwortung. Gibt es denn nichts ohne Verantwortung. Etwas, wo man nichts falsch machen kann, wo man nicht beurteilt wird?
Auch wenn sie nichts sagen, sie muss ja nur die Gesichter ihrer Kollegen sehen, wenn sie was macht.
Alle beobachten sie und warten nur auf einen Fehler.
Außerdem entgeht es ihnen nicht, wie ihre Hände zittern, wenn sie etwas vorführt und machen sich immer darüber lustig, wenn sie nicht da ist.
Morgen steht eine Präsentation an.
Der Laserpointer wird nur so über die Wand springen, sie wird sich wieder mal ein paar Versprecher leisten und alle werden hinter vorgehaltener Hand tuscheln.
Sie will nicht. Schon allein bei dem Gedanken dreht sich ihr der Magen um.
Und wenn sie eine Folie falsch rum auflegt? Oder ins Stocken gerät?
Je mehr sie darüber nachdenkt, desto entschlossener ist sie, irgendeine Ausrede zu finden, die Präsentation nicht machen zu müssen.
Aber was? Kopfschmerzen? - Dafür gibt es Aspirin, außerdem würde man sie für ein wehleidiges Etwas halten.
Beerdigung - Zu leicht zu überprüfen.
Einfach nicht kommen - Das gibt wieder diese ganzen besorgten Anrufe und sie muss sich eine Ausrede einfallen lassen.
Nein, es muss etwas anderes sein.
Sie erinnert sich an eine Sache aus ihrer Schulzeit. Jemand hatte sich den Arm gebrochen um nicht am Sportunterricht teilnehmen zu müssen.
Keine schlechte Idee. Das müsste funktionieren, sie kann die Präsentation nicht halten, weil sie von Arzt zu Arzt rennen muss.
Der Hausarzt schickt sie zum röntgen zum Internisten. Dieser röntgt den Arm und setzt sie Ewigkeiten ins Wartezimmer, ehe er schließlich Gips oder ne Schiene anlegt. Und der Gips muss erst noch fest werden.
Da würde es keinen wundern, wenn sie nicht zur Arbeit erscheint.
Aber wie macht man so was?
Meistens fällt man doch komisch hin - man stolpert oder ähnliches.
Wie stolpert man aber absichtlich?
Vielleicht einen Schuh irgendwo verhaken und dann schnell losgehen?
Ja, das müsste funktionieren.
Sie steht auf und klemmt ihre Schuhsohle unter ihr Bett. Durch rum ruckeln stellt sie fest, das sie fest eingeklemmt ist. Soweit so gut.
Und jetzt losgehen. Aber irgendwie blockieren ihre Muskeln. Scheiß Selbsterhaltungstrieb.
Sie konzentriert sich und zählt innerlich bis zehn. Dann macht sie einen großen Schritt - und fällt ... leider nur auf ihr Knie. Tut zwar ziemlich weh, hat aber keine Verletzung verursacht.
Ärgerlich befreit sie ihren Fuß.
Wieso ist das nur so schwer?
Aber anstatt aufzugeben und sich auf den Vortrag morgen vorzubereiten kommt ihr eine neue Idee.
Sie sucht ihre Wohnung nach irgendetwas Schlagstockähnlichem ab, findet aber nur den Schaft ihres Hockeyschlägers.
Nachdem sie sich überlegt hat, sich lieber den linken Arm zu brechen, damit sie noch schreiben kann, nimmt sie das Rohr in die rechte Hand und tippt damit einmal auf ihr linkes Handgelenk.
Ja, die Stelle ist gut.
Also holt sie aus und schlägt zu. Und wieder und wieder. Tut ganz schön weh. Der Arm beginnt anzuschwellen. Nach dem zehnten Schlag gibt sie es auf. Die Schmerzen haben ihr eh schon die Tränen in die Augen getrieben.
