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Kurzgeschichte Afrika Kurzgeschichten
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.

Tod auf dem Nil

©  Ulrich Rakoún


Sanft gleitet der alte Kahn in der Abenddämmerung über den friedlichen Nil, die warme und doch zugleich auch etwas erfrischende Luft eines leise wehenden, mit dem menschlichen Hörorgan gerade noch wahrnehmbaren Abendwindes fährt mir durch die kurz geschnittenen Haare, streichelt fast schon zärtlich meinen Kopf von allen Seiten, bevor sie mich wieder verlässt, um in der schnell anbrechenden Dunkelheit eines sich früh ankündigenden Abends oder einer bereits langsam hereinbrechenden Nacht zu verschwinden - der Scirocco zieht vorbei.
Dann plötzlich das in der Stille laute Aufkreischen von irgendwelchen Vögeln, deren Namen mir unbekannt sind (vielleicht sind es die silberweißen Reiher, denen ich schon während des nachmittags auf meiner Reise so oft begegnet bin) - ohne Echo und ohne Resonanz auf dieselbe Weise verschwindend, wie der warme Wüstenwind Afrikas. Dumpfe, jedoch angenehme Ruhe breitet sich über dem Fluss aus (sie will die Ruhe der Tiere und Menschen beidseits der Ufer, deren Existenz man sich in der Nacht nur vorstellen kann, wohl sicher nicht stören), dessen im Mondlicht grünlich schimmernde Oberfläche immer mehr unter dampfenden Nebelschwaden verschwindet - versinkt und ihr ursprüngliches Angesicht dabei verliert - verändert. Die warmen Dämpfe dulden keine Ruhestörung, denn sie behalten alle Geräusche für sich. Eine Kuh versucht noch einmal mit ihrem Geblöke die Stille der Dunkelheit zu durchbrechen, wird aber dabei sofort verschluckt von den Dämpfen, die langsam im Wasser untergehen.
Jetzt haben die seltsamen, fast schon mystischen Dämpfe mein Gehirn so sehr umnebelt, dass ich für einige Minuten wie betäubt auf den Boden des Kahns sinke und mir dabei die Papyrusrolle mit den Göttern und Königen der alten ägyptischen Welt aus den Händen gleitet. Und so verschwinden die Gestalten der ägyptischen Mythologie: Isis die Göttin der Königsthrone mit ihrem Gemahl Osiris, dem sterbenden Gott der Erde und dem Regent der Unterwelt, gefolgt von Seth, dem Gott der Wüste und Verwirrung und Bruder von Osiris langsam von der Papyrusrolle in ein auf dem Wasser treibendes Boot, mit dem sie sich augenblicklich aus meinem Gesichtsfeld und meinen Gedanken entfernen. Später erfahre ich noch auf einer anderen Papyrusrolle, dass Seth seinen Bruder Osiris auf grauenvolle Weise umgebracht hat und Isis ihn durch Zauberei wieder zum Leben erweckte. Aber das passt eigentlich schon nicht mehr hierher (genauso wenig wie der zweite Tod von Osiris), gehört schon zu einem anderen späteren Traum.
Als ich wenig später wieder zu Bewusstsein gelange, halte ich die Rolle mit dem Papyrus immer noch in den Händen, die nun jedoch leer und unbemalt ist, weil die Götter und Könige wieder in eine mir unbekannte Welt, aus der sie gekommen waren, verschwunden sind.
Die Nacht bricht jetzt endgültig herein über mich und mein Boot und über alle die lautlosen Begleiter, die ich weder hören noch sehen kann. Letzteres wohl noch weniger als gar nicht, denke ich im Stillen, denn ich bin doch nur ein armseliger Mensch mit einem begrenzten Wahrnehmungsvermögen. Die nur mein Unterbewusstsein gerade noch aufspüren kann. Eine Nacht, die nicht bereit zu sein scheint, irgend etwas anderes als sich selbst und keine noch so fremden oder vertrauten Geräusche zu erdulden.
