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Kurzgeschichte Afrika Kurzgeschichten
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.

In der Wüste

©  Jutta Miller-Waldner


Eva ließ den Reiseführer sinken, schaute in die Weite, die bis zum Haus gegenüber reichte, stellte das Radio leiser. "Du Toni, weißt du was", sagte sie zu ihrem Sohn, der gerade in das Wohnzimmer stürmte, "wenn wir in Tunesien sind, machen wir einen Ausflug in die Wüste."
"Muss das sein?", erkundigte sich Toni.
"Na ja, ist doch toll, dann sehen wir Oasen, Touzeur, Douz, wie das schon klingt, und fahren nach …"
"Du Mutti, ich muss weg, Heiko und Torsten warten schon auf dem Fußballplatz …"
"Du, Toni, hör doch, hier steht, in Touzeur ist ein Kamel, das Cola trinkt." Eva schaute hoffnungsvoll auf ihren Sohn.
"Echt? Cool! Aber ich muss los!"
Eva seufzte. Blätterte weiter, dachte an den englischen Patienten, an Himmel über der Wüste, an Karl May, riss sich zur Ordnung, als vor ihren Augen Skelette von Kamelen und andere undefinierbare Knochen erschienen.
"Muss das sein?", fragte Evas Mutter. "Kein vernünftiger Mensch fährt im August in die Wüste. Und überhaupt …" Sie schüttelte sich. Vor ihren Augen lagen Eva und Toni, der heiß geliebte Enkelsohn, verdurstend im Wüstensand. "Und außerdem - denke an Hautkrebs, Skorpione, und wilde Beduinen …"
"Nun hör schon auf, Mama, wir fahren doch mit einer Reisegruppe, mit klimatisierten Bussen. Die müssen doch klimatisiert sein", Eva dachte an die nicht unerheblichen Kosten des Ausflugs und kurz an romantische, blau gewandete Tuaregs.
Eva flog mit Toni nach Djerba, in eine Ferienanlage mit tausend Betten, Frühstück, Mittag und Abendbrot in einem bahnhofswartesaalähnlichen Restaurant, stritt sich am Swimmingpool mit den anderen Gästen um die spärlich vorhandenen Liegen, wechselte entnervt zum Strand, weil sie nicht morgens um sechs Uhr schon die Liege reservieren wollte, stritt sich um einen Schattenplatz unter dem Sonnenpilz, stieg wiederum um sechs Uhr mit einem mürrischen Sohn - weißt du, Mutti, wenn ich gewusst hätte, das wir so früh aufstehen müssen … - in den Bus.
Nichts mit klimatisiert.
Der Schweiß floss in Strömen, die Fahrt bestand aus einem Stopp an einer Bar bis zur nächsten, die die Reisenden mit einer leeren Wasserflasche betraten und einer vollen verließen.
Sie aßen Couscous in einer Höhlenwohnung in Matmata. "Du Toni, hier wurde Krieg der Sterne, Teil I, gedreht", verkündete Eva.
"Aha", murmelte der, drehte den Walkman wieder lauter und nuckelte weiter an seiner Colaflasche. Eva überlegte mal wieder, wie schön solch ein Ausflug doch ohne Toni wäre, beschloss, lieber nicht weiter darüber nachzudenken, drückte ihn kurz an sich, strich ihm über die feuchten Locken.
Und der Bus fuhr und fuhr, von Stopp zu Stopp, die Straße flimmerte, die Kleidung klebte, die Augen brannten, der Kopf dröhnte. Eva nahm einen Schluck aus der Wasserflasche. Schon wieder leer. Schaute auf vereinzelte Palmen, Hütten, "Wie kann man hier wohnen", überlegte sie, dachte an ihr Haus in Berlin, an die Kastanienbäume an der Straße, an Schatten, Regenwolken, Gänsehaut vor Kälte. Sah hin und wieder ein Dromedar, das hochmütig vor sich hinkaute, schloss die Augen. Träumte von einem Leichenschmaus - habe ich schon einen Sonnenstich - schreckte hoch, vernahm die Stimme des Reiseleiters: Gleich sind wir am Rande der Sahara. Dort werden wir aussteigen und auf Dromedaren in die Wüste reiten.
Eva schaute Toni an, der schaute sie an: "Nee, hoch oben auf solch einem schaukelnden Viech reiten wir nicht, nee, ohne uns."
Der Bus hielt neben einer Bar - wo es aber auch Bars gibt, stellte Eva fest, betrachtete die Reifenspuren, die in eine unbekannte Richtung führten. "Dort geht es nach Libyen", sagte der Reiseleiter neben ihr.
"Aha, Libyen. Sie dachte kurz an Gadafi, an wilde Beduinen. Erklärte, dass Toni und sie den Ausflug nicht mitmachen würden - ein Glück, dass sie den Sohn vorschieben konnte. Die Reisegefährten zogen sich unter viel Gejohle Beduinenkleidung über, stiegen unter noch mehr Gejohle auf die Dromedare, die gelangweilt vor sich hinstarrten, kreischten, als sich die Tiere erhoben - erst das Hinterteil hoch, dass alle nach vorne kippten, dann mit dem Vorderteil nach oben - und verschwanden schaukelnd und schwatzend hinter der nächsten Düne.
Eva und Toni waren allein. Spazierten in die Wüste hinein, in der Ferne die Bar und der Bus und die Reifenspuren, die sich in Richtung Libyen verloren, und vor sich Sand und Dünen und Dünen und Sand. Sie starrten in die Weite: 2.400 Kilometer Nichts bis Timbuktu. Und über sich den Himmel, diesen weiten, afrikanischen Himmel, und um sich eine Stille … selbst Toni sagte kein Wort, der lustige, wirbelige Toni stand nur da, hatte den Walkman ausgeschaltet.
"Komm Mutti", sagte er schließlich und zog sie an der Hand, "wir gehen jetzt Skorpione jagen". Und sie wanderten über den Sand, kickten Steine um, freuten sich über jeden Skorpion, den sie erschreckten, zuckten zusammen, als die das immer lauter werdende Gejohle der zurückkehrenden Reisegefährten auf ihren Wüstenschiffen hörten, stiegen in den Bus, Toni schaltete wieder den Walkman an, nuckelte an der Colaflasche, guckte von Zeit zu Zeit zu Eva hoch. Schaltete kurz den Walkman aus, legte seinen Kopf gegen ihr Schulter.
"War cool, was?", verkündete er.




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Eingereicht am 08. April 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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