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Überleben in Alanya

Von Simone Schloos


Am 17.8. landeten wir früh um 9:15 Uhr in Antalya.
Unser "Freund" Duran holte uns wie immer ab und tuckerte dann mit Tempo 60 mit uns die 120 km nach Alanya. Er hatte gerade einen Tag vorher einen neuen Motor in seinen 21 Jahre alten Golf bekommen und durfte nicht schneller fahren.
Machte ja nix, wir waren ja erst seit über 24 Stunden (waren schließlich nachts um halb 3 schon am Flughafen in Hannover) auf den Beinen, sehnten uns weder nach einer Dusche noch nach leichteren Klamotten. Also tuckerten wir knapp 3 Stunden über türkische Landstraßen.
Nach einigen Beinahe-Unfällen endlich angekommen, empfing uns ein smokiges, heißes, feuchtes Alanya.
Unsere Klamotten konnten wir zwischenzeitlich schon auswringen.
Ok, Helmut vom Koffer gehoben (mußte er leider drauf sitzen, im Kofferraum war der Platz für die Lautsprecher der Stereoanlage ausgefüllt), Koffer rausgezerrt und endlich ins Haus.
"Uuuiii, super, Duran hat ein Haman auf zwei Etagen eingebaut, das sehen wir uns gleich mal an."
Das Haman war wirklich schön, sehr heiß und auch schön feucht. Leider zog sich dieses tolle Klima durch das ganze Haus, die Isolierung dagegen wurde aus Kostengründen mal eben weggelassen. Aber so ein Treppenhaus mit abblätternden Putz an den Wänden hat doch auch was, besonders schön waren diese verschiedene Farbschattierungen vom Grün zum Blau - ich glaube man nennt das Schimmel.
Endlich hatten wir unsere 2 x 15 kg Koffer /Tasche die Wendeltreppe hoch in den 3. Stock geschleppt und standen in unserem Zimmer. Sagte ich eben Zimmer?? Na ja, jedenfalls nennt Duran die 20 qm , "Bad" schon mit gerechnet, so.
"Super, eine nachgeholte Hochzeitsnacht in getrennten schmalen Betten hatten wir noch nie! Mal was anderes."
Also den Tisch zwischen den Betten erst mal auf den Balkon (der war größer als das Zimmer)verfrachtet, Betten zusammen geschoben.
"Hm, hoffentlich falle ich nicht in die große Lücke dazwischen." meinte mein Mann so als dürrer Hering.
Es klaffte eine ungefähr 40 cm breite Spalte zwischen den Betten, die Füße daran wollten wir mangels Werkzeug nicht abbauen.
Nach 3 Stunden Flug und 3 Stunden Tuckerfahrt drücke die Blase und ich stürzte ins Bad.
Bad? Heee, es ist toll, wenn man beim Pipi machen auch gleichzeitig duschen kann!!! Duran - so als praktischer, alter Architekt- hat nämlich die Toilette genau unter die Dusche gebaut. Spart enorm Zeit wenn man sich abends fertig machen will.
Die Beulen, die wir uns beim Zähneputzen geholt haben, verheilten auch relativ schnell.Die Ablage über dem Waschbecken war leider etwas zu groß geraten und wir konnten wählen zwischen Wir-bekleckern-uns-mit-Zahnpasta- oder Wir-holen-uns-eine-beulige-Stirn.
Also erstmal die Koffer auf, Badeklamotten raus, ab in 45 Grad Hitze und los zum Strand. Ein Freudensprung ins Wasser...aber was ist das? Aua.....da waren auf einmal riesige bemooste Felsbrocken drin....hm, komisch, vor 2 Jahren waren die noch nicht da. Na ja, macht ja nix, im Market nebenan gibt es ja Pflaster.
Die erste Nacht lief ab wie alle 12 weiteren.
Haben Sie schon einmal in einer Sauna geschlafen? Ist ein echtes Erlebnis. Und bestimmt gar nicht so ungesund, schließlich schwitzt man sich ja die ganzen fiesen Schlackstoffe aus dem Körper.
Und ein Ventilator im Zimmer ist natürlich auch viel gesünder als eine kühle Klimaanlage.
Trotzdem zogen wir den Balkon eigentlich für Nachts dann vor. Nicht unbedingt zum schlafen, das konnte man eh nicht, aber wir haben viel über Dänen, Schweden und Norweger gelernt!
Denn, oh Freude, es wurde an die feierfreudigen Skandinavier gedacht, die sich nebenan im Hotel einquatiert hatten und jede Nacht open air Disco am Pool bis morgens um 5 Uhr feierten.
Wir wissen aber nun, das Skandinavier ein wirklich lustiges und trinkfreudiges Völkchen sind. Wo lernt man denn sonst so viel über andere Völker?
Und die Türken machen sich bekannterweise auch keinen Streß bei der Arbeit. Wenn es tagsüber zu heiß ist, dann holen sie den Müll eben nachts um 2 Uhr ab, die Touris sollen sich mal nicht so haben wegen dem bisserl Krach und Gestank.
Nach so einer durchwachten Nacht freuten wir uns dann auf ein leckeres Frühstück auf der luftigen Dachterasse.
