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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Abschied

Von Anja Häbich


Wie lange sie im Regen gesessen hatte? Nathalie wusste es nicht. Jede Faser Stoff an ihrem Körper klebte nass auf ihrer Haut. Es war kalt. Und doch fror sie nicht.
Leere. In ihren Augen, ihrer Seele.
Seit Tagen hatte sie nicht mehr gegessen, nur wenig geschlafen. Rastlos, ruhelos. Sie begriff es einfach nicht. Letzte Woche noch hatte sie sie in den Armen gehalten. Letzte Woche noch war es ihr gut gegangen. Zumindest verhältnismäßig.
Sicher, Schmerzen hatte sie gehabt. Wie seit Jahren tagein tagaus. Wenn das Wetter umgeschlagen hatte war es besonders schlimm. Ärger und Stress, vor allem wenn er mentaler Art war, schlugen sich in Schmerzen nieder. Immer. Manchmal mehr, manchmal weniger heftig.
Wie oft hatte Nathalie sich in den letzten Jahren gewünscht, dass sie ihr etwas abnehmen könnte von diesen Schmerzen. Hätte sie nur einen Wunsch gehabt - er hätte ihr gegolten.
Wie sehr sie sie geliebt hatte. Und wie unfähig war sie so oft gewesen es zu zeigen.
Jetzt ging Nathalie den Weg entlang, den sie beide früher so oft gegangen waren. Bevor Nathalie weg gezogen war. Weit weg. Zu weit um ihr noch zur Hand gehen zu können.
Nicht weil sie sich hatte drücken wollen. Nicht, weil sie sie nicht geliebt hätte. Ganz sicher nicht.
In ihrem kopf dröhnte dieses immer größer werdende "WARUM". Es war nicht fair. Sie hatte das nicht verdient! Niemand hatte das verdient. Fast niemand. Der eine oder andere fiel ihr da schon ein, bei dem ihr das nicht so nahe gegangen wäre. Erschrocken schüttelte sie den Kopf. Nein - NIEMAND hatte so etwas verdient. Eine Antwort auf dieses WARUM fand sich einfach nicht. Nicht gestern, nicht vorgestern und heute auch nicht. Sie vermisste sie so sehr.
Die letzten Jahre hatten sie sich so gut verstanden. Egal was es war - schon ein Satz genügte dass sie wusste mit Nathalie stimmte wieder etwas nicht. Instinkt. Feingefühl. Nathaie kannte einige, bei denen sie sich anlehnen konnte. Bei niemandem war es so wie bei ihr gewesen. Niemand konnte so trösten und trotz allem sanft ermahnen, zärtlich tadeln ohne Nathalie dabei anzugreifen.
Diesen Instinkt hatte sie immer schon gehabt. Früher hatte ein Blick in ihre Augen genügt. Sie wusste genau, wann Nathalie sie belog, wann sie wirklich glücklich war oder wann sie etwas bedrückte. Nein. Immer hatten sie sich nicht so gut verstanden. Streit hatte es viel gegeben. Geweint hatte sie wegen Nathalie oft. Zu oft. Enttäuscht war sie gewesen. Zu oft. Und all die Jahre danach hatte Nathalie sich gewünscht, es wäre anders gewesen. Zu spät. Sie konnte die Uhr nicht zurückdrehen. Sie konnte es nur besser machen.
Tränen. Wie viele sie in den letzten Tagen geweint hatte? Sie wusste es nicht. Aber es würden nie genug sein. Schmerzhaft brannte das Salz in Nathalies Augen. In den wund geriebenen Stellen an den Lidern. Die Kristalle trockneten auf ihren Wangen. Sie wischte sie nicht mehr weg. Sollten die Leute doch blöd schauen. Scheißegal.
Schmerz. Unzähmbar drohte er sie von innen zu zerreißen. Das WARUM schwoll an, drohte sie zu ersticken. Wie konnte man nur so rücksichtslos sein? Warum hatte man sie einfach liegen lassen? Warum hatte man nicht wenigstens einen Notarzt gerufen bevor man sich aus dem Staub gemacht hatte? Man. Sie fand nicht einmal mehr Schimpfworte.
