www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Korbinians Eimer

Von Robert Herbig/Compuexe


Der junge Himmel sah aus, als habe ihn ein Maler im Rauschzustand hingekritzelt. Er war voll warmer Blau- und Rottöne, aber die Linien waren viel zu dünn, krakelig wie die Malerei eines Kindes vielleicht. Andererseits, welches Kind würde einen solchen Himmel malen?
Korbinian ging am Funkturm vorbei, durch die Unterführung, vorbei an der U-Bahnhaltestelle. Er überlegte kurz, ob er nicht doch mit der Bahn fahren sollte. Sofort verwarf er den Gedanken wieder. Er war damals zu Fuß in die Stadt gekommen und er würde sie zu Fuß wieder verlassen. Fast drei lange Jahre war er hier gewesen. Er hatte nur seinen Eimer bei sich, mehr nicht. In den vergangenen drei Jahren hatte dieser Eimer eine kleine, aber entscheidende Rolle in seinem Leben gespielt.
Damals, als er nach der Beerdigung seiner Eltern sein Dorf verließ, hatte er nichts gefunden, um seine Habseligkeiten unterzubringen. Keinen Koffer, keine Tasche, nichts außer diesem alten Eimer, der in der Ecke stand. Er ging nicht ins elterliche Schlafzimmer, um dort nach einem Koffer zu suchen, er wollte nicht in ihren persönlichen Dingen wühlen, es wäre ihm wie ein Sakrileg vorgekommen. Also packte er seine wenige persönliche Habe in den Eimer und verließ das Dorf. Nur weg von hier, weg von diesem Kleinstadtmief, den er immer gehasst hatte. Seine Eltern starben bei einem Zusammenstoß mit einem Reisebus, dessen Fahrer vor Übermüdung eingeschlafen war. Drei Menschen im Bus und Korbinians Eltern starben, der Fahrer des Busses blieb unverletzt, kam aber nicht zur Beerdigung. Wahrscheinlich der Schock, Menschen getötet zu haben, sagten alle hinter vorgehaltener Hand. Korbinian wusste es besser, es war die Scham, die Schuld, das Eingeständnis der eigenen Schwäche.
Seine Tante Gertraud versprach, sich um alles zu kümmern. Das Haus sollte verkauft werden, der dazu gehörende Grund, die zwei Wiesen. Tiere hatten seine Eltern seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr gehabt, sein Vater konnte die schwere Arbeit nicht mehr verrichten, Korbinian war damals noch zu jung.
Als er in der Stadt ankam und sich nach einer Wohngelegenheit umsah, wurde er wegen seines Eimers des Öfteren seltsam gemustert. Aber nur diese ältere Frau, die, die ihm dann das große Dachbodenzimmer vermietete, fragte ihn, was es mit dem Eimer auf sich hätte. Eigentlich fragte sie ihn nicht direkt, sondern auf Umwegen:
"Sind Sie Fensterputzer?"
"Nein, ich bin kein Fensterputzer. Wie kommen Sie darauf?"
Die Alte zuckte nur mit den Schultern. Verstohlen sah sie zu Boden.
"Und der Eimer?" Die Neugier war doch stärker. "Solche Eimer haben doch nur Fensterputzer!"
Er schwieg, warum sollte er ihr die Geschichte erzählen?
Trotzdem, oder vielleicht gerade wegen des Eimers, gab sie ihm das Zimmer.
In den ersten Tagen erkundete Korbinian die Stadt. Es war das erste Mal, dass er so richtig aus seinem Dorf heraus kam, noch nie hatte er vorher eine so große Stadt betreten. Er war mit Vater und Mutter ab und zu mal in der Kreisstadt gewesen, das waren für ihn fast schon Tagesausflüge. Jetzt spazierte er durch Einkaufszentren, betrachtete die Flugzeuge am Flughafen und ging danach in ein Naturkundemuseum.
Er fühlte sich dort nicht wohl, es gab nur tote Tiere, ausgestopft und unbeweglich. Und über dem Ganzen lag ein dumpfer, morbider Geruch. Er fragte einen älteren Mann, was ihn ins Museum ziehe.
"Es geht um die Paläontologie, junger Mann!"
