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Nicht mehr lange

Von Frank Abbing


Tränen rannen ihm die Wangen entlang. Heiße kullernde Tränen. Sie kamen tief aus seinem Innern, aber nicht aus dem Herzen, wie sonst immer gesagt wird. Eher aus seinem Bauch heraus. Von ganz tief unten.
Ferdinand Wollbeck fuhr sich mit den Händen durch sein Gesicht, verwischte die dicken Tropfen zu einer salzigen, nassen Fläche. Sie würde sein ohnehin schon rotes Gesicht noch mehr röten. Es waren derbe Hände, die da wischten, Zeugen für ein Leben in harter Arbeit und mit vielen Entbehrungen.
Dabei war Ferdinand immer gerne Hausmeister gewesen. Obwohl Hausmeister sein oft gleichzusetzen war, mit Sklavenarbeit oder Frondiensten ableisten. Zumindest was Schulhausmeister anging.
Wenn Lehrer und Schüler mittags verdient nach Hause gingen, fing seine Arbeit erst richtig an. Er hatte die Schule zu säubern, besonders Toiletten und Sportkabinen erwarteten höchste Reinlichkeit, allerdings wohl nur von seiner Person. Im Anfang hatte er oft einen Würgereflex unterdrücken müssen.
Ferdinand spürte eher unterbewusst, dass der Zug in eine leichte Linkskurve ging.
"Der dicke Ferdi", so wurde er von einigen Schülern genannt. Zunächst allerdings nur von wenigen. Später folgten andere ihrem Beispiel und einmal konnte er das Gespräch zweiter Oberstudienräte belauschen, die ihn ebenso betitelten. Aber er hatte nichts dazu gesagt.
Annemarie hatte gesagt, sie würde gerade seinen kleinen Bauchansatz mögen, sich gerne daran reiben und wohlig darauf kuscheln.
"Ach, Annemarie! Wie ich dich vermisse!"
Neue Tränen traten aus seinen Augen, es war ihm nicht peinlich. Er saß ganz allein in seinem Zugabteil, niemand, der ihn beobachten konnte oder demütigen.
Der Krebs hatte ihm seine Anni genommen, nachdem sie lange hatte leiden müssen. Sehr lange und qualvoll.
Morgens war er immer der erste an seiner Schule gewesen, schloss sämtliche Außentüren auf und begann damit, die Kakao- und Milchrationen zu verteilen.
In den ganzen 35 Jahren war er nur zwei oder drei Mal krank gewesen. Nein, nur zwei Mal.
Einmal, und das ist sicher schon 30 Jahre her, war er über seinen Spüleimer gestolpert, als er in Eile war, und hatte sich den Knöchel verstaucht.
Beim zweiten Mal war es eine Lebensmittelvergiftung gewesen, nach dem Genuss von Pilzen, die ihnen sein Schwager mitgebracht hatte.
Da hatten Annemarie und er ins Krankenhaus gemusst.
"Ach, Anni! Wenn du doch nur noch hier bei mir wärst ..."
Ferdinand fasste in die Tasche seiner leichten Sommerjacke und zog einen Hammer hervor, wie er in Zügen und Bussen aushing. Für Notfälle. Er legte ihn in seine rechte Hand und begab sich zum Fenster, wo er ausholte und den Hammer mit voller Wucht gegen das Fenster schlug. Noch zweimal musste er ihn gegen das Fenster schlagen, ehe die Scheibe in tausend Splitter zerbrach. Sicherheitsglas, natürlich.
Der Fahrtwind konnte jetzt ungehindert in sein Zugabteil gelangen und Ferdinands Haare wurden wild durcheinander gewirbelt. Früher hätte ihn das schon gestört, heute aber nicht mehr.
Einmal hatte ihm ein Schüler einen Fußball an den Kopf geschossen, unabsichtlich, wie dieser aber betonte. Sein schütteres Haar, das er links lang wachsen ließ, um es von hinten herum kreisförmig auf dem Kopf zu drapieren, wirbelte hoch und verrutschte.
"Dicker Ferdi, du alter Glatzkopf", hatte er Schüler rufen hören.