Außerdem fällt ihr ein, dass es nicht sehr viel bringt, einfach so auf ihrem Knochen rum zu hämmern, denn der ist doch ziemlich stabil. Sie muss ihn mehr unter Spannung setzen.
Was hat sie denn damals in Physik gelernt.
Noch immer wild entschlossen kniet sie sich auf den Boden und stützt ihren gepeinigten Arm im 45° Winkel zum Fußboden ab.
Wenn sie ihn jetzt mit ihrem ganzen Gewicht belastet, dann müsste er doch genug unter Spannung stehen ...
Sie nimmt das Rohr und drischt wie eine Irre auf ihn ein.
Irgendwann bricht sie dann unter Tränen zusammen und kugelt sich auf dem Fußboden zusammen.
Der verdammte Arm, am liebsten würde sie ihn ausreißen, so sehr schmerzt er.
Aber gebrochen ist er natürlich nicht. Nur so dick, als wäre er eine Schlange, die gerade ein Kaninchen verschlungen hat.
Ist das Leben beschissen, da schafft sie es nicht mal, sich den Arm zu brechen.
Nein, stattdessen liegt sie wie ein Häuflein Elend auf der Erde und heult und heult und heult.
Was soll sie jetzt nur machen? Sie hat einen kaputten Arm, der nicht gebrochen ist und einen Vortrag, den sie halten muss.
Was soll sie den anderen denn erzählen, was mit ihrem Arm passiert ist?
Treppe runter gefallen wäre ne Idee, aber sie würden es ihr nie und nimmer abnehmen. Der Arm sieht einfach nicht danach aus.
Es ist garantiert ersichtlich, das drauf eingeschlagen wurde.
Aus Verzweiflung, Wut und Selbsthass haut sie mit der Faust auf ihren kaputten Arm ein, aber die Schmerzen reichen nicht aus.
Irgendwann schafft sei es dann doch ins Bett und legt sich so gut es geht auf die verletzte Stelle, um ja kein Stück der Schmerzen zu verpassen.
Am nächsten Tag geht sie zur Arbeit als würde sie zu ihrer eigenen Hinrichtung gehen.
Den Verkehr hat sie vollkommen ausgeblendet, die Autos werden schon bremsen - und wenn nicht, auch nicht schlimm, so würde sie sich den wohl schrecklichsten Tag ihres Lebens ersparen.
Alle anderen sind schon da.
Bei den rituellen Umarmungen zur Begrüßung muss sie jedes Mal die Zähne zusammenbeißen.
Einer merkt es schließlich und will wissen, ob alles in Ordnung sei.
Sie bejaht dies, fasst sich aber scheinbar unbewusst an den schmerzenden Arm.
Ihr Gegenüber bemerkt dies, blickt auf ihren Arm und schnappt erstmal erschrocken nach Luft.
Danach geht alles sehr schnell. Plötzlich stehen alle um sie herum, halten ihren Arm und wollen alle nur eins wissen.
Wie das passiert sei.
Arm in der Tür eingeklemmt.
Wie schon erwartet wird sie verständnislos angeschaut. Bestimmt ahnen alle schon die Wahrheit und lassen sie von den Männern mit den weißen Westen abholen.
Starker Zug habe die schwere Haustür zu geschlagen, holt sie matt zu einer Erklärung aus, es sei aber nicht so schlimm.
Das scheinen die anderen jedoch anders zu sehen, schnell wählen sie jemanden, der sie zum Arzt fährt. Und jemanden, der sie bei ihrer Präsentation vertritt.
Sie kann es gar nicht fassen. Wie kann ein Mensch allein soviel Glück haben?
Beim Arzt läuft es so, wie sie es sich ausgemalt hatte, bloß, dass sie keinen Gipsarm bekommt.
Aber einen dicken Verband.
Ihm erzählt sie denselben an den Haaren herbeigezogenen Unfallhergang.
