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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die Liebesnacht im Internet eine nicht tierisch ernst zu nehmende Liebesgeschichte

Von Gerhard Feix


Der Abend klang traurig aus und wendete sich, was blieb dem Abend auch anders übrig, schläfrig der Nacht zu. Nur das eintönige Ventilatorrauschen des Computers beherrschte noch ein wenig die ansonsten gähnende Stille, wenn da nicht plötzlich eine wunderschöne nach Poesie klingende Melodie über den Bildschirm gehuscht wäre,

Bring mein Herz zum tanzen.
Mein Herz möchte vor Freude tanzen und springen! Ich möchte mich verlieben und versuche es auf diesem Wege!......

Unterzeichnet war die aus den unendlichen Tiefen des Netzes kommende Botschaft mit einer der elektronischen Adressen, die das geheimnisvolle Zauberzeichen @ aufweisen. Vergessen sind längst jene Zeiten, in denen nach Lavendelblüten duftendes Briefpapier für derartige Anlässe verschickt und dafür eine unendliche Zeit der Zustellung in Kauf genommen wurde. Die Aufforderung zum nächtlichen Tanz kam gerade in dem Moment als sich das Haupt des Bildschirmbetrachters bedenklich der Schreibtischkante genähert hatte, letztere oft das nächtliche Ruhekissen ersetzen musste. Doch die Zeilen schreckten die Lebensgeister behände wieder auf und verhinderten somit, das Glück des Träumers womöglich zu verschlafen. Stracks klickte er sich in die senkrechte Position zurück und mechanisch tippten seine Finger eine Antwort in den schon geduldig wartenden Rechner. Zu einem Kaffee reicht es allemal, setzte das bereits einschlafverhinderte Gehirn noch mürrisch an das Ende der späten Botschaft, denn es hasste Störungen dieser Art, besonders zur nächtlichen Stunde und war ja schließlich für den Verstand und nicht für Gefühle zuständig. Die Gefühle sollte der Schreiber mit sich selbst ausmachen. Doch der Schreiber hörte gar nicht mehr richtig hin und schlummerte friedlich mit der Gewissheit ein, den Tag wenigstens sinnvoll beendet zu haben. Mehr als eine Woche verging, da kam tatsächlich eine Antwort von den träumenden Tänzen aus jener Nacht.
Nebenbei bemerkt, das Internet kann leider nicht jene Romantik einer behutsam schaukelnden Postkutsche aufbringen, die damals die aufregend spannenden Liebesbriefe beförderte. Ansonsten tragen auch sie die geheimen Wünsche und Träume hinaus in die weite Welt. Geblieben ist auch die Frage, wie überwinde ich dann diese Entfernung zu ihr oder zu ihm? Liebende sollten eigentlich gar keine Entfernungen als ein Hindernis kennen. Aber unsere beiden waren weder grenzenlos noch überhaupt irgendwie verliebt. Sie waren höchstens in die Liebe selbst verliebt, was aber keinen zufriedenen Dauerzustand bringt. Wie dem auch sei. Beiläufig kamen bei der Schreiberei auch die sie trennenden Kilometer zur Sprache. Angesichts solcher Zahlen werfen etliche schon das Handtuch. Genauer gesehen, bedeutet dieses ja, dass der zum Frühstück gemeinsam eingenommene Kaffee mit Rückfahrt in diesem Fall jeweils eine stolze Weglänge von achthundert Kilometern erforderte! Es sei denn, man bleibt gleich da. Doch solche Zahlenspiele sind nur etwas für Pragmatiker, deren Überlegungen durch angereichertes Wissen über auszufüllende Steuererklärungen und Kilometerpauschalen übersättigt sind. Diese Wesen beantworten aber sowieso keine Träume mehr.
