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Ein weißes Blatt Papier

Von Luana Mooshain


Es war ein kalter Novembermorgen, als ein kleines Mädchen, mit der Schulmappe umgehängt, die Straße entlang lief. Der Nebel ließ die Umgebung nur undeutlich erscheinen. Die Aufmerksamkeit des Mädchens war auf die herunterfallenden, in zahlreichen Farben vertretenen Blätter der umliegenden Bäume gerichtet. Mit großen Augen hob sie jedes Einzelne vom nassen Asphalt auf und betrachtete die verschiedenen Formen und Farbnuancen, bevor sie alle in ihre Schultasche stopfte und weiterging. Nach einigen Schritten blieb das Kind plötzlich abrupt stehen und stutzte. Vor ihr lag ein weißes Blatt Papier, das bis auf ein einziges Wort völlig leer war. Neugierig klaubte sie das schon durch die Nässe wellig gewordenes Papier vom Boden auf. Die Schrift war nur schwer zu entziffern, denn die Tinte war ineinander verlaufen. Laut las nun das Mädchen jeden Buchstaben vor: "H - a - l - l - o." Verwundert sagte sie das Wort noch ein zweites Mal: "Hallo?"
Ängstlich schaute sie sich um, doch niemand war zu sehen. Nur die langweiligen Reihenhäuser und ein paar am Straßenrand stehende Autos, sowie die alten Ahornbäume, welche mit ihren weit ausgreifenden Ästen ein natürliches Dach bildeten. Ein sanfter Windhauch strich durch das Gehölz und die trockenen Blätter ließen ein gespenstisches Rascheln ertönen. Ansonsten konnte das Mädchen keine weiteren Geräusche ausmachen und so konzentrierte sie sich wieder auf das Blatt Papier, welches sie in den Händen hielt. Eine ganze Weile stand sie einfach nur da und starrte auf die weiße Oberfläche, als hoffte sie, dass doch noch irgendetwas geschehen würde.
Inzwischen hatte sich der Nebel gelichtet, schwach drangen einige Sonnenstrahlen hindurch. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie sich beeilen sollte, wenn sie noch rechtzeitig in der Schule sein wollte. Doch am Anfang kam sie erst nur langsam vorwärts, denn die Kälte, welche sich im ganzen Körper ausgebreitet hatte, lähmte ihre Bewegungen. Ihre Gedanken kreisten ausschlie0lich um dieses weiße, unscheinbare Blatt Papier, eine spürbare Kraft ging davon aus. Mit ihrer kindlichen Logik versuchte das Mädchen, zu begreifen, wie das fast leere Blatt hierher gelangen konnte.
"Hatte es jemand verloren und der Wind hat es dann davon geweht?", fragte sie sich, wobei sie die Augenbrauen zusammenzog. Dies hatte sich das Mädchen bei ihren Eltern abgeschaut.
Aber verstehen konnte sie nicht, wieso dann dieser Jemand nur "Hallo" geschrieben hatte, und sonst gar nichts. Oder war dies etwa das Werk von Geistern? Ein eiskalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter und wieder horchte sie in die unheimliche Stille, welche ab und zu durch das Rascheln der Blätter im Wind durchbrochen wurde. Nur ihre Schritte auf dem Asphalt waren zu hören. Als ob das Mädchen noch einmal sichergehen wollte, dass kein anderes Wort mehr auf dem Papier stand, hielt sie es nah genug vor ihre Augen ... und hätte es vor Schreck fast fallen gelassen. Da stand ein Name, ihr Name! Aber ... das konnte doch nicht sein?! Hatte sie ihn vorhin einfach überlesen?
"Nein, unmöglich kann ich meinen Namen überlesen haben", flüsterte sie leise vor sich hin und schaute wieder auf das Blatt. Das kleine Mädchen musste nicht lange warten, denn schon bildete sich ein neuer Satz in einer geschwungenen, altmodischen Schrift. Sie konnte zusehen, wie ein ganzer Satz entstand. Ha, dachte sie, nun kann ich beweisen, dass es doch Geister gibt, ging es ihr durch den Kopf, als sie ihren Schreck überwunden hatte. Sie sah schon die entgeisterten Gesichter ihrer Klassenkameraden vor sich und grinste über beide Ohren. Gespannt wartete sie auf einen weiteren Satz des geheimnisvollen Unbekannten, allerdings blieb ihr Sehnen unerfüllt. Stattdessen begann sie nun, das Geschriebene wieder laut vorzulesen: "Hallo, Mina. Wie geht es dir?"
