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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Aufgespießte Herzen

Von Christine Krell


Das Holzhaus hat schwere Zeiten hinter sich. Der Lack der Fensterläden und -rahmen blättert ab. Die darunter verborgene braune Farbe lugt stellenweise unter dem Maisgelb der neueren Lackschicht hervor. Der Wind säuselt, Blätter fallen tanzend auf den, von der Hitze der letzten Wochen, ausgedörrten Boden. Die Blutbuche schimmert golden im Angesicht der untergehenden Sonne. Lara sitzt auf der Terrasse mit einem Pott Kaffee in der Hand. Die Zeit vergeht, die Erinnerung kommt.

26. Juni 1994
Wie jeden Morgen stand Lara am Fenster, um den neuen Tag zu begrüßen. Mitten in ihrem Garten steht schon seit ewigen Zeiten wie ein Denkmal ein stattlicher Baum - die Blutbuche. Doch an diesem Morgen sah der Baum anders aus als sonst. Riesige und unzählig viele rote Herzen aus Pappe waren auf den Zweigen der Buche aufgespießt. Verzückt hielt sich Lara am Fensterbrett fest, während Jamie hinter dem Baumstamm, als Ritter verkleidet, hervortrat und zu ihr nach oben rief: "Lara, ich liebe dich und möchte mein ganzes Leben mit dir verbringen. Willst du meine Frau werden?" Die junge Frau stürmte die Treppe hinunter und fiel Jamie um den Hals. Nur wenige Wochen später heirateten sie.
Lara hielt das Glück in ihren Händen.

3. Oktober 1998
Ein scheuer Schrei hallte in den Wänden des kleinen Zimmers des Cheryl-Hospitals. Diana schlug wild um sich. Die Kälte, das gleißende Licht und die nackten Wände des Raums erschreckten sie. Mit ihrem Gebaren hielt sie die frischgebackenen Eltern ziemlich auf Trab. Jamie schaute stolz seine Tochter an und drückte anschließend seiner Frau einen Kuss auf die Stirn. Verlegen wandte er sich ab und wischte sich verstohlen eine Träne aus seinem Gesicht.
Diana rennt, so schnell sie mit ihren kleinen Beinchen laufen kann, im Garten einem Schmetterling hinterher. Ein junger Mann nähert sich auf einem Fahrrad dem Zaun. "Diana, tust du Mutti einen Gefallen? Lauf dem Briefträger entgegen und bring mir den Brief, ja?", ruft Lara ihrer Tochter zu, die sofort den Kurs wechselt, den Brief entgegennimmt und ihn ihrer Mutter bringt. Morgen kommt Jamie von einer seiner - in den letzten Monaten zur Gewohnheit gewordenen - Geschäftsreisen wieder zurück. Lara lächelt. Es ist ein Brief von ihrem Mann. Sie stellt ihre Kaffeetasse auf dem Tisch ab. Vorsichtig öffnet sie den Brief.

Liebste Lara,
wie soll ich es dir sagen? Du bedeutest mir viel und du hast mir so viel gegeben. Aber ich bin nicht der, für den du mich hältst. Und ich kann es nicht länger vor dir verbergen. Vor ungefähr 12 Jahren kam dein Vater in unsere Detektei, von der du bisher nichts wusstest, und gab meinem Team den Auftrag dich zu suchen. Du seiest sein einziges Kind, das ihn maßlos enttäuscht hätte. Unsere Aufgabe war es, dich für ein paar Jahre in dem Glauben leben zu lassen, du würdest ein glückliches Leben führen. Aber es war alles nur Show. Ich habe dich aufrichtig gern gehabt. Aber ich führte von Anfang unserer Beziehung an mein eigenes Leben. Ich hatte schon Frau und Familie.
Dein Vater wollte Rache. Rache dafür, dass du ihn allein gelassen hast. Dafür, dass du es gewagt hast ihn vor allen Leuten und allen Menschen bloß zu stellen, die ihm etwas bedeuteten. Du hast seine Vergangenheit aufgedeckt. Seitdem lebte er zurückgezogen und ohne Freunde. Genau dieses Gefühl wollte er jetzt auch dich spüren lassen. Vor wenigen Tagen habe ich einen neuen Auftrag von ihm bekommen: Ich muss dich verlassen, unsere Ehe wird annulliert. Meine erste Frau liebe ich sehr und sie bedeutet mir alles.
Es tut mir Leid. In Freundschaft,

Jamie.

Zitternd geht Lara zum Schuppen und holt das Schwert, das zum Kostüm von Jamie gehörte, und eines der Herzen, die sie noch von dem Tag ihrer Verlobung aufgehoben hatte, und beschriftet es in großen Buchstaben mit den Worten "forever and ever". Mühselig klettert sie in den Wipfel des Baumes, spießt das rote Herz an einem der Zweige auf. Ein Stich durchfährt ihr Herz. Das Schwert bleibt stecken.
Aufgespießte Herzen. Die Blutbuche - ein Denkmal.




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Eingereicht am 13. September 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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