"Paläontologie?", fragte Korbinian, "ich dachte, in diesem Museum ginge es um Natur, und um Tiere?"
"Ja, ...", sagte der ältere Herr, "... natürlich auch um die Tiere!"
Er lächelte kopfschüttelnd und ging dann weiter.
Eines Nachmittags hatte sich Korbinian im Park herumgetrieben, aber außer ein paar großen, schwarzen Vögeln, Raben wahrscheinlich, und den Fischen im Teich, hatte er noch keine Tiere zu Gesicht bekommen. Als er auf einer Bank saß, kam eine junge Frau die einen Kinderwagen schob und setzte sich neben ihn. Eine Weile saßen sie still nebeneinander, ohne ein Wort zu sagen.
Die junge Frau gab dem kleinen Kind im Wagen ein Fläschchen, danach hob sie es heraus und klopfte ihm leicht auf den Rücken. Korbinian musste lächeln. Es war doch nicht alles anders in der großen Stadt, auch hier machten die Babys ihr Bäuerchen auf die altmodische Art und Weise.
Als die junge Frau das Kind in den Wagen gelegt hatte und Anstalten machte aufzustehen, nahm er allen Mut zusammen und fragte: "Wo sind denn die Tiere?"
Sie schaute ihn erstaunt an und fragte: "Tiere? Welche Tiere?"
Sie saß nur noch vorne auf der Bank, als habe sie sich noch nicht entschlossen, ob sie bleiben oder gehen wolle.
"Es muss doch in einer so großen Stadt irgendwelche Tiere geben", sagte er.
Sie lächelte verstehend: "Aber ja, natürlich haben wir hier Tiere. Wir haben hier verschiedene Parks, oder unseren bekannten Tiergarten. Möchten Sie denn in den Tiergarten?"
Korbinian war verwundert.
"Tiergarten? Aber ja, diesen Garten würde ich mir gerne ansehen. Wie komme ich denn dahin?"
"Warten Sie, ich schreibe es Ihnen auf, am besten nehmen sie die S-Bahn, die hält direkt am Eingang."
Korbinian fühlte ein unsagbar glückliches Gefühl, fast so, als habe die große Stadt ihren Schrecken endlich verloren. Die junge Frau reichte ihm einen Zettel.
"Sind sie neu in der Stadt?", fragte sie ihn.
"Ja, ich bin erst seit einigen Tagen hier."
"So, ich muss leider weiter, es war sehr nett mit Ihnen zu plaudern. Viel Spaß."
Als er am nächsten Morgen den Eingang des Tierparks durchschritt, fühlte er sich ein wenig unwohl. Schon vom Eingang aus sah er einige Gehege und Käfige, in seiner Naivität hatte er gedacht, alle Tiere würden hier frei herumlaufen. Wie in einem Garten eben. Neugierig sah er sich um.
"Mitarbeiter gesucht!" Sofort stach ihm dieses Schild in die Augen. Darunter ein roter Pfeil, leicht gebogen, erst nach rechts, dann nach oben. Neugierig ging Korbinian dem Pfeil nach und las auf einer Tür "Parkleitung".
Ein wenig zaghaft klopfte er an die Tür und nach einem freundlichen "Herein", betrat er den Raum. Zwei junge Frauen saßen an zwei gegeneinander stehenden Schreibtischen und sahen ihn an.
"Ja, bitte?", fragte die Jüngere freundlich.
"Sie suchen einen Mitarbeiter?", sagte Korbinian.
"Haben Sie einen Termin?", fragte die Ältere daraufhin und musterte ihn.
"Nein, ich bin nur ein normaler Besucher und habe gerade Ihr Schild gelesen. Was soll Ihr Mitarbeiter denn alles machen?"
Die beiden Frauen sahen sich an.
"Unser Direktor ist gerade nicht da. Würde es ihnen etwas ausmachen, ein paar Minuten zu warten? Ich rufe ihn an, ob er Zeit hat, mit ihnen zu reden", antwortete die Jüngere.
Korbinian nickte und setzte sich auf eine Bank vor dem Fenster. Interessiert beobachtete er die junge Frau, während sie telefonierte.
