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Gold

Von Bernhard Morgenthal


Es war still und das Licht der Straßenlaternen sickerte trübe in die Auslagen der teuersten Juweliergeschäfte der Hauptstadt. Vorbeifahrende Autos ließen die Scheiben der Vitrinen klirren, aber die Panzerglasfenster schluckten den Schall, welcher von draußen herein zu dringen versuchte. Im Zwielicht aber schien sich der eisige Schimmer des Goldes zu verstärken und ein Chor kalter toter Stimmen beschwor Bilder herauf. Es war hunderte Male umgeschmolzen worden, aber es war immer dasselbe Gold.

Das erste Bild
Die Sonne brannte auf die roten Felsen in der Wüste Nubien. Armselige Hütten drängten sich um die mit Hieroglyphen übersäte Felswand, an deren Fuß ein Spalt in die gähnenden Tiefen führte. Der Aufseher ging langsam durch den abfallenden Gang, seine Bastsandalen erzeugten klatschende Geräusche auf dem ebenen Boden, der die blutigen Abdrücke nackter Füße trug. Je tiefer der Aufseher Amenmesse vorrückte, desto abgestandener und staubiger wurde die Luft. Er bog um eine letzte Ecke und stand in einer Höhle, deren Ausmaße im flackernden Licht der Binsenfackeln nicht auszumachen waren.
Die nubischen Goldminen waren die Hölle, die schlimmste Strafe, außer der Hinrichtung. Zu dieser Zeit, unter der Regierung Amenophis III, waren die Minen ein Abladeplatz für Verbrecher und Kriegsgefangene aus Asien und Nubien. Es war keine Flucht von hier möglich, wen die Schasu nicht fassten, der starb in der Wüste. Die Höhle war erfüllt vom Klopfen der Dolorithämmer, die das Quarzhit in kleine Brocken brachen. Die Männer waren nackt und staubverkrustet. Alle husteten ununterbrochen und hatten entzündete Augen, deren Tränen mit Eiter vermischt waren. Sie hinterließen tiefe Spuren im schweißverklebten Staub auf ihren Gesichtern. Amenmesse sah einen der Arbeiter, der sich aufrichtete und das zottige Haar aus dem ausgemergelten Gesicht schob. Der Mann beugte sich nach vorn und betastete seinen linken Fuß, der durch die scharfen Steine aufgerissen und blutig war. Die Lederpeitsche Amenmesses hinterließ einen roten Streifen auf seinem narbigen Rücken, seufzend griff die geschundene Kreatur nach dem schweren Schlegel und schlug im monotonen Rhythmus auf einen vorspringenden Steinblock ein. Plötzlich knirschte es Unheil verkündend und der Block brach in Stücke, die den Arbeiter unter sich begruben. Als sich der Staub etwas gelegt hatte, winkte Amenmesse ein paar Leute heran, um den Unglücklichen auszugraben und was wichtiger war, die Quarzhitstücke zur weiteren Verarbeitung nach draußen zu bringen. Unter den Brocken kam die zerschmetterte Gestalt des Menschen, der einst Sobekhotep geheißen hatte, zum Vorschein. In den Augen seiner Leidensgenossen war keine Regung zu sehen. Wer noch Mitleid empfinden konnte, brauchte es für sich selbst Sobekhotep wurde mit dem Gestein nach oben getragen, seinen Körper warf man in die Wüste. Die Steine wurden zu Staub zermahlen, der Goldstaub gewaschen und das so gewonnene Gold sandte man in Ledersäcken nach Theben, wo es in Kisten aus Ebenholz aufbewahrt werden würde. Der zerschmetterte Leib Sobekhoteps verblieb in der Wüste, ein Fraß der Geier und Schakale.

