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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Tiffany

Von Britta Dubber


Wie jeden Samstagmorgen hatte sich Jens mit einer Tasse Kaffee und einer mit Ei belegten Brötchenhälfte in sein Wohnzimmer gesetzt, um das Tagesgeschehen zu verfolgen.
Er las nicht die Zeitung oder sah sich die Nachrichten an, für diese Art Tagesgeschehen interessierte er sich nicht besonders.
Er war vielmehr an dem Leben seiner Mitmenschen interessiert, die in seiner unmittelbaren Umgebung lebten, als sich über Meldungen von erneuten Terrorwarnungen oder Unwetterkatastrophen aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen.
Und sein seelisches Gleichgewicht in einer Großstadt wie Berlin zu behalten, war eh eine komplizierte Angelegenheit.
Zeitgleich mit dem ersten Bissen von seiner Brötchenhälfte, nahm er sein Teleskop und schaute auf das Nachbargebäude.
Es war ein vierstöckiges Mehrfamilienhaus, das Anfang der fünfziger Jahre gebaut worden war, mit großzügig geschnittenen Wohnungen, Parkettfußböden und Panoramafenstern.
Er war mehrmals zu einem Besichtigungstermin gekommen, als ein Nachmieter gesucht wurde, deshalb wusste er, wie die Wohnungen von innen aussahen. Deswegen und wegen seinen Beobachtungen.
Langsam ließ er das Teleskop zum ersten Stock wandern, zu der Wohnung ganz rechts außen.
Die Vorhänge wurden gerade zurückgezogen und eine attraktive Frau, mit etwas zerzausten, rotbraunen Haaren und einem grünen Satinpyjama öffnete das Fenster und blickte kurz hinaus in den Innenhof.
Die Frau wohnte seit anderthalb Jahren dort und er kannte weder ihren Namen, noch wusste er ihr Alter, aber er nannte sie insgeheim Tiffany.
Sie mochte um die zwanzig sein und war sehr sportlich. Morgens sah er sie oft in ihrem Wohnzimmer, bei geöffnetem Fenster, wie sie vor dem Fernseher Gymnastikübungen machte.
Einen Mann hatte er noch nicht bei ihr gesehen. Vielleicht hatte sie gerade eine Trennung hinter sich.
Vielleicht fand sie aber auch einfach nicht den Richtigen in dieser riesigen Stadt, in der es vor Menschen zwar wimmelte, aber alle einfach hektisch aneinander vorbei liefen.
Er schwenkte das Teleskop nach links und wurde Zeuge wie Hubert mit der Faust auf den Küchentisch donnerte, während seine Frau ihm gegenüber saß und aus der Zeitung vorlas.
Anfangs hatte Jens geglaubt Hubert sei Analphabet, weil seine Frau ihm jeden Morgen die Zeitung vorlas, aber mit der Zeit gewann er die Erkenntnis, dass Hubert sich gerne bedienen ließ. Sie trug ihm oft die Sachen nach und wenn beide vom Einkaufen wiederkamen, trug immer nur seine Frau die Einkäufe in die Wohnung. Er schätzte Hubert auf Mitte sechzig, seine Frau war vielleicht zehn Jahre jünger. Ihr hatte er den Namen Elfriede gegeben.
Im zweiten Stock schienen noch alle zu schlafen und im dritten Stock waren zwei Familien verreist und der ältere Herr, der die Wohnung in der Mitte bewohnte zog, gerade seine Jacke an und war dabei die Wohnung zu verlassen.
Im vierten Stock gab es mehr zu sehen.
Familie Schmidt war gerade aufgestanden. Sie hießen wirklich so, Jens hatte bei einer Wohnungsbesichtigung gehört, wie der Hausmeister Frau Schmidt angesprochen hatte.
Frau Schmidt war klein und rundlich, hatte rote Haare und eine nervige Stimme.
Herr Schmidt war ebenfalls klein und rundlich, mit einer Halbglatze. Er war immer sehr adrett gekleidet, Jens stellte sich vor, dass er leitender Angestellter einer großen Firma war.