Das Klingeln des Telefons. Diese Lähmung als die Nummer ihrer Schwester auf dem Display aufgeleuchtet hatte. So spät abends. Sie hatte es geahnt. Es musste etwas passiert sein. Wieder überfiel sie diese Lähmung. Ihre Beine versagten. Kraftlos sank sie in die Knie. Die Wortfetzen des wirren Telefonates hallten in ihr.
Noch immer prasselte der Regen in Strömen auf den Asphalt. Nathalie kauerte am Straßenrand. "Du musst aufstehen", drängte eine innere Stimme sie "Du musst noch einmal zu ihr".
Sie hatte immer Kraft gehabt. Woher, das wusste keiner. Nathalie hatte sie dafür stets bewundert. In Erinnerung daran rappelte sie sich auf. Die Tränen versiegten. Nathalie hörte ihr schönes Lachen. Sah sie vor sich, hörte sie reden.
Letzte Woche erst war sie bei ihr zu Besuch gewesen. Da war es ihr noch gut gegangen. Verhältnismäßig. Mit der Erinnerung an die abendlichen Spaziergänge und Gespräche setzte die Tränenflut wieder ein.
Wie in Trance hatte sie sich ins Auto gesetzt. Die ganze Nacht war sie gefahren. Nathalie würgte. Sie hatte schlimm ausgesehen. Überall Blut. An einen Baum gelehnt übergab sich Nathalie. Warum hatte man sie einfach liegen lassen? Warum hatte man nicht wenigstens einen Notarzt gerufen bevor man sich aus dem Staub gemacht hatte?
Die Übelkeit verflog. Das würgen hörte auf. Nathalie begann zu rennen. Vollkommene Leere. Kein Gedanke. Nichts. Keuchend blieb sie vor dem schmiedeisernen Tor stehen. Der Regen hatte aufgehört. Erst als ihr Atem wieder ruhig wurde, betrat sie den stillen Ort.
Langsam durchquerte sie die parallel angelegten Reihen. Bis ganz nach hinten. Dorthin, wo sie nun ihr Zuhause hatte. Vor dem steinernen Buch, das aufgeschlagen flach auf in der bepflanzten Erde fest eingelassen worden war kniete sie sich auf die nassen Waschbetonplatten.
"Hier endet meine Geschichte". So war es fein sauber in den Stein gemeißelt worden. Die Tränen rannen ihr erneut über das blasse Gesicht. Warum so? WARUM? Sie begriff es einfach nicht. Es war schwer gewesen, ihr den letzten Wunsch zu erfüllen. Verbrannt.
Nie wieder sollte Nathalie in ihren Armen lachen oder weinen können. Nie wieder würde sie mit ihr telefonieren können. Keiner von Ihnen. Alle trauerten sie. Keiner schaffte es, den Schmerz zu verarbeiten. Nicht zusammen, nicht alleine.
"Das Leben muss weiter gehen" hatte jemand gesagt. Sicher. Aber Nathalie war noch nicht so weit. Sie wusste nicht wie. Sie konnte doch nicht einfach nach Hause zurück. Es würde nie wieder sein wie früher. Nie wieder. Sie war nicht mehr da. Ihr sicherster Zufluchtsort war plötzlich verschwunden.
"Das Leben ist wie ein Roman. Wie ein Buch. Irgendwo für mich festgeschrieben. Und manchmal kommt ein Windstoß und verblättert alles. Man bemerkt es meist erst spät. Aber dann muss man sich hinsetzen und weiterblättern. Bis das Kapitel kommt, bei dem man war bevor alles verblättert wurde" hörte Nathalie ganz leise ihre warme Stimme, die sich gegen das WARUM und den Schmerz durchzusetzen versuchte …
Schluchzend legte sie die Stirn auf den kühlen Stein. "Mami, ich vermiss dich so."



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Eingereicht am 31. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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