Das zweite Bild
Der Tempel des Marduk, des Herren der Welt erhob sich weithin sichtbar auf dem gewaltigen Stufenturm Entemenaki und kündete der Welt von der Macht des von Marduk eingesetzten Königs Nebukadnezar.
Am Tor zum Tempelbezirk stand ein junger Priester. Er wurde von einer Frau angesprochen. Sie war alt und verhärmt. Zwar hatte sie versucht, in einem sauberen Gewand an der heiligen Stätte zu erscheinen, aber man sah, dass es alt und verschlissen war. "Meine Tochter ist krank und das Fieber will nicht weichen. Der Arzt sagt, böse Geister wühlen in ihrem Leib und nur Gebete und Amulette können ihr noch helfen." Sie blickte flehentlich auf den jungen gut gekleideten Mann, der vor ihr stand. Dieser zuckte verächtlich die Schultern, ließ sich aber doch zu einer Antwort herab. "Der Gott kann alle bösen Geister vertreiben, dazu sind jedoch viele Gebete und Opfer nötig. Du musst dem Tempel einen Hammel, ein Gewand, einen Krug Öl, fünf Krüge Bier und drei Sack Emmer geben, damit deine Tochter geheilt werden kann." Die alte Frau weinte und sprach "Ich bin arm, mein Mann ist tot, ich besitze nur ein kleines Gut, auf dem einige Feigenbäume stehen, davon leben meine Tochter und ich." Verdammtes Bettelpack, dachte der Priester. "Wenn du nicht zahlst, können wir deiner Tochter nicht helfen und jetzt scher dich fort von hier." Einige Tage später stand die alte Frau am Tor und brachte das Verlangte. Um ihre Tochter zu retten, hatte sie ihr Gut verkauft. Die junge Frau starb drei Tage später am Fieber.
Die Priester sprachen: "Zahle, oder deine Tochter wird ohne Zeremonien verscharrt und muss ruhelos auf der Erde herumirren." Die Alte besaß nichts mehr und um ihrer Tochter das Schicksal eines ruhelosen Geistes zu ersparen, verpfändete sie sich selbst und wurde Sklavin auf den Tempelgütern des Marduk.
Vom Ertrag der Feigenbäume ließ der Schatzmeister Gold kaufen und die Goldschmiede des Tempels formten daraus eine prächtige Kette für das Bild des Gottes Marduk.

Das dritte Bild
Esther lief durch die brennenden Straßen Jerusalems. Die Römer hatten die Stadt eingenommen. Der Tempel brannte und vertierte Legionäre zogen sengend und vergewaltigend durch die leichenbedeckten Straßen.
Esthers Beine flogen und ihr Atem brannte in ihrer Brust. Sie bog um eine Hausecke, hinter der drei Legionäre gerade einige Münzen unter sich aufteilten. Bevor Esther reagieren konnte, griff einer der Männer in ihre langen Haare und riss sie zu Boden. Sie hob die Arme und an ihrem rechten Handgelenk blitzte ein dicker Goldreif auf, den sie im Alter von fünf Jahren von ihrem Vater zum Geschenk erhalten hatte. Seitdem hatte sie ihn niemals abgelegt. Es wäre ihr auch nicht möglich gewesen, selbst, wenn sie es versucht hätte, denn der Ring ließ sich nicht mehr von ihrer Hand schieben.
Der Legionär riss an dem Reif und brach ihr dabei den Arm. Schreiend fiel sie zu Boden und barg den verletzten Arm unter ihrem Körper. Der Soldat zog sie grob in die Höhe und hielt sie fest. Ein zweiter Soldat hob sein Schwert und schnitt ihr die Hand am Gelenk ab.
Sterbend sah Esther, wie die Legionäre sich mit dem Schmuck davonmachten.
Sie war zwölf Jahre alt geworden.

Das vierte Bild
Der Fürst saß an seinem Schreibsekretär und beobachtete die Bäume seines Parkes, der durch die geöffneten Butzenscheiben der großen Fenster zu sehen war. Es klopfte leise und ein Höfling in samtener Tracht trat sacht in den Raum.
In den Händen trug er ein Bündel Pergamente und seine Miene brachte beflissenen Eifer zum Ausdruck. "Mein Fürst, Ihr müsst die Urteile bestätigen." Der Mann am Schreibtisch drehte sich um und griff nach den Blättern. Auf jedem dieser Pergamente standen ein Todesurteil und ein Name.
Mit seinem Siegel bestätigte er jedes einzelne Urteil und jedes Mal, wenn er seinen goldenen Siegelring in das Wachs drückte, ließ die Sonne das Metall eisig aufschimmern.

Das fünfte Bild
Ein Zahnarzt der SS sah den Toten in den Mund und wenn er Goldzähne oder Goldfüllungen entdeckte, brachen Häftlinge des Sonderkommandos diese aus den Kiefern der Leichen.
Das war ein leichtes Unterfangen, denn die Zähne der Toten waren durch Hunger und Entbehrungen locker geworden.
Im Nebenraum brachen Häftlinge die Füllungen aus den herausgerissenen Zähnen.
An jedem Platz stand eine kleine Kiste, in die sie das Zahngold warfen.
Die Füllungen und Goldzähne waren teilweise blutverklebt und kleine Zahnsplitter hingen noch daran, aber im grellen Schein der nackten Glühbirnen schienen sie fast fröhlich zu funkeln.
Draußen dämmerte der Tag und das Gold in den Vitrinen glänzte und schimmerte verführerisch in den ersten Sonnenstrahlen.
Es ist noch immer dasselbe Gold.



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Eingereicht am 29. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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