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Kurzgeschichte Afrika Kurzgeschichten
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.

Siss wowo

©  Ihepih


Nosy be. Es ist frisch heute Morgen. Um 7.00 Uhr sind es nur 25°C im Schatten und der Himmel ist blau, das Meer ist blau und ich werde langsam wieder nüchtern. Ich sitze auf einem begrünten Stück Strand, das so etwas ähnliches sein soll, wie ein Garten. Das Steppengras hinterlässt deutliche Spuren in der Fußsohle und barfuß geht hier kaum einer. Das kleine Haus, in dem wir leben, ist schon so aufgeheizt, dass man es darin nicht mehr aushält. Cola mit Rum ist die einzige Erfrischung, die den Tag erträglich werden lässt. "Siss wowo" - Nichts Neues - grüßt mich Abdulla, der Nachtwächter. Ein pechschwarzer, großer, muskulöser Mann aus Martinique. Er liegt jede Nacht mit einer Machete bewaffnet, vor unserem Haus und hält Wache. Jetzt ist er fertig, scheint sehr zufrieden und geht von dannen.
Am Strand schlendern die Tagelöhner vorbei. Sie haben es nicht eilig, keiner hat es hier eilig. Sie gehen Steine klopfen. In sengender Hitze, den ganzen Tag lang, bis kurz vor Sonnenuntergang. Die Temperatur steigt und hemmt jede Intention, sich zu bewegen. Die Wellen züngeln ein wenig am Strand, scheinen aber auch keine Lust zu haben, eine Demonstration von Kraft abzugeben. Ein leichter Hauch lässt die Palmen wedeln, nur kurz. Ich sitze auf einem großen Stein unter einer breiten Palme und döse in der Hitze. Es ist erst früh am Tag und es wird sich wohl wieder nichts ändern.
Ein Gecko sitzt plötzlich neben mir und scheut mich nicht im Geringsten. Warum auch? Ich beobachte ihn, und es scheint, als beobachte er mich auch. Am Strand tauchen madagassische Kinder auf, denen die Hitze nichts anzuheben scheint. Ein wirrer Stoffklumpen dient ihnen als Fußball. Laute Begeisterung begleitet ihr Spiel. Der Klumpen trudelt ins Wasser und verwandelt sich im Sand zu einem panierten Ball.
Die Kinder gehen langsam wieder auseinander. Sie müssen jetzt zur Arbeit. Auf den Zuckerrohrfeldern sammeln sie die Halme auf, die nach der Ernte liegen geblieben sind. Das ganze Jahr über ist Ernte. Das ganze Jahr über wird Zucker hergestellt und das ganze Jahr über wird Rum gebrannt.
Jacqueline, das Hausmädchen kommt mit einem Korb voll geplätteter Wäsche und begrüßt mich auf madagassisch: "N'wowo?" "Gibt's was Neues?" Ich antworte mit "Siss wowo". "Bon" sagt sie, wie alle Madagassen und geht zufrieden ins Haus, um ihre Arbeit zu verrichten. Ich wechsele von Cola mit Rum auf Caipirinha.
Der Gecko ist verschwunden und ich wende mich den Papayas zu, die an einem Strauch neben mir hängen und verlockend lecker aussehen. Ich pflücke eine und lege sie auf die Terrasse. Wenn man sie etwas liegen lässt, schmecken sie saftiger und das Fruchtfleisch ist nicht so hart. Süß und matschig. Jacqueline hält mir einen großen Tiefseefisch vor die Nase. Ich rieche ihren intensiven Geruch von Moschus, den madagassische Frauen zur Haarpflege nutzen. Den Fisch rieche ich nicht. Sieht schmackhaft aus, kalt und seine Schuppen schimmern immer noch so bunt, als wäre er eben erst aus dem Wasser gekommen. Sie redet unablässig etwas auf Madagassisch. Ich verstehe sie nicht und nicke nur mit dem Kopf. Sie wird den Red Snapper zubereiten, soviel habe ich den Gesten entnehmen können. Doch das wird wohl dauern. Kann sein, dass sie ihn heute zubereitet oder morgen. Es ist gleich, denn zum Essen ist zu heiß. "N'wowo" fragt sie zwischendurch und ich antworte brav: "Siss wowo". Ein Spiel, sie findet es lustig, wie ich es ausspreche. Ich sage es gern. Das strengt am wenigsten an und ist eine Möglichkeit, mit den Madagassen in Kommunikation treten.
Die Sonne hat sich bis zum Zenit vorgearbeitet. Wenn man sich wenig bewegt, schwitzt man weniger. Nebenan dreht sich ein Betonmischer. Keiner arbeitet. Ich schaue flüchtig rüber und wundere mich nicht mehr. Der Beton ist ausgegangen und alle warten, dass neues Baumaterial kommt. Normal, könnte man denken, aber niemand holt neuen Beton und der Besitzer ist in Grand Ville. Vor dem Wochenende wird er nicht mehr vorbeischauen. Die Arbeit ruht. Niemanden stört es. Keiner rührt sich. Warum auch, es ist heiß. Heute ist heute und morgen ist morgen. Noch eine halbe Stunde, dann verschluckt das Meer wieder die Sonne. Abdulla taucht aus dem Nichts auf. Ich grüße ihn und schaue noch mal zu den Arbeitern. "N'wowo?" grüßen sie rüber. "Siss wowo" antworte ich lachend. Alle lachen zurück. Ich wechsele von Caipirinha wieder zu Rum-Cola. "Siss wowo".




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Eingereicht am 26. Juli 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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