Eine nicht schlecht staunende Schwester notiert diesen in ihrer Krankenakte.
Zurück auf der Arbeit ist der Vortrag längst gelaufen und ihren Schreibtisch zieren ein riesiger Blumenstrauß und eine Packung ihrer angeblichen Lieblingsschokolade: Traube-Nuss.
Sie seufzt, wie gerne hätte sie eine einfache Tafel Vollmilch. Aber das ist wie beim Eis. Vollmilch und Vanille sind nur was für Langeweiler - oder Kleinkinder.
Also freut sie sich pflichtbewusst, schnuppert einmal an den Blumen und bricht ihre Schokolade an.
Durch geschicktes Anbieten schafft sie es, die Schokolade auf die Hälfte zu dezimieren.
Jetzt muss sie sich nur ein, zwei Stückchen selbst runter quälen und kann den Rest dann zuhause wegschmeißen.
Wieder zuhause erblickt sie einen wunderschönen Strauß roter Rosen auf dem Tisch. Aus der Küche zieht ein leichter Dunst leckeren Essens zu ihr herüber.
Er ist also da. Na toll, dabei hatte der Tag doch so schön angefangen.
Plötzlich steht er in der Küchentür, eine mit Erdbeeren verzierte Kochschürze um den Bauch und einem bezauberndem Lächeln auf den Lippen.
Überraschung.
Was er hier mache? Und wie er denn überhaupt herein komme? Der Schlüssel sei schließlich nur für Notfälle.
Das Lächeln verschwindet, die Schultern sinken kaum merkbar hinab. Er dreht sich um, muss aufpassen, dass nichts überkocht.
Genervt bahnt sie sich einen Weg zum Kühlschrank und greift sich ein Bier.
Auf dem Tisch stehen zwei Gläser Rotwein zum Anstoßen bereit, die sie geflissentlich ignoriert.
Hoffentlich bleibt er nicht so lange.
Er erkundigt sich, wie der Vortrag war und ignoriert geflissentlich das sie anstatt mit ihm anzustoßen billiges Dosenbier zu sich nimmt.
Super, alle seien von ihr begeistert gewesen, der Chef wolle sie für eine Beförderung in Betracht ziehen.
Die Nudeln kochen über, mit einer Hand hebt er den Deckel, die andere legt er um ihre Hüfte und zieht sie zu sich hin.
Ein Flüstern in ihrem Ohr. Das sei ja fantastisch.
Sie nickt nur, bleibt ganz steif, als er sie umarmt und küsst.
Das Essen verläuft ziemlich eintönig. Während er ständig ihre Augen fixiert, erzählt sie von ihrem Vortrag, von ihrem Arm, der glücklicherweise nicht gebrochen ist und blickt dabei auf ihren Teller.
Gar nicht so einfach, so viel Kram zu erzählen, aber sie möchte auf keinen Fall, das sich ein Schweigen über den Tisch legt.
Ihr Freund würde dann nur auf die Idee kommen, ihre Hand zu greifen, von ihren Augen, Haaren usw. zu schwafeln und dann erwarten, dass sie ihm irgendetwas entgegen bringt.
Aber das wird sie nicht tun. Er hat da zu sein, wenn ihre Freunde etwas mit ihr und ihrem Freund machen wollen, mehr nicht. Was muss er nur ständig nerven.
Als sie ne Stunde später erzählt, was sie alles für Leute während ihrer 10 sekündigen Fahrstuhlfahrt gesehen hat, schiebt er seinen Teller zur Seite und faltet äußert bedächtig die Hände.
Was los sei?
Nichts.
Weshalb sie so kalt zu ihm sei?
Sie sei nur müde.
Er räumt die Teller weg. Es komme ihm vor, als wenn sie ziemlich oft müde sei.
Sie sagt dazu nichts. Jetzt muss er sie auch noch aushorchen. Was fällt ihm eigentlich ein.
