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Zwischen zwei Stühlen

Von Rilesi


In diesem Moment hatte sie das Gefühl, nicht mehr glauben zu können. Sie konnte sich noch genau an diesen Moment erinnern, wie sie mir erzählte. Sie erschrak und saß auf ihrem Stuhl, hörte sich die Worte an, die da vorne gesagt wurden. Es war ein ohnmächtiges Gefühl für sie. Sie vergaß in diesem Moment, was Glauben wirklich war, und versuchte nur, irgendetwas festzuhalten, ohne wirklich noch zu glauben. Sie glaubte nicht mal mehr die grundlegendsten Dinge, ihr Vertrauen schwamm davon. Sie mochte die Menschen die dort anwesend waren, aber konnte ihrer Idee nicht mehr folgen, konnte das Ganze nicht mehr begreifen und driftete immer weiter weg von dem was man Glauben nennt, bis ein zerfledderter Schleier von Fragen und Zweifeln sie vor nichts mehr schützte und sie ausstieß aus der Gemeinschaft.
Sie hörte den Ansprachen zu, aber alles was sie eigentlich noch hörte, waren Anklagen, die sie anklagten und ihr große Angst machten, dieselben Ansprachen, die sie vorher so glücklich hatten sein lassen. Kaum noch zum Aushalten, in gewissen Momenten, als sie dort war.
"Sie kommt nur noch wegen der Leute." Gesprächsfetzen, die an ihr Ohr drangen. Sie gehörte schon lange nicht mehr dazu, war längst passives Mitglied geworden. Aus vollem Herzen konnte sie schließlich nicht mal mehr die Lieder dort mitsingen, weil sie nicht mehr dazu stehen konnte. Sie stand da und schwieg und hörte zu, wie die anderen ihre Lieder sangen. Sie ging hin und wieder heim. Wie gerne hätte sie den Gedanken ganz festgehalten damit alles seine Ordnung für sie gehabt hätte. Nichts hatte mehr eine Ordnung für sie; sie mochte das nicht, wenn nichts eine Ordnung hatte. Sie schien mit offenen Augen zuzuschauen, wie ihre Ordnung zerfiel, hielt sich an Türrahmen aus Luft.
Angst wies ihr den Weg vorwärts und sie befragte wortlos inbrünstig hoffend auf einen Hoffnungsklick selbst Bäume am Wegesrand, die sich langsam und milde im Wind wogen, innerlich hoffend, auf eine milde Antwort, auf irgendwas. Sie hoffte schließlich, dass die Anklagen endlich verstummen würden. Hörte denn das nie auf, dachte sie.
Sie gehörte weder zu der Ordnung der dortigen noch gehörte sie zu der Ordnung derjenigen die hier sind. Weder Fisch noch Vogel, sei sie, bekam sie zu hören.
Wie also sollte sie sich benehmen? Nach der alten Ordnung, wo sie doch nicht mehr dazugehörte? Die alte Ordnung, wie auf ihr Herz gebrannt, flüsterte ihr noch oft die Meinung herüber, wie sie zu denken hatte. Ihr Gewissen färbte sich schuldig und sie wusste nicht, wie sich zu benehmen.
Man benimmt sich um einen Lohn zu erhalten. Was aber wenn man gar nicht mehr geradlinig auf der Strasse ging, auf das Ziel zu? Waren die Anklagen des Gewissens gerechtfertigt? Sollte sie sich selbst verzeihen, für ihre Gedanken. Viele Gedanken die sie gedacht hatte, wandten sich mit den Pfeilspitzen direkt gegen sie und stachen auf sie ein. Sie erkannte, was Gedanken sein konnten, Gedanken über sich selbst und über andere, nämlich Waffen. Sie drehte sich also im Kreis. Und sehnte sich, einen Ort zu finden, wo sie sich ohne große Schmerzen wieder mit Hoffnung erfüllen konnte.
Die neue Ordnung, die sie ablehnte und die ihr Angst machte. Die neue Ordnung, die sie kannte und doch nicht kannte. Aber leben kann man ja nicht im Zwischenraum, nicht wahr?
Gehört sie jetzt, merklich zu der Ordnung der Hier-Seienden. Schritt für Schritt wurde sie eingeweiht in die Gedanken der Hier-Seienden. Es war wohl ein seltsames Gefühl. Sie wurde in die Gefühle ohne die vertraute Hoffnung eingeweiht und lernte auch diese kennen.
Neulich machte sie einen Test im Internet "Prüfen Sie Ihre Ansichten". Sie machte den Test. 100% Ansicht der damaligen Ordnung, stand als Ergebnis.
Ob sie ins Hier gefunden hat? Ob und wie und wann. Aber das ist alles nicht mehr so schlimm, meint sie, der Alptraum ist irgendwann, nach ein paar Jahren, gewichen und hat einer Hoffnung Platz gemacht. Eine Hoffnung die sie zwischen ihren zwei Stühlen besucht hat. Eine Hoffnung, die sie plötzlich wieder in sich gefühlt hat und sehr glücklich darüber war. Sie hätte jubeln können darüber. Es war für sie, in diesem Moment, wie wenn sie wieder eingefüllt worden wäre, für diesen Moment. Es fühlte sich wirklich gut an.
Und sie hat jemanden, der ihre Hand hält, während sie noch etwas zwischen zwei Stühlen sitzt, manchmal, jemand, der sie mag, wie sie ist.



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Eingereicht am 06. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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