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B r e a k

Von Gitte Kiefer


Ein ganz normaler, schöner Spätsommertag.
Um 8.30 Uhr schließe ich - wie jeden Tag - mein Sonnenstudio mitten in unserer kleinen Provinzstadt auf.
Es ist keines von den großen, aber es ist meins und es gefällt mir.
Jeden Tag geöffnet von morgens 9.00 Uhr bis abends 10.00 Uhr. Wochenende natürlich auch. Nur nicht so lange.
Hier dürfen die Kunden noch rauchen, was ich jeden Tag sofort nach dem Aufschließen riechen kann. Es ist eine Mischung aus Qualm, verschiedenen Cremesorten (meist Coconut) und ausgedünsteter Menschenhaut.
Aber kein Problem. Ich schalte die Klimaanlage an und lasse die Eingangstüre zum Durchlüften offen.
Zwischenzeitlich stelle ich das große und sehr schwere Schild aus Stahl mit der Aufschrift "Sonnenstudio" und "Offen" auf den Bürgersteig. Es dreht sich immer so lustig im Wind. Manchmal aber, bei Sturm, geht es auf Reisen, und ich muss es dann wieder einfangen.
Auf dem Rückweg nach innen passiere ich den großen Garderobenspiegel neben der Palme, an deren Stamm ein lustiges Äffchen hervorlugt. Meine Damen haben es mir unter anderem zu meinem letzten runden Geburtstag geschenkt.
Ich verweile kurz und schaue mich im Profil an. Obwohl ich genau weiß, dass dieser Spiegel einer jener charmanten Lügner ist, die das Gesehene weiß-pink kommentieren, betrachte ich mich wohlwollend.
Gar nicht schlecht für eine Lady, die gerade 50 Jahre geworden ist. Ich bin guter Dinge, noch einige Jahre auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten mithalten zu können.
Fast jede einzelne Kabine, in denen die Sonnenbänke stehen, ist außen noch einmal mit dieser Art Lügenspiegel verkleidet. Zusätzlich sind sie noch getönt, damit alles in einer optimalen Nuance erscheint.
Ich finde es ok so.
Hier werden nicht nur Wärme und Sonne verkauft, sondern auch individuelle IIIussionen.
Ich schalte den Nebler in der Ecke ein, den ich liebevoll mit Muscheln und Pflanzen dekoriert habe.
Meist verbreitet er meine Lieblingsaromen von Citrus und Bergamotte mit einem Hauch Canabis.
Ansonsten sind die Kabinen weiß und oben und unten mit zarten pinkfarbenen Rändern abgesetzt. Die Decke und die Kacheln am Fußboden sind ebenfalls weiß. Alles hell und freundlich. Natürliche Blumen an der großen Fensterfront und viel Kunststoff-Efeu als Dekoration.
Alles für ein gutes Feeling. Bloß keine Depressionen oder Melancholien in einem Sonnenstudio.
Ich gehe hintern Tresen, der ebenfalls in weiß-pink gehalten ist, lege das Wechselgeld in die Kasse, die in der abschließbaren Schublade steht und schalte die brandneue Jura-Kaffeemaschine an.
Alle loben meinen guten und fast geschenkten Kaffee.
Dann gehe ich nach hinten, leere den Wäschetrockner mit den am Abend zuvor gewaschenen Handtüchern. Diese falte ich auf der Platte hinterm Tresen und lege sie sorgfältig geordnet nach Farbe und Größe in ein stahlblaues Regal hinter mir.
Die ersten Kunden sind schon da. Viele kommen schon vor der offiziellen Öffnungszeit. Warten oft schon vor der Türe auf mich - begierig, mir Neuigkeiten zu berichten oder ihren Seelenmüll auf mir abzuladen.
Ich mag sie alle. Sie sind meine Familie. Wenn einer mal 'ne Weile nicht kommt, mache ich mir Sorgen.
Morgens kommen die Hausfrauen, Schichtarbeiter oder jetzt auch Arbeitslose. Viele wollen bei mir arbeiten.
Aber ich habe schon 10 Mitarbeiterinnen, eigentlich schon zu viele, um noch gut zu verdienen.
Die ersten Sonnenbänke laufen schon. Ihr Geräusch übertönt die sorgfältig von mir ausgewählte Musik im Außenbereich. Der ausgeschenkte Kaffee duftet köstlich und die ersten Zigaretten werden schon geraucht.