Ich habe mich nun schrittweise der Ruhe der Nacht und des Nils überlassen. Sie ist zu meiner stillen Gefährtin - Geliebten geworden. Hat mich nicht danach gefragt, ob ich mit ihr kommen wollte, bevor sie mich mit ihrer Wärme umgeben, umflutet hat. Noch weniger hat sie mich vorher gebeten, zu mir kommen zu dürfen. Ohne Ankündigung ist sie so in mein Leben eingetreten. Nun also überlasse ich mich ihr und dem milden Nachtwind. Meine Geliebte die Nacht ist so warm und streichelt mich, denke ich noch bevor ich einschlafe. Sie ist wie der Tod, der dann beginnt, wenn ich schlafen werde und endet, wenn es draußen wieder hell wird über dem Nil. Ich treibe noch ein kleines Stück über den großen und stillen Strom weiter in Richtung Süden. Irgendwo hat meine Reise begonnen und irgendwo wird sie auch wieder zu Ende sein. Vielleicht in Luxor oder in Assuan, denke ich noch weiter bevor mich der Schlaf liebevoll besiegt hat. In dieser Nacht…
Aber ganz plötzlich erwache ich aus dem gerade erst begonnenen Traum durch ein buntes Gemisch von allmählich zunehmenden Geräuschen. Es sind die von Menschen, wie ich meine, denn die Rufe eines Muezzins (wie mir scheint von einem Tonband) sind auch darunter. Sie werden immer lauter, je weiter der Kahn mit mir nach vorne treibt. Ich fahre hinein in den warmen Bauch einer Stadt, deren Name mir unbekannt ist, und die vorher gerade aufgekommene frische Kälte über und von den beiden Seiten des großen Wassers beginnt zunehmend einer neuen, ungewohnten Wärme den Raum zu überlassen. Auch jene damit verbundenen, eigenartigen und etwas exotischen Gerüche umgeben mich jetzt. Die des großen Bauchs, so bin ich mir sicher. Einzigartige Geruchsharmonie. Komposition eines neuen, ureigenen Parfums und an mein Ohr dringende symphonische Klänge dazu. Farbige Geruchssymphonie. Ich nehme sie wahr - rieche und fühle sie, die vielen Gewürze aus tausend und einer Nacht. Von Menschenhand zubereitet. Und dann auch den Staub über der Stadt und die Fäkalien, die der Bauch nicht mehr halten kann. In dieser Nacht…
Zwei Felukken, ohne irgendwelche Menschen darauf, fahren nun an mir und meinem nächtlichen Leben vorbei und senden ihren Gruß an den Kahn und die Nacht. Auch das friedliche, kleine Schiff auf dem ich mich befinde, setzt sich wieder mit mir als seinem einzigen Passagier in Bewegung und verlässt ohne einsam zu sein die Menschen, den Bauch und die Stadt. Sie fehlen mir nicht, vor allem die Menschen nicht, denn die Mystik der ägyptischen Nacht hat mich wieder eingeholt, lässt mich nicht mehr los, zieht mich voran. In den Schlaf und vielleicht auch in den damit verbundenen kleinen Tod, der jedoch sicher oder bestimmt mit den ersten Sonnenstrahlen am nächsten Morgen zu Ende sein wird. Auch die Götter scheinen müde zu sein und zu schlafen, und ich störe sie deshalb nicht mehr.
Ich danke dem großen Nil, bevor mein neuer Schlaf beginnt, der mich nun überfällt (nein streichelt) und die letzten dunklen Wiesen und Felder beidseits des Wassers, die ich mir eben noch eingebildet hatte, meinem virtuellen Sichtfeld entreißt. Es wird aber sicher nicht der Tod sein (weder der kleine noch der große), denke ich noch, bevor ich im Schlaf bald darauf von dem großen Wasser träume, auf dem ich leise dahin gleite. Morgen werde ich mit den ersten Sonnenstrahlen Luxor erreichen. Der Sphinx grüsst mich schon aus der Ferne und flößt mir damit ungewollt etwas Angst ein. Ja, in der Frühe werde ich dich endgültig oder für eine längere Zeit verlassen müssen, großer Nil. Aber für diese eine, meine letzte Nacht auf dir gibst du mir noch eine Hoffnung, bist mir ein vertrauter Gefährte und ein Weg zu meinem Ziel.
Ja, mein treuer Freund, du hast mich eine Nacht lang ein Stück weit auf dem Weg zu meinem inneren Frieden begleitet -
Danke großer Nil.




Eingereicht am 09. August 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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