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Geburtstagsparty

Von Miranda Rathmann


Einmal im Jahr hat jeder Mensch Geburtstag, und so manches Jahr ist man dann am überlegen, ob man für seine Freunde eine Geburtstagsparty gibt.
Schon Wochen vorher fange ich an zu überlegen, was ich alles brauchen würde, wen ich dieses Jahr alles einladen würde, wen ich nicht sehen möchte, und wen ich auf keinen Fall vergessen darf, da dies einige Menschen mir sehr verübeln würden.
Aber auch eine Wunschliste muss angefertigt und meinen zukünftigen Gästen so unauffällig wie möglich zugespielt werden. Schließlich möchte ich ja auch etwas geschenkt bekommen, was ich brauche und nicht das, wovon die anderen der Meinung sind, dass ich es unbedingt gebrauchen könnte und ich mich riesig darüber freue. Meistens endet dies nämlich in einer Katastrophe. Ich müsste mich dann auch noch für diesen geschenkten "Schwachsinn" bedanken und so tun, als würde ich mich tierisch darüber freuen. In Wirklichkeit überlege ich dabei meistens schon, was ich mit diesen unnützen, komischen Geschenken anfangen soll. Soll ich sie wegwerfen? Oder doch lieber weiterverschenken?
Aber das geht natürlich nicht.
Der geistreiche Schenker könnte ja irgendwann einmal nachfragen, wo ich seinen ach so lange gesuchten Blumenübertopf mit buddhistischen Liebesgöttern hingestellt habe. Frei nach dem Motto: "Mensch schön, das ich mal wieder bei Dir zu Besuch bin. Gemütlich hast Du es Dir gemacht. Und die frisch gestrichenen Wände. Aber sag mal, ich kann meinen Übertopf nirgends sehen, dabei hab ich doch so lange nach einem passenden Geschenk für Dich gesucht." Ja, was antworte ich dann?
Also muss ich solche Geschenke schon aufheben und mir natürlich merken, von wem was geschenkt wurde, um sie im Notfall (am besten vor dem Besuch des jeweiligen Gebers) wieder hervorzuholen und in Benutzung zu nehmen. Ist der Besuch wieder weg, können sie ja wieder in die alte Kiste im Keller verschwinden.
Na ja, dieses Jahr dachte ich mir, das ich es etwas schlauer anstelle. Ich hatte da ein paar irre Klamotten in der Boutique entdeckt. Sie hatten nur den Nachteil, dass sie mein monatlich zur Verfügung stehendes Budget sprengten. Also beschloss ich, mir dieses Jahr einfach Geldgeschenke zu wünschen.
Die Liste der Gäste war auch schnell geschrieben und ich begann, die einzelnen Leute anzurufen und einzuladen. In den folgenden Wochen ließ ich keine Gelegenheit aus, sie daran zu erinnern und vorsichtig anzudeuten, dass ich dieses Jahr nur Geld geschenkt haben wolle. Ich vergaß natürlich auch nicht zu erwähnen, wofür dies bestimmt sein solle.
Zwei Wochen vor meiner Party ging es dann los zum Einkauf. Es hatten fast 80 Personen zugesagt, da wollte schon eine Menge Knabberzeug, Alkohol, Alkoholfreies und ein kleiner Snack besorgt werden.
Aber wozu hat man denn Freunde. Ralf fuhr dann auch mit mir auch einkaufen.
Dass ich ihn dreimal anrufen musste um einen Termin mit ihm zu vereinbaren, spielte keine Rolle. Ich hatte mein Ziel erreicht und er kam mit.
Während ich wie eine Wilde durch den Laden hetzte und alles zusammensuchte, schaute er bestimmt 100 Mal auf seine Uhr. Dies wurde natürlich immer mit seinen geistreichen laut ausgesprochenen Gedanken unterstützt.
So nach dem Motto: 'Ich habe Hunger. Ich will nach Hause. Ich bin noch nicht geduscht. Ich bin völlig fertig von der Arbeit. Wie lange dauert das denn noch?'