"He, wo sind die denn alle? Warum ist hier nur Dreck und Sperrmüll? Duuuuraaaan.....wo bleibt das Frühstück?"
"Hab ich euch unten im Keller aufgebaut!"
"Nett, da ist es wenigstens noch nicht so warm."
Dort herrschten angenehme 34 Grad und die gewohnte Saunafeuchtigkeit. Gerne hätten wir uns ja etwas unterhalten, aber das war leider nicht möglich. Neben uns stand der Brenner für das Haman und der sprang verläßlich alle 2 Minuten an.
Dafür war das Frühstück super lecker. Jeder bekam doch tatsächlich 5 Oliven, 6 klitzkleine Gurkenscheiben, eine halbe Tomate, einen Fitzel Schafskäse, 22g Schmierkäse und ein halbes Ekmek. Dazu eine Tasse Kaffee die die Fußnägel hochklappte.
Da es uns am ersten Morgen so gut geschmeckt hat, beschloß Duran, uns diese Leckerei auch an den anderen 11 Tagen zu servieren. Am 4. Tag war der Schafskäse dann besonders lecker, er schmeckte etwas säuerlich. Aber es gibt da ja auch so viele Sorten, konnte ich ahnen, dass ich nach dem Genuß 3 Tage lang mit Brech-Durchfall das Bett hüten konnte?
Haustiere hat Duran übrigens auch. Wenn man abends seine Getränke aus dem Kühlschrank im Keller holte, dann sagten einem noch die Kakerlaken "Gute Nacht Freunde".
Es sind wirklich possierliche Viecher. Ich habe sie fast liebgewonnen, so verlässlich begrüßten sie uns täglich.
Im Zimmer gab es außerdem so nette, klitzekleine rote Ameisen, fühle sich immer lustig prickelnd an, wenn sie über einen rüber marschierten und auch mal Pippi machten.
Aber auch wenn ich wirklich ein Tierfreund bin, ich entschloss mich dann doch dazu, mich permanent mit Insektenschutz einzunebeln.
So lief jeder der 12 Tage ab. Obwohl - nach 5 Tagen, genau auf meinem Geburtstag, hatte ich die Nase voll, sah mir in einem schönen Hotel ein super App. an......aber ich konnte Helmut nicht zum Umzug bewegen. Somit hatte ich neben einem wunderschönen Urlaub auch noch einen supertollen Geburtstag.
Einige Restaurants sind auch sehr zu empfehlen, oder stört es Sie etwa, wenn das Glas beim letzten Schluck sofort verschwindet ("finish?") und Sie ein neues bekommen? Oder das man eine Mülltonne an Ihrem Teller vorbei karrt, während Sie gerade an der türkischen Pizza laben?
Wir können wirklich nur jedem empfehlen, der mal raus aus seiner ruhigen, langweiligen Umgebung möchte, nach Alanya zu fliegen und dort privat unterzukriechen! Dort haben Sie alles, was Sie sonst vermissen: Abgase, laute knatternde Autos, Ampeln die zur Zierde da stehen, man kann nachts den Müllmännern bei der Arbeit zusehen.....und das alles zu Preisen wie in Deutschland!
Natürlich ließen wir uns davon nicht im Geringsten abschrecken und unternahmen wie gewohnt unsere Touren.
In Manavgat erwies sich mein Göttergatte als wahrer Retter in der Not.
Weil das Wasser an den Wasserfällen wunderbar kühl ist, ließ ich meine beschuhten Füße ins Wasser baumeln. Leider hatte ich die enorme Strömung unterschätzt und einer meiner Trekkingsandalen verselbstständigte sich.
"Helli, mein Schuh! Ich kann doch nicht barfuß oder mit nur einem Schuh wieder nach Alanya zurück!"
Wie ein Märchenprinz hechtete mein Herzallerliebster in die Fluten. Mir wurde Angst und Bange, er konnte doch nicht schwimmen. Unter einer kleinen Brücke bekam er meinen Schuh zu fassen, kletterte mit nassen Klamotten aus dem Wasser und zog ihn mir an. Ich kam mir in diesem Moment vor wie Aschenputtel.
"Was habe ich doch für einen heldenhaften Ehemann!" strahlte ich ihn an.
Am nächsten Tag stand ein Besuch des Aquaparkes auf dem Programm.
Sie wissen schon, diese Wasserlandschaften mit unzähligen Becken und haushohen Wasserrutschen.
Wir testeten erst einmal die kleineren Rutschen aus und bewunderten den Mut Einzelner, die sich auf diese riesigen Dinger trauten.
"Würde ich auch gerne mal ausprobieren" dachte ich laut.
"Du? Du Angsthase? ich lach mich weg!" kam von Helmut der spöttische Kommentar.
Ich mag es nun überhaupt nicht gerne, wenn man mich Angsthase nennt. Nun war mein Ehrgeiz erst richtig geweckt. Ich schaute mich um.
"Die weiße da, da will ich runter!"
"Merkst du die Einschläge noch? Da ist bisher kaum einer gerutscht. Hast du dir mal angesehen, wie hoch das Ding ist"
"Ich schätze so gute 70 Meter werden es wohl sein, ich will trotzdem!"
