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Die Jaguarstory

Von Michaela Hein


Basti und ich standen am Montagfrüh, es war vielleicht halb zehn, an irgendeiner Raststätte im Spessart, bis zu der uns ein Typ, den wir auf dem Festival kennen gelernt hatten, mitnehmen konnte und reckten den Daumen in den Wind. Wir waren ziemlich hoffnungslos, beziehungsweise zweifelnd, ob auch nur ein einziger Fahrer halten wird. Nach dem ziemlich verregneten Wochenende und durch den dadurch völlig aufgeweichten Waldboden des Festivalgeländes waren unsere Klamotten total verschlammt und hinter uns lag ein ebenso schmutziger und kaum noch definierbarer Berg von Zelt, Isomatten und Rucksäcken. Wir fragten uns also und waren gespannt, wie und wann wir wohl jemals wieder zu Hause ankommen würden.
Nachdem bereits fast eine Stunde verstrichen war und wir uns alle möglichen, jedoch unfinanzierbaren Alternativen aus dem Kopf geschlagen hatten, bleibt abrupt und mit quietschenden Reifen in circa zwei Metern Entfernung ein Wagen stehen.
Ein glänzender Daimler Jaguar!
Basti und ich sehen uns ungläubig an.
"Wegen uns hat DER doch jetzt nicht gehalten!?"
Wir reagieren erst mal kaum und glotzen nur voller Erwartung was wohl passiert in Richtung Statussymbol.
Und tatsächlich! Es wird das Fenster nach unten gefahren und nach uns gerufen.
Das erste was uns ins Gesicht springt, als wir uns skeptisch langsam nähern, ist ein zwar noch halbwüchsiger, aber umso ungestüm kläffender Dobermann. Also, wieder einige Schritte zurück, worauf aus dem Auto eine Stimme mit ungeduldigem Unterton ruft:
"Jetzt kommt doch mal her!"
Also gut.
"Wo wollt ihr hin?"
"Nach Ulm."
"Hat einer von euch Führerschein?"
"Hä? Ja, schon. Wieso?"
"Na ja! Ich würde Euch mitnehmen, wenn als Gegenleistung einer von euch ein zweites Auto von mir hinterher fährt."
"Im Prinzip kein Problem."
Die Tür des Jaguars geht auf und der Dobermann rennt schnurstracks in den Wald.
Der Besitzer, ein schlaksiger Dandy-Typ, um die Mitte Dreißig, mit blonden Strähnchen in den halblangen, stufig geschnittenen Haaren, Designer-Anzug mit rosa Hemd und schwach getönter Brille, nutzt die Zeit damit, uns erst mal Platz zu machen in dem mit Wäschekörben, voll mit allerlei Elektroartikeln voll gestopften Auto.
Nachdem ich leicht gequetscht zwischen Wäschekorb, Tür, Vordersitz und Zelt zwischen den Beinen, auf dem Rücksitz ein Plätzchen gefunden hatte, wird Basti, der aufgrund der längeren Beine vorne sitzen darf eröffnet, dass er während der Fahrt den Dobermann halten soll. Ausgerechnet! Basti hat echt Angst vor großen Hunden.
Basti klagt noch: "Oh Scheiße! Ich hab so'n Schiss vor dem Hund", kurz bevor der Fahrer ihm denselben auf den Schoß drückt, die Tür zuschlägt, auf seinen Fahrerplatz hechtet und losrast.
Irgendwie fühl ich mich nicht ganz wohl und hadere mit mir, ob wir nicht darum bitten sollten, am nächsten Rasthof wieder aussteigen zu dürfen. Dieses Unwohlsein wird durch die abstrusen Geschichten des Dandys, vielleicht auch Schieber, Hehler, Zuhälter - meine Phantasie hatte Futter bekommen - noch verstärkt.
Er sei Rennfahrer - und so fährt er auch - und wäre gerade dabei in die Schweiz umzuziehen. Deshalb würden überall in Deutschland Autos von ihm rumstehen und eines davon soll ich, da Basti seinen Führerschein im Gegensatz zu mir nicht dabei hatte, der Grenze näher bringen. Und just bogen wir auch schon von der A3 ab und hielten irgendwo, mitten im Wald neben einem niegelnagelneuen Opel Kombi, in den erst mal einige der Wäschekörbe verladen wurden.
Als ich die Autoschlüssel zum Opel in die Hand gedrückt bekam, hielt ich es für angebracht, darauf hinzuweisen, dass ich auf gar keinen Fall so schnell fahren würde, was mir prompt einen Anschiss einbrachte, da ich natürlich keine Rennfahrerin sei und mich unterstehen sollte zu rasen.
Die Fahrt ging weiter. Ich im Opel. Basti als Hundedompteur im Jaguar.
Der fing nach einiger Zeit beunruhigend an zu schlingern, worauf ich mir echte Sorgen um das Wohl meines Freundes zu machen begann. Erleichtert sah ich das Blinkersetzen meines Vorfahrautos an der nächsten Raststätte. Der Rennfahrer tankte für 10 Euro und wir wurden samt Hund schon mal Kaffee kaufen geschickt.
So saßen wir dann erst mal ne halbe Stunde beim Kaffee, beziehungsweise der Dandy bei gleich dreien, schwarz, in der Sonne auf der Terrasse des Rasthofs.
Er sei völlig übermüdet, erzählt er uns, hätte seit zwei Tagen nicht geschlafen.
Wir zwar auch nicht viel mehr, dennoch waren wir so wach wie nie, als er uns fragte, ob wir Interesse daran hätten, Geld zu verdienen.
"Generell, ja!"
Punker im Freiwilligen Sozialen Jahr und im Abi lieben leicht verdientes Geld. "Also, worum geht's?"
