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Rache oder Schuld?

Von Rudolf Jagusch


"Hubert, Du weißt doch, dass ich montags um halb Elf schließe."
Die Frau hinter der Theke hielt in der einen Hand ein gespültes Glas Bier und trocknete es mit der Anderen ab.
"Ja, Ja, Bärbel. Gleich. Gib mir noch ´nen Kurzen als Absacker."
Die Wirtin verzog ein wenig gequält das Gesicht, gab sich dann aber einen Ruck und schüttete noch einen Korn ein. Sie ging um die Theke herum, stellte den Doppelten auf dem Tisch des Mannes ab und verschloss anschließend die Eingangstüre. Als sie wieder zurückkam, stand der Korn immer noch unberührt vor dem Mann. Er saß davor wie ein Häufchen Elend und blickte förmlich durch den Tisch hindurch. Sie spürte, dass er ein zuhörendes Ohr suchte. Da sie so und so heute Abend nichts mehr vor hatte, nahm sie ihm gegenüber Platz. Draußen kam das Leben langsam zum Erliegen. Nur ab und zu brauste noch ein Auto durchs Dorf und erhellte mit den Scheinwerfern kurzzeitig die Fenster. Es verging eine ganze Weile, bevor der Mann überhaupt bemerkte, dass sie vor ihm saß. Mit einer fahrigen Bewegung fuhr er sich durch die lichten Haare und griff anschließend mit zittrigen Fingern zum Glas, zog die Hand aber kurz vorher zurück. Stattdessen fingerte er in der Innentasche seiner abgewetzten Cordweste und zerrte einen Brief hervor. Diesen reichte er der Wirtin. Sie nahm den Brief, faltete ihn mit einem fragenden Gesichtsausdruck auseinander und fing laut an zu lesen:
"Du Schwein! Dein Vater war es. Er hat Maruscha ermordet. Lebe in Angst, denn ich werde sie rächen!"
Sie ließ den Brief auf den Tisch fallen und schüttelte ungläubig den Kopf. Sie lebten hier auf dem Lande. Das Schlimmste, an das sie sich erinnern konnte war, dass irgendjemand einmal den gefüllten Klingelbeutel entwendet hatte. Diese Morddrohung aber ging deutlich zu weit. Der Mann vor Ihr war sichtlich erschüttert.
"Wer ist Maruscha?", fragte sie um das Schweigen zu brechen.
Er hob gerade das Glas an, schüttete den Korn in einem Zug hinunter und stellte das Glas dann polternd ab.
"Gib mir bitte noch was zu trinken, dann erzähl ich dir alles."
Sie stand auf, zapfte noch ein Bier und servierte es ihm. Tröstend legt sie ihm die Hand auf die Schulter. Er ergriff ihre Hand und drückte sie fest. Zögerlich begann er zu sprechen:
"Mein Vater, tja du weißt ja, war kein einfacher Mensch".
Sie nickte zustimmend und erwiderte: "Stimmt. Aber ein Mörder? Nee, kann ich mir nicht vorstellen."
Er pustete verächtlich Luft durch die Nase aus.
"Du kanntest ihn nicht so wie ich. Hock dich hin, ich erzähl dir die Geschichte."
Die Wirtin setzte sich, holte ein Päckchen Zigaretten aus der Schürzentasche und steckte sich eine an. Durch den aufsteigenden Rauch hindurch betrachtete sie Hubert still und wartete geduldig. Sie merkte, dass es ihm nicht leicht fiel und so kamen die nächsten Worte auch gequält hervor.
"Es war natürlich eine schwere Zeit damals."
Hastig ergänzte er: "Dies soll aber keinesfalls als Entschuldigung dienen für das, was mein Vater verbrochen hat. Dafür gibt es keine Entschuldigung", um dann wieder ruhiger fortzufahren, "Er war nicht nur Großbauer sondern auch irgendetwas Wichtiges in der Partei, so wurde er auch nicht eingezogen. Er hatte seine Finger überall im Spiel, wie eine Spinne im Netz. Das erkannte ich aber erst später. Für mich war er einfach nur ein Bauer, wenn auch der Größte in der ganzen Umgebung. Ich selbst war gerade mal fünfzehn, auf der Schwelle zum Mann. Als Soldat natürlich noch zu jung aber was war ich stolz darauf, Luftwaffenhelfer zu sein. Für mich war der ganze Krieg ein Abenteuer. Ich verstand ja noch nichts von Politik und darüber hinaus wurden wir ja alle für dumm verkauft. Du hättest damals mal den Volkssender hören müssen was für tolle Helden wir Deutschen doch waren. Mir kamen bis dahin noch nicht einmal die kleinsten Zweifel. Ich stand voll auf der Linie. Na ja, soweit so gut. Aber dann kam sie und alles änderte sich."
