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Lea

Von Robert Herbig


Adrian fuhr schon seit fast einer halben Stunde mit etwas mehr als 120 km/h hinter einem LKW aus Holland her, unter normalen Umständen hätte er schon lange die Spur gewechselt und den Brummi überholt. Er war beileibe kein Raser, aber kriechen auf der rechten Spur machte ihn unter normalen Umständen fast verrückt. Lea hätte ihn wohl schon mehrfach gelobt, wegen der ungewohnt langsamen Geschwindigkeit. Sie mochte es nicht, wenn er schnell fuhr, obwohl man bei einer gewissen Klasse von Autos nicht wirklich von schnell fahren reden kann, wenn man 170 oder 180 km/h fährt.
Lea. Ihretwegen war er auf der Autobahn. Bis fast um Mitternacht hatten sie sich angeschrieen, ehe sie ihm sagte, er könne am Morgen alleine nach Freiburg fahren. Dann stürmte sie ins Schlafzimmer und warf demonstrativ die Tür zu, nicht ohne ihm über die Schulter noch zuzurufen, er könne diese Nacht auf der Couch verbringen.
Und das in seiner Wohnung. Na ja, genau genommen war es seit vier Monaten ihre gemeinsame Wohnung. Sie waren es irgendwann leid, zwei große Wohnungen zu unterhalten, wenn sie doch die ganze Zeit nur in einer Wohnung verbrachten. Finanziell hätten sie beide es sich leisten können. Lea arbeitete als Mediengestalterin in einer IT-Firma und er selbst war selbstständiger Kaufmann und verkaufte teure Boote an Leute, die sich derartigen Luxus leisten konnten. Nach einer längeren, durch einige laute Zwischenrufe unterbrochenen Diskussion entschieden sie sich, ihre Wohnung aufzugeben und in seiner Penthousewohnung zusammen zu wohnen. Natürlich ging es bei dem anschließenden Disput wieder einmal um Heirat, es ging um Kinder, es ging bei Streit immer nur um dieses Thema.
Lea sagte, sie fühlte sich reif, sie fühle ihre biologische Uhr ticken. Und das mit achtundzwanzig Jahren, so ein Blödsinn. Er war 33 und hatte vor, sein Junggesellenleben noch eine Weile zu genießen, ohne Heirat, ohne Kinder. Kinder kann man doch auch noch bekommen, wenn man vierzig ist. Na ja, als Mann zumindest.
"Lea wäre dann 35, das ist doch heutzutage für eine Mutter kein Alter mehr", dachte er bei sich.
Jetzt fing es auch noch an zu regnen. Adrian überlegte, ob er an einem Rastplatz anhalten und einen Kaffee trinken sollte. Tanken war noch nicht nötig, der Tank war immer noch halbvoll. Die nächste Rast und Tankgelegenheit war Soltau. Er musste spontan laut auflachen.
Im Rasthaus Soltau hatte er vor zwei Jahren Lea, bevor sie von der Toilette zurückkam, Salz in den Cappuccino geschüttet. Sie hatte den gesamten Inhalt der kleinen Tasse prustend ausgespuckt und sofort danach angefangen, schallend zu lachen. Er liebte dieses Lachen. Lea lachte nicht einfach mit dem Mund oder dem Gesicht, der ganze Mensch Lea lachte. Und er kannte absolut niemanden, der sich diesem Lachen entziehen konnte. Dafür liebte er sie. Ihre Augen glitzerten dabei, man glaubte fast Blitze aus den Augenwinkeln sprühen zu sehen.
