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Kurzgeschichte Afrika Kurzgeschichten
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.

Die genetische Veränderung

©  Micheline Holweck


Jürg parkiert seinen Mercedes in der Tiefgarage und fährt mit dem Aufzug in sein Appartement. Er ist ein gepflegter, junger Erfolgstyp. Den Laptop-Computer stellt er auf den Kristalltisch im Wohnzimmer. In der Wohnung ist es angenehm warm, dank der Bodenheizung. Somit zieht Jürg die Jacke seines eleganten Anzugs aus und hängt sie über die Lehne des Chromstahlstuhles, neustes Designmöbel. Alles ist auf Hochglanz poliert, denn die Reinmachfrau nimmt ihre Arbeit ernst. Jürg ist nämlich allergisch gegen Staub. Auch hat sie ihm Lachsbrötchen und Kaviarschnitten bereitgestellt. Grossen Hunger verspürt Jürg nicht, da er bereits mit einem Geschäftskollegen im In-Lokal "Grenzenlos" ein Häppchen gegessen hatte. Gerade möchte er sich den Champagner aus dem Kühlschrank nehmen, da läutet es an der Haustüre.
"Nanu, wer ist das wohl, zu so später Stunde?", fragt sich Jürg halblaut. "Ja, bitte!", spricht er ihn die Gegensprechanlage.
"Guten Abend. Mein Name ist Samuel, ich stamme aus Äthiopien und sammle Spenden für die Hilfsorganisation "Zusammen geht's besser". Möchten sie sich gerne daran beteiligen, meinem Volk in Afrika zu helfen?"
"Nein, geht mich nichts an. Guten Abend!"
Prickelnd fliesst der eisgekühlte Champagner ins Glas. Jürg stellt den Fernseher an und macht es sich auf dem schwarzen Ledersofa gemütlich. Er würde heute nicht all zu spät zu Bett gehen, da er morgen früh mit dem Sieben-Uhr-Flug nach Südafrika fliegen wird. Jürg gehört einem Forschungsteam an, welches die Auswirkungen genetischer Veränderungen testet. Natürlich ist diese Versammlung geheim, da diese Art Forschung allgemein umstritten ist. Jürg ist gespannt, was seine Kollegen aus der ganzen Welt zu seinen Testergebnissen sagen werden. Natürlich wird er eine ganze Sammlung an Behältern mitbringen, die seine ausgezeichneten Resultate beweisen.
Der Fernsehfilm wird durch eine kurze Reportage über die Hungersnot in Afrika unterbrochen. "Sollen doch mal etwas anpflanzen. Was gehen mich denn diese ausgemergelten Gestalten an? Nur noch mehr Kinder auf die Welt stellen und dann nur im Schatten sitzen und warten, bis ihnen jemand hilft", wettert Jürg vor sich hin.
Pünktlich hebt der Flieger ab, Richtung Johannesburg, Südafrika. Nach gut fünf Stunden Flug meldet der Kapitän: "Darf ich sie alle bitten, sich anzuschnallen und den Sitz geradestellen. Es sieht so aus, als würden wir in einen starken Sturm geraten. Leider gibt es keine Ausweichstrecke."
Jürg blickt nur kurz von seinen Computerausdrucken hoch und beruhigt seine erschrockene, schwarze Sitznachbarin: "Es wird wohl nur zwei Mal etwas rütteln und schon ist alles überstanden. Kein Grund sich Sorgen zu machen."
Bald stellt Jürg bestürzt fest, dass er sich geirrt hatte. Wie ein Spielzeug schüttelt der starke Wind das Flugzeug hin und her. Der Pilot scheint, zu versuchen, an Höhe zu gewinnen, um dem Sog zu entfliehen, doch vergeblich, die Maschine wird immer mehr nach unten gedrückt. "Bitte setzen sie sich die Sauerstoffmasken auf", ertönt die Stimme des Piloten.
Jürg umklammert fest seinen kleinen Koffer, mit allen seinen Experiment-Proben darin. Jahrelange Arbeit steckt in diesen kleinen Reagenzgläsern. Später kann sich Jürg nur noch an einen lauten Knall, einen starken Luftzug und einen stechenden Schmerz in der Lunge erinnern.
