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Erinnerungen

Von Rudolf Jagusch


Wenn ich so in meine Vergangenheit schaue, muss ich mich schon sehr anstrengen, um einzelne Tage in meinem Gedächtnis wieder aufleben zu lassen.
Meistens aber scheitere ich schlicht und einfach. Mein Leben im Rückblick besteht zum größten Teil aus einem zähen Erinnerungsbrei, in dem Einzelheiten nicht zu erkennen sind. Dann aber plötzlich brodelt etwas an die Oberfläche und erleuchtet mich mit einer Erfahrung, die ich bereits verloren glaubte. Oft steht dies dann im Zusammenhang mit der gerade erlebten Situation.
So stand eben mein Sohn vor mir und heulte sich die Augen aus. Er hatte zum ersten Mal in der Schule eine mangelhafte Klassenarbeit abgeliefert. Er war außer sich und hatte vermutlich auch Angst vor einer Bestrafung. Ich hielt kurz inne und da war sie, meine Erinnerung kochte auf.
Ich war damals selbst erst acht Jahre alt, als ich mein erstes Ungenügend bekam. Mir wurde schlecht und ich verbummelte den ersten Bus, der mich hätte nach Hause bringen können. Den letzten Schulbus nahm ich schließlich, stieg an meiner Haltestelle aus und ging heulend los. Ich war zerrissen vor Enttäuschung über mich selbst und Angst um das erwartete Donnerwetter der Eltern. Wir wohnten auf einem kleinen Bauernhof und der Fußweg zwischen Haltestelle und Hof zog sich über etwa einen Kilometer leicht den Hang hinauf. Ich weiß noch wie heute, dass es ein sehr schöner sonniger Tag mit einem strahlend blauen Himmel war. Ich kann aber nicht mehr sagen, warum ich dies noch so genau in Erinnerung habe, denn ich schaute fast die ganze Zeit zu Boden. Plötzlich hielt mich jemand an. Ich hatte ihn nicht bemerkt. Mein Vater kniete vor mir und hielt mich mit ausgestreckten Armen an der Schulter fest. Besorgt fragte er:
"Jung, was ist denn los?"
Ich schluchzte, schniefte und seufzte gleichzeitig, bevor ich ihm einfach die Klassenarbeit zeigte.
Er schaute sich das Papier an, lächelte dann und nahm mich in seine Arme, wobei er für mich vollkommen überraschend sagte: "Ach, mein Junge, wenn du wüsstest, wie oft mir so etwas passiert ist. Das kriegst du schon wieder hin. Komm, wir gehen jetzt essen." So machten wir uns auf den Weg. Kein Donnerwetter, keine Strafen, nichts.
Ich war erstaunt und versuchte natürlich in der Folgezeit das Vertrauen meiner Eltern zu rechtfertigen - mit Erfolg, wie ich heute rückblickend sagen kann.
Nun also hatte mich diese Erinnerung wieder eingeholt. Mein Sohn stand vor mir und erwartete alles Mögliche. Ich lächelte ihn an und nahm ihn in die Arme. Meine Worte stärkten ihn.
Wie schön, dass ich ihn überraschen konnte.



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Eingereicht am 06. September 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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