Ich hetzte mich also in dem Laden ab um schnell fertig zu werden, während er es vorzog herumzustehen und zu meckern. Hätte er mir auch nur ein bißchen geholfen, wäre alles viel schneller gegangen und ich hätte nicht die Hälfte vergessen. Aber so sind Freunde nun mal. Also zog ich am nächsten Tag noch mal alleine los, um die restlichen Dinge einzukaufen. Endlich hatte ich alles beisammen und freute mich wie ein Schneekönig auf meine Party.
Einen Tag vorher räumte ich mein Wohnzimmer bis auf die Schrankwand, die Couch und die Stereoanlage völlig leer. Ich benötigte schließlich Platz für meine zahlreichen Gäste.
Die Freunde, die mir ursprünglich dabei helfen wollten, sagten natürlich im letzten Moment, bzw. gar nicht, ab und ich stand alleine da. Na egal. Ich hatte es ja geschafft. Als letztes brachte ich noch Lichterketten an, wechselte die Glühbirnen gegen bunte Lampen aus und stellte Becher, Gläser, Geschirr und Besteck bereit. Die Party konnte steigen.
20.00 Uhr - pünktlich wie immer wenn irgendwo etwas umsonst war, erschien mein Kumpel Horst. Danach kontrollierte ich bestimmt 20 Mal die Klingel und das Telefon. Doch die waren in Ordnung. Endlich gegen 20.45 Uhr kamen noch Anne mit Torsten, Maria mit Stefan, Ralf mit seiner Uschi und natürlich Andi. Ab diesem Zeitpunkt klingelte es nicht ein einziges Mal mehr.
Ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie enttäuscht ich war und feierte mit meinen 8 Gästen. Die Anlage wurde aufgedreht, Getränke geholt, Chips gegessen und gute Stimmung herrschte bei all' meinen Besuchern.
Es wurde getanzt, geredet, getrunken, gegessen und geraucht.
0.00 Uhr endlich durfte ich meine Geschenke öffnen. Ich war neugierig, wie viel Geld zusammenkommen würde.
Meine Gäste waren circa 10 Minuten vorher alle zu ihren Autos verschwunden und mit teilweise riesigen Kartons wieder bei mir erschienen.
Ich ahnte Schreckliches.
Voller Bange, aber mit strahlendem Gesicht (man darf sich ja schließlich nichts anmerken lassen), öffnete ich die Geschenke.
Im ersten befand sich eine Kollektion, zusammengestellt aus Duschgel, Deospray und Parfum. Wollten mir meine Freunde etwa sagen, dass ich stinke?
Uschi´s Kommentar hierzu: 'Ich hoffe, wir haben Deinen Geruch getroffen. War gar nicht so einfach etwas zu finden.'
Von Anne und Torsten bekam ich einen überdimensionalen Aschenbecher und einen Esel. Wenn man ihn am Schwanz zog, nickte er und holte eine Zigarette aus einem Behälter unter sich. Irgendwie hatten beide verfehlt, dass ich seit über einem Jahr nicht mehr rauche. Aber wenigstens waren in der Glückwunschkarte 20,00 DM.
Von Andi erhielt ich ein Päckchen, dass so zugekleistert war, dass ich erst einmal geschlagene 10 Minuten b5rauchte um es zu öffnen. Meine Gäste fanden das natürlich zum totlachen. Ich jedenfalls nicht. Aber wie heißt es so schön? Gute Miene zum bösen Spiel. Im Inneren des Kartons befand sich wieder ein Karton. Natürlich genauso zugekleistert wie der erste. Dieses Spielchen setzte sich noch ganze 10 Mal fort. Ich hatte schon das Gefühl, ich hätte eine Matroschka vor mir, als ich endlich auf Einpackpapier stieß. Voll böser Vorahnung begann ich dieses vorsichtig zu lösen. Nein - ich hätte es mir denken können, eine buddhistische Fruchtbarkeitsgöttin, passend zum Übertopf vom letzten Jahr, kam zum Vorschein. Hätte ich doch nie erwähnt, dass ich irgendwann einmal nach China reisen und mir ein buddhistisches Kloster ansehen wolle. Er muss das wahrscheinlich so verstanden haben, dass ich meine Wohnung in eben dieses verwandeln möchte.