In der gemütlichen Polsterecke sitzen einige, lesen Zeitung und warten auf eine freie Kabine.
Am Tresen wird wild diskutiert über Aktien und Neuer Markt.
Ich liebe diese Atmosphäre mit Haut und Haaren.
In den letzten Jahren bin ich ein Junkie meines eigenen Jobs geworden.
Eine Kundin betritt den Raum. Sie ist eine wegen ihrer Schönheit und Erotik gefragte Schauspielerin.
Ich war schon immer ein großer Fan von ihr, auch vor meiner Studiozeit. Sie ist einfach gut finde ich.
Sie kommt nicht oft. Zu viel Sonne macht Falten, da muss sie aufpassen, immerhin ist sie exakt in meinem Alter.
Ungeschminkt, mit Brille und Kopftuch, erkennt sie niemand. Sie ist ein ganz normaler Mensch, so wie jeder hier. Irgendwie tröstlich denke ich.
Sie nimmt eine von den leichten Bänken und verschwindet in einer Kabine.
Draußen ist mittlerweile die Sonne schon fast im Zenit. Ein Bilderbuchtag mit einem eisblauen Himmel, gleich den Augen eines arktischen Schlittenhundes.
Ich bin sehr zufrieden, fast glücklich. Schönes Wetter und so viele Kunden. Alle mögen mich. Ich bin die Beste, trotz starker Konkurrenz.
Ein ganz normaler, schöner Spätsommertag.
Kurz bevor meine Schicht zu Ende ist, kommt der Waldmensch. Alle nennen ihn hier so. Keiner kennt seinen wirklichen Namen.
Meine Damen sind nicht von ihm begeistert, weil er so stinkt, und sie später mehr Arbeit mit der Reinigung der Kabine haben. Ein Gestrandeter, der am Leben zerbrochen ist und jetzt in den Wäldern rings um unsere Stadt haust.
Er darf hierher kommen. Hin und wieder braucht jeder Wärme und Zuwendung. Vielleicht kommt er auch, weil er sich hier mal wieder säubern kann.
Die kostenlos bereitgestellte Bodylotion ist nach ihm immer alle. Aber was macht das schon.
Jeden Tag eine gute Tat. Alte Pfadfinderregel, meine Devise!
Ein ganz normaler, schöner Spätsommertag.
Kurz vor 14.00 Uhr kommt Alex. Ich habe sie vor einem Jahr eingestellt. Früher hat sie bei der Konkurrenz gearbeitet und war dann in der Nachbarstadt in einem Fitnessstudio. Außerdem ist sie noch Nageldesignerin. Sie macht echt geile erotische und künstlerische Fingernägel. Leider nicht das, was die meist ländlich strukturierten Durchschnittsfrauen hier so wollen oder brauchen.
Sie ist mir eine echte Stütze geworden.
Man merkt ihr an, dass auch sie die Arbeit genießt. Auch sie ist Junkie durch und durch.
Wir brauchen beide das Feedback der Kunden zu unserer Bestätigung. Mehr und mehr avanciert sie zu meiner Vertreterin, was natürlich zu Querelen zwischen ihr und meiner bisherigen Vertreterin führt.
Alex ist aber nicht nur eine gute Mitarbeiterin. Wir sind Freundinnen geworden.
Wir rechnen die Kasse ab, tauschen die notwendigen Informationen aus.
Ich setzte mich auf den Barhocker vor der Theke, trinke noch eine Tasse von meinem extra für mich einprogrammierten rabenschwarzen Mokka und rauche eine Zigarette.
Mit Claudia, einer herzerfrischend witzigen Kundin, necke ich mich. Wir haben viel Spaß und lachen laut.
Ein ganz normaler, schöner Spätsommertag.
Mit meinem alten klapprigen schwarzen Golf bin ich bald zu Hause. Schon auf der Treppe begrüßt mich mein Kater Nightmare, indem er mir mit seinem weichen Fell um die Beine streichelt. Im Wohnbereich sind keine Türen. Alles ist offen. Er rennt gleich in die Küche, wo sein Fressnapf steht. Das macht er immer so.
Tagtäglich die gleichen Wege, die gleichen Gesten, die gleichen Geräusche.