Ein Zufall wollte es, dass die zu überbrückende Wegstrecke am Wohnsitz des Geheimrates Goethe vorbeiführte. Der alte Herr verstand eine Diskussion mit Zahlen überhaupt nicht, schüttelte vorwurfsvoll den Kopf und ermahnte den Internetträumer, wer zählt schon die Meilen, wenn es um die hohe Kunst der Liebe geht? Er lieferte ihm einige seiner Liebesgedichte, um diese dann an seine ferne Umworbene zu mailen. Die Poesie sollte die zarten Bande knüpfen? Der Reigen zwischen Prosa und Dichtung führte schließlich tatsächlich zu einer Verabredung. So ein erster Treff heißt im Internet blinddate. Ein haarsträubendes Wort würden gestandene Lyriker einwenden. Doch die klassische Alternative aus der Zeit romantischer Gedichte ist Vergangenheit. Dafür sind heute andere Voraussetzungen gefragt. Als da wären, ein kilometerfressendes Gefährt, ein drahtlos kommunizierendes - wo bist Du, ich bin hier - Handy, Straßenkarte oder besser gleich ein "sie mit Koordinaten" abspeicherndes Navigationssystem. Ganz, ganz früher fand die Verabredung noch unter einer wunderschönen Linde statt, aber wer kann schon diese herrliche Zeit zurückholen. Und welche Linde, wenn da irgendwo noch eine sehr alte stehen sollte, bitteschön, wie soll die erreicht werden? Also blieb nur die Wirklichkeit zu akzeptieren wie sie ist und nicht wie sie einst war.
So wie das Verbindungszeichen @ mittig in einer elektronischen Adresse steht, so sollte der Treffpunkt via Internet sinnigerweise auch in die Mitte der zwischenmenschlichen Entfernung gelegt werden. Taktisch gesehen, kann bei gegenseitiger Enttäuschung mühelos noch am selben Tag wieder der Ausgangspunkt der Reise erreicht werden.
An einem Sonnabend klemmten sich unsere Traumpartner endlich hinter das Steuer und trafen von der Autobahn kommend, an einem weithin sichtbar und nicht zu verfehlendem Schild abfahrend, schließlich - nein - nicht unter der berühmten Linde, sondern bei Mc Donald ein. Es ist sicherlich der allerletzte Treffpunkt, den einer für derartige Zwecke wählen sollte. Liebe gehört schließlich nicht in die Kategorie fast Food.
Der Hintergedanke bildete eine Pfadfinderweisheit, immer nach unfehlbaren Merkmalen in der Landschaft Ausschau zu halten. Die Betonung lag auf unfehlbar, und unfehlbar ist schon einmal mit Vorsicht zu begegnen. Trotz solch fraglich intelligenter Überlegungen konnte die Sternfahrt jedoch erfolgreich beendet werden. Der die Wartezeit zu überbrückende Kaffee schmeckte etwas nach Pappe. Die Sonne schien purpurrot durch flüchtende Nebel bis der halbleere Pappbecher im Abfallkorb landete und blauer Himmel erschien. In diesem Moment kurvte sie auf den Parkplatz ein, besser gesagt schwebte aus Engelssphären hernieder und ihr Lächeln verwandelte so gleich Täler und Höhen in eine unerklärlich schöne Märchenlandschaft. Im Nu verschwanden die bremsenquietschende Blechkarossen mit ewig hupenden Geschöpfen, die geschäftig wespengleich hin und herschwirren und nie ihr Ziel zu erreichen schienen. Computer mit ihren nimmermüden Betriebssystemen, die zwar alles zusammengefügt hatten, was scheinbar zusammen gehörte, wehte der Wind schnell über die nächsten Baumwipfel davon. Kurz und gut, die blindwütig geschäftige Welt strahlte in einem neuen Glanz, herausgeputzt zu neuen Taten.
Erst jetzt bemerkte das Paar die unschickliche Wahl des Treffpunktes für ihre erwartungsvoll schlagenden Herzen. Als erste Gemeinsamkeit fühlten sie, von jetzt an lieber sich jeder weiteren Programmierung zu enthalten und in den Tag einfach hineinzuleben. Aus der Ferne grüßte vom Berg die Burg immer noch herab. Sie wusste viel über Minne zu erzählen. So tanzten ihre Herzen den Berg hinan und die Zeit verlief wie im Flug. In Märchen folgt gewöhnlich an dieser Stelle: und wenn sie nicht gestorben sind, so lieben sie sich noch heute oder so ähnlich. Nehmen wir uns nicht viel zu wenig Zeit für Märchen? Der Ausgang einer Internetliebe kann durchaus wie im Märchen enden. Warum auch nicht? Dieses Märchen endete nun aber so.