Der Regen nahm langsam zu. Er sah auf den Tacho, er fuhr 135 km/h. Immer noch hinter dem Holländer her, der wohl nicht viel von Geschwindigkeitsbeschränkungen hielt. Er selbst war früher auch mit dem LKW gefahren, während seines Studiums, Hamburg-Hannover und zurück. Es war eine verrückte Zeit damals, oft kam er früh am Morgen von einer Fahrt zurück und musste sofort und ohne Schlaf zur Uni. Mehr als einmal fielen ihm während der Vorlesung die Augen zu. Das durfte ihm jetzt während der Fahrt nicht passieren. Er sah auf die Uhr, es war kurz nach eins. Bei der Bundeswehr hatte er gelernt, dass die Zeit zwischen vier und fünf Uhr am Morgen die schlimmste Zeit war, wach zu bleiben. Er nahm sich vor, um diese Zeit auf jeden Fall eine Pause einzulegen. Wo würde er um vier Uhr wohl sein? Würzburg? Heilbronn? Auf keinen Fall, wenn er noch länger hinter diesem Holländer herfuhr. Nach einer Weile bemerkte er, dass er an Soltau vorbeigefahren war, er hatte gar nicht mehr daran gedacht. "Fahren während der Nachtstunden ist anstrengend", dachte er. "Überhaupt dann, wenn man keinen Beifahrer hat, keine Ablenkung, kein Radio." Aber Adrian hasste nun mal Radiogedudel beim Auto fahren. Zu laute Musik störte ihn bei der Konzentration, leise Musik erinnerte ihn immer an Fahrstühle oder Kaufhäuser. Zuhause hörte er Musik gerne laut, er hatte die Wohnung extra Schall-isolieren lassen. Lea verzweifelte immer, wenn während der Fahrt ein Musikstück kam, das sie gerne laut hören würde. So wie sie gelegentlich verzweifelte, wenn sie zu Hause in ihrem bequemen, englischen Ohrensessel saß und las, während er laute Musik hören wollte.
"Nimm doch bitte den Kopfhörer, Schatz!", war ihr Standardsatz. Vor einiger Zeit hatte er einfach seinen Kopfhörer abgesetzt, die Lautstärke erhöht, und mit einer Dezibelzahl nahe der Schmerzgrenze "Das Lied der Schlümpfe" gespielt. Es hatte keine zwei Sekunden gedauert, bis Lea grinsend anfing, laut mitzusingen. Dann warf sie ihr Buch in die Ecke, sie tanzten durch die Wohnung, bis sie lachend im Schlafzimmer landeten.
Irgendwie hatte dieses Lied seither eine aphrodisische Wirkung auf Lea, die beide sich nicht erklären konnten. Adrian nutzte das natürlich aus, wann immer er Lust auf sie hatte, sie konnte sich dem Einfluss dieses Liedes einfach nicht entziehen. Beim Kindergeburtstag seiner achtjährigen Nichte zerrte sie ihn mit den geflüsterten Worten: "Ich bin so scharf auf dich!", lüstern in die Gästetoilette und vernaschte ihn, nur weil nebenan die Kinder zu den Klängen von Vadder Abraham und seinen kleinen, blauen Freunden durch das Zimmer hüpften. Er musste seiner Schwester hinterher erklären, warum zwei erwachsene Menschen nach einem harmlosen Lied sichtlich erhitzt aus der Gästetoilette kamen.
Adrian fühlte sich plötzlich erregt, allein durch die Erinnerung an diese Situationen.
Er sah auf die Uhr, es war inzwischen mehr als eine Stunde vergangen, es wurde Zeit, an eine Tankstelle zu fahren. Als er kurz darauf von der Autobahn fuhr und den Einfüllstutzen in den Tank steckte, ertappte er sich dabei, wie er "Das Lied der Schlümpfe", summte. "Was würde wohl Sigmund dazu sagen?", dachte er bei sich und grinste.
Lea und er hatten sich diese Frage immer und immer wieder gestellt, selbst bei den verrücktesten Gelegenheiten. Angefangen hatte alles mit diesem Lied. Als sie zum ersten Mal nach dem so genannten Schlumpf-Sex nebeneinander lagen, sagte er erschöpft: "Was würde wohl Sigmund zu deiner Vorliebe sagen?" Lea regierte in der von ihm so geliebten Art, sie lachte, bis ihr die Tränen kamen.
Ein paar Tage später besuchten sie zusammen eine Bar, ein vorbeikommender Gast rempelte Adrian an und der verschüttete seinen Whiskey auf dessen Hose, rund um den Reißverschluss. Die beiden sahen sich an, sahen die nasse Hose an, keiner wusste, was er sagen sollte, bis plötzlich Lea prustete: "Was würde wohl Sigmund dazu sagen?" Das anschließende Gelächter aller Beteiligten sorgte in der Bar für ziemliches Aufsehen aber der Abend endete noch sehr lustig, da der Angerempelte und dessen Freundin ziemlich die gleiche Art Humor hatten wie Lea und Adrian.