Er hat viele Autos und die müssten in die Schweiz.
Klingeling!
Wir schauen uns also viel sagend an und Basti fragt noch, wie viel Geld dabei rausspringt. Wir könnten ein Zubrot ganz gut gebrauchen, nachdem Basti mit acht geklauten CDs in der Tasche im Müller Hausverbot bekommen hat und ich im Freiwilligen Sozialen Jahr nur 200 Euro Taschengeld verdiene und zum Geschäftemachen zu ehrlich bin.
Die Antwort musste warten, denn Basti wurde zunächst dem Dobermann hinterhergeschickt, der sich losgerissen hatte, um in den Rasthof zu flitzen und seine Nase in die Teller von aufgebrachten Eltern kleiner Kinder zu stecken. Irgendwie war Basti in der Zwischenzeit sowieso zu des Dobermanns Bezugsperson geworden.
"50 Euro", sagte der Unergründbare.
"Für jeden?", frag ich.
"Für beide!", kommt entrüstet zurück.
"Nee!" Wir sind zwar wahnsinnig, mit dem Typen weiterzufahren - wir wollen ja nach Hause, irgendwie, aber wir sind nicht so bekloppt für'n Fuffi in'n Knast zu wandern.
Weiter geht die Fahrt, beziehungsweise das Stop and Go, denn bei jeder Gelegenheit tankt der Typ für'n Zehner und säuft Kaffee, bis wir ihn überzeugen, dass es besser wäre, wenn einer von uns den Jaguar fährt und der andere den Opel, so dass er schlafen kann.
Gesagt, getan!
Da ich bewiesen hatte fahren zu können, bekam ich also die Schlüssel des Jaguars. Basti wurde, in den Opel verfrachtet - natürlich mit Hund!
"Ich lass dich mit dem Typen nicht alleine", sorgt sich Basti noch und erzählt mir, einen Zettel im Jaguar gefunden zu haben, auf dem stand: "Den Wagen samt Inhalt kannst Du behalten. Danke. Bis Italien!"
Der Dobermann gehörte wohl auch zum Inventar, da er keinerlei Reaktion auf Anweisungen des vermeintlichen Herrchens zeigte.
Ich weiß nicht, wieso ich unbedingt weiterfahren wollte. Ob ich Gefallen an der selbst für mich, wo ich dachte schon viel Queres gesehen, gemacht und gehört zu haben, erstaunlichen Story gefunden hatte, die ich hier live erleben durfte. Oder ob mich der Gedanke verzauberte, dass gleich eine Bunthaarige einen Jaguar über Deutschlands Autobahnen lenkt.
Ich weiß nur, ich fand's aufregend!
Wohlwollend und erstaunt vernahm ich das tiefe "Plop" beim Schließen der Tür des Statussymbols und erinnerte mich an das vertraute Scheppern der Türen des vor einem Monat verschrotteten hellblauen VW-Golfs, an dem nicht nur meine selbst gemalten Blumen, sondern auch mein Herz gehangen war.
Die Zeit des Anfreundens mit der ersten Automatik meines kurzen Lebens, nutzte ich damit, die Dekadenz der Vogelaugenahornarmatur und der elektrisch verstell- und beheizbaren schwarzen Ledersitze in mich aufzusaugen. Während mir der abgebrochene Mercedesstern an meinem Rucksack auf der Rückbank ins Bewusstsein stieß, ließ ich den Motor an und rauschte mit einem ungekannten Taumel von Vorfreude auf die erstaunten Gesichter der mich wahrnehmenden Verkehrsteilnehmer los.
Der Dandy war noch vor dem Start eingeschlafen und ich genoss die Fahrt, bis die nächste Tankration anstand.
Also an der nächsten Tanke wieder raus und den Schlafenden geweckt.
"Tank ist leer!", musste mehrmals unter Schütteln in sein Ohr gebrüllt werden, bevor er zu sich kam, um zu brummeln "Na dann tankt mal" und weiterzuschlafen.
Basti und ich entschieden uns, das nicht zu tun. Stattdessen fuhren wir beide Wagen samt Dandy zum Parkplatz, schlossen den Opel ab, warfen den Schlüssel in den Jaguar, dessen Fenster wir einen Spalt öffneten - sollte ja keiner ersticken, packten unsere Sachen, verabschiedeten uns schweren Herzens vom Dobermann ohne Namen, der erstens unsere Weiterfahrt immens erschwert hätte und zweitens ja auf den Jaguar im Jaguar aufpassen musste und schlichen uns so eilig davon, dass wir total vergaßen, noch das ein oder andere Radio, Handy, Laptop und was sonst so alles im Angebot war, mitzunehmen.
Es dauerte keine zehn Minuten bis uns der Nächste mitnahm und uns sogar fast bis an unsere Haustüre fuhr.
Es war schon dunkel, als wir endlich in unserem kerzenbeleuchteten Wohnzimmer saßen, unserer Phantasie beim Vermuten von Eventualitäten und Deutungen freien Lauf ließen und realisierten, dass wir sage und schreibe fünf Stunden für vielleicht 150 Kilometer mit dem Typen gebraucht hatten und wir echtes Glück hatten, unbeschadet aus der Sache rausgekommen zu sein. Ohne Unfall, ohne krumme Zusagen und Ideen, ohne Polizei! Dafür aber mit einer einmaligen Fahrt in einem Daimler Jaguar und einer Geschichte, mit der wir noch bei unseren Enkelkindern Eindruck schinden werden.



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Eingereicht am 14. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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