Seine Stimme versagte. Sie spürte seine plötzliche Traurigkeit, die Erinnerung an eine schmerzliche Vergangenheit, die dicht unter der Oberfläche schwärte. Sie ließ ihm Zeit um sich zu sammeln und nutzte die Gelegenheit, um nochmals das Glas zu füllen. Als sie bereits wieder saß, stand er mit einem Ruck auf und ging zum Fenster, drehte ihr damit den Rücken zu. Leise begann er weiter zu erzählen. Überrascht stellte sie dabei fest, dass seine Stimme sich nun weicher anhörte und konnte diese Veränderung zunächst nicht einordnen. Nachdem er aber die ersten Sätze gesprochen hatte, wurde ihr alles klar.
"Sie hieß Maruscha und war russische Kriegsgefangene. Sie wurde Anfang 43 eines Tages einfach bei uns auf dem Hof abgeliefert. Ein schwerer Pritschen-LKW fuhr vor und sie saß mit vielen anderen auf der Ladefläche. Ziemlich unsanft wurde sie von der Wache herunter gestoßen. Mein Vater quittierte den Erhalt genau so, wie er dies bei einer neuen Kuh tat. Ich kam gerade mit dem Rad von der Schule heim und kann mich noch genau daran erinnern. Ich stoppte zwei Meter von ihr entfernt und da geschah es. Einfach so! Sie blickte mich aus ihren großen braunen Augen an und trotz der Situation erschien ein Lächeln auf ihrem runden Gesicht. Es war nur kurz und ich bin mir sicher, dass kein anderer etwas davon bemerkte. Doch für mich lief alles wie in Zeitlupe ab. Sie hatte mir ihr Lächeln geschenkt und ich ihr mein Herz. Ja, ich verliebte mich auf den ersten Blick und damit meine ich nicht nur so ein Kleinkinder-Quatsch. Die Realität holte mich erst wieder ein, als der LKW mit heulendem Motor und krachendem Getriebe vom Hof wankte und mein Vater Maruscha anstieß und zum Gesindehaus trieb."
Hubert drehte sich um und kam langsam zu Tisch zurück und stützte sich mit seinen großen kräftigen Händen auf den Stuhl auf. Bärbel bot ihm eine Zigarette an, die er aber mit einem Kopfschütteln ablehnte.
"Sie musste zunächst ganz schön was einstecken. Die russischen Kriegsgefangenen waren ja die Untermenschen und das bekamen sie auch zu spüren. Wenig Essen, viel harte Arbeit, dies macht jeden fertig. Maruscha hatte Glück im Unglück, sie hatte mich. Ich hatte schnell raus, wie ich ihr Extrarationen zukommen lassen konnte. So konnte sie die Mühsale besser ertragen. Immer wenn ich etwas zusteckte zeigte sie mir wieder dieses Lächeln. Es war mir Lohn genug. Es sollte aber nicht mein einziger bleiben."
Bärbel sah, wie er verschmitzt lächelte. Es schien, als wenn der pubertierende Jüngling in seinen Altmännerkörper zurückgekehrt wäre.
"Es passierte nach der Ernte. Wir fuhren den ganzen Tag das Getreide ein. Die Sonne verglühte die Erde und wir schwitzten um die Wette. Bei der Getreideernte mussten immer alle ran. So arbeitete ich Haut an Haut mit Maruscha auf einem der Erntewagen. Mittlerweile war ihr Leben nicht mehr ganz so hart. Ihr gewinnendes Wesen hatte auch nicht vor meinen Eltern halt gemacht. Mein Vater ließ sie mehr und mehr in Ruhe und bei dem Gesinde war sie eh schon kurz nach der Ankunft ein akzeptiertes Mitglied geworden. Ich konnte meine Blicke kaum von ihr lassen. Ihr Armeehemd war klatschnass und betonte ihre weiblichen Rundungen. Immer wieder lachte sie, warf ihre langen braunen Haare über die Schulter und flüsterte mir unverständliche russische Wörter zu. Ich war an diesem Tag einfach nur glücklich und ich freute mich auf den Abend. Mein Vater hatte die Angewohnheit, nach der Getreideeinfuhr jedes Jahr ein Erntefest zu veranstalten und ich hoffte natürlich mit Maruscha tanzen zu dürfen."
