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"Das Sein"

Von Colleene Kamercel


Xenia war sehr erleichtert, als lautes Klingeln das Ende eines harten Schultages ankündigte. Sie stopfte ihr Mathebuch und Hefter in die Schultasche und verließ so schnell wie möglich das Schulgebäude. Es war Herbst. Tausende kleiner gelber Blätter lagen auf den Straßen verstreut und es machte sehr großen Spaß, sie beim Laufen zu treten. Es war nicht sehr weit bis nach Hause, doch Xenia dehnte den Weg künstlich aus um frische Luft zu atmen und sich ein wenig Bewegung zu verschaffen. Sie hatte es auch nicht unbedingt eilig nach Hause zu kommen, denn dort erwartete sie niemand. Xenias Eltern arbeiteten sehr viel. Freunde hatte sie keine. Also kehrte Xenia jeden Nachmittag in das leere Haus zurück und beschäftigte sich mit Hausaufgaben. Ihre Eltern kamen immer sehr spät nach Hause, also sah man sich nur am Wochenende. Es machte ihr jedoch absolut nichts aus. Xenia mochte Einsamkeit und Ruhe. Ja, vor allem Ruhe war ihr wichtig.
In Gedanken versunken hatte Xenia gar nicht gemerkt wie sie bereits vor der Haustür stand. Sie fummelte den Schlüssel raus und ließ sich selbst ein. Die Stille im Haus war ihr sehr willkommen. In der Küche fand sie etwas zu essen. Wie immer ein Mikrowellengericht. Nach dem Essen sah sie wie jeden Abend eine Stunde lang fern und erst danach waren die Hausaufgaben dran.
Xenia packte ihre Schulsachen aus uns machte es sich am Küchentisch bequem.
Heute musste sie einen Aufsatz über "Das Sein" schreiben. Xenia schaute aus dem Fenster und versuchte sich irgendwas zu diesem Thema einfallen zu lassen, doch vergebens, alles was ihr zu diesem Thema einfiel waren Hamlets Worte: "Sein oder nicht sein? Das ist hier die Frage." Xenia versuchte sich noch einmal zu konzentrieren. Vergebens. Ihr fiel einfach nichts zum Thema "Das Sein" ein. Sie suchte sich ein anderes Fach aus. Danach noch eins und noch eins bis ihr die Hausaufgaben in anderen Fächern ausgingen und sie sich wieder auf den Aufsatz konzentrieren musste. Da saß sie nun. Ihr fiel nichts ein.
Was ist überhaupt das Sein? Überlegte Xenia. Ist Existieren und Sein ein und dasselbe? Bin ich oder existiere ich nur? Gehört zu dem Sein eine Persönlichkeit und zu der Existenz nicht? Habe ich eine Persönlichkeit oder bin ich eine Persönlichkeit? Was unterscheidet dieses Sein von der Existenz?
"Viele Fragen und keiner da, der sie beantwortet", dachte Xenia. "Andererseits kann diese Fragen sowieso niemand beantworten ohne mir seine Meinung darüber aufzuzwingen, denn jeder lebt ja in seiner eigenen Welt. Wo finde ich die Antworten? In mir selbst? Die suche danach kann aber sehr lange dauern. Wobei ich nicht mal weiß, wo ich zu suchen anfangen soll. Der Aufsatz wird bis morgen niemals fertig. Andererseits, warum soll mein Aufsatz bis morgen fertig sein? Ich bin doch eine Persönlichkeit. Ich bin noch nicht bereit, diesen Aufsatz zu schreiben und möglicherweise werde ich es auch nie sein."
Xenia überlegte sich kurz, was passieren könnte falls sie den Aufsatz morgen nicht abgibt. Ihr war nichts Schlimmes eingefallen. Gut, die Lehrerin könnte schimpfen, sie könnte ihre Enttäuschung darüber äußern, sie könnte Xenia eine schlechte Note verpassen doch in zwanzig Jahren spielt das alles doch keine Rolle mehr. Eine schlechte Note würde Xenias hervorragenden Durchschnitt nicht ruinieren. Entscheidungen zu treffen gehört doch auch zu der Persönlichkeit. Und Xenia hatte eine Persönlichkeit, auch wenn sie manchmal nur existierte. Die Entscheidung war getroffen. Xenia legte ihr Heft weg und ging ins Bett.
Am nächsten Tag nach der Schule war Xenia enttäuscht. Sie hatte eine schlechte Note, was sie überhaupt nicht störte. Es war ja fair denen gegenüber die diesen Aufsatz tatsächlich geschrieben haben. Sie war über die Lehrerin enttäuscht. Diese verstand nicht, dass hinter Xenias Nichtstun sich nicht nur Faulheit verbarg, sondern dass Xenie einfach noch nicht bereit war ein Aufsatz über das Sein zu schreiben. Die Lehrerin wollte ihr nicht einmal zuhören. Es blieb Xenia nichts anderes übrig als dies zu akzeptieren, denn im Leben würde es noch mehr Enttäuschungen geben, vielleicht auch schlimmere.
Manchmal ist es nicht leicht eine Persönlichkeit zu haben, eine zu sein oder einfach nur sein was man ist.




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Eingereicht am 09. September 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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