Adrian hatte sich nach dem Tanken ins Rasthaus gesetzt, um einen Kaffee zu trinken. Drei Tische weiter saß ein Ehepaar mit einem lautstark schreienden Baby. Der Mutter war das Schreien spürbar unangenehm, ständig sah sie sich um, um die Reaktionen der anderen Gäste zu beobachten. Etwa sechs Tische waren um diese Zeit besetzt. Sie wiegte das Kind, ihr Mann aß inzwischen irgendeine Suppe, es sah aus der Ferne wie eine Art Gulaschsuppe aus.
Als er sein Essen beendet hatte, nahm er das Baby und seine Frau machte sich hastig über ihre Suppentasse her. Der Mann stand währenddessen auf und trug das immer noch schreiende Baby durch die Raststätte, dabei vermied er es, den Tischen mit Gästen zu nahe zu kommen. Man könnte glauben, er lief so eine Art Slalom durch das Restaurant. Als habe das Baby ein geheimes Zeichen bekommen, hörte es schlagartig auf zu schreien, als die Frau mit ihrem Essen fertig war. Den Blick, den sie ihrem Mann zuwarf, konnte man klar und deutlich lesen: "Nie wieder gehe ich mit euch beiden nachts in einer Raststätte etwas essen!"
Und genau das wollte sich Lea wirklich jetzt schon antun?
Adrian schüttelte automatisch seinen Kopf, natürlich genau in dem Moment, als die junge Frau zu ihm hersah. Er fühlte den Blick wie ein Brandzeichen auf der Haut, seine Haut rötete sich augenblicklich und die wahrscheinlich ungewollte Fehlinterpretation seiner Geste tat ihm leid. Er stand auf, um die Raststätte zu verlassen, blieb dann aber kurz bei der jungen Frau und dem Mann mit dem Baby auf dem Arm stehen, die ihn daraufhin beide fragend ansahen.
"Machen Sie sich nichts daraus, wir waren doch alle einmal so klein!", sagte er mit dem freundlichsten Lächeln, das er um diese Zeit noch zustande brachte. Beide sahen ihn dankbar an, die Frau atmete förmlich auf. Mit einem Blick auf den kleinen Balg Mensch verließ er die Raststätte.
Während er weiterfuhr, dachte er, dass kleine Kinder ja schon etwas Reizendes an sich haben. Eigentlich wollte er ja auch Kinder, am besten sogar mehrere. Zwei auf jeden Fall, vielleicht drei?
Aber jetzt doch noch nicht. Andererseits würden ja vom ersten bis zum dritten Kind etwa sechs Jahre vergehen. Dann wäre, würden sie wirklich noch sieben Jahre warten, Lea beim dritten Kind ja schon einundvierzig, vielleicht doch schon ein kritisches Alter? Na ja, dann vielleicht schon in fünf Jahren.
Allerdings war nicht gesagt, dass die Natur seine Planung auch einhält. Was, wenn die ersten beiden Babys länger brauchen würden? Oder er sich gar mit einem begnügen müsse?
Hinter Göttingen hatte der Regen langsam aufgehört. Plötzlich fuhr er, ohne dass er es bemerkt hatte, wieder hinter einem Holländer her. War das etwa der Gleiche wie vorhin? Hatte der nicht auch was von Amsterdam auf seinem Heck stehen? Und dieses gelbrote Logo? Musste er sich nicht längst an seine Ruhezeiten halten?
Plötzlich fühlte er selbst sich müde. Er sah auf die Uhr, es war kurz nach vier Uhr. Er war gerade an Würzburg vorbei, auf dem Weg nach Heilbronn. Ob Lea überhaupt schon bemerkt hatte, dass er weg war? Nachdem sie die Tür zugeschlagen hatte, schnappte er sich den Autoschlüssel, den Schlüssel für das Ferienhaus, die bereits gepackte Tasche und ging ohne nochmals ein Ton zu sagen aus der Wohnung. Egal, sie hatte es sich selbst zuzuschreiben. Sie hatte ihm ja gesagt, er solle alleine fahren.