Es ist wie ein Ritual. Langweilig irgendwie, aber dennoch beruhigend. Draußen vor der Tür warten noch einige Bauernkatzen vom Dorf. Arme vernachlässigte Kreaturen, die von mir immer gut behandelt und gefüttert werden. Aber ich muss vorsichtig sein, mein Mann kann keine Katzen leiden und findet, dass eine schon mehr als genug ist. Hoffe manchmal, er möge als Katze bei sich zu Hause wiedergeboren werden.
Alle Tiere haben nun gut gegessen und trollen sich ihrer Wege.
Alles im Lot, alles im grünen Bereich, alles ist gut.
Ein ganz normaler, schöner Spätsommertag.
Ich öffne eine von meinen Türen, die nach draußen auf die Terrasse und in den Garten führen.
Da höre ich es in der Küche ganz fürchterlich laut scheppern und vibrieren.
Zunächst habe ich Angst, denke, es wird etwas explodieren, die Küche wird in die Luft fliegen.
Aber was soll es sein? Ich habe kein Gas. Oder ist es ein Flugzeug?
Erinnerungen vom letzten Jahr kommen hoch, als bei meinem Mann in die Firma die Teerkessel mit den gigantischen Gasflaschen gebrannt haben. Todesmutig hat er mit den viel zu kleinen Feuerlöschern gelöscht, bis endlich die Feuerwehr kam.
Ich habe derweil feige Deckung nehmend hinter einer Mauer gestanden.
Aber immerhin habe ich die Feuerwehr dorthin bestellt, weil der Mann vom Notruf meinen Mann nicht mehr verstehen konnte, dessen Sätze sich in der hellen Aufregung überschlugen.
Wieder an der Wand lang Deckung nehmend schleiche ich mich zur Küche vor. Wage es schließlich, meinen Kopf ganz leicht hinter der Wand hervorschauen zu lassen.
Nichts ist zu sehen. Nur ganz vorne, im weißen turmartigen Kühlschrank, scheint das Chaos ausgebrochen.
Es scheppert und klappert fürchterlich.
Was ist es nur? Ist es ein technischer Defekt? Sind es Geister? Ist es ein Erdbeben? Keine Ahnung!
Ich habe Angst!
Nach ca. einer halben Minute ist alles vorbei.
Alles ist ruhig. Sehr ruhig. Zu ruhig!
Endlich lässt das Schlagen meines Herzens nach. Ich will nicht, aber muss nun nachsehen.
Alles muss im Kühlschrank kaputt sein. Ein gewaltiges Chaos erwartet mich. Ich bin ganz sicher!
Aber alles ist normal. Nichts ist umgefallen. Alles steht an seinem Platz.
Alles im Lot, alles im grünen Bereich, alles ist gut.
Ich verstehe es nicht, denke noch eine Weile darüber nach. Denke an technischen Defekt, denke an Geister, böse oder gute, ich weiß es nicht.
Ich stecke mir die x-te Zigarette für heute an.
Normalerweise esse ich immer etwas, wenn ich vom Studio nach Hause komme.
Da ich fast immer allein bin, gehe ich dann mit dem Essen zum Fernseher und schalte mir diesen an.
Esse, schaue und entspanne.
Heute gehe ich nur mit Zigarette zum Fernseher. Es dauert eine kurze Weile bis das Bild kommt.
Ich sehe eine Kamera die auf einen brennenden Turm des World Trade Centers in New Yorck gerichtet ist.
Ich sehe ein großes Passagierflugzeug in den zweiten Turm rasen.
Ich sehe, wie die Türme nach einiger Zeit zusammenbrechen.
Riesige Staubwolken unter einem eisblauen wolkenlosen Himmel an einem schönen Spätsommertag.
Ich kann nicht glauben, was ich da sehe. Ich will es nicht glauben!
Es ist der 11. September 2001.
Nichts ist mehr im Lot, nichts im grünen Bereich und nichts ist gut.
Ich hoffe auf den Winter, der - eiskalt und gleich einem Kühlschrank - gnädig alles mit einer weißen Schneeschicht zudeckt.
Mein Studio existiert heute nicht mehr.
Meine Familie ist auseinander gebrochen. Einige sind verstorben.
Manche, denen ich auf der Straße begegne, erkennen mich nicht mehr oder wollen es nicht. So, als hätte uns niemals etwas verbunden.
Ich verstehe das. Mir geht es ebenso.
Ich bin viel allein. Aber es ist mir egal.
Alles ist irgendwie im Lot,
alles ist irgendwie im weiß-pinkfarbenen Bereich,
alles ist irgendwie ok.



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Eingereicht am 11. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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