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Kurzgeschichte Afrika Kurzgeschichten
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.

Eine Frage des Datums

©  Friedhelm Rudolph


Anfang des Jahres erreichte ich in Begleitung einer Handvoll erfahrener Männer Sansibar. Die Passage verlief ohne Zwischenfälle, unser Clipper Jackflash flog mit vierzehn Knoten und mehr geradezu über das Wasser und brachte uns wohlbehalten in den Hafen. Unter der sengenden Sonne, welche das tropisch feuchte Klima nährte, herrschte geschäftiges Treiben. Suaheli schleppten emsigen Ameisen gleich Säcke mit Gewürznelken, Kisten mit Elfenbein und andere edle Güter auf die Schiffe, deren arabische Kapitäne mit der Hand an der gekrümmten Klinge unablässig zur Eile mahnten. Vereinzelt sah ich Europäer und Inder sich den Weg durch das schwarze Gewimmel bahnen. Ich stand am Kai etwas abseits von der lärmenden Masse und machte ein paar Notizen für den Herald.
Mit dem nächsten Boot setzten wir über zum Festland, nach Dar es Salaam, das einem einzigen großen Marktplatz glich, auf dem alle erdenklichen Schätze und Nichtigkeiten Afrikas feilgeboten wurden. Ich wandte mich sogleich an die Adresse eines wohlhabenden Arabers, der mit Boys, Sklaven und Expeditionsbedarf handelte. Binnen kürzester Zeit hatte er mir ausreichend Träger verschafft. Und umsichtig wie ich schon immer war, hatte ich mehr Wilde geordert, als ich eigentlich brauchte. Man muss immer mit den einen oder anderen Verlusten rechnen.
Als Route hatte ich die bedeutendste Handelsstraße Ostafrikas gewählt, die uns in einigen Wochen oder Monaten strammen Marsches von Dar es Salaam bis zu unserem Ziel leiten sollte, wo wir IHN vermuteten und, so Gott will, auch finden würden.
Der Araber hatte mich noch vor Wegelagerern gewarnt, teilweise ganze Stämme von Wilden, welche den Karawanen auflauern und die erbeuteten Waren sodann zum eigenen Gewinn verkaufen oder eintauschen würden. Aber neben Schlangen und Malaria kannte ich Banditen bereits von meinen Reisen nach Kleinasien und Abessinien. Und ich wüsste mich zu wehren!
Das weite Land bestand überwiegend aus regenarmer Baumsavanne, die beherrscht wurde von Schirmakazien, oder aus baumloser Trockensavanne, in der die verbrannten Gesichter und Hände nach Schatten lechzten. Tropischer Regenwald begegnete mir nur an der Küste oder am Fuße von Bergen, wie rund um Morogoro, das am unerforschten Ulugurugebirge lag. Morogoro war ein trostloses Negerdorf. Hier versorgte ich die Expedition mit Frischwasser und ergänzte den Proviant - eine Unerlässlichkeit, die sich in den folgenden Siedlungen wiederholte. Durch die vielen Karawanen, welche den Pfaden der Handelsstraße seit Menschengedenken folgten, waren die Wilden auf derartige Anliegen der Reisenden eingestellt. Einige Unbelehrbare besaßen allerdings die Frechheit, sich ihre Dienste bezahlen lassen zu wollen. Nach guter alter arabischer Sitte machte ich mit diesen infamen Burschen kurzen Prozess. Schließlich hatten diese Undankbaren die ungemeine Ehre, der Zivilisation angesichtig zu werden! Aber die übersteigt wohl den geringen Verstand des Wilden. Der Wilde ist ja ansonsten wie ein kleines Kind, freut sich beim Anblick Fremder wie ein Schneekönig und umringt und begafft sie mit großen Augen, als wären sie aus einer anderen Welt. Der Afrikaner ist halt nicht fähig zum zivilisierten Denken und Handeln. Er ist wie ein Tier, mit der Seele eines Kleinkindes, muss mit gestrenger Hand geführt werden.
Des weiteren lagen auf unserer Route Kilosa, Dodoma und Manyoni, über die es nichts weiter zu berichten gibt, als dass sie erbärmliche Ansammlungen von primitiven Hütten waren, welche die unverdiente Ehre hatten, entlang der Handelsstraße zu liegen.
Ohne lange Aufenthalte marschierten wir weiter und erreichten schließlich Tabora, das inmitten einer Savannenlandschaft lag, welche die dort ansässigen Bantu Unyamawezi nannten. Übrigens war von Wegelagerern bislang keine Spur.
Tabora war für afrikanische Verhältnisse ein Handelszentrum, ein alter Mittelpunkt von Elfenbein- und Sklavenhandel. Ansonsten war es jedoch ebenso erbärmlich und trostlos wie die anderen Dörfer, durch die wir auf unserer Expedition gekommen waren.