"Gut, danke", antwortete Mina und fuhr sogleich fort: "Und wie geht es dir?"
Und wirklich, als hätte das Mädchen es geahnt, antwortete der Unbekannte, besser gesagt, die unbekannte Schrift.
"Danke der Nachfrage, ich befinde mich sehr wohl."
Mina war ganz aufgeregt, sie kommunizierte mit einem Geist! Anders konnte sie sich dieses Geschehnis nicht erklären. Einen kurzen Augenblick überlegte sie an einer neuen Frage und stellte diese dann auch prompt: "Wer bist du?"
Sofort erschienen wieder feine Linien, die sich dann zu Buchstaben und schlussendlich zu Wörtern zusammenschlossen.
"Wer ich bin? Wer weiß das schon ... niemand weiß, wer man wirklich ist ..."
Mina wurde aus dieser Aussage nicht schlau. Wieso sprach dieser Geist so in Rätseln ... obwohl, vielleicht bin ich ja auch nichts anderes als ein Geist?
Verwirrt schüttelte sie den Kopf und warf zufällig einen Blick auf ihre Armbanduhr. Soeben wurde ihr klar, dass sie nun schon seit mehr als zwei Stunden hier stand und sich mit ihrem unbekannten Schreiber unterhielt, doch ihr kam es so vor, als hätte man ihr gerade zwei Stunden ihres Lebens geklaut. Allerdings war es ihr vollkommen egal, dass sie schon längst in der Schule sein sollte, Mina wollte sich nur noch mit dieser wunderschönen Schrift befassen. Ihre Umgebung vergaß sie vollends, ihr Blick war nur noch auf das Blatt Papier gerichtet und wartete sehnsüchtig darauf, dass der Unbekannte ihr eine neue Nachricht zukommen ließ. Und wieder bildeten sich aus dem Nichts heraus kunstvolle Wörter.
"Liebe Mina, ich fand unsere kleine Unterhaltung sehr angenehm, doch leider kann ich nicht länger bleiben. Auf ein baldiges Wiedersehen."
Ihre Hände begannen zu zittern und nur mit Mühe konnte sie verhindern, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten.
"Bitte, verlass mich nicht", flehte sie mit zitternder Stimme. Weiter kam Mina allerdings nicht.
"Hey, Mädchen, geh von der Strasse runter!", rief eine tiefe Stimme hinter ihr und tatsächlich hörte sie, wie sich ihr ein Auto näherte. Schnell sprang sie zur Seite, gerade noch rechtzeitig, bevor das Auto an ihr vorbei brauste. Ein älterer Herr kam auf sie zu, welcher sie gewarnt hatte. In seinem Gesicht spiegelten sich Angst und Zorn.
"Verdammt, was hattest du auf der Straße zu suchen? Lernt ihr denn gar nichts mehr in der Schule?", fragte er entrüstet und zugleich besorgt.
"Mir ist ein Blatt davongeflogen und ich wollte es mir wiederholen ...", nuschelte das Mädchen kleinlaut und schämte sich für ihre Lüge, doch sie konnte nicht einfach einem Erwachsenen erzählen, was sie tatsächlich erlebt hatte. Man würde sie nur für verrückt erklären.
Der Mann murmelte noch etwas, was sich anhörte wie: "Die heutige Jugend ...", bevor er seines Weges ging und Mina zurückließ.
Immer noch hielt sie das Blatt Papier in den Händen, aber die Schrift war verschwunden. Traurig lief Mina den Gehweg entlang, ohne jedoch einen klaren Gedanken fassen zu können. Es zog wieder ein starker Wind auf und ließ die Blätter rascheln und die morschen Äste knarren. Wie durch Zauberhand wurde das weiße Blatt Papier ebenfalls vom Wind erfasst und davongetragen, ohne dass sie hätte reagieren können. Noch lange verfolgte Mina das davonfliegende Blatt mit feuchten Augen, bis es ganz aus ihrem Blickfeld verschwand. Eine einzelne Träne rann ihr über die Wange. Mit dem Gedanken, dass der Unbekannte als Letztes "auf ein baldiges Wiedersehen", geschrieben hatte, versuchte das kleine Mädchen sich aufzuheitern. Sie strich eine einzelne Haarsträhne aus dem Gesicht und ging ebenfalls ihres Weges.



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Eingereicht am 24. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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