Er füllt die Essensreste in Schalen und stellt sie in den Kühlschrank.
Er macht es sehr langsam, so als denke er gerade nach.
Ihr soll's recht sein, solange er sie in Ruhe lässt.
Das tut er jedoch nicht - noch nicht.
Er setzt sich ihr wieder gegenüber.
Er bedaure es zutiefst, dass er es nicht schaffe, zu ihr durchzudringen. Er habe sie sehr gern. Wenn sie ihm jedoch kein bisschen entgegen komme, sei es wohl das Beste sie würden sich trennen.
Wenn sie ihn so zum Gehen bringt, wieso nicht.
Mit einem einfachen Nicken erhebt sie sich und geht nach nebenan um Fernsehen zu schauen.
Sie hört noch, wie ein Schlüssel auf den Küchentisch gelegt wird und die Haustür kurz später behutsam ins Schloss gezogen wird.
Es hat ihr eh nie gefallen, dass er einen Schlüssel hat.
Aber was soll sie den anderen sagen, sie unternehmen am Wochenende doch immer was zusammen?
Ohne Freund wird man sie nur bemitleiden und diskutieren, was sie denn wohl falsch mache um Single zu sein.
Und man wird sie zwingen, irgendwelche Kerle anzusprechen, auf Singlepartys schleppen und ihr wieder irgendwelche Bekannte vorstellen, die gerade Single sind.
Im Fernsehen läuft nichts Ordentliches.
Dann geht sie eben früh ins Bett.
Wenn sie nachts nicht schlafen kann, und Ewigkeiten wach liegt, dann fängt sie des Öfteren an Tagzuträumen.
So auch heute.
Sie ist dann immer eine ganz berühmte Person, ein Rockstar, oder ein großer Held. Hin und wieder ist sie dann auch ziemlich böse, Teil einer Verbrecherorganisation, die ihre Freunde als Geiseln nimmt. Natürlich verteidigt sie ihre Freunde, befreit sie letztendlich und wird bewundert.
Aber das ist eh Bestandteil all ihrer Phantasien. Sie wird von allen verehrt und bewundert. Und steht im Mittelpunkt.
Heute ist sie jedoch keine richtige Heldin. Eher Opfer.
Sie ist wie immer auf dem Weg zur Arbeit.
Als sie sich auf dem großen Vorplatz der Firma befindet, kommt ein Auto an gerast.
Es ist schwarz mit getönten Scheiben.
Hinten wird ein Fenster geöffnet. Jemand legt ein Maschinengewehr an und feuert wild drauf los.
Obwohl der Platz sehr belebt ist, wird nur sie getroffen.
Sie stürzt zu Boden und die ganzen Tauben steigen zum Himmel auf.
Sofort bricht Panik aus. Der Wagen fährt mit quietschenden Reifen davon.
Die Passanten laufen kreischend in alle Himmelsrichtungen davon.
Kurz später, als sie sich in Sicherheit wägen, nehmen sie denselben Weg zurück.
Als sie noch vollkommen benommen die Augen öffnet, sieht sie nur Köpfe, alles voller Köpfe, die mal entsetzt, mal schockiert, mal besorgt zu ihr hinunterblicken.
Von irgendwo nähert sich ein Rettungswagen. Von der anderen Richtung nähern sich ihre Kollegen und Freunde.
Sie bahnen sich mithilfe ihrer Ellbogen einen Weg zu ihr durch und fallen neben ihr auf die Knie.
Greifen ihre Hände, ja zerquetschen sie regelrecht und reden ihr in einem wirren Durcheinander Mut und Durchhaltevermögen zu.
Die Sanitäter laden sie schließlich auf ihre Trage und fahren sie unter Sirenengeheul in die Klinik.
Und ihre Freunde hinterher.
Später, im Krankenzimmer versichern ihr dann alle unter Tränen, wie viel sie ihnen bedeute und das sie so froh seien, das sie noch lebe.