Fünfundzwanzig Meilen hinter Tabora weigerten sich einige Boys, auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Sie hockten sich in das verdorrte Gras und faselten etwas von bösen Geistern. Und DAS zu einem Zeitpunkt, wo wir unserem Ziel fast schon zum Greifen nahe waren! Elende Bastarde! Ich erschoss kurzerhand drei von ihnen, und der Vorfall war bereinigt. Der Wilde respektiert nur Gewalt, Macht, Kühnheit und Entschlossenheit.
Endlich sichteten wir das Ostufer des Tanganyika-Sees und kurz darauf eine Handvoll Hütten. Das musste Ujiji sein! Ich hatte mich am Morgen extra gründlichst rasiert, denn ich fühlte die Größe des anbrechenden Tages.
Als wir das Fischerdorf betraten, klopfte mir das Herz bis zum Hals hinauf. Um diesen erhebenden Augenblick und das unmittelbar bevorstehende Zusammentreffen mit IHM gebührend zu würdigen, hatte ich einem der Boys das Sternenbanner in die Hand gegeben, doch der Duns wusste nicht, was er damit anfangen sollte. Er stocherte damit in der Luft herum, als hielte er einen Speer, auf dessen Spitze der Kopf eines seiner Feinde steckte. Es war ein erbärmlicher Anblick, welcher der Fahne und der Größe des Augenblicks in keinster Weise gerecht wurde. Aber was will man von einem Wilden auch schon erwarten?
Nichtsdestotrotz betrat ich mit großen Gefühlen das Dorf. Sogleich wurden wir von den neugierigen Bewohnern umringt und mit Schnattern und kindlichem Gehabe begrüßt. Ich ließ sie unbeachtet, bahnte mir den Weg durch ihre schwarzen Leiber. Und dann sah ich IHN vor einer der Hütten stehen.
Als ich langsam auf ihn zuging, bemerkte ich, dass er blass war, erschöpft wirkte und einen grauen Bart hatte. Ich trat bedächtig auf ihn zu, nahm den Hut ab und sagte: "Doktor Livingstone, nehme ich an?"
"Nein", sagte er mit freundlichem Lächeln, indem er seine Mütze lüftete, "tut mir Leid. Alfred Rukwa, Entdecker des gleichnamigen Sees."
Ich war perplex.
"Aber das hier IST doch Ujiji!!?"
"Das ist richtig, mein Herr."
Meine Verwirrung steigerte sich.
"Aber Cheng Li, der Chinese, der Daheim in New Orleans immer unsere Kleider wäscht, hatte mir doch einen Glückskeks gegeben, und darin stand geschrieben, dass ich hier in Ujiji Doktor Livingstone treffen und der Welt verkünden werde, dass er noch lebt!"
"Das mag sein. Und soweit ich es weiß, lebt der Doktor auch noch."
"Und heute IST doch der zehnte November 1871!?"
"Tut mir Leid. Heute schreiben wir den elften November."
Ich war sprachlos. Sollte die Expedition gescheitert sein? All die Strapazen und Entbehrungen umsonst? Ruhm und Ehre dahin?
"Der Doktor hat gestern den ganzen Tag auf sie gewartet. Mama Kwesi, die hiesige Zauberin und Heilerin, deren Künste den Doktor wieder gesunden ließen, hatte in den Knochen Ihre Ankunft vorausgesehen. Mir ist jedoch heute Mittag erst aufgegangen, dass die Leute hier nach einem ganz anderen Kalendarium leben als wir Europäer. Es unterscheidet sich zwar nicht viel von dem unsrigen, aber wie Sie sehen, insoweit doch wieder so viel, dass bei uns julianisch Geprägten schon einmal zu Irritationen in Fragen des Datums kommen kann. Mama Kwesi hat zwar immer wieder betont: ‚Morgen, Doktor, Morgen kommt der Mann', aber der Doktor bestand auf dem gestrigen Datum. Ein Irrtum seinerseits, wie es sich jetzt herausstellt. Was übrigens Ihren Glückskeks betrifft: ich bin Afrikaforscher, kein Sinologe. Der Doktor hat also gewartet und gewartet, Sie sind aber nicht gekommen. Heute Morgen, noch vor Sonnenaufgang, hat er das Heidentum verflucht und den Fingerring des Papstes im Geiste geküsst und ist mit zwei Dutzend Trägern aufgebrochen. Er will, so hat er gesagt, den Norden des Sees erforschen. Aber wenn Sie möchten, können Sie hier auf ihn warten. Er will danach nämlich noch nach Süden, zum Bangweulu-See, wo er die Quelle des Nils vermutet, was ich übrigens für Unsinn halte. Aber egal. Auf dem Weg dorthin wird er vermutlich hier Station machen, in einem Jahr etwa, schätze ich. Also, wenn Sie wollen und es einrichten können ... - Die Schwarzen hier, die sich selbst Bajiji nennen, zaubern vorzügliche Speisen aus Yams, Batate und Fisch, ganz zu schweigen von der Erdnussbutter und dem Zuckerrohr."
Daraufhin habe ich meinen Fahnenträger erschossen und stehenden Fußes das Dorf verlassen. Doktor Livingstone habe ich nie zu Gesicht bekommen.




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Eingereicht am 11. April 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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