"Wann könnten Sie anfangen?", fragte sie dann, während sie den Hörer etwas beiseite hielt.
"Jetzt, sofort", sagte Korbinian.
Sie wiederholte das ins Telefon und fragte dann: "Kennen sie sich mit Parks und Gärten aus? Mit Pflanzen und Blumen?"
"Ich komme aus der Landwirtschaft, damit habe ich keine Probleme."
Sie sagte noch etwas ins Telefon und legte dann auf.
"Füllen Sie bitte diesen Fragebogen aus", sagte sie und gab ihm ein bedrucktes DIN A4 Blatt und einen Kugelschreiber. Das Ganze dauerte nur zwei Minuten. Als er ihr den Bogen zurückgab, schaute sie kurz darauf, stutzte und sagte ungläubig: "Korbinian? Ist das Ihr Vorname?"
"Ja! Wie heißen Sie denn?" Er war es schon gewohnt, dass man ihn hier noch mal nach dem Namen fragte.
"Ella", sagte sie, "ich heiße Ella", und dann lächelte sie zum ersten Mal.
"Ein schöner Name." Korbinian lächelte zurück.
Der Direktor kam eine knappe Viertelstunde später, zehn Minuten später war Korbinian der neueste Mitarbeiter des Tiergartens.
Er hatte vorgeschlagen, erst einmal ein paar Tage auf Probe zu arbeiten, was der Direktor sehr positiv aufgenommen hatte.
Ella besorgte ihm eine Arbeitsuniform und in den Tagen danach wurde er von einem Herrn Schmitz eingearbeitet. Er fuhr mit einem Karren durch den Park, sammelte Dreck auf, kümmerte sich um die Sauberkeit der Grünanlagen und manchmal ging er auch den Pflegern zur Hand, wenn gerade Not am Mann war. Korbinian liebte diese Arbeit. Eigentlich hatte er sich gefürchtet, eine Arbeit annehmen zu müssen, die ihm nicht gefiel, auf dem Bau vielleicht, oder irgendwo in einer Fabrik, wo er keinen Himmel sehen konnte.
Schon nach drei Tagen war er alleine unterwegs, er kannte die Gehege, alle Freisichtanlagen, alle Tiere. Seine Kollegen mochten ihn und winkten ihm zu, wenn sie ihn sahen.
Korbinian liebte vor allem die Bären. Dabei spielte es gar keine Rolle, ob es sich um Kodiakbär, Eisbär oder Waschbär handelte, Hauptsache bärig. Wenn er mit seiner Arbeit fertig war, saß er oft lange vor einem Gehege seiner Lieblinge und sah ihnen zu.
Eines Tages bekam er unerwarteten Besuch. Die junge Frau aus dem Büro der Parkleitung kam auf die Bank vor der Eisbärenanlage zu und setzte sich neben ihn.
"Mögen Sie Bären, Korbinian?" Er war erstaunt.
"Sie haben sich meinen Namen gemerkt?"
"Ja, er gefiel mir sofort", sagte sie und sah dabei zu Boden.
"Ja, ich mag sie", sagte er, während er sie ansah.
"Bitte?"
"Die Bären!", sagte Korbinian verlegen. "Ich mag die Bären! Sie hatten mich doch danach gefragt."
"Ach so!" Sie errötete. "Ich dachte erst, Sie meinen mich", sagte sie und dabei sah sie ihm in die Augen.
"Ja, Ella, dich mag ich auch", erwiderte er und küsste sie.
So begann die Liebesgeschichte zwischen Ella und Korbinian, die genau zwei Jahre und neun Monate dauern sollte.
Bis zu Ellas Tod.
Zwei Tage nach dem ersten zaghaften Kuss kam das Wochenende und die beiden Verliebten gingen zum ersten Mal gemeinsam aus. Ella zeigte Korbinian die Sehenswürdigkeiten ihrer Heimatstadt. Sie bummelten Hand in Hand durch die Passagen, sie aßen Eis im Park und sie gingen abends tanzen. Spät in der Nacht hielt Ella mit ihrem Wagen vor Korbinians Wohnung.
"Wenn jetzt die Nummer mit dem Kaffee oder der Briefmarkensammlung kommt, fahr ich sofort wieder", sagte Ella.