"Hört sich bis jetzt nicht so schlimm an. Sommer, Sonne, Feier, hübsche Frauen" unterbrach ihn Bärbel.
Hubert setzte sich wieder und nahm den Brief auf. Er faltete ihn zusammen, glättete die Kanten mit einer Hand und steckte ihn wieder in die Westentasche.
"Ich denke, ich erzähl einfach weiter, dann wird dir einiges klar."
Bärbel nickte zustimmend. Hubert grub weiter in seinen Erinnerungen:
"Endlich war es dann soweit. Die Ernte war ein voller Erfolg, das Fest nicht minder. Der Hof war festlich geschmückt und ein langes Bankett mittig aufgestellt worden. In einer Ecke wurde ein Spanferkel über glühenden Holzscheiten gebraten und verströmte einen köstlichen Geruch. Vater hatte tatsächlich irgendwo her eine 3-Mann-Kapelle aufgetrieben, die zünftig zu spielen begann. Es gab reichlich zu Trinken und zu Essen und die Stimmung stieg trotz des harten Tages von Minute zu Minute. Und was ich kaum zu hoffen wagte: Maruscha wich nicht von meiner Seite. Immer wieder hakte sie sich bei mir ein, zog mich zur Tanzfläche und wirbelte mich herum."
"Wie alt war sie?"
"Du wirst es nicht glauben. Sie war erst einundzwanzig. So jung, kaum älter als ich und doch schon so erfahren."
Hubert fuhr sich unsicher durch die wenigen Haare. Sie ahnte, dass nun eine heikle Stelle in Huberts Geschichte anstand. Zwischen Maruscha und ihm hatte offensichtlich ein besonderes Verhältnis bestanden:
"Du kannst ruhig alles erzählen. Du hast mein Wort, was du mir heute Abend hier erzählst, dringt nicht nach außen."
Er wusste, dass er sich darauf verlassen konnte. Er selbst hatte aus Bärbel noch nie etwas heraus bekommen, wenn sie Verschwiegenheit zugesichert hatte. Eigentlich ganz untypisch für die Wirtin einer Dorfschenke, dachte er bei sich. Trotzdem war ihm bei den folgenden Worten etwas mulmig zumute:
"Die Feier hatte ihren Höhepunkt erreicht, als Maruscha mir etwas ins Ohr flüsterte. Natürlich verstand ich es nicht, es war halt russisch. Aber mit Nachdruck zog sie mich aus dem Kreis der Feierenden hinaus in Richtung Scheune. Als das Tor hinter uns zufiel schlang sie ihre Arme um meinen Hals und küsste mich. Mann-o-Mann, es war mein erster Kuss. Meine Knie zitterten als sich ihre Zunge in meinen Mund bohrte. Bei mir setzte alles aus und als die erste Überraschung verflogen war, drängte ich mich ihr entgegen. Wir stolperten in die Scheune hinein und fielen auf einen Heuhaufen ohne dabei voneinander abzulassen. Nur noch leise drang die Musik des Festes zu uns herüber. Plötzlich hielt sie mich mit ausgestreckten Armen von sich. Ich war vollkommen außer Atem. Beruhigend legte sie mir eine Hand auf die Brust und bedeutete mir so, dass ich mich nicht rühren sollte. Sie griff an ihr Hemd und knöpfte es nach und nach langsam auf. Mit einer fließenden Bewegung streifte sie das Hemd aus. Meine Augen sprangen mir fast heraus, ein wunderbarer Anblick bot sich mir. Ihre Brüste waren rund und fest und ihre Brustwarzen steif aufgerichtet. Ich rührte mich nicht, sah ihr nur zu. Sie lehnte sich vor, öffnete mein Hemd, liebkoste meine Brust mit ihren seidigen Lippen. Mit einem Ruck zog sie meine Hose herunter und befreite so meine...", Hubert sah Bärbel an, erkannte, dass sie ihm intensiv zuhörte und fand dann die richtige Umschreibung,"...Männlichkeit. Ich agierte wie in Trance. Zog jetzt ebenfalls ihre Hose aus, ergötzte mich an dem Anblick. Sie griff zu, forderte und leitete mich. Es war mein erstes mal und ich muss zugeben, niemals wieder habe eine solche Leidenschaft erlebt. Unsere verschwitzten Körper rieben sich in dieser Nacht noch mehrmals aneinander. Überglücklich verließ ich sie im Morgengrauen und kehrte in mein Schlafzimmer zurück. Meine Abwesenheit war in dem Trubel gar nicht aufgefallen. So ging es dann eine ganze Weile weiter. Es war eine schöne Zeit, damals im Spätsommer 1943. Ich liebte sie abgöttisch und sie hatte keine Hemmungen, die Liebe zu erwidern. Natürlich konnten wir die Sache nicht ganz verheimlichen, doch irgendwie wurde es von allen hingenommen. Selbst mein Vater sagte zunächst nichts dazu. Vermutlich dachte er, dass ich mir ordentlich die Hörner abstoßen sollte, bevor es richtig ernst wird. Ich durchlebte diese Zeit wie im Traum, irgendwie schwebte ich über den Dingen. Umso härter wurde ich von der Realität eingeholt."
