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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Neun Jahre später

Von Wolfgang Scholmanns


Ich war sieben oder acht Jahre alt, als ich ein Erlebnis hatte, das lange Zeit meine Träume beherrschte. Eines Morgens, ich hatte Ferien, hörte ich laute Motorengeräusche, die von unserer Straße her in unser Haus drangen. Ich ging ans Fenster, um nachzusehen, wer der Verursacher dieser Geräusche war. Mehrere Lkws und ein Bagger fuhren lautstark an unserem Haus vorbei. Das wollte ich mir mal aus der Nähe anschauen, zog mich schnell an und ging vor unsere Haustür. Unweit unseres Hauses, hatten diese riesigen Fahrzeuge geparkt. Um mir diese Ungetüme mal aus der Nähe anzusehen, lief ich schnurstracks auf sie zu. Ein älterer Herr in einem Arbeitsanzug und mit einem ungeheuren Schnurrbart, schrie mich an: "Weg da, das ist viel zu gefährlich für einen kleinen Jungen, sich bei diesen Fahrzeugen aufzuhalten." Ich fragte ihn, was sie denn hier machen würden, und er antwortete mir in einem barschen Ton: "Wir reißen hier die gesamte Straße auf, damit die Rohre für ein neues Kanalisationssystem verlegt werden können." Ich lief schnell nach Hause, um meiner Mutter davon zu berichten. Sie lachte, und sagte: "Dann können wir uns ja in den nächsten Wochen auf einen ziemlich hohen Lärmpegel einstellen. So, jetzt wasch dich aber erst einmal und putz dir die Zähne, damit wir endlich Frühstücken können." Nach dem Frühstück, fragt mich meine Mutter, ob ich mit ihr auf den Markt fahren möchte. Sie müsse einiges an Gemüse einkaufen und ich könnte ihr beim Tragen helfen. Ich willigte ein und so fuhren wir mit unseren Fahrrädern Richtung Markt, der etwa fünf km von unserem Haus entfernt lag. Es war schönes Wetter und der Markt war gut besucht. An einigen Ständen mussten wir ziemlich lange warten, bis wir an der Reihe waren. Überall roch es nach frischem Obst und Gemüse und von einigen Tischen leuchteten uns bunte Blumensträuße entgegen. So ein Marktbesuch war für mich als Kind immer ein beeindruckendes Erlebnis. Nach etwa einer Stunde hatten wir unseren Einkauf erledigt, verstauten das Gemüse in die Gepäcktaschen unserer Fahrräder und fuhren nach Hause. Dort angekommen, stellten wir sie in die Garage und brachten unseren Einkauf in die Küche. "Ich geh noch ein bisschen nach draußen", sagte ich zu meiner Mutter. "Komm aber pünktlich zum Mittagessen nach Hause, und halte dich von der Baustelle fern, damit dir nichts passiert." Vor der Tür traf ich Ulli, einen Schulkameraden von mir, der auch in unserer Straße wohnte. "Die wollen hier ein neues Kanalisationssystem verlegen." sagte Ulli. " Weiß ich schon" sagte ich zu ihm. "habe heute Morgen schon einen der Arbeiter gefragt, was sie hier machen würden." Wir schauten den Maschinen ein wenig bei ihrer Arbeit zu, bewahrten aber einen gewissen Abstand, um nicht wieder von jemandem angeschrieen zu werden. Nach einiger Zeit wurde es uns dann doch ein bisschen langweilig und außerdem wurde es auch Zeit, denn die Mutter hatte bestimmt das Mittagessen fertig. Ich verabschiedete mich von Ulli und sagte ihm, dass wir für eine Woche zu meinem Onkel fahren würden und dass ich gespannt bin, wie weit die Straßenarbeiter mit ihrer Arbeit fortgeschritten sind, wenn wir wieder zu Hause wären. Diese eine Woche Ferien, bei meinem Onkel, war die langweiligste, die ich während der gesamten Ferienzeit erlebt hatte und ihr könnt euch bestimmt vorstellen, dass ich froh war, als wir nach sieben Tagen wieder nach Hause fuhren. Dort hatte sich schon einiges getan. Die Straße, war nun ein tiefer Graben, in dem sich große Rohre aneinanderreihten. So weit sind die schon, dachte ich. Doch bevor ich mir diese ganze Geschichte näher betrachten konnte, musste ich erst einmal helfen, das Gepäck aus dem Auto zu holen. Schnell half ich, es ins Haus zu bringen und machte mich dann auf den Weg zu Ulli. Unterwegs sah ich zwei Jungen im Alter von etwa fünfzehn Jahren die sich gerade eine Zigarette ansteckten.
"Na Kleiner willst du mal ziehen?" sagte der größere von ihnen zu mir. Das breite Grinsen, verlieh seinem Gesicht ein ekeliges Aussehen einer Ich ging schnell weiter, denn ich wusste von einigen meiner Freunde, dass mit diesen beiden nicht zu spaßen war. Mein Blick war jetzt auf den Graben gerichtet, in dem sich die großen Rohre befanden und ich staunte nicht schlecht, als auf einmal aus einem dieser Rohre Ulli hervor kroch. " Was machst du denn da", fragte ich ihn. " Wenn die Arbeiter Feierabend haben, spielen wir ganz oft in diesen Rohren. Macht echt Spaß, komm mal runter", antwortete er. Na dann mal los, dachte ich und sprang zu ihm in den Graben. Zwischen den Rohren war immer noch ein Abstand von vielleicht einem Meter, und so konnten wir am Ende jedes Rohres, immer wieder hinaus kriechen. Wir hatten Spaß und beschlossen, dass wir am Wochenende, wenn die