Und selbstverständlich bewundern sie, wie locker sie mit ihren Schmerzen umgehe, das sie nicht in Panik verfällt, das sie am nächsten Tag wieder arbeiten will - mit einem Bauchschuss.
Automatisch setzt sie ein Lächeln auf.
Bloß blöd, dass das keine Wirklichkeit ist.
Und dass es nie eintreten wird.
Sie ist ja realistisch, die Chance, dass man sie anschießt, ist wirklich ziemlich gering. - Und das auch noch ihre Kollegen in der Nähe sind ...
Sie will doch nur einmal, dass alle von ihr reden. Dass alle sagen, wie viel sie ihnen bedeutet, wie sehr sie sie bewundern.
Sie wünscht sich nichts sehnlicher. Nur einmal aus dem Schatten heraustreten, von sich reden machen.
Alle sollen sie wissen, dass es sie gibt.
Alle sollen wissen, was sie ihr tagtäglich antun.
Alle sollen sie ein schlechtes Gewissen haben, es soll ihnen Leid tun.
Sie sollen vor Selbstvorwürfen kaum schlafen können.
Was setzen sie sie auch alle so unter Druck. Und nerven sie, wenn sie ihre Ruhe haben will.
Und beurteilen und bewerten sie ununterbrochen.
Das hält doch keiner aus.
Und genau das wird sie ihnen zeigen.
Es ist ganz einfach.
Die nächste Brücke ist nicht weit.
Sie zieht sich schnell was Vernünftiges an und macht sich dann auf den Weg.
Es ist eine Fußgängerbrücke.
Sie führt in einem ziemlich hohen Bogen über eine vierspurige Straße.
Die beiden Fahrtrichtungen werden mit einem Grünstreifen und einem Zaun voneinander getrennt.
Letzterer vermutlich, um Fußgänger vom überqueren der Straße abzuhalten.
Sie platziert sich direkt in der Mitte der Brücke und starrt nach unten.
Sie überlegt, was wohl sicherer den Tod bringt.
Wenn man sich vom Zaun aufspießen lässt oder wenn man auf die Straße knallt.
Vermutlich ist die Brücke nicht hoch genug, dass der Sturz auf den Asphalt tödlich enden würde.
Sie wird sich wohl einiges brechen.
Und müsste sich darauf verlassen, von einem Auto mitgenommen zu werden.
Es wäre allerdings äußerst unpraktisch, wenn der Fahrer so aufmerksam ist und rechtzeitig bremst.
Sie will nicht den Rest ihres Lebens als Pflegefall in einer Psychiatrie verbringen.
Also doch Zaun?
Oder warten, bis viel Verkehr herrscht?
Aber irgendwie ist das ganze doch eine dumme Idee.
Abgesehen davon, das sie sich eh nicht traut, bekommt sie von der Trauer der anderen ja gar nichts mit.
Sie starrt lange Zeit ins Dunkle.
Sehr lange.
Sehr, sehr lange.
Ehe sie springt.
Sie kann sich ja nicht vor allem drücken.
Irgendwann ist mal Schluss damit.
Während des in ihrem Empfinden seltsam in die Länge gezogenen Falls kommt ihr der Gedanke, dass sie sich gerade vor ihrem eigenen Leben drückt.
Gibt es etwas Feigeres?
Und so kommt es zu ihrem allerletzten Gedanken.
Nein.
Tragischerweise ist das auch ihr erster vernünftige Gedanke. Doch es ist zu spät.
Wer weiß, was es geändert hätte, wäre er nur wenige Sekunden eher gekommen.
Dann wäre sie jetzt vielleicht auf dem Heimweg?
Oder würde ihren Freund besuchen und ihm alles erzählen?
Jedenfalls hätte das ihr Leben gerettet. Und geändert.
Inwiefern wird man nie erfahren.




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Eingereicht am 11. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.