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Der Spiegel der Armut

Von Daniela Berg


Korenja stand vor dem zerbrochenen Spiegel, der an der Wand lehnte.
Glasscherben breiteten sich vor ihren Füßen aus. Sie weinte nicht, und sie schrie auch nicht. Sie war ruhig geblieben, nachdem sie mit einer Eisenstange mit voller Wucht hineingehauen hatte. Nun sah sie geradeaus auf die Wand, deren einstiges helles Orange von vertrockneten Blutflecken verziert war. Sie kam sich vor wie eine Mörderin. Doch umgebracht hatte sie niemanden. Die Blutflecken mussten mehr als 5 Jahre alt sein, weil der Spiegel bisher immer davor gehangen war, seit Korenja sich in das Haus zurückgezogen hatte. Nun dachte sie an den Menschen, der einst Unmengen von Blut verloren haben musste, den wahrscheinlichen Schmerz, den er gefühlt haben musste, dem möglichen Mord, dem er erlegen war. Sie wandte sich ab und ging zur Tür hinaus.
Es war Sommer. Und neben der riesigen Mülldeponie und jenseits der stinkenden Kläranlage kam einem jegliche Temperatur um mindestens 5 Grad wärmer vor. Sie würde in die Parfümerie in der Altstadt gehen, um den Geruch der beiden sie einengenden Kloaken für eine Weile zu beseitigen. Sie ging über die Brücke und dann die Straße entlang, auf der etwa alle halbe Stunde ein verrosteter klappernder Jeep gefahren kam. Ein Fahrradfahrer kam ihr entgegen. Als er Korenja sah, blieb er stehen und stieg von seinem Fahrrad ab.
"Mademoiselle?" Er sah sie Hilfe suchend an. Korenja blieb stehen.
"Was kann ich für sie tun?"
Der Fahrradfahrer stockte einen Moment. Dann lächelte er sie an und sprach in deutlichem und langsamem Ton zu ihr.
"Je cherche la vieille ville. Vous pouvez me dire où je peux la trouver?"
Korenja betrachtete den Mann. Wahrhaftig, er sah aus wie ein typischer Franzose. Und nun musste sie sich auch noch mit so einem abgeben. Korenja konnte Französisch sprechen, sie hatte aber keine Lust mit dem Mann in ein umfangendes Gespräch zu verfallen. Franzosen waren kaum zu halten, wenn ein Gleichgesinnter sich nahte. Und was fiel diesem Mann überhaupt ein? Dachte der, dass alle Welt seine Sprache spricht?
"I don't speak French!" antwortete sie. "Sorry!"
Sie ging weiter ohne sich noch einmal umzudrehen. Wenn der Franzose die Altstadt suchte, musste er ihr einfach nur nachgehen. Warum also half sie ihm nicht? Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm um.
"Follow me!" Sie machte eine Handbewegung um dem verwirrten Mann zu verstehen zu geben. Sie ging weiter und sie hörte, dass das Fahrrad ihr auf geringem Abstand folgte.
Mehrere Straßen waren sie entlang gelaufen, oder gefahren, bis sie in die Altstadt kamen. Erst hier drehte sich Korenja wieder zu dem Mann um.
"Voilá!" sagte sie.
"Oh, merci, merci pour votre aide… thank you thank you!"
Er fuhr bis über beide Ohren strahlend in eine von ungleichmäßigen Häusern gesäumte Seitengasse und verschwand aus Korenjas Blickfeld. Sie wandte sich nach rechts und stieg die Treppe zur Parfümerie hinauf. Als sie eintrat, war jeglicher Gestank von Kläranlage und Mülldeponie vergessen, und sie fühlte sich in einem sinnlichen Paradies. Sie ging von Regal zu Regal, alle Fläschchen nehmend, sich etwas davon auf die Hand sprühend und hundertmal daran riechend. Sie sprühte das Parfüm auch auf ihre Kleider, in ihre Haare, und in einer riesigen Duftwolke um sich. Die Verkäuferinnen hatten sie schon oft angesprochen, sie solle den Laden nicht jeden Tag besuchen und sich an den Düften bereichern, ohne am Ende was zu kaufen. Doch seit einer Woche kaufte sie auch regelmäßig etwas, immer das billigste was sie fand, und seitdem konnten die Verkäuferinnen nichts mehr sagen.