Die Kinder, ein Junge und ein Mädchen im Teenageralter waren selten zu Hause. Tagsüber in der Schule, danach vermutlich bei Freunden, kamen sie oft erst zum Abendbrot und verließen kurz darauf die elterliche Wohnung wieder, top gestylt, bereit zum Ausgehen.
"Jens, du hast schon wieder vergessen den Müll raus zu bringen."
"Entschuldige Mutter, ich bring ihn nachher runter."
Jens setzte das Teleskop kurz ab und drehte sich nach hinten, wo seine Mutter gerade dabei war das Silber aus dem Schrank zu räumen, das sie jeden Samstag polierte.
"Was hast du denn heute vor, mein Schatz?", fragte sie und sah ihn mit einem liebvollen Lächeln an, während sie die Tischdecke vom Esstisch zusammenlegte, um anschließend das Silber darauf auszubreiten.
Jens zuckte die Schultern.
"Wirst du dich mit Freunden treffen?"
"Du weißt, dass ich hier keine Freunde habe.", sagte er fast vorwurfsvoll, dann nahm er wieder das Teleskop in die Hand und beobachtete Familie Schmidt, die zusammen am Frühstückstisch saß. Sie wirkten wie aus einem Werbespot, kam es ihn in dem Sinn und er verspürte einen leichten Stich. Er hatte weder einen Vater noch Geschwister. Er hatte immer nur mit seiner Mutter am Frühstückstisch gegessen und das nur, wenn sie nicht gerade auf Diät war, was fast nie der Fall war.
"Wir wohnen nun schon seit zwei Jahren hier. Du musst doch irgendwen kennen gelernt haben, mit dem du etwas unternehmen kannst. In Kappeln hattest du so viele Freunde."
"Kappeln ist auch ein Dorf im Vergleich zu Berlin, Mutter. Die Menschen sind hier anders."
Neben den Schmidts bekam Karsten eine seiner Wutattacken. Bis vor zwei Monaten hatte er mit seiner Frau zusammengelebt, aber in einer Nacht und Nebel Aktion hatte sie ihn verlassen.
Jens war Zeuge gewesen, wie sie sich mit zwei Koffern klammheimlich aus dem Staub gemacht hatte.
Karsten arbeitete nachts und seitdem seine Frau ihn verlassen hatte, bekam er ab und zu Wutanfälle, in denen er mit Gegenständen um sich warf.
Irgendwie tat Karsten ihm leid. Weil er nachts Geld verdiente, hatte seine Frau sich einen Liebhaber gesucht. Ein paar Mal hatte Jens beobachtet, dass sie fremde Männer zu Besuch hatte, die erst vor dem Morgengrauen gegangen waren.
"Lass dich bloß nicht erwischen. Es ist schon so manch einer ins Gefängnis gekommen, weil er seine Nachbarn ausspioniert hat."
"Mhh.", machte Jens und schwenkte wieder nach unten zu Tiffany, die mit ihren Gymnastikübungen begonnen hatte.
Dieses Mal trug sie einen roten Gymnastikanzug, der ihre weiblichen Formen betonte.
Jens fand, dass sie eine perfekte Figur hatte und diese Übungen gar nicht nötig hatte.
"Ich verstehe dich nicht, Jens. Tag für Tag sitzt du da und beobachtest die Leute in dem Haus, anstelle ein eigenes Leben zu führen. Wenn du diese Leute in dem Haus so faszinierend findest, verstehe ich nicht, warum du den Mietvertrag damals nicht unterschrieben hast."
Jens hörte die Worte seiner Mutter nur nebenbei. Er war ganz auf Tiffany fixiert, die gerade Kniebeugen machte.
Sie war genau sein Typ: Schlank, aber weiblich geformt, rotbraune Haare und einen elfenbeinfarbenen Teint. Er hatte verschiedene Male Mädchen angesprochen, die ihrem Typ entsprachen. Alle hatten ihn abblitzen lassen, eine hatte ihn sogar ausgelacht.
Es hatte lange gedauert, bis er begriffen hatte, dass die Mädchen und Frauen in der Großstadt oberflächlich und arrogant waren.
Tiffany war da eine Ausnahme. Sie hatte er noch nicht angesprochen. Und er hatte es auch nicht vor, er wollte sich seine Illusion erhalten.




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Eingereicht am 14. September 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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