Von Horst, der dauernd pleite ist, erhielt ich eine Geburtstagskarte mit einem Essensgutschein. Den kann ich ja zu meiner Sammlung von Gutscheinen legen, die sowieso nie eingelöst werden.
Lediglich Maria und Stefan hielten sich an meinen Geburtstagswunsch. Sie überreichten mir eine selbstgebastelte Karte, auf der ein 20,00 DM-Schein als Boot, ein 10,00 DM-Schein als Vogel und ein 5,00 DM-Stück als Sonne klebten. Das ganze war als Meerlandschaft getarnt. Na also geht doch und Einfallsreichtum haben die beiden damit auch bewiesen.
Ich bedankte mich freudestrahlend bei allen und hoffte, dass niemand bemerken würde wie enttäuscht ich war. Ich verstaute die Geschenke auf dem Küchentisch und die Party ging weiter.
Kurz nach 1.00 Uhr klingelte es dann Sturm an meiner Tür. Ich drehte die Musik leise und ging öffnen. Vor der Wohnungstür standen 2 Beamte in grün und forderten mich auf, die Lautstärke herunterzudrehen, da sich Nachbarn beschwert hätten. Sie kündigten mir auch gleich an, dass wenn ich ihrer Aufforderung nicht nachkommen sollte, sie bei ihrem nächsten Besuch meinen Verstärker konfiszieren müssten und ich mit einem ordentlichen Bußgeld zu rechnen hätte. Also beugte ich mich der Staatsmacht in grün und stellte die Anlage auf Zimmerlautstärke. Dies war natürlich nicht im Interesse meiner "zahlreichen" Gäste und nur 20 Minuten später saß ich enttäuscht und allein in meinem Wohnzimmer.
In meiner Trübsal beschloss ich, die Wohnung schnell aufzuräumen und dann schlafen zu gehen.
Als erstes wechselte ich die bunten Lichter gegen normale Glühlampen aus und mir bot sich ein Bild des Schreckens. Überall über den Teppich zogen sich Spuren aus umgekippten Getränken, zertretenen Chips und Brandlöchern. Wozu hatte ich noch mal die Aschenbecher aufgestellt? Natürlich ist es keiner gewesen, wenn ich später fragen würde, also beschloss ich dies erst gar nicht zu tun, holte Lappen, Besen, Handfeger und Staubsauger heraus und begann die Schäden so gut es ging zu beseitigen. Bis auf die Rotweinflecken und die Brandlöcher bekam ich auch alles hin. 2 Stunden später hatte ich meine Möbel wieder da wo sie hingehörten und fiel todmüde in mein Bett.
Von meinen Verwandten erhielt ich am nächsten Tag eine Kasserolle, einen Mixer, einen 50,00 DM Gutschein für Karstadt und 100,00 DM in bar. Für den Gutschein kaufte ich mir doppelseitiges Klebeband ein Teppichmesser und Ersatzklingen. Zu den restlichen 155,00 DM legte ich noch mal 145,00 DM dazu und kaufte neue Auslegware für mein Wohnzimmer. Beim Verlegen selbiger kam natürlich niemand um zu helfen, aber eine richtige Frau schafft das ja schließlich auch alleine.
Alles in allem bekam ich (mit dem Gutschein) 205,00 DM. Meine Ausgaben allein für die Party beliefen sich auf satte 300,00 DM. Die tolle Boutique kann ich also vergessen.
Ich glaube, ich werde nächstes Jahr zu meinem Geburtstag verreisen.



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Eingereicht am 22. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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