Jemand zog ihr am Hemd. Ailton stand hinter ihr, ein kleiner Junge von gerade mal 8 Jahren, mit dem sie vor einigen Monaten Bekanntschaft gemacht hatte. Seine Eltern hatten angefangen ihn zu schlagen, und deshalb war er ausgerissen, Hilfe suchend hatte er sich inmitten der Stadt verlaufen und war vor ihrer Haustür auf Korenja getroffen. Sie hatte den Jungen nicht in ihr Haus gelassen, weil außer saurer Milch und verfaulten Bananen sie ihm nichts hätte bieten können, doch sie hatte ihn auf ein Mittagessen beim Bistro eingeladen, und die letzten Euros die sich in ihrer Tasche fanden für ihn ausgegeben. Seitdem halfen sie sich gegenseitig, ein 17-jähriges Mädchen und ein 8-jähriger Junge, um den Wahnsinn der heutigen Welt zu überstehen.
Ailton sah sie mit großen Augen an. Korenja lachte.
"Na Kleiner, hat es dir wohl die Sprache verschlagen?" "Nein, ich hab nur gewartet bis zu was sagst!" Er kuschelte sich an ihr Hemd. "Ich habe fünf Euro von meiner Mama bekommen, wollen wir Eis essen gehen?" "Ich habe einen tierischen Hunger, aber Eis stillt ihn nicht. Wie wärs mit einer Pizza?" Ailton nickte und eilte aus dem Laden heraus. Korenja sah sich um, flüchtete dann auch unter den strengen Augen den Anwesenden nach draußen. Ailton wartete vor dem Bistro auf sie.
"Ich habe schon bestellt! Eine Pizza, eine Hälfte Hawaii, die andere Hälfte Schinken!" Korenja strich ihm durch die Haare.
Nachdem sie die Pizza verschlungen hatten, waren Ailtons Eltern gekommen und hatten ihn wieder mitgenommen. Korenja war daraufhin nach Hause zurückgekehrt. Sie fragte sich jedes Mal, wenn sie vor der Holztür stand, warum sie immer wieder hier her zurückkam. Sie wusste es nicht. Dann stand sie eine Weile vor dem Haus und sah es sich genau an, irgendetwas Schönes daran findend. Doch nichts war an dieser Bruchbude, das sie aufhielt. Sie ging hinein. Über die Glasscherben stolpernd setzte sie sich im Schneidersitz vor den Schwarzweißfernseher, den sie von den Nachbarn bekommen hatte. Die hatten nämlich jetzt einen Farbfernseher, und zogen sowieso bald um weil sie genügend Geld gesammelt hatten um sich eine Vierzimmerwohnung in so einem Vorstadthochhaus leisten zu können. Sie schaltete durch die Programme zu ihrem Lieblingsmusiksender. Sie legte sich auf den harten Steinboden und schloss die Augen. Die Hitze, der Gestank, das unruhige Gefühl in ihrem Magen, die Unzufriedenheit und die sich steigernde Trauer wurden leiser. Nur noch die Musik hörte sie. Schreckliche Musik. Sie schaltete die Kiste aus. Dann fing sie selber an zu singen, doch alles was sie aus ihrem Mund herausbekam war "Drecksloch, verdammtes Drecksloch." Kein unbedingt schönes Lied, fand sie. Sie brauchte einen neuen Spiegel. Die zerzausten Haare und das dreckige Gesicht, das von dem verschmutzten Wasser, mit dem sie sich morgens wusch, jedes Mal dreckiger wurde, konnten nicht einfach so vor sich hin vegetieren. Ein klarer Fall für die Mülldeponie.