Baustelle für zwei Tage ruhen würde, ja viel Zeit hätten um hier ungestört, längere Zeit spielen zu können. " Ich bringe eine Taschenlampe mit", sagte Ulli. " Und ich ein Kartenspiel und eine Decke, " entgegnete ich ihm. Voller Freude, auf das uns bevorstehende Abenteuer, gingen wir nach Hause. Zwei Tage noch, und die Baustelle gehörte uns. Dann kam er, der lang erwartete Samstag und ich war schon ganz aufgeregt. Nach dem Mittagessen wollten wir uns treffen. Ich packte unsere Decke, die wir sonst immer mit ins Schwimmbad nehmen, in meinen Rucksack, legte auch noch ein Kartenspiel und ein paar Süßigkeiten hinein und ging los. Meinen Eltern hatte ich erzählt, dass ich mit Ulli an den nah gelegenen See fahren würde, denn mit unserem eigentlichen Vorhaben, wären sie bestimmt nicht einverstanden gewesen. Nach ein paar Metern, kam mir Ulli schon entgegen. Auch er hatte seinen Rucksack dabei. Wir gingen ein Stückchen die Straße hinunter, bis zu einer Stelle, die etwas entfernt von unserer Siedlung lag. An einem Platz, den wir für geeignet hielten, warfen wir unser Marschgepäck in den Graben und sprangen dann selbst hinunter. Ich kramte die Decke aus meinem Rucksack und breitete sie in einem dieser Kanalisationsrohre aus. Ulli hatte eine Kerze mitgebracht, um die Batterien seiner Taschenlampe nicht so lange beanspruchen zu müssen. " Toll", sagte ich, "das mit der Kerze ist eine gute Idee." Nachdem wir dann noch einige Süßigkeiten ausgepackt hatten, Ulli hatte nämlich auch welche mitgebracht, zündete er die Kerze an. Als wir feststellten, dass sie uns genügend Licht spendet, hockten wir uns auf die Decke. Ich wollte gerade die Karten austeilen, da wurde es plötzlich an den Öffnungen des Rohres dunkel. "Was ist passiert?" schrieen wir beide fast gleichzeitig. Wir krochen schnell Richtung Rohrausgang, jeder an ein anderes Ende des Rohres und merkten schnell, was passiert war. Die beiden Jugendlichen, die ich vor ein paar Tagen auf unserer Straße gesehen hatte, versperrten die Öffnung, lachten lauthals und amüsierten sich köstlich über die Angst, die uns jetzt beherrschte. Verzweifelte Versuche, an ihnen vorbei zu kommen scheiterten, denn sie waren nun mal die Stärkeren. Sie warnten uns dann noch davor, nach Hilfe zu rufen, denn wenn wir schreien, würden sie uns das Maul stopfen. Als wir dann irgendwann zu weinen anfingen, sagten sie, dass sie uns in ihrer unendlichen Güte, wieder frei lassen würden, wir sollten bloß niemandem etwas erzählen, denn sonst gäbe es Prügel. Lachend entfernten sie sich. Wir packten unsere Sachen zusammen und verließen schnell den Ort, an dem wir doch eigentlich so viel Spaß haben wollten.
Von diesem Erlebnis, habe ich lange niemandem erzählt. Meinen Eltern fiel wohl nach einiger Zeit auf, dass ich des Nachts manchmal schrie und dass ich es vermied, mit Aufzügen zu fahren. Auf die Frage, was denn mit mir los sei, erfand ich immer irgendwelche Geschichten, um mein Erlebtes nicht preisgeben zu müssen. Neun Jahre später, hatte ich dann einen dieser mich so oft quälenden Alpträume, der mich dann später dazu brachte, mein Geheimnis zu lüften. Ich träumte, ich säße an einen Stuhl gekettet, in einem Keller. Dieser Keller hatte ein kleines Fenster, an dem einer der beiden Jugendlichen von damals stand. Er grinste mich an, öffnete dieses Fenster und schob einen Schlauch aus dem flüssiger Beton lief, in den Kellerraum, der sich langsam mit dieser grauen Masse füllte. Schreiend vor Panik versuchte ich, die Fessel zu lösen, was mir natürlich nicht gelang.
Irgendwann spürte ich, dass mich jemand in den Arm nahm. Es war mein Vater, der von einem gewaltigen Lärm geweckt worden war. Er fragte, was passiert sei und zeigte auf die Vertäfelung meiner Zimmerdecke, die ich teilweise, in der panischen Angst dieses Alptraumes abgerissen hatte. Ich erzählte von meinem Traum und von diesem damaligen Geschehnis. Er beruhigte mich sagte: "Junge, das hättest du uns doch sofort mitteilen müssen, dann hätten wir etwas gegen diese beiden Kerle unternehmen können." "Ich hatte aber Angst davor, dass sie mich verprügeln würden", entgegnete ich ihm, "deshalb habe ich nichts erzählt." Meine Hände schmerzten und als ich zu ihnen hinunter blickte, sah ich, dass sie bluteten. Mein Vater sagte." Du hast dich, als du in der Panik deines Traumes Teile der Decke abgerissen hast, an den in den Brettern sitzenden Nägeln verletzt. Geh ins Bad, ich komme gleich nach und werde deine Wunden verarzten. Das war der letzte, dieser Art Träume, die mich so viele Jahre gequält hatten. Heute betrete ich auch wieder Aufzüge, zwar nicht so gerne, aber um z.B. in die Kantine unseres Amtes zu gelangen, müsste ich sonst jedes Mal sechs Etagen laufen.



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Eingereicht am 06. September 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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