Korbinian überlegte kurz.
"Darf ich dir meine Eimersammlung zeigen?", fragte er.
"Deine ..., deine Eimersammlung?" Sie sah ihn völlig verblüfft an. "Wie viele Eimer hast du denn schon gesammelt?"
Korbinian lächelte, als er sie ansah.
"Leider erst einen, ich habe gerade erst mit dem Sammeln begonnen."
Als sie später im Bett lagen und eine Zigarette rauchten, sagte sie gespielt schmollend: "Du hast mir noch nicht mal deine Eimersammlung gezeigt."
Womit sie Recht hatte. Sie waren kaum durch die Tür, als sie sich schon an ihn geklammert hatte und anfing, an seinen Hosen zu nesteln. Ehe er es sich versah, war er nackt und lag auf dem Rücken in seinem Zimmer. Erst erschreckte es ihn, das war er von den Mädchen in seinem Dorf so nicht gewohnt. Ella fiel förmlich wie eine Verdurstende über ihn her. Und Korbinian bemerkte schnell, dass ihm das alles andere als unangenehm war.
"Der Eimer steht da auf dem kleinen Tisch", sagte er und fuhr ihr langsam mit dem Finger den Rücken herunter.
Sie sah sich erstaunt um, besah sich den Eimer und sagte: "Und wofür ist der?"
Korbinian überlegte. "Er hat eigentlich keine bestimmte Funktion, er ist mehr so ein Symbol. Ein Symbol für Heimat. Solange ich ihn habe, werde ich an zu Hause denken. Meine noch nicht ganz durchgeschnittene Nabelschnur, sozusagen."
"Du bist ein merkwürdiger Kauz", sagte sie mit ernstem Gesicht, "aber ein liebenswerter!"
In den nächsten Monaten lernte Korbinian die Stadt immer besser kennen. Und lieben.
So wie er Ella immer mehr liebte. Nach einigen Monaten sprachen die beiden sogar von Hochzeit. Als er eines Morgens aufwachte und Ella nicht neben sich sah, stand er auf und ging in die Küche. Ella saß auf dem Boden und stützte ihr Gesicht in ihre Hände.
"Ella?", fragte er.
Sie sah ihn an.
"Wo waren wir gestern?"
"Gestern? Wir waren hier den ganzen Abend, warum fragst du?"
"Weil ich weder weiß, wo wir waren, noch was wir getan haben. Der gestrige Tag ist praktisch verschwunden."
Korbinian überlegte.
"Hast du Stress im Büro? Oder irgendetwas Falsches gegessen?", suchte er nach einer Erklärung.
"Ich weiß nicht einmal mehr, was ich gegessen habe", sagte sie leise. "Korbinian, was passiert mit mir?"
Korbinian nahm sie in den Arm.
"Ich weiß es nicht, Liebes", sagte er, "willst du nicht morgen mal zum Arzt gehen? Ich sage dem Direktor Bescheid."
Aber Ella ging nicht zum Arzt.
Korbinian bemerkte in den nächsten Tagen und Wochen, wie sich ihr Wesen veränderte. Sie, die immer die Ausgeglichenheit in Person gewesen war, war jetzt öfter gereizt und unausgeglichen. Manchmal wusste sie nicht mehr, was sie einige Minuten zuvor getan hatte. Nach zwei Monaten musste sie zum Arzt, der Direktor des Tiergartens bestand darauf, wofür ihm Korbinian dankbar war. Sie vergaß zu viel, sie konnte sich nicht mehr konzentrieren, sie wurde fahrig, wenn man mit ihr sprach.
Nach der Untersuchung bat der Arzt Ella zu sich, Korbinian begleitete sie.
"Frau Kahlberg, ich habe leider keine gute Nachricht für Sie!", eröffnete er das Gespräch.
"Was fehlt ihr, Herr Doktor?", fragte Korbinian.
Ella saß fast teilnahmslos neben ihm.
"Verzeihen Sie, Sie sind...?"
"Ich bin Frau Kahlbergs Verlobter, wir wollen heiraten", erwiderte Korbinian, worauf der Arzt in seinen Ordner sah und langsam den Kopf schüttelte.