Langsam versucht Jürg seine Augen zu öffnen, er blinzelt mehrmals, denn die Sonne blendet ihn. Er spürt eine trockene Hitze, seine Lippen sind spröde und sein Rachen scheint sich in ein Schmirgelpapier verwandelt zu haben. Jürg hört das Zirpen der Zikaden, ansonsten herrscht absolute Stille. Mit den Händen tastet er den Boden unter sich ab. Erstaunt stellt er fest, dass er auf ausgetrocknetem Erdboden liegt und neben ihm recken sich ein paar verdorrte Grashalme in die Höhe. "Wo bin ich denn?", fragt Jürg. Vorsichtig setzt er sich auf, alle seine Glieder schmerzen. Angestrengt versucht er sich zu erinnern, was passiert ist. "Ich befand mich im Flugzeug nach Südafrika. Da waren Turbulenzen, ein Knall und.... nichts. Das Flugzeug muss abgestürzt sein", folgert er aus den Umständen. Nun fällt sein Blick auf seine ausgetrockneten Hände. Ein Schrei entfährt ihm! Seine Haut ist schwarz! Er zieht den Jackenärmel hoch. Auch seine Arme sind dunkel geworden. "Mein Koffer! Wo ist mein Koffer mit den Experimentproben?"
Jürg schaut sich vergebens suchend um. Dann steht er auf und torkelt herum, auf der Suche nach der schwarzen Koffer. Plötzlich drängt ein Schrei aus seiner trockenen Kehle! Hinter einem Dornengebüsch liegt die Frau, welche im Flugzeug neben ihm gesessen hatte. "Ich werde verrückt", murmelt Jürg. "An diese Kleider kann ich mich ganz genau erinnern, dieser farbenfroh gemusterte Stoff des Kleides ist mir vom ersten Moment an aufgefallen. Doch diese Frau war schwarz und nun ist sie weiss!" Beruhigt stellt er fest, dass sie atmet und keine sichtbaren Wunden hat. "Warte hier, ich werde Hilfe holen", spricht Jürg, wohl eher zu sich selbst und schleppt sich hinkend davon. Die Sonne brennt erbarmungslos auf ihn herab. Nach gut einer Stunde Fussmarsch trifft er auf fünf Ziegen und einen schwarzen, jungen Hirten, der wohl nicht älter ist, als sieben Jahre. Um seinen schmächtigen Körper hat er ein weisses Baumwolltuch gewickelt, welches auf der rechten Schulter zusammengeknüpft ist und in der linken Hand hält er einen langen Holzstecken. Der Junge geht barfuss. Jürg spürt auch durch seine Schuhsohle hindurch die starke Hitze, welche der Boden ausströmt, er kann sich nicht vorstellen, wie der Knabe es ohne Schuhe aushalten kann. Um sich mit dem Jungen zu verständigen, zeichnet Jürg in die trockene Erde Figuren. Sofort begreift der kleine Hirte, dass sie im Dorf Hilfe holen müssen und er führt Jürg zu seiner Familie. Ein paar schwarze Frauen setzen den Fremden in den Schatten eines Baumes. Die Männer des Stammes ziehen aus, um die verletzte Frau zu suchen. Dankend nimmt Jürg die Kürbisflasche entgegen, die ihm eine junge Frau hinstreckt. Gierig trinkt er das Wasser, welches sehr erdig schmeckt. Kurz darauf bringt die Frau ihm ein Stück Fladenbrot, Ziegenmilch und Hirsebrei. Hungrig verschlingt er alles und auf einmal tauchen vor ihm die Bilder aus dem Fernsehen auf, von der Hungersnot in Afrika. Die Frau, welche ihn verköstigt hatte, sitzt nur wenige Schritte von ihm entfernt. Ihr Körper besteht eigentlich nur aus Haut und Knochen. In ihren Armen hält sie ein Neugeborenes, welches an ihren leeren, hängenden Brüsten saugt. Jürg spürt auf einmal, wie schwer ihm das Essen im Magen liegt. "Sie haben nicht einmal genug zu essen für sich selber und haben mir ohne zu zögern ihre wenige Nahrung gegeben. Wie konnte ich das nur annehmen?", fragt sich Jürg beschämt. Die Luft steht still, kein Windchen geht und die Sonne brennt. Aus der Ferne sieht man die Stammesmänner sich dem Dorf nähern. Mit Hilfe der Zeichensprache erklären sie Jürg, dass die weisse Frau nicht mehr lebe, sie sei auf dem Weg ins Dorf aus dem Leben geschieden.
