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Stille

Von Mailyin


"Mama? Wo bist du?" Ihre piepsige Stimme hallte in der leeren Wohnung wider. Das dämmrige Licht ließ die Umrisse des Mülls und Drecks der sich in der Wohnung türmte, wie wahre Berge aussehen.
Sie krabbelte über gepackte, dreckbesudelte Tüten, rief weiter nach ihrer Mami und Tränen kullerten über ihre Wangen. Ihre Kehle war ausgedörrt, denn sie hatte seit vielen Stunden nichts getrunken. Mami hatte ihr nichts dagelassen, weder Essen noch Trinken. Das war nichts Neues, aber so lange war sie nie weggeblieben.
Der unangenehme Geruch, der von ihrer Windel ausging, blieb ihr verborgen. Mami hatte sich darum doch gekümmert, das heißt, wenn sie da war. Papa war überhaupt nie da gewesen. Sie hatte keinen, sagte Mami immer und schaute sie dabei verächtlich an.
"Mami?" Sie krabbelte weiter durch die Wohnung, soweit dies möglich war. Ihre Nase lief, ihre flachsblonden Haare waren fettig und verstrubbelt und ihre Augen rot und verquollen. Es wurde dunkler und sie fürchtete sich. Im Dunkeln kamen doch immer diese Männer in die Wohnung, die die so komisch lachten und ihre Mami zum Weinen brachten
Aber nun war niemand hier.
Stille.
Nur die Schluchzer des kleinen Mädchens waren zu hören.
Schluchzer, die langsam verstummten. Ihre Augen schlossen sich für eine qualvolle Erholung, die keine war. Denn am nächsten Morgen würde wieder keiner kommen, und den darauf folgenden auch nicht. Sie war vergessen, ihre Mami kam nicht wieder.
Ihre Versuche an ein Fenster zu gelangen, um nach ihrer Mami Ausschau zu halten schlugen fehl, sie hatte nicht die Größe und auch nicht die Kraft dazu. Sie krabbelte zu den wenigen Möbelstücken und suchte verzweifelt etwas zu trinken und zu essen. Sie fand eine geöffnete Packung Kekse, die schon altbacken war. Der Staub lag schon in mehreren Schichten darauf, aber darauf achtete sie nicht. Sie hatte Hunger und mühte sich verzweifelt mit der Packung ab. Für ein nicht mal dreijähriges Kind war es nicht so einfach eine Packung zu öffnen. Aber sie schaffte es. Dennoch half es nichts. Sie hatte Durst. Ihre Kehle war trocken und jedes Schlucken war mühsam und bereitete ihr Schmerzen.
Zwischen ihrem Suchen nach Trinken schlief sie immer wieder erschöpft ein.
Stille.
Tränen kamen wieder, auch im Schlaf. Sie träumte davon, dass ihre Mama wieder kam und dass sie sie lieb haben würde.
Die Sonnenstrahlen und der Durst weckten sie. Ihre verzweifelte, aber inzwischen langsamere Suche ging weiter und sie entdeckte eine Flasche, die nur lose zugeschraubt war. Sie war noch halbvoll mit einer goldenen Flüssigkeit darin. Ihre Mami trank das immer und dann wurde sie richtig lustig.
Es bereitete ihr sehr viel Mühe die Flasche anzusetzen, doch sie schaffte es.
Als die Flüssigkeit ihren Mund traf und ihre Kehle entlang rann, schluckte sie, hustete und würgte, ließ die Flasche fallen und fiel zu Boden. Hustend und krümmend schaffte sie es nicht mehr sich zu erheben, sie war einfach zu schwach. Ihre Atmung wurde langsamer und schwächer, immer schwächer.
Dann - Stille.
Endlose Stille.
Ihr letzter Gedanke, den sie dachte:" Mami, wo bist du? Ich hab dich doch lieb!"
Grabesstille.



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Eingereicht am 28. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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