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Der kleine Trick

Von Karl-Heinz Ganser


"Egon, ich muss dringend mit dir reden!", sagte Maria zu ihrem Mann, der wie immer abends in dem kleinen Wohnzimmer vor dem Computer hockte.
"Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten und dir anhören was ich dir zu sagen habe?"
Als er etwas von "später" murmelte, griff sie blitzschnell in die Tastatur. Der Bildschirm wurde dunkel.
"Bist du denn von allen guten Geistern verlassen!", schrie Egon sie an. "Du hast den Computer kaputt gemacht!" Sein Gesicht lief puterrot an.
"Dich interessiert doch nur dein Computer. Dass ich mir auch was wünschen könnte, auf die Idee kommst du überhaupt nicht!", polterte sie zurück.
Egon blickte seine Frau irritiert an. Was war nur in sie gefahren?
"Ich bin es leid, immer nur zu Kochen und zu Putzen. Ich möchte auch mal etwas für mich ganz persönlich haben." Maria sah ihn jetzt herausfordernd an.
"Ich möchte ein Klavier haben ... so, jetzt weißt du es!"
"Was? Du und ein Klavier?" Egon lachte laut. "Du kannst ja kaum Noten lesen und außerdem ... ein Klavier ist viel zu teuer."
"Ach nein! Als du den Computer haben wolltest, da habe ich nicht gesagt, dass der zu teuer ist. Ich fand es gut, dass du dich in deinem Alter noch mit etwas Neuem beschäftigen wolltest."
"Aber das ist bei einem Mann ja auch was ganz anders", sagte er bissig.
"Gut!", erwiderte sie entschlossen, "dann gehe ich eben morgen früh alleine ins Musikgeschäft."
Am nächsten Morgen ging Egon dann doch mit. Er hatte sich in der Nacht überlegt, wie er sie von der absurden Idee abbringen würde.
"Grüß Gott, gnädige Frau!", begrüßte der Geschäftsinhaber sie mit einer tiefen Verbeugung.
"Das ist ja schön, dass Sie ihrem Herrn Gemahl auch das herrliche Klavier zeigen."
Egon stand wie versteinert da. Als er sich gefangen hatte, fiel sein Blick auf das Preisschild. Er stieß seine Frau an und murmelte halblaut: "Hast du nicht den Preis gesehen? Zweitausend Euro, das das …"
Er schnappte nach Luft und zischte so laut, dass der Verkäufer es hören musste. "Das kommt überhaupt nicht in Frage! Mehr als tausend zahle ich nicht, hast du mich verstanden?"
"Prima, damit bin ich einverstanden, lieber Egon!", jubelte sie laut.
"Wie bitte?", stammelte er total verwirrt.
"Ja, mein Lieber! Ich habe in den letzten Jahren fleißig gespart und jetzt habe ich tausend zusammen." Sie sah ihn triumphierend an. "Das hättest du wohl nicht gedacht, was?"
Egon wischte sich den Schweiß von der Stirn, tat einen tiefen Seufzer und zog seine Scheckkarte heraus.
"Ja, ja", sagte sie, als sie wieder Zuhause waren und strich ihm liebevoll über sein schütteres Haar, "manchmal muss eine Frau eben einen kleinen Trick anwenden, damit sie auch einmal etwas bekommt."



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Eingereicht am 13. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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