"Frau Kahlberg", holte er erneut aus, "sie leiden unter einer Form von Demenzerkrankung. Wir müssen noch weitere Tests mit ihnen durchführen, aber es deutet alles auf eine neuere Form der Creutzfeld-Jacob-Erkrankung hin, denn ihr Alter ist atypisch für eine normale CJD, dem müssen wir erst nachgehen, bevor ich ihnen Näheres dazu sagen kann." Er machte dabei ein sehr ernstes Gesicht.
"Wie kann man das heilen Herr Doktor, wann wird Ella, ich meine Frau Kahlberg, wieder gesund?"
Der Doktor sah ihm nicht in die Augen, sondern betrachtete weiterhin seine Unterlagen. Gerade als er zu sprechen anfangen wollte sagte Ella leise: "Wie lange habe ich noch?"
Sekundenlang war es still im Behandlungszimmer, dann schrie Korbinian: "Ella! Was soll das? Warte doch erst mal ab, was der Doktor sagt. Wir können ihr doch helfen, nicht wahr Herr Doktor?" Erregt sah er ihn an. "Sie wird doch wieder völlig gesund? So sagen Sie doch etwas." Korbinian war aufgestanden und beugte sich erregt über den Schreibtisch des Arztes.
Der Arzt tat einen tiefen Seufzer.
"Ich würde ihnen ja gerne irgendwelche Hoffnungen machen, aber Frau Kahlberg kam leider sehr spät zu uns!", sagte er und es klang wie ein einstudierter Spruch, allerdings straften seine Augen diese Vermutung Lügen. Sicher musste er solche Eröffnungen nicht allzu oft machen.
"Wie lange noch, Herr Doktor?", fragte Ella gefasst. Sie schien plötzlich wie ausgewechselt zu sein, Korbinian hingegen war wie am Boden zerstört.
Der Arzt räusperte sich.
"Neun, zehn Monate, ein Jahr, höchstens!", sagte er leise.
Korbinian sank in sich zusammen.
"Aber wieso ein Jahr? Wir wollen doch heiraten, wir wollen Kinder!" Dann straffte er sich.
"Wir werden in eine andere Klinik gehen, zu einem anderen Arzt! Ich will eine zweite Meinung, eine andere Diagnose. Es kann nicht sein, verdammt noch mal, sie ist vierundzwanzig Jahre alt!", schrie er plötzlich.
Ella saß völlig ruhig da. Sie nahm seine Hand in ihre Hände. Sie wandte sich an den Arzt.
"Wie ist der Verlauf der Krankheit? Werde ich den Schluss noch richtig erleben?"
Der Arzt wurde nach dieser Frage wieder zum reinen Wissenschaftler, seine Worte wurden sachlich und nüchtern.
"Wir gehen davon aus, dass Sie sich bereits in der zweiten Phase befinden, Frau Kahlberg. Sie sind leider erst sehr spät zu uns gekommen. Hatten Sie Schlaf-, Ess-, oder Appetitstörungen? Gab es Schwindelanfälle, Sehstörungen oder Halluzinationen?"
"Nein, die gab es nicht!", behauptete Korbinian.
"Ja ...", sagte Ella, "... all das gibt es, ... seit einiger Zeit."
"Aber Liebes, ...", Korbinian schüttelte den Kopf, "... warum hast du mir das alles nicht erzählt?"
"Ich wollte dich nicht beunruhigen, mein Liebling", sagte sie leise.
Sie blieben noch fast eine Stunde beim Arzt. Er erklärte ihnen, es käme in der zweiten Phase zu Störungen der Feinmotorik und der Koordination, zu Schmerzen durch laute Geräusche und Berührungen, zum Schluss würden die Patienten dann in ein Koma fallen mit anschließendem Tod.
Als sie zu Hause waren, war Korbinian am Ende seiner Kräfte. Ella war es, die ihm Mut zusprechen musste, die versuchte, ihn aufzurichten.
"Korbinian, noch lebe ich. Wir haben noch ein ganzes Jahr!"