Als Abstieg von der Burg der Minne wählten sie versehentlich den steilen Pfad durch die wildromantische Teufelsschlucht. Am Eingang der Schlucht orakelte noch die Krähe auf einem alten Baum, so viele Stufen ihr hinunter steiget, so viele Neumonde bleiben euch vergönnet. Doch wer hört schon auf eine alte Krähe. Und überhaupt, wie kam die jetzt hierher? Aber in einem Märchen passieren die wunderbarsten Dinge, das erklärt sofort alles. Nach der verhexten Teufelsschlucht gelangten sie in jene geheimen Gärten, die nur Liebenden offen stehen. Beschieden waren ihnen ganze sechsunddreißig Neumondlängen. Sie hatten die Stufen zu zählen vergessen und so blieb ihnen die Zeitspanne verborgen. Wunderbare Wälder und zur Ruhe einladende Frühlingswiesen eingebettet zwischen einladenden Waldseen hatten ihre Pforten für die beiden geöffnet.
Sie entledigten sich ihrer Hüllen, tauchten ein ins erfrischende Nass. Der Reigen der bis zum anderen Ufer laufenden Wellen umringte sie. Die Wasserperlen glitzerten wie Diamanten auf der Haut. Sie schmiegten sich eng zusammen, um sich mit ihrer Wärme alsdann zu trocknen. Sie waren allein und wünschten, dass diese Zweisamkeit nie enden würde.
Doch vor solchen in die Irre führenden Gärten hat kein geringerer als Heinrich Heine in seinem Buch der Lieder eindringlich gewarnt, wenn es dort heißt:
Wir haben viel füreinander gefühlt,
Und dennoch uns gar vortrefflich vertragen.
Wir haben oft "Mann und Frau" gespielt,
Und dennoch uns nicht gerauft und geschlagen.
Wir haben zusammen gejauchzt und gescherzt,
Und zärtlich uns geküsst und geherzt.
Wir haben am Ende, aus kindischer Lust,
"Verstecken" gespielt in Wäldern und Gründen,
Und haben uns so zu verstecken gewusst,
Dass wir uns nimmermehr wieder finden.
Sie blieben bis der nächste Tag zum Aufbruch drängte. In den folgenden Wochen verkürzten sich letztere auf ganz wundersame Weise, denn die vorauseilenden Gedanken trugen bereits das jeweils nächste Ende der Woche mit sich herum. Leichtfertig wurde kein Wochenende ausgelassen, ohne sich zu treffen. Vielleicht gab es da eine Befürchtung, der Traum könnte schon in der nächsten Woche zu Ende sein? Einmal musste ein Wochenende ja zum tragischen Wochenende werden. Die inzwischen zurückgelegten Kilometer, um gemeinsam besagten Kaffee einnehmen zu können, summierten sich schnell bis gut und gern auf die halbe Entfernung zum Mond. Erst dann, die ersten Herbstblätter fielen und die Benzinpreise zogen wieder einmal an, verschwand die Internetliebe so unerwartet wie sie auf dem Bildschirm aufgetaucht war.
Wer fragt da nach Gründen oder erinnert sich an weissagenden Krähen oder an die vielen Gedichte. Internetlieben kennen keine Gründe, höchstens Abgründe. Sie winkte aus der Ferne noch ein, …der zarte Beginn einer Liebe hat sich verflüchtigt, zu - und das war's.
Die Botschaft glich einem grausam rücklings ins Herz gestoßenen Dolch, der langsam das zu Eis erstarrende Blut den Rücken heruntersickern ließ. Die Liebe war vom schwarzen Schein des sechsunddreißigsten Neumondes für immer und ewig aufgelöst und ließ die einst gemeinsam gespürten und miteinander durchlebten Augenblicke zur seelenlosen Asche werden. Die Internetliebe lag wie eine weggeworfene Zigarettenkippe achtlos am Wegesrand, längst wurde nach der nächsten Zigarette gegriffen.
Doch was soll's. Es blieb jetzt nichts anderes übrig, sie noch aus dem Navigationssystem zu löschen. Langsam drückte die Hand die 'delete' Taste nieder. Die flinken Gedanken begleiteten argwöhnisch die Prozedur. Wie leicht doch jemand aus einem elektronischen Gedächtnis zu entfernen und wie schwierig es ist, denjenigen einfach zu vergessen, durchzuckte es ihn. Doch wem nützen solche Gedanken, alles hatte nur ein böser Mondtraum der Nacht bewirkt - nichts weiter. Zurück blieb eine märchenhafte Lichtsekunde der Erinnerung überschattet vom Liebeshauch einer Höllenschlucht.




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Eingereicht am 28. September 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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