Jürg bekommt für die Nacht einen Platz in einer der Hütten zugewiesen. Lange findet er keinen Schlaf. Der harte Boden unter ihm lässt ihn alle seine Knochen spüren. Er wickelt sich fest in die wollene Decke, da es in der Nacht sehr kühl geworden ist. Sein Verstand arbeitet auf Hochtouren, denn er muss herausfinden, warum beim Flugzeugabsturz seine Hautfarbe mit der, seiner Sitznachbarin vertauscht wurde. Irgendwann schlummert er ein. Mitten in der Nacht schreckt er aus seinem Traum hoch. "Meine Reagenzgläser mit den Experimenten!", murmelt Jürg. "Eine Substanz muss bei uns diese Genveränderung hervorgerufen haben, doch es ist mir unerklärlich, wie das passieren konnte." Als die Sonne aufgeht, kommt Leben ins Dorf. Ziegengemecker, herzliches Lachen und Kindergeschrei dringen durch die dünne Wand zu Jürg herein. Er ist wach, doch er möchte seine Augen noch nicht öffnen. Er hatte einen merkwürdigen Traum gehabt: da war ein Wirbelwind, seine Farben wechselten unaufhörlich und auf einmal formt sich darin ein Gesicht das zu ihm spricht: "Du warst blind, doch das Schicksal holt jeden ein, wenn es auf dem sanften Weg nicht geht, dann eben auf die heftige Weise."
Die Eingeborenen geben ihm zu verstehen, dass der nächste Ort tagelange Fussmärsche entfernt ist. Somit fügt sich Jürg erst mal seinem Schicksal und gliedert sich im Stamm ein. Tatkräftig hilft er mit, seine Hütte zu bauen, die aus Ästen, Erde und Mist besteht. Erst nach Tagen verduftet der eklige Gestank und er kann sein neues Zuhause beziehen. Die Tage, Wochen und Monate vergehen. Jürg trägt brennbares Holz zusammen, hilft beim Schlachten der Tiere, versucht Korn anzupflanzen und macht sich daran, einen Brunnen zu graben. Seine glatten, perfekt geschnittenen Haare sind lang und verfilzt geworden. Die feinen, gepflegten Hände haben Hornhaut bekommen und sein Körper ist ausgetrocknet von der Sonne. Jürg versteht die Sprache seiner neuen Familie immer besser. Er geniesst es sogar, abends mit den anderen Männer um das Feuer zu sitzen und ihren Geschichten zu horchen.
Eines Tages, Jürg ist gerade am ernten des Korns, das er mit aller Liebe gehegt und gepflegt hatte, da hört er ein lautes Geräusch am Himmel über ihm. Neugierig hebt er seinen Blick zum Himmel hoch. Ein kleines Flugzeug befindet sich im Landeanflug. "Sie haben mich gesucht!", entfährt es Jürg. "Hier bin ich! Hier!" Die Maschine landet nicht weit von ihm entfernt und wirbelt eine grosse Staubwolke auf. Schnell rennt Jürg zur Fahrerkabine. Erschrocken schaut ihn der Pilot an und er zögert einen langen Moment, bevor er die Tür öffnet. "Endlich kommt ihr mich holen! Danke! Vielen Dank!", spricht Jürg in eher abgehacktem Englisch, da er sich nur noch gewohnt ist im Dialekt des Stammes zu sprechen. "Wie viel Zeit, ja sogar Jahre sind wohl vergangen, seit er den Flugzeugabsturz hatte?", überlegt Jürg.
"Was willst du von uns? Wir sind Forscher und müssen den Boden hier untersuchen. Du musst dir jemand anderen suchen, der Zeit hat Halbwilde zu retten!", meint einer der jungen, gepflegten Männer, die inzwischen aus dem Flugzeug gestiegen sind.
"Ich bin doch auch ein Forscher. Vor langer Zeit bin ich auf dem Flug nach Johannesburg mit dem Flugzeug hier abgestürzt und durch eine genetische Reaktion bin ich schwarz geworden."
"Lass uns in Frieden und erzähl deine Geschichten deinen Ziegen."
"Du bist doch selber Schuld für dein Elend", doppelt ein anderer nach.
Jürg schaut an sich herunter. Sein ausgemergelter Körper ist nur mit einem Lendenschurz bedeckt, Schuhe hatte er keine mehr und nur die nicht gekrausten Haare unterscheiden ihn von seinen Stammesgenossen. "Wer soll mir diese Verrückte Geschichte schon glauben?", gesteht Jürg halblaut ein, wendet sich um und geht zu seinem kleinen Kornfeld zurück. Nach einer guten Stunde steigen die Forscher wieder in ihr Flugzeug und starten. Langsam steigt die Maschine dem Himmel empor. Jürg schaut ihr nach. Da sieht er auf einmal einen grossen Sandsturm in der Ferne. Kurz darauf formt sich daraus eine trichterförmige Staubwolke und steigt immer höher. Das kleine Flugzeug wird eingehüllt. Kurz darauf ist der Himmel wieder strahlend blau, keine Staubwolke, kein Flugzeug ist zu sehen. Jürg trägt stolz seine Ernte ins Dorf. Mit diesem Korn ist die Hauptnahrung für die kommende Zeit gesichert.




Eingereicht am 29. November 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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