Bärbel bemerkte, dass sein Gesicht einen traurigen Ausdruck annahm.
"Es war der Neujahrstag 1944. Ich kam gerade vom Mittagessen und traf sie im Stall. Sie zog mich hinter einen der Verschläge, zeigte auf ihren Bauch und flüsterte mir zu ‚Baby' und damit auch kein Irrtum aufkam tippte sie mir auf die Brust und ergänzte ‚Du Vater'. Erst lächelte ich noch darüber, die Tragweite ihrer Worte wurde mir zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst. Ich nahm sie in den Arm und hielt sie fest, wiegte sie tröstend, denn sie hatte angefangen, leise zu weinen. Als sie sich wieder etwas beruhigte, beteuerte ich ihr mit großen Worten, dass ich mich der neuen Herausforderung stellen werde. Dies meinte ich durchaus ernst, redete und redete auf sie ein bis ich von meinem Vater ins Haus zurück gerufen wurde. Sie sah mich mit ihren wunderschönen großen Augen an und schob mich aus dem Stall hinaus. Dies war das Letzte mal, dass ich mit ihr gesprochen hatte."
"Sie ging nach Russland zurück?" fragte Bärbel.
Es wirkte plötzlich wie versteinert und auch als er weiter erzählte war jede Wärme aus seiner Stimme verschwunden:
"Nein. Sie wurde….", seine Stimme drohte nun sogar zu versagen, "…Sie wurde beseitigt."
"Beseitigt? Wie meinst du das?", plötzliche Erkenntnis flammte bei Bärbel auf, "Sie wurde umgebracht!"
Hubert nickte zustimmend.
"Es flog alles auf. Als ich ins Haus kam wartete bereits meine Vater erzürnt auf mich. Du kannst Dir ja nicht vorstellen, was für ein Donnerwetter über mich herein brach. Er schrie sich die Lunge aus dem Leib, von wegen Kriegsgefangene, Untermensch, Brut, Arische Rasse und ob ich nicht aufpassen könne. Ich erwiderte natürlich, dass ich Maruscha lieben würde und mit ihr die Familie gründen möchte, doch er wollte nichts davon hören, schickte mich auf mein Zimmer. Froh, erst einmal davon zu kommen, lief ich hinauf und schmiss mich auf mein Bett. Ich hörte ihn unten herum laufen, manchmal brüllend, manchmal wütend murmelnd. Schließlich hörte ich ihn aus dem Haus gehen. Ich sprang auf und schaute aus dem Fenster auf den Hof. Er erschien kurz darauf in meinem Blickwinkel und schritt bis zur Mitte, dann rief er sie.
