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Kurzgeschichte Afrika Kurzgeschichten
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.

Bei Nacht und Bewusstsein

©  Irene Komoßa-Scharenberg


Kontinuierlich gingen die Rottöne am Himmel in dunkles Violett über. Schließlich tauchte die Dämmerung das gigantische Meer aus Stein in mattes Einheitsgrau. Aneesa stand am geöffneten Fenster und suchte zwischen den Hochhäusern nach dem kleinen Abschnitt des Nils, den man von ihrem Standpunkt aus erkennen konnte. Ganz weit im Hintergrund und nur an Tagen, an denen der Dunst den riesigen Moloch Kairo kurz aufatmen ließ. Heißer Wüstenwind strich über ihre dünnen, nackten Arme. Als sie ein Geräusch aus dem Inneren der Wohnung hörte, schlich sie eilig ins Bett zurück. Während sie sich auf der harten Matratze wälzte, dachte sie daran, wie sie ihrer Mutter morgen früh noch vor der Schule zur Hand gehen musste. Schließlich war sie die Älteste von fünf Geschwistern, noch dazu ein Mädchen. Nur manchmal, mit viel Glück, blieb ihr am Abend etwas Freizeit. Dann schlich sie sich immer kurz hinaus, eroberte sich auf der spärlichen Grünfläche vor dem Haus ein Stück Kindheit zurück.
Aneesa überlegte gerade, den kleinen Ball mitzunehmen, den sie letzte Woche im Müll gefunden hatte, als sie einen Laut an der Türe vernahm. Erschreckt beobachtete sie, wie jemand die Klinke herunterdrückte. Während sie unwillkürlich den Atem anhielt, öffnete sich die Türe. Lautlos schlichen drei eingehüllte Gestalten ins Zimmer. Der letzte Rest Abendlicht, vielleicht auch schon der Mond, schien auf ihre langen Gewänder und erhellte ihre dunklen Gesichter. Aneesa kannte zwei von ihnen, trotzdem wirkten sie jetzt fremd, unsagbar fremd. Unwillkürlich zog sie die Zudecke höher. Eine der Gestalten wies sie an, das Bett zu verlassen. Ängstlich sah Aneesa zu ihrer jüngeren Schwester und den friedlich schlafenden, kleinen Brüdern hinüber, dann gehorchte sie. Während sie wie benebelt aufstand, wurden Bilder aus ihrer frühsten Kindheit in Oberägypten wieder lebendig. Sie versuchte sich genauer an die Zeit vor dem Umzug ins ferne Kairo zu erinnern, aber sie hatte nur noch eine verschwommene Vorstellung von dem Alltag und den Bräuchen in ihrer alten Heimat.
"Hier ist das Leben leichter", hatten die Eltern den Kindern nach der weiten Reise in den Norden versichert.
Doch als Aneesa nun mit hängenden Schultern in den schmalen, kaum erhellten Gang wankte, verloren jene Worte ihre Bedeutung.
Die Luft roch abgestanden, nach angebranntem Hirsebrei. Aneesa wurde leicht übel. Mit merkwürdigem Unterton befahl die ihr unbekannte Frau das Bad zu betreten. Von der Decke baumelte eine nackte Glühbirne. Der Ort wirkte nüchtern, fast wie eine Gefängniszelle. Als sich Aneesas Augen an das grelle Licht gewöhnt hatten, kamen ihr die Wände mit einem Mal bedrohlich vor, gespickt mit geheimen Zeichen. Unausgesprochene Fragen lagen ihr auf den Lippen, aber kein Laut wollte aus ihrer zugeschnürten Kehle dringen. Sie versuchte, die unheilvollen Blicke der Frauen zu deuten, doch dann nahm ihr das weiße Laken auf den Steinfliesen den letzten Rest Hoffnung. Von einer Sekunde zur anderen wusste sie es. Mit einem Mal lebte sie nicht mehr in einer Stadt, in der längst die modernste Technik Einzug gehalten hatte, in einem Land, dessen Gesetzte den jungen Mädchen Sicherheit garantierten. Nein, sie war schutzlos, wie vogelfrei, daran bestand nun keinerlei Zweifel mehr.
"Bitte nicht", flehte Aneesa halb verrückt vor Angst.
Dabei begriff sie nicht einmal, warum die endlose Kette unvorstellbarer Verletzungen nicht einfach abreißen konnte. Ihre Mutter versuchte zu lächeln, aber in ihrem Gesicht spiegelten sich nur Schuldgefühle wider. Die Tante und die dritte, ihr fremde Frau setzten wichtige Mienen auf, als hielten sie ihre unfassbare Mission für unabänderliche Pflicht. Ohne weitere Vorwarnung drückten sie Aneesa nieder, stopften ihr einen Knebel in den Mund und rissen ihr die Beine auseinander. Starr vor Schreck schloss sie die Augen. Rotglühendes Eisen schien mit der sengenden Sonne Afrikas zu verschmelzen und verbrannte Aneesas Unterleib, verbrannte ihn, bis die Qual ihr die Sinne raubte.
Als sie wieder zu sich kam, presste die fremde Frau ein getränktes Tuch zwischen ihre Schenkel. Das Feuer loderte noch einmal auf und ging dann in einen kaum zu ertragenden stetigen Schmerz über. Wie ein Vogel mit gestutzten Flügeln lag Aneesa auf dem rot-getränkten Laken, überrollt von einer Flut der Gefühle. Sie wollte wütend um sich schlagen, konnte es aber nicht. Tränen rannen über ihr Gesicht. Beschämt blickte sie zu Boden. Sie schämte sie sich für die barbarische Tradition ihres Volkes, vielleicht auch wegen der eigenen Ohnmacht.
"Es ist vorbei", flüsterte die Mutter, während sie sachte über Aneesas feuchtes Haar strich, "alles wird wieder gut".
Ihre Stimme klang fremd und die dicken, vibrierenden Lippen verrieten, dass sie log.




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Eingereicht am 21. Juli 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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