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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die Erlösung

Von Luana Mooshain


Ein kalter Wind wehte, er verursachte ein leises, kaum hörbares Heulen, als er durch die Gerippe der Bäume strich. Mit aller Kraft versuchte die Sonne durch die grauen, tief hängenden Wolken zu dringen. Jedoch ohne Erfolg. Hier und da fiel sogar etwas Nieselregen. Die Menschen hetzten mit trostlosen, leeren Gesichtern an mir vorbei, in lange, meist schwarze oder graue Mäntel gehüllt und mit einem Aktenkoffer oder Tasche unter dem Arm. Gedämpfte Stimmen waren zu hören. Den Geruch von Olivenöl, gebratenem Fleisch und Fisch nahm ich wahr, als ich neben einem Restaurant vorbeilief. Ich schritt gemächlich weiter, immer weiter, ohne überhaupt zu wissen wohin. Nun begann es stark zu regnen, die Menschen zückten wie auf Kommando ihre Regenschirme und hasteten weiter. Schwere Regentropfen fielen auf den Asphalt, verschmolzen zu kleinen Bächlein und vermengten sich mit dem Schmutz, bevor diese endgültig unter den Strassen der Stadt verschwanden. Heute fühlte ich mich auch ganz anders, ich spürte eine Leichtigkeit in mir, eine Sorglosigkeit, als wäre ich nicht mehr ein Bestandteil des Lebens.
Komischerweise spürte ich weder die Kälte, die allem Anschein nach zu herrschen schien, noch den Regen, welcher immer noch vom Himmel fiel. Mein Blick schweifte kurz auf die gegenüberliegende Straßenseite und dabei bemerkte ich ein unscheinbar wirkendes schmiedeeisernes, hohes Tor, das von Efeuranken umschlossen und teilweise von Rost zerfressen war. Die hohen, steinernen Mauern waren an einigen Stellen von Moos und anderen Flechten überwachsen und sahen aus, als hätten sie vielen Jahrhunderten standgehalten. Ich konnte mich jedoch nicht erinnern, je dieses Tor gesehen zu haben, da ich doch bereits mein ganzes Leben in dieser Stadt verbracht hatte. Wie ein Magnet zog es mich an. Ich schritt über die Bordsteinkante und erwartete jeden Moment, von einem Auto überfahren zu werden, doch es geschah nichts, denn es war überhaupt kein Auto mehr zu sehen. Die Straße war wie leergefegt, die Menschen verschwunden, kein Geräusch mehr zu hören.
Doch irgendwie war mir das alles egal, einzig allein was mich in diesem Moment interessierte, war dieses Tor, obwohl ich nicht wusste, was hinter ihm verborgen war. Ich überquerte die Straße vollends, ich kam immer näher, spürte eine seltsame Euphorie, ein unglaubliches Glücksgefühl und doch ... gleichzeitig fühlte ich mich niedergeschlagen, traurig ... ohne jede Empfindung. Ich hielt an, streckte einen Arm aus, zuckte jedoch zurück, versuchte es erneut. Quietschend fiel das Tor ins Schloss, hallte laut in der Stille wider. Doch ich fragte mich, wie hier etwas widerhallen konnte. Fast schien es, als würde ich mich in einer Höhle befinden. Dem war allerdings nicht so. Die Sonne am Himmel schien hell, obwohl ... regnete es nicht gerade noch? Graue Wolken umgaben sie. Kein Wind ging. Erst jetzt begann ich mich umzusehen. Vor Schreck brachte ich kein Wort hervor. Ich fragte mich, wie so etwas möglich sein konnte. Ich befand mich nicht mehr in meiner gewohnten Umgebung. Ich drehte mich um, konnte jedoch kein Tor mehr entdecken, auch nicht mehr die alten Mauern, die es einschlossen. Vor meinen Augen erstreckte sich eine bis an den Horizont reichende Wiese, kein Baum, kein Strauch unterbrach den grünen Teppich. Die langen Grashalme wiegten sich wie in einem Tanz in der aufgekommenen Brise. Ich begann mir einen Weg durch dieses endlose Grün zu bahnen, ohne zu wissen, wohin ich mich überhaupt bewegte. Doch ich war glücklich, glücklich auf eine seltsame, undefinierbare Weise. Über die vielen Ungereimtheiten, wie das plötzliche Verschwinden der Menschen oder dass ich mich plötzlich wie in einer anderen Welt befand, auch dass ich weder Regen noch Kälter verspüren konnte. Ich fühlte mich frei. Frei von allen Sorgen, von all den Schwierigkeiten. Als wäre ich erlöst worden. Was mich jedoch stutzig machte, war, dass ich mich an mein früheres Leben überhaupt nicht mehr erinnern konnte, mein Erinnerungsvermögen war nicht mehr existent. Ich konnte mich nur noch daran erinnern, dass ich gestürzt bin ... oder so ähnlich ... auf jeden Fall wurde alles schwarz um mich herum und dann befand ich mich auf der Straße, wo die Menschen gehetzt an mir vorbeiglitten und der Regen auf den Asphalt prasselte. Und da sah ich auch das erste Mal dieses mysteriöse Tor. Doch … warum sollte ich mir Gedanken darüber machen? Meine Augen ergötzten sich an dem Anblick der wunderschönen und zugleich beruhigenden Landschaft und der schon langsam untergehenden Sonne. Wie ein gigantischer Feuerball versank sie langsam am Horizont. Ich wunderte mich allerdings, dass die Sonne innerhalb nur einer knappen halben Stunde untergegangen war. Das Gras begann sich nun stärker unter dem aufkommenden Wind zu wölben. Ohne einmal anzuhalten ging ich gemächlich weiter, ohne nachzudenken und ohne Sorgen.
Ich lächelte.




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Eingereicht am 16. September 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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