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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die Stimme

Von Gerhard Feix


In Vorzeiten gab es eine Stechuhr. Es war eine Uhr, in der man bei Arbeitsbeginn und -ende eine Karte in einen Schlitz einführen musste.
Es galt schließlich eine genaue Zeit zu messen. In der modernen Zeit gibt es diese im Allgemeinen nicht mehr. Doch in dem Betrieb des Herrn Krüger kam der Chef in jüngster Zeit auf eine geniale Idee, Er baute ein computergesteuertes Erkennungssystem ein. Die alte Stechuhrfunktion fiel als Nebenprodukt ab. Die Anlage konnte zudem sprechen. Eine sehr praktische Maßnahme hatte sich da der Chef von Big Brother & Son angeschafft. Es stellte alle bisherigen Systeme in den Schatten.
Fangen wir mit der Einlasskontrolle an. Herr Krüger bekam eine neue Armbanduhr mit Firmenlogo. Die Uhr hatte einen Chip, letztere schon auf der Skipiste mit Erfolg eingeführt waren. Bei Annäherung an die Sperre hoben alle den Arm etwas an und mit dem Eintritt in den Sendestrahl, öffnete sich das Drehkreuz ganz automatisch und eine nette Stimme ertönte, Guten Morgen, Herr Krüger - wie geht es uns denn heute? Es ist eine von jenen sympathischen Frauenstimmen, in die man sich sofort verliebt, ohne sie je zu Gesicht zu bekommen.
Die Sache wurde ein großer Gewinn für den Betrieb, da das Arbeitsklima wesentlich verbessert werden konnte. Da alle Personaldaten auf dem Chip gespeichert waren, konnte die unsichtbare Dame jeweils die ganze Persönlichkeit allzeit berührungslos erfassen. Damit es auch wirklich Herr Krüger war, musste jeder Mitarbeiter sich noch einer Iriskontrolle am Eingang unterziehen. Anschließend war der Weg in den Betrieb und für die Arbeit frei.
Nach dem Drehkreuz meldete sich noch einmal die Dame und seufzte hingebungsvoll: "Die Krawatte, Herr Krüger!"
"Wie bitte?", versuchte er ihr zu antworten.
"Sie hängt schief und der linke Schnürsenkel ist offen", kam es leise wie aus einer rot gedämpften Flüsterecke eines intimen Cafes zurück.
"Oh, Verzeihung", stotterte verwirrt der so Angesprochene und wurde rot.
Am nächsten Tag kam er korrekt geschniegelt, gebügelt und erwartungsvoll am Drehkreuz an. "Schon viel besser", klang es heute.
"Was machen Sie heute nach Feierabend", erwidert daraufhin Herr Krüger mutig.
"Aber Herr Krüger, meinte die Stimme, ich bin doch 24 Stunden im Dienst."
"Ach so ja", damit schlich sich Herr Krüger verwirrt zu seinem Arbeitsplatz.
Alle Herren waren jetzt wie ausgewechselt. Der Krankenstand sank schlagartig auf Null. Alle Ehefrauen, soweit vorhanden, wurden plötzlich sehr misstrauisch, denn die Veränderungen waren ihnen nicht entgangen. Im Arbeitsleben kommt so etwas nicht vor, dass mit einer solchen peinlichen Sorgfalt und ausgelassener Fröhlichkeit alle zur Arbeitsstätte pilgern. Einige trällerten sogar eine fröhliche Melodie wie in Tagen der ersten Liebe. Natürlich schlossen alle Ehefrauen messerscharf, da steckt eine "sie" am Arbeitsplatz dahinter.
Herr Krüger hatte keine Frau und bekam zuhause deshalb keinen Ärger. Die "sie" Frage klärte sich irgendwann wohl auf, aber wichtiger war, wie ging es im Betrieb weiter. Der ganze Betrieb war nämlich verkabelt. Der Chip an der Armbanduhr wurde Sekunde für Sekunde abgefragt und anschließend die Daten gespeichert. So blieb der Mensch unter ständiger Kontrolle und Fürsorge. Für die Jahresstatistik war so etwas ungeheuer wichtig, denn die täglichen Laufstrecken und was es sonst noch alles gab, konnten jetzt optimiert werden. Leicht kamen so Hunderte von Arbeitsstunden heraus, die durch geschickte Verlegung der Arbeitswege wegfielen. Kritische Momente - wie Pausen aller Art - wurden natürlich auch erfasst. Wurden die zu lange ausgedehnt, erklang die freundliche Stimme aus dem Hintergrund: "Nun Herr Krüger- jetzt wollen wir doch wieder mal." Natürlich an die Arbeit zurückkehren, was sonst?
Eigenartigerweise war nur auf der männlichen Seite ein Erfolg zu verbuchen. Das arbeitspsychologische Institut,
frohes Schaffen, mit seinen tausend Beschäftigten, die das System ausgetüftelt hatten, entwickelten auch die Parallelstimme männlich für weibliche Angestellte. Aber letztere wurde kein Erfolg. Warum? - wird derzeit noch untersucht.




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Eingereicht am 01. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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