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Begossener Pudel

Von Rosmarie V.R. Pfister


Mein Gott was für ein Sauwetter, typisch für Montag; Regen ohne Ende. Brigitte zog ihren Pudel Bingo hinter sich her und rannte zum Supermarkteingang. "Sitz brav, Frauchen kommt bald wieder zurück!" Sie tätschelte noch seinen Kopf und band ihn an einen Fahrradständer; dann betrat sie den Laden. Das muss jetzt schnell gehen, nicht dass mir noch einer meinen wertvollen Riesenpudel klaut, schoss es ihr durch den Kopf. Hastig lief sie durch die Gänge und legte nur die wichtigsten Lebensmittel in den Einkaufswagen. "Stopp! Der Hundekuchen muss noch mit, sonst ist Bingo beleidigt." Sprach Brigitte zu sich selbst. Gleich neben dem Hundefutter hing Tierspielzeug an einer dicken Kordel. Welch nettes Äffchen. Brigitte nahm es ab und betrachtete es. Ein kleiner Orang-Utang mit dichtem orangfarbenen Kunstfell. Sein Gesicht war so albern affig gestaltet, dass Brigitte kurz laut lachen musste, sich aber sofort wieder mäßigte. Es reichte schließlich schon, dass sie ständig Selbstgespräche führte. Was würden die Leute denken?
Eilig steuerte sie an die Kasse und legte die Einkäufe aufs Band, als sie durch ein klägliches Jaulen aufgeschreckt wurde, das von draußen kam. Oh, nein, auch das noch! Bingo würde jetzt wieder so lange "weinen" bis er sein Frauchen endlich wieder erblickte. Und nun läutete auch noch ihr Handy! Sie seufzte tief und kramte dann eilig in ihrer Tasche, bis sie es schließlich fand. Zugleich nahm sie die Autoschlüssel und die Geldbörse raus. Als es plötzlich "peng" machte und die Börse durch den Druck der vielen Cent-Münzen aufsprang. Ein wahrer Geldregen ergoss sich und die Münzen rollten in weitem Umkreis. Hitze stieg Brigitte auf und sie wusste, dass ihr Gesicht sicher ganz rot vor Scham war. Mein Gott, wie peinlich. Genervt blickte die Kassiererin zu Brigitte, die sich beeilte, die meisten Cents wieder vom Boden aufzuheben. Zwei Kunden, die hinter ihr standen, halfen ihr, was alles noch peinlicher für sie machte. Nichts wie raus hier, hämmerte es in ihrem Kopf. Es reicht für heute. Ab nach Hause, Tür zu und Ruhe.
Hastig packte sie die große Papiertüte und ihre Handtasche und steuerte dem Ausgang entgegen. Nun goss es wie aus Kübeln draußen und der Himmel war von schwarzen Wolken bedeckt. "Bingo, ich bin ja schon da. Komm, jetzt fahren wir wieder heim!". Sie band ihn von der Halterung, nahm die Leine in die rechte Hand und rief: "Schnell Bingo, lauf, lauf schnell!". Beide rannten nun über den Parkplatz und gleich waren sie beim Auto angelangt, als Bingo plötzlich einen Satz nach links machte. Die Leine verhedderte sich zwischen Brigittes Beinen und sie fiel der Länge nach direkt in eine Pfütze. Die Papiertüte landete ebenfalls am Asphalt und mit ihr die Einkäufe. Der kleine Orang-Utang lag verschmutzt da, mit seinem albernen Gesicht sah er direkt zu Brigitte. Diese verharrte geschockt am Boden, Tränen rannen ihr vom Gesicht und verschmierten die Wimperntusche. "Blöder Pudel, blöder" schimpfte sie ihrem davonlaufenden Hund nach.
Als sie feststellte, dass sie unverletzt war und in das Gesicht des Äffchens sah, bekam sie plötzlich einen Lachanfall. Ihr Körper bebte förmlich und sie fand im ersten Moment nicht die Kraft, sich wieder aufzuraffen. Als sie plötzlich durch den Tränenschleier schwarze Männerschuhe wahrnahm, stoppte sie sofort ihre Emotionen und blickte schüchtern hoch. Sie hielt inne und es durchfuhr sie ein Blitz als sie in diese warmen, grauen Augen blickte. "Kommen Sie, ich helfe Ihnen auf!" Ganz benommen vom Unfall und von diesen gütigen, freundlichen Augen ergriff sie die Hand, die sich ihr entgegenstreckte, stand auf und wischte sich die Tränen vom Gesicht. Am liebsten hätte sie sich jetzt in ein Mausloch verkrochen, aber da war keins. Sie war von diesem gutaussehenden, netten Mann ganz verwirrt. Obwohl es stark regnete, überkam sie eine warme Welle des Glücks. Die beiden Augenpaare blickten sich tief an und plötzlich war alle Wut und Ärger verschwunden. Sie waren nur noch fasziniert voneinander. Das muss Liebe auf den ersten Blick sein, fuhr es Brigitte durch den Kopf.
"Entschuldigen Sie", hörte sie seine sanfte Stimme. Es war mein kleiner Jack-Russel, der Ihren Hund angelockt hat. Es tut mir sehr Leid. Übrigens mein Name ist Richard und das da drüben ist meine Hundedame Sally. Haben Sie sich weh getan?" Besorgt musterte er Brigitte, die wie traumatisiert von diesem Erlebnis schien.
"Oh, nein, nein es geht schon wieder, nur meine Kleidung hat was abbekommen" lächelte Brigitte. "Dann lassen Sie mich bitte die Kosten für die Reinigung übernehmen". "Nein, auf keinen Fall, es ist ja nicht Ihre Schuld", erwiderte sie und versuchte sich ihre Erregung nicht ansehen zu lassen. "Na dann möchte ich Sie morgen gerne ins Cafe einladen, sozusagen als Wiedergutmachung und weil ich Sie sehr sympathisch finde, abgemacht?" Richard sah ihr mit einem bittenden Blick tief in die Augen und drückte leicht ihre Hand. Brigittes Herz klopfte bis zum Hals, als sie ein "ja gerne" stammelte und ihm ihre Telefonnummer übergab. Dann verabschiedeten sie sich voneinander.
Brigitte wusste gar nicht, wie ihr geschah aber sie war ihrem Bingo jetzt unendlich dankbar und wusste instinktiv, dass dies der Anfang einer neuen Liebesgeschichte sein wird.



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Eingereicht am 17. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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