Würde sie sich Sorgen machen? Er alleine nachts auf der Autobahn? Sechs oder mehr Stunden ohne Schlaf? Natürlich würde sie das.
Plötzlich bemerkte er, dass der Holländer vor ihm immer mehr nach links driftete. Langsam nur, aber unaufhaltsam. Er schaute in den Rückspiegel und sah einen Sportwagen mit ziemlicher Geschwindigkeit auf der linken Spur auf sie zukommen. Zehn Sekunden etwa noch, dann würde er Adrian links überholen. Bis dahin würde auf der linken Fahrspur aber kein Platz mehr zum Überholen sein, denn der Holländer kam immer weiter Richtung innere Leitplanke. Adrian drückte sofort die Hupe ohne Unterbrechung und fuhr gleichzeitig leicht nach links um den hinter ihm kommenden Wagen auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis der LKW vor ihm reagierte, wie gehetzt blickte er in seinen Rückspiegel und sah, dass auch der hinter ihm fahrende Fahrer bremste.
Der Holländer war wieder in der Spur, der andere Fahrer zeigte Adrian den Vogel, während er ihn überholte. "Arschloch, ich hab dir vielleicht gerade das Leben gerettet, na ja Porschefahrer", dachte Adrian und war drauf und dran, sich hinter ihn zu setzen, um ihn zu verfolgen.
Sofort musste er wieder an Lea denken.
"Bleib doch ruhig, Schatz", würde sie jetzt sagen, "das hast du doch gar nicht nötig!" Eigentlich hatte sie ja Recht. In der Zeit ihres Kennenlernens hatte sie eine Menge bewirkt, Adrian war in den vier Jahren spürbar ruhiger geworden. Früher hätte er den Porschefahrer wahrscheinlich gejagt bis zum bitteren Ende. Ja, Lea tat ihm einfach gut, dachte er. Ihre Freunde hatten sie immer das perfekte Paar genannt. Bis vor ein paar Monaten hatte das auch gestimmt. Seither war aber alles anders geworden. Seit einigen Monaten waren Kinder und Heirat für Lea plötzlich das Thema Nummer eins und es war immer ein Thema, das zu einem handfesten Streit führte.
Es wurde immer heller, die Sonne ging langsam über dem Horizont auf. Er sah wieder auf die Uhr, es war kurz vor Fünf. Eigentlich hatte er ja vorgehabt, um diese Zeit längst wieder bei einem Kaffee zu sitzen. Er hatte es einfach vergessen.
Er fuhr auf einen Parkplatz, stieg aus und zündete sich eine Zigarette an. Er stand am Rand des Parkplatzes und sah in etwa 20 Metern die Autos vorbeifahren. Wenn man sie von diesem Blickfeld beobachte, kam einem die Geschwindigkeit viel schneller vor, als wenn man selbst am Steuer saß. Raste er selbst auch so? Er warf die fertig gerauchte Zigarette weit von sich und setzte sich wieder ins Auto. Was tat er eigentlich alleine im Ferienhaus? Was tat er alleine in seinem Leben? Ohne Lea?
Als er gerade den Schlüssel umdrehen wollte, hörte er den Ton einer ankommenden SMS. Er nahm das Handy aus der Ablage und drückte mit zitternden Fingern auf "Nachrichten lesen" und las: "Ich liebe dich! Lea!"
Er schluckte heftig, dann drehte er den Schlüssel und fuhr wieder auf die Autobahn. Er fädelte sich in den laufenden Verkehr ein und wischte sich etwas Nasses aus den Augenwinkeln
500 Meter weiter kam die Ausfahrt Ilsfeld. Adrian zögerte nicht, er blinkte und fuhr die Ausfahrt herunter. Er überquerte die Autobahn und fuhr auf der Gegenfahrbahn wieder zurück.
Zurück nach Hause.
Lea hatte auf jeden Fall noch eine Chance verdient.
Und er auch.



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Eingereicht am 06. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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