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Die leise Stimme im Ohr

Von Alexandra W.


Es begann als sie 11 Jahre alt war. Ihre Freundin hatte heimlich von der großen Schwester eines dieser Frauenmagazinen genommen, in denen wunderschöne Frauen in total angesagten Klamotten posierten - und alle waren dünn! Als sie die Zeitschrift zum x-ten Male durchgeblättert hatten, gingen sie zu dem großen Spiegel im Schlafzimmer ihrer Eltern und betrachteten skeptisch ihre immer noch kleinen Kinderkörper.
"Du bist so dünn! Ich wünschte ich hätte auch so dünne Beine!", sagte Maria zu ihr.
Doch als sie ihre Beine mit denen von Maria verglich wurde ihr kurz übel. Maria hatte schöne dünne Beine und überhaupt keinen Bauch, auch ihr Hintern war klein und fest.
"Blödsinn! Ich sehe aus wie ein Walross! Du bist viel dünner als ich", antwortete sie, und meinte es ehrlich.
Maria schien sich bestätigt zu fühlen. Mit einem zufriedenen Lächeln meinte sie: "Ich muss jetzt heim, bevor meine Schwester merkt, dass ich die Zeitschrift mitgenommen habe!"
Als Maria gegangen war, ging sie nochmals zum Spiegel. Sie zog sich aus, und betrachtete erneut ihren präpubertären Körper - nackt; und zum ersten Mal hörte sie da diese Stimme "Du bist dick und faul, und niemand kann dich leiden." Ja, sie war wirklich dick. 35 Kilo! Kein Wunder, dass keiner sie mochte. Im Turnunterricht wurde sie immer als letzte in die Basketballmannschaft gewählt, und die 3 in Mathe hatte sie sicher auch nur bekommen, weil sie so fett und abstoßend war. Nein, das musste sich ändern. Sie würde einfach eine Diät machen. Vielleicht 5 Kilo abnehmen? Ja, dann wäre sicher alles besser.
Das Abendessen ließ sie ausfallen. Keiner bemerkte es. Ihre Mutter saß wieder einmal vor dem Computer, da sie wieder einmal ein wichtiges Projekt am laufen hatte. Ihr Vater war wieder einmal auf Geschäftsreise. Geschwister hatte sie keine.
Das Frühstück am nächsten Tag ließ sie ausfallen. Keiner bemerkte es. Mit einem knurrenden Magen, der ihr ein unglaubliches Glücksgefühl bescherte, machte sie sich auf den Weg in die Schule. Sie hatten 4 Stunden Musikprobe für eine Schulaufführung in 2 Wochen; danach ging sie Heim.
Das Mittagessen lies sie ausfallen. "Du brauchst gar nicht so laut knurren. Ich werde nichts essen. Ich bin auf Diät!", redete sie auf ihren leeren Magen ein. Zum ersten Mal in ihrem Leben trank sie Kaffee an diesem Tag. Ohne Milch und ohne Zucker - schwarz. "Man sollte täglich mindestens einmal etwas Warmes zu sich nehmen", hörte sie im Gedanken ihre Großmutter sagen. Kaffee war warm.
Nachdem sie ihren Kaffee hinuntergewürgt hatte beschloss sie Rad fahren zu gehen. Sport ist gesund und macht schlank. Zwei Stunden fuhr sie dem Wahnsinn nahe mit dem Rad durch den Wald. Obwohl sie schon bis auf die Unterwäsche durchgeschwitzt war, sie keine Luft mehr bekam und ein Schwindelanfall sie zu überwältigen drohte, trieb diese innere Stimme sie immer weiter. "Du musst weiter fahren, sonst wirst du nie dünn und beliebt sein. Oder willst du etwa ewig so fett und abstoßend bleiben?" Nein, wollte sie nicht. Sie fuhr weiter.
Am Abend aß sie einen halben Apfel. Irgendwo hatte sie mal gehört, dass Äpfel fast keine Kalorien hatten. Anschließend ging sie ins Badezimmer und stellte sich auf die Waage (die folgenden 3 Jahre nannte sie dieses Ritual als "den Gang zur Guillotine"). 36,7 Kilo zeigte sie an. Mit einem etwas schlechten Gewissen legte sie sich nieder. "Den Apfel hättest du nicht essen sollen", hörte sie wieder diese leise Stimme sagen "Du bist dick, und niemand kann dich leiden". Von einem inneren Hass auf sich selber getrieben schleppte sie ihren müden Körper erneut ins Badezimmer. Erst als sie ihr Erbrochenes in der Toilette wiedererkannte ließ das Ekelgefühl in ihr etwas nach. Sie wusch sich die Hände und das Gesicht und ging mit einer ans irreale grenzenden Euphorie ins Bett. Alles schien wie immer, doch an diesem Tag hatte sich ihr Leben für immer verändert.
So begann ihr Leidensweg, der jahrelang dauern sollte und eigentlich nie wirklich endete. Es folgten 3 Jahre des ständigen Kalorienzählens. Die Waage wurde zu ihrer wichtigsten Kontrollinstanz. Ihr Lebensgefühl war nur noch von den Zahlen, die dieses Gerät anzeigte, abhängig. Gedanken machte sie sich nur noch übers Essen, oder genauer gesagt übers NICHT-Essen und wie man dies am besten vor seiner Umwelt geheim hält. Im zarten Alter von 14 Jahren, bei einem Gewicht von 21,2 Kilo, machte ihr Körper schlapp, und sie wurde in die Klinik eingeliefert. Natürlich hatten ihre Eltern, Lehrer und Mitschüler bemerkt, dass sie immer dünner wurde, aber "Sie war immer so introvertiert. Keiner kam an sie ran. Wenn man sie auf ihr Gewicht ansprach, meinte sie nur, dass sie schon beim Arzt gewesen wäre, und der gemeint hätte alles wäre okay. Was hätten wir tun sollen?"
Wenn mich heute meine Mutter besuchen kommt, sehe ich immer diesen schuldbewussten Blick in ihren Augen, als wolle sie mich fragen "Nicole, war das alles meine Schuld?" Verstohlen mustert sie mich von oben bis unten, wenn sie glaubt ich merke es nicht. Sie achtet genau darauf, wie viel Zucker ich in meinen Kaffee gebe, und sieht mir angsterfüllt nach, wenn ich zur Toilette gehe. Nein, ich mache ihr keinen Vorwurf. Eigentlich ist niemand Schuld.
Heute bin ich 25 Jahre alt. Bei einer Größe von mittlerweile 1,70m wiege ich 59 Kilo. Ich habe den Weg aus der Magersucht gefunden. Auch wenn er von einigen Rückschlägen gekennzeichnet ist. Es war ein harter Weg, nicht nur für mich.
Essen ist für mich heute kein Genuss, wie für andere, ich habe nach wie vor Angst davor. Doch heute weiß ich, dass ich weder mich noch mein Umfeld jemals wieder derart belügen will. Ob ich mich immer noch für zu dick halte?
Mal ja, mal nein. Oftmals schleicht sich immer noch diese Stimme in mein Ohr ein und flüstert mir zu "Du bist dick, und niemand liebt dich. Alle finden dich abstoßend und ekeln sich vor dir!" Doch heute antworte ich: "Mein Name ist Nicole! Ich bin nicht perfekt, aber ich versuche mich jeden Tag ein Stück mehr zu lieben!"




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