Längere Zeit hatte er über ein Haarteil nachgedacht, aber Annemarie hatte ihm das immer wieder ausgeredet. Sie hatte ja Recht!
Ach wäre sie nur hier ... Sie hatte immer die Gabe gehabt, ihm seine Dummheiten auszureden. Ferdinand seufzte tief.
Er warf den Nothammer nach draußen und schaute aus dem zerstörten Zugfenster. Obwohl der Zug gar nicht mal sonderlich schnell fuhr, verschlug es ihm den Atem. Der Winddruck war so groß, dass Atmen nicht mehr möglich war, jedenfalls nur noch sehr schwer.
Seine Tränen wurden zu langen Bahnen zerfasert und winzige Tröpfchen vom Wind mitgerissen. Wie schnell der Zug wohl fuhr?
Gleich würde ein gerader Streckenabschnitt folgen und der Lokführer konnte den Zug weiter beschleunigen.
Ferdinand seufzte erneut und überlegte, was ihn sonst um diese Uhrzeit an diesem Wochentag erwartet hätte. Die Säuberung der Außenanlagen wahrscheinlich. Oder wäre er noch dabei, die Post zu sortieren? Er schaute auf seine billige Armbanduhr. Nein, die Post wäre sicherlich schon erledigt gewesen. Nur - was ging ihn das noch an?
Ferdinand sah an sich herab. Er hatte heute seinen guten Sonntagsanzug angezogen, schließlich war das ein besonderer Tag. Und da wollte man doch gut aussehen.
Der Unterschied zu seinem ansonsten mausgrauen Outfit war unübersehbar.
Heutzutage trugen die jüngeren Hausmeister keinen grauen Kittel mehr, aber Ferdinand hatte nie darauf verzichten wollen. Egal, ob Winter oder Sommer, ohne den grauen Kittel bekam ihn bei der Arbeit niemand zu Gesicht.
Annemarie mochte seine Hausmeisterkleidung nie. "Die ist immer so aufwendig zu bügeln", hatte sie immer gesagt. Aber natürlich wusste sie genau, wie wichtig ihm diese Kittel waren.
In seinem Geiste stand Annemarie vor ihm.
Als junge Frau, mit bebenden Brüsten und wallendem Haar.
Schade, dass sie nie Kinder bekommen hatten. Sicherlich, sie hatten es oft genug versucht, Annemaries Kinderwunsch war immer sehr ausgeprägt gewesen. Aber egal, was sie auch probierten, es half nichts. Kinder stellten sich nie ein.
Ferdinands Gedanken tauchten tief ab.
Anni lag neben ihm im Bett. Ihr Brustkorb hob und senkte sich regelmäßig. Sie schlief.
Er streichelte zärtlich über ihren Bauch und lief seine Finger langsam weiter über ihre weichen Brüste gleiten. Er spürte, wie sich ihre Brustwarzen versteiften und seine Pyjamahose anfing, zu spannen.
Dann plötzlich sah er Annis weißes Haar und ihr eingefallenes Gesicht, wie sie da auf ihrem Totenbett lag.
Ferdinand schluchzte und ein Weinkrampf schüttelte ihn in die Wirklichkeit zurück.
"Ein Hausmeister weint nicht! Das tun nur die Indianer." Wer hatte das noch immer gesagt?
Es fiel ihm nicht mehr ein.
Überhaupt muss ein Hausmeister viele Qualitäten vorweisen, warum nur erkannten das die Wenigsten? Wir sind wohl verkannte Genies...
Ferdinand ging wieder zum Fenster. Der Zug war inzwischen sehr schnell unterwegs.
Der Wind heulte durch die Öffnung und Blätter und Staub trieben durch sein Abteil.
Er stieg auf die Fensterkante und beinahe hätte ihn der Wind wieder herunter gepustet.
"Annemarie, ich komme!"
Glasreste stoben davon und wirbelten ins Zuginnere.
Ferdinand, der Witwer, der Hausmeister, der dicke Ferdi, der prächtige Liebhaber, der Traurige...
"Ich komme! Oh Anni..."
Und er sprang.



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Eingereicht am 25. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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