Schon lange war sie nicht mehr auf die hohen Müllberge geklettert, und plötzlich hatte sie einen Drang danach. War es doch manchmal die einzige sinnvolle Beschäftigung, die ihr an solchen Tagen übrig blieb. Während die normalverdienenden Menschen also im Freibad oder in unzähligen Eiscafés saßen, in ihren Gärten die Planschbecken aufgestellt hatten oder gerade in den Urlaub flogen, kletterte Korenja auf Händen und Füßen einen stinkenden Müllberg hinauf, ständig darauf gefasst, in eine Scherbe zu fassen und fluchend zum Arzt rennen zu müssen. Doch bevor sie in irgendetwas Spitzes fasste, sah sie einen kleinen Handspiegel. Sie nahm ihn und hielt ihn vor ihr Gesicht. Ihre Lippen waren aufgesprungen und rau, ihre Augen gerötet. Die Haare störten sie schon lange nicht mehr, und das dreckige Gesicht auch nicht. Aber ihre Augen sahen aus, als wäre sie aus der Unterwelt entflohen, mit dem Teufelsblick die Menschheit zu zerstören. Sie steckte sich den Handspiegel in ihre ausgeweitete Hosentasche und suchte weiter, nach etwas größerem. Schon wieder hörte sie ein Fahrrad. Doch diesmal war es nicht der Franzose, sondern Ricka, das Mädchen vom Nachbarhaus, das genauso alt war wie Korenja. Ricka schaute zu ihr auf.
"Hey, was suchst du?"
"Ich suche einen Spiegel. Meinen alten habe ich heute Morgen kaputtgeschlagen." Sie lächelte zu ihr herunter, und Ricka verfiel in ein herzliches Lachen. "Hier unten musst du suchen! Neben meinen Füßen sind direkt drei Stück!" Korenja rutschte den Berg hinunter und hob einen Spiegel neben Rickas Fahrrad auf. Sie warf ihn gleich wieder weg, weil er schon zerbrochen war.
"Kommst du auf unsere Abschiedsfeier in zwei Wochen? Alle Leute sind eingeladen!" fragte sie.
"Und deine Familie serviert uns armen Schluckern ein kräftiges Festessen?" Ricka lachte wieder : "Ja so ungefähr. Na ja ich muss wieder gehen, meine Mutter will mich morgen in der Schule anmelden und davor brauch ich noch genug Schlaf!" Sie stieg auf ihr Fahrrad und fuhr mit einem leichten Handgruß davon. Korenja packte einen großen Spiegel mit Holzrahmen unter ihren Arm und ging ebenfalls nach Hause. Die Scherben auf dem Boden kickte sie zur Seite, formte ein Loch in die hintere Holzwand des Spiegels und hing ihn dann vorsichtig auf dem Nagel auf, der noch aus der Wand hervorstand.
Die Blutflecken waren nun wieder verdeckt, und anstatt das einzige Massaker vor Augen zu haben, sah sie nun wieder sich selber. Ein elender Anblick, doch wenigstens erinnerte sie sich nicht mehr an das Blut an der Wand, das sie so grauenhafte Gedanken aufkommen ließ. Vielleicht würde auch eines Tages bei ihr ein Mörder über die Schwelle treten, sie mit einem Messer bedrohen und ihr dann die Kehle aufschlitzen. Dann würden auch ihre Blutflecke den Boden oder die Wand verzieren, aber niemand würde es mehr sehen. Denn nach ihr würde das Haus sicher abgerissen werden, um für die Mülldeponie mehr Platz zu schaffen. Und sie wäre dann selber Teil des Mülls.
Was war sie schon mehr? Ein heimatloses Mädchen vor einem Spiegel, in der Stadt des Verderbens untergebracht, die endlosen Tage ihres Lebens zählend.
Korenja seufzte und wandte sich ab.



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Eingereicht am 01. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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