Maruscha schlich aus dem Stall. Als sie in seiner Reichweite war packte er sie mit einer Hand am Oberarm und zwang sie vor sich auf die Knie. Glaub mir, ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht, was er vorhatte, wenn ich es auch nur geahnt hätte, dann…"
Huberts Stimme versagte. Er zitterte am ganzen Körper und immer wieder schluchzte er auf. Tränen quollen aus seinen Augen und fanden den Weg über seine unrasierten Wangen. Bärbel griff in ihre Schürze, zog ein Papiertaschentuch heraus und hielt es ihm hin. Kopfschüttelnd lehnte er ab und holte eines aus Stoff aus seiner Hosentasche. Nachdem er sich das Gesicht getrocknet und einige Male heftig geschneuzt hatte, sprach er mit tonloser Stimme weiter: "Er hatte eine Pistole in der anderen Hand. Das konnte ich erst erkennen, als er sie hob und auf den Kopf von Maruscha aufsetzte. Ich war wie versteinert, ich konnte noch nicht einmal schreien, nicht helfen, einfach nichts."
Er ergriff Bärbels Hände und sah sie Hilfe suchend an. Verzweifelt fragte er:
"Kannst du dir das vorstellen? Hilflos zuzusehen, wie die Frau die du liebst und mithin dein ungeborenes Kind einfach exekutiert werden?"
Sie schüttelte überwältigt von dem Gehörten nur benommen den Kopf. Er senkte den Blick und fuhr stockend mit leiser Stimme fort:
"Er hielt die Pistole an ihren Kopf und drückte ab. Dumpf knallte der Schuss über den Hof, Blut spritzte in den Kies, dann sah ich nichts mehr. Ich weiß nicht, wie lange ich bewusstlos war. Als ich wieder zu mir kam, lag ich vor meinem Bett. Mit zittrigen Beinen zog ich mich am Fenstersims hoch und blickte mit der Hoffnung hinaus, dass alles nur ein Traum gewesen sei. Aber es war natürlich keiner. Ich sah einige Wehrmachtssoldaten, die ihren leblosen Körper gerade aufluden. Sie schmissen sie einfach auf die Ladefläche eines LKWs wie ein totes Stück Vieh und fuhren davon."
"Das war Mord", rief Bärbel entrüstete, "Deinem Vater wurde doch sicherlich der Prozess gemacht."
Hubert winkte ab.
"Auf der Flucht erschossen hieß es offiziell. Kein Mensch interessierte sich später noch für die Geschichte, eine von Millionen Toten."
Sie schaute ihn an.
"Und du? Hast du denn gar nichts gesagt."
Er schüttelte verneinend den Kopf.
"Warum nicht?"
Hilflos zuckte er mit den Schultern: "Ich weiß es nicht genau. Selbstverständlich wollte ich es ihm heimzahlen, aber da war ja noch Mutter. Dann die schwierige Nachkriegszeit. Irgendwann war der Zug einfach abgefahren."
"Das ist alles?"
"Nein. Wenn Du es so genau hören willst. Ich war auch zu feige, hatte keinen Mut meinen Vater ans Messer zu liefern".
Stille breitete sich in der Gastwirtschaft aus. Schweigend saßen sie sich gegenüber, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. In diese Stille hinein fragte Bärbel:
"Aber wer hat dann den Brief geschrieben? Wer steckt dahinter?"
Wieder ein Schulterzucken: "Keine Ahnung. Bruder, Schwester, was weiß ich. Aber ich denke, es ist auch egal. Ich habe Schuld auf mich geladen und muss diese Sache ein für alle mal klären."
"Was hast du vor?"
"Warte es ab, du wirst schon sehen."
Hubert schob den Stuhl auf dem er saß nach hinten und stand auf. Bärbel stand nun ebenfalls auf und er trat an sie heran. Etwas linkisch umarmte er sie. Anschließend nahm er seinen Hut und seinen Mantel von der Garderobe. Bärbel schloss die Tür und ließ ihn hinaus. Auf dem Treppenabsatz drehte er sich nochmals um und sagte:
"Danke. Danke fürs Zuhören."
Bärbel lächelte nur als Antwort und schaute noch einen Moment hinterher, bis die Dunkelheit seine Konturen verschluckte.
Sie schlief in dieser Nacht kaum und öffnete am nächsten Morgen daher ein wenig früher als normal. Kaum hatte sie alles eingeschaltet kam der erste Gast schon gehetzt die Tür herein und erzählte aufgeregt:
"Hast du schon gehört, der Hubert, der ist tot. Mit einer Kugel durch den Kopf."
Bärbel hielt sich fassungslos an der Theke fest und fragte sich bestürzt, was wohl die antreibende Kraft hinter der Kugel gewesen war:
Rache oder Schuld?



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Eingereicht am 30. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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