"Wie kannst du nur so ruhig sein? Du wirst sterben. In zwölf Monaten! Und was tue ich dann? Was tun wir zusammen in diesem Jahr?", rief er aus und die Tränen liefen ihm über seine Wangen.
"Wir leben! Hier und jetzt", sagte Ella leise, "und wir lieben uns! Wir werden zusammen sein, lass mich dir meine Stadt zeigen."
Zärtlich nahm sie seinen Kopf in ihre Hände.
Und Ella hielt Wort. Korbinian ließ sich vom Tiergarten auf unbestimmte Zeit beurlauben, der Direktor hatte volles Verständnis für seine Situation. Täglich waren die beiden in der Stadt unterwegs, Ella kannte jede Strasse, jeden Platz, sie wusste alles über die Berühmtheiten, die irgendwann früher in der Stadt gelebt hatten, sie erzählte ihm lustige Geschichten und Anekdoten. Korbinian lernte die Museen kennen, er ging zum ersten Mal in seinem Leben in eine Oper, sie besuchten Galerien und Ausstellungen.
"Was wirst du tun, wenn ich tot bin?", fragte sie ihn eines Tages, als sie einen der mittlerweile seltenen, lichten Momente hatte. Korbinian sah sie lange wortlos an und sagte, während er ihr zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht zupfte: "Ich glaube, ich werde zurück in mein Dorf gehen. Was soll ich hier, alleine in dieser großen, fremden Stadt?"
"Bitte, Liebling, tu das nicht. Bleib hier, leb hier. Überall wo wir waren, wirst du mir begegnen. Überall wirst du mich fühlen, mich spüren."
Korbinian konnte ihr nicht widersprechen, er wollte es auch gar nicht.
"Ja, Liebes", sagte er nur.
Nach sieben Monaten konnte Ella nicht mehr zu Fuß gehen. Korbinian besorgte sich einen Rollstuhl und war weiterhin täglich mit ihr in der Stadt unterwegs.
Sie waren regelmäßiger Gast im Tiergarten, alle Angestellten nahmen Anteil an ihrem Schicksal, alle sahen, wie liebevoll Korbinian sich um Ella kümmerte.
Nach zehn Monaten kam Ella ins Krankenhaus. Die Krankheit war schon so weit fortgeschritten, dass sie Korbinian meist nicht mehr erkannte. Korbinian besorgte sich Bücher aus der Leihbücherei, täglich vom frühen Morgen bis zum späten Abend saß er an ihrem Bett, erzählte ihr Geschichten aus ihrer Stadt. Er las ihr die Zeitungen vor, er wusch und fütterte sie, er tat einfach alles für sie.
Nach elf Monaten fiel Ella ins Koma, zwei Wochen später starb sie, ohne noch einmal das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.
Nach der Beerdigung, die Belegschaft des Tiergartens war fast völlig anwesend, Ellas Eltern waren schon vor vielen Jahren gestorben, saß er eine Woche lang teilnahmslos in seiner Wohnung, oben unter dem Dach. Irgendwann, mitten in der Nacht stand er plötzlich auf, nahm seinen Eimer, legte einige seiner persönlichen Gegenstände hinein und verließ das Zimmer, lief die Strasse entlang, ohne noch einmal zurück zu blicken.
Er ging die Strassen entlang, nach zwei Stunden erreichte er die Stadtgrenze. Unterwegs erinnerte er sich an jede Stunde, ja jede Minute, die er mit Ella hier verbracht hatte.
"Bleib hier, leb hier. Überall wo wir waren, wirst du mir begegnen." Korbinian hatte wirklich das Gefühl, überall Ellas Stimme zu hören.
"Überall wirst du mich fühlen, mich spüren."
Korbinians Schritt wurde immer langsamer. Nach einer Weile setzte er sich auf eine Bank und sah sich lange um. Dann stellte er seinen Eimer vor sich auf den Boden und ging erst langsam, dann immer schneller zurück.
Es war nicht mehr nur Ellas Stadt, diese große, verrückte, großartige Ansammlung von Häusern und Gebäuden.
Es war jetzt auch seine Stadt.




Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.

»»» Kurzgeschichten Alltag «««

»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««

»»» HOME PAGE «««



Eingereicht am 22. September 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.