Ich beäugte die Rutsche noch eine Weile und fing langsam an, die vielen Treppen hochzusteigen. Etwas mulmig war mir ja nun doch. Aber ein Rückzieher kam nicht in Frage.
Endlich oben angekommen empfing mich ein junger türkischer Bursche, dem es sichtlich schwer fiel, sich das Lachen zu verkneifen.
"Are you sure that you want?" fragte er mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
"Yes, I´m sure" Natürlich war ich mir sicher. Oder doch nicht? Ich werde doch jetzt nicht wieder vor allen Leuten die Leiter herab steigen.
Der Junge war immer noch am grinsen und gab mir Anweisungen, wie ich denn zu rutschen habe. Ich sollte die Beine verkreuzen, eine Hand in den Nacken legen und mir mit der anderen die Nase zuhalten.
"Na wenn das alles ist, nichts leichter als das!"
Ich hockte mich auf den Rand, stützte brav meinen Nacken mit der einen Hand ab, hielt mir die Nase zu und kreuzte meine Beine. Und schloß ganz fest die Augen.
Dann bekam ich einen leichten Stoß in den Rücken und rutsche erst ziemlich langsam davon.
Langsam war es allerdings nur die ersten paar Meter. Dann ging es plötzlich im 90 ° Grad Winkel hinunter und ich flog erst einmal gegen die Bande.
Krampfhaft versuchte ich weiter, den ganzen Anweisungen Folge zu leisten. Was aber ein Ding der Unmöglichkeit war, ich bekam immer mehr Geschwindigkeit und wirbelte nur noch von rechts nach links und zurück.
Mit einem riesigen Plumps landete ich ziemlich unsanft im Wasser. Mein Oberteil vom Bikini hatte ich um meinen Hals gewickelt.
Beim richten des Slips fiel mir dann auf, dass die Anziehungskraft des Wassers mir einen Hygieneartikel aus dem Körper gerissen hatte. Sie wissen schon, dieses Ding mit den zwei Buchstaben und blauen Bändchen dran. Das war nun doch ziemlich peinlich und ich hoffte nur, dass das Ding nicht auch noch aus der Hose rutscht und im Becken umherschwimmt.
Aber ich war stolz auf mich.
"Ha, doch kein Angsthase, nun bist du dran!"
Aber Helmut grinste nur über das ganze Gesicht und lehnte dankend ab.
"Feige Socke" schmollte ich.
Die Tage verstrichen und wir warteten auf den Tag, an dem wir endlich wieder Richtung Deutschland durften.
Endlich! Schon gleich nach dem Frühstück hatte ich die Koffer gepackt und nun saßen wir auf heißen Kohlen. Unser Flug ging erst um 21 uhr, das heißt, wir bräuchten erst gegen 19 Uhr am Airport sein.
Um 15 Uhr setzten wir uns vor das Haus zu Duran und fingen an zu quengeln.
"Duran, was ist, wenn die Straßen verstopft sind? Nicht das wir zu spät kommen!"
Aber wir hatten die Rechnung ohne die südländische Langsamkeit und Gelassenheit gemacht.
"Haben noch so viel Zeit, fahren gleich los"
Gleich- in der Türkei ein sehr dehnbarer Begriff. In diesem Fall hieß "gleich", dass wir uns noch über eine Stunde gedulden mußte, bis Duran endlich seine Kanne schwarzen Tee ausgetrunken und in aller Ruhe seine Zigaretten geraucht hatte.
Dann ging es endlich los. Wir fuhren mit der gleichen gemütlichen Geschwindigkeit wie schon bei der Anreise.
Nach anderthalb Stunden endlich angekommen, verabschiedeten wir uns schnell von Duran, stellten uns brav in die Schlange der Mitreisenden und warteten auf unsere Abfertigung.
Da wir noch über 3 Stunden Zeit hatten bis zu unserem Abflug, besorgten wir uns erst einmal ein schönes kühles Efes-Pils und machten es uns in der Wartehalle gemütlich. Anschließend stöberten wir noch im Duty free Shop, beschlossen aber, dass die angebotenen Artikel in Deutschland auch nicht teurer sind.
"Die Passagiere des Fluges HJ 3452 nach Hannover bitte zu Gate 14" hallte es von oben.
"Los Männe, das sind wir, ich will endlich nach Hause!"
Der Rückflug war super. Mit über einer Stunde Verspätung sind wir gegen 22:30 doch noch endlich gestartet. Uns erwartete ein lustiger Hoppelflug mit Turbolenzen und Luftlöchern. War wirklich spaßig, auch wenn man nicht aufs WC durfte und der Bordservice eingestellt wurde.
Mum und Dad erwarteten uns schon in der Ankunftshalle und ließen sich unterwegs einen Urlaubsbericht geben.
Ich wollte nur noch in mein Bett. Endlich wieder in Ruhe schlafen, ohne das nächtliche Wecken von feierfreudigen Skandinaviern oder arbeitswütigen Müllmännern.




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Eingereicht am 11. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.