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Das oder dass?

Von Kornelia Jäger


Die deutsche Rechtschreibreform, ja oder nein? Fachleute, Gelehrte und Bürger streiten um die "Beste Lösung". Was auch immer die angeblich "Beste Lösung" sein wird, es gibt Menschen, für die wird es nie eine Lösung geben. Das sind die Menschen, denen der Lehrer immer unter das Diktat schrieb: "Mal wieder nicht gelernt!" obwohl sie es taten. Die Menschen, die geniale Mathematiker sind solange es keine Textaufgaben gibt, da die Zeit zum Lesen nicht ausreicht. Die Menschen, die ein Wahnsinns-Gedächtnis entwickeln müssen, da sie nicht in der Lage sind, bei Referaten Notizen mitzuschreiben. Und das sind die Menschen, die in Gefahr geraten bei einem Kanuausflug, da sie nicht schnell genug das Warnschild "ACHTUNG STROMSCHNELLEN" wahrgenommen haben. Schlechtes Lesen können sie vertuschen, falsche Rechtschreibung nicht. Immer wieder werden sie belächelt, wagen sie es Briefe, Mails, Kommentare, Gedichte oder Geschichten zu schreiben. Ich spreche nicht von ehrlicher Kritik und Hinweisen bezüglich der äußeren Form, nein ich spreche von Hohn und Spott sowie in der krassesten Form von arrogantem Klugscheißergehabe. Und diese Art des unsachlichen Umgangs miteinander müssen sie über sich ergehen lassen, nicht etwa weil sie nichts zu sagen hätten was andere bewegt oder interessiert, nein einzig aus dem Grunde, dass sie nicht erkennen können ob groß oder klein, ob Doppellaut oder nicht, ob langes i oder kurzes, ob ie oder ei, ob a oder u, ob d oder b, ob … ob ... Ja, so ist es tatsächlich bei Menschen mit LRS, der so genannten Leserechtschreibschwäche. Verschiedene Formen, ungeklärte Ursachen, lebenslanges Handicap. Eine traurige Tatsache, die zu akzeptieren ist! Hartes Training, sich auf grundlegende Formulierungen zu beschränken und diese auswendig zu lernen, helfen zu verheimlichen. Doch auch in diesen Menschen schlummern Schreiber und Autoren, Dichter und Denker. Und trotz einer für Nichtbetroffene unvorstellbaren seelischen Belastung, wieder einmal mehr zum Gespött zu werden, wagen sie ihre Phantasien in Worte zu fassen. Zugegeben, vielleicht reagiere ich als Betroffene da etwas überempfindlich, aber im Namen der Toleranz frage ich mich: Warum gelingt es denen, die sich glücklich schätzen können, die alte oder neue Rechtschreibung zu beherrschen, nicht, einfach einmal zu schweigen, wenn sie nichts Nettes zu sagen haben? Einfach einmal in Lautsprache zu lesen und nur auf Inhalt und Ausdruck zu achten und nicht auf "das" oder "dass"? Den Hut ab vor LRS'lern die weiter schreiben trotz Demütigungen, welche Schmerzen, da sie doch keine andere Wahl haben. Sie hätten gerne eine, und wie gerne! Aber wie es ist, so ist es nun mal. Fest steht auch: Rechtschreibbehinderte haben jede Menge zu sagen und es wäre verdammt schade, wenn sie aus falscher Scham damit aufhörten. Drum bitte bedenke, es könnte auch ein LRS'ler sein den du verspottest. Du würdest doch auch nicht zu einem querschnittgelähmten Blinden sagen: "Geh es ist grün ..." oder würdest du?



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Eingereicht am 21. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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