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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Geschichte vom eigenen Willen

Von Anne Zegelman


Das Einzige, was Marlene an Sommerurlaub erinnerte, waren die Plastiksandalen, mit denen das Mädchen draußen vor der Telefonzelle im Regen stand. Das Wetter heute Morgen war vielversprechend gewesen. Auch sie selbst hatte nicht widerstehen können und hatte die Strickjacke zuhause gelassen. Jetzt bereute sie es, denn es pfiff ein beißender Wind um die Häuserecken, und durch das Loch im Glas der Zelle wehten nasse Tropfen.
Marlene fröstelte, strich sich die nassen Haare aus der Stirn und wählte die Nummer. Als es am anderen Ende der Leitung klickte und abgenommen wurde, setzte Marlene ihre strahlendste Stimme auf. "Hi, Kassandra, ich bin's."
Eine zeitlang lauschte sie der Geräuschkulisse. Anscheinend hatte ihre Mitbewohnerin Besuch, im Hintergrund waren Leute zu hören. Marlene seufzte leise. Kassandras Stimme und ihre Fragen schienen aus einer anderen Welt zu kommen.
"Ja, jeden Tag über 30 Grad und der Himmel ist strahlend blau, klar", sagte Marlene und hoffte, wenigstens ein Mindestmaß an Begeisterung anklingen zu lassen. "Jede Menge Palmen, du kennst das ja. Ach, ich fühl' mich wirklich großartig, dieser Urlaub ist genau das, was ich gebraucht habe."
Draußen stürmte es. Der Regen peitschte gegen die kaputte Scheibe und eine nasse Bö flog Marlene direkt ins Gesicht. "Ich will mir die Haut nicht kaputt machen, deswegen lieg' ich viel im Schatten, aber der Strand ist wunderbar", log sie tapfer.
"Was ist das für ein Rauschen?" Trotz dem Lärm im Hintergrund konnte Kas das Plätschern hören.
"Die Verbindung ist total schlecht", rief Marlene. Das Mädchen draußen hob den Kopf, es schien ihr nichts auszumachen, dass sie nass wurde. "Das muss an der großen Entfernung liegen."
Kassandra brüllte: "Seid doch mal ruhig, ich versteh sie kaum." Dann wandte sie sich wieder dem Gespräch zu. "Was ist mit diesem Ada oder wie der hieß?"
"Ala", korrigierte Marlene. An sich war es egal, aber sie hatte im Laufe der Jahre gelernt, auf Details zu achten, um sich nicht zu verraten. "Er ist unglaublich. Und sieht so gut aus. Einheimischer. Ja, er küsst einfach fantastisch. Eine ganz heiße Sommerliebe." Für einen Moment kam ihr das Gesicht von Timm in den Sinn, dem großen, blassen, teigigen Nachbarjungen, und sie musste grinsen.
Sie wusste, dass Kassandra versessen auf Details war, und ihr zuliebe übertrieb sie ein bisschen. "Die Sache mit Ala und dem Hai war unglaublich ... Ich hab dir letzte Woche 'ne Karte geschrieben. Wie, nicht angekommen? So was. Schade. Und die traumhafte Bootsfahrt bei Vollmond ..."
"Und Party bis zum Abwinken, oder?"
"Ehrlich gesagt relax' ich im Moment lieber ein bisschen."
"Schon klar", sagte Kassandra und es klang, als ob sie sich lustig machen würde. Dann brüllte sie: "Hey, Marli lässt's richtig krachen!" Die Leute im Hintergrund, wer auch immer das war, grölten und riefen: "Super, Marli, mach ein Fass auf!" Wahrscheinlich kannte Marlene niemand von ihnen, und normalerweise hätte es sie nicht gestört zu wissen, dass sie auf ihrer Couch lümmelten und ihre Parfümflaschen im Bad umstießen. Schließlich war sie jung und autonom und machte sich nichts aus irgendwelchem Besitz. Doch aus der Distanz betrachtet, fühlte sie sich plötzlich seltsam berührt. "Ich muss Schluss machen, Ala kommt", sagte sie übertrieben gut gelaunt, damit Kassandra die Veränderung in ihrer Stimme nicht hörte.
"Schon klar. Hau rein, Marli. Hört sich nach verdammt viel Spaß an."
"Saumäßig", antwortete Marlene, und zumindest das war nicht mal gelogen.
Sie tippte den Hörer nur kurz auf die Gabel, damit die Verbindung unterbrochen wurde, und legte ihn dann auf den Telefonkasten. Sie wollte das Münzgeld nicht verfallen lassen, und außerdem hasste sie das Geräusch, mit dem es in den Telefonkasten fiel; es hörte sich an, als ob ihre Münzen drinnen in dem schmuddeligen grauen Metallkasten auf einen Berg von andern Münzen fielen, gesichtslos und uniform. Monopol Telekom. Und vielleicht konnte das Mädchen mit den Plastiksandalen die achtzig Cent noch gebrauchen.
Eine Sekunde lauschte Marlene noch dem unterdrückten Tuten aus dem Hörer, dann stieß sie die Tür auf, trat hinaus in den Regen und ging hinüber zu ihrem Fahrrad. Der Sattel glänzte vom Regen. Marlene trat mit einem Fuß auf die Pedale und zog sich mühelos nach oben. Es war schon richtig so, dass Kas und die anderen nicht wussten, wo sie in Wirklichkeit war. Sie hätten es ohnehin nicht verstanden. Marlene erkannte sich ja selbst kaum wieder wenn sie zu ihrer Mutter fuhr. Ihr Studentenleben in der Stadt, ihre WG und die Partys kamen ihr so fremd und weit entfernt vor, und sie selbst fühlte sich wieder so hilflos wie ein Kind. Trotzdem brauchte sie ihr kleines Zimmer, das muffige Dorf und die legendäre Leinsamensuppe ihrer Mutter, um aufzutanken.
Als sie sich langsam in Bewegung setzte auf ihrem klapprigen Rad, warf sie durch den Vorhang von dichten Tropfen einen Blick zurück auf das Mädchen. Noch immer stand sie da, unbeweglich, wartete wohl und dachte gar nicht daran, Marlenes achtzig Cent zu vertelefonieren.
Wie schön, dachte Marlene, wenn man sich seiner Sache so sicher ist.



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Eingereicht am 07. September 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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