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Toleranz hat einen Namen

©  Petra Kramp


Sie kennen das Land, wo die Zitronen blühen. Sie kennen das Land, wo die Menschen - ungeachtet ihrer Stellung, Profession oder ihres Alters - mit einer erstaunlichen Lässigkeit ihre Langbrote unter den Arm klemmen. Sie kennen vielleicht auch das Land, wo die Menschen genauso wie ihr Wappentier "Kiwis" genannt werden. Aber kennen Sie auch jenes kleine Fleckchen Erde des afrikanischen Kontinentes, genauer gesagt jene afrikanische Insel, auf dem das Wort TOLERANZ nicht nur geschrieben, sondern auch gelebt wird?
Diese Insel hat den Namen Mauritius und beim Klang dieses Namens fallen den meisten Menschen sicherlich unwillkürlich sofort die zahllosen, makellosen, traumhaft schönen, palmengesäumten Sandstrände ein, die von einem unvergleichlich smaragdgrünen, türkisfarbenen und sonnenverwöhnten Meer umspült werden.
Ja, diese Postkartenidylle insbes. für mehr oder weniger gestresste Europäer hat Mauritius natürlich auch, in Hülle und Fülle sogar, aber der wirkliche Reichtum - eine Art innerer Reichtum sozusagen - der geht von den Bewohnern selbst, den Mauritianern , aus.
Doch lassen Sie mich der Reihe nach erzählen. Und vielleicht gelingt es mir ja, Ihnen ein wenig "mein" Mauritius näher zu bringen, so, wie ich dieses zauberhafte Fleckchen Erde erlebt habe…
Es war 1998. Mein Mann und ich hatten uns auf zwei ruhige, erholsame und vor allen Dingen sonnige Ferienwochen im Urlaubsparadies Mauritius gefreut. Eine funkelnagelneue Schnorchelausrüstung wartete zudem nur darauf, von mir ausprobiert zu werden, aber - es kam alles ganz anders:
Wir hatten 14 Tage Endlos-Sonnenschein gebucht, so dachten wir wenigstens, und ein überaus bestürzt dreinblickender Hotelier, ein nach Mauritius ausgewanderter Deutscher, der dem Charme der Insel bereits Jahre vorher vollständig erlegen war und von daher unverzüglich auswanderte, sprach - nach jedem weiteren Regentag - fassungslos von einem "völlig untypischen Wetter". Und in der Tat: Ein für diese Jahreszeit "völlig untypischer Anti-Zyklon" hatte sich über der Insel festgesetzt und dachte nicht im Traum daran weiterzuziehen: Das Ergebnis waren starke, orkanartige Böen und Regengüsse, für deren Beschreibung uns Westeuropäern einfach die Worte fehlen. Und meine verzweifelten Schnorchelversuche scheiterten zum einen kläglich an den Unmengen des aufgewirbelten Sandes, die mir vollends die Sicht und die Orientierung raubten und zum anderen an dem heftigen Wellengang, und dies, obwohl ein schützender Riffgürtel fast die gesamte Insel umgibt! Ich wurde wie eine auf dem Rücken treibende Schildkröte nur immer wieder zurück zum Strand geschleudert! Ahoi und Good-bye also, du zauberhafte Unterwasserwelt, du El Dorado der Schnorchelkönige!
Rückblickend betrachtet hatten wir es also dem überaus schlechten - und wie bereits erwähnt - völlig "untypischen" Wetter auf Mauritius zu verdanken, dass wir daraufhin unsere Pläne änderten und nun mehr denn je gewillt waren, Land und Leute genauer "ins Visier" zu nehmen. Nun muss man vorausschicken, dass das Taxifahren auf der Insel - gemessen an unseren Verhältnissen - nahezu spottbillig ist, und so vereinbarten wir einen Tagespreis mit unserem Taxifahrer, einem Inder, der uns daraufhin tagelang kreuz und quer über die Insel fahren sollte. Wir aßen mittags in kleinen "typischen" Lokalen, in denen auch die Einheimischen kleine Imbisse einzunehmen pflegten und unser Freund Radshif begleitete uns natürlich auch während der Mahlzeiten und gab auch in kulinarischer Hinsicht Empfehlungen.
So hatte ich beispielsweise in einem Reiseführer vom so genannten "Millionärs-Salat" gelesen, eine besondere Spezialität dieser Insel. Aber überall, wo wir vorbeikamen, erklärte er, nein, das sei alles noch viel zu teuer, jedoch wuchs meine Neugierde für diese exotische Köstlichkeit dadurch nur noch mehr…
Radshif zeigte und erklärte uns die Insel mit all seinen Facetten. Er sprach mit uns auf Französisch und war uns mittlerweile zu einem unentbehrlichen Freund geworden. Aber was uns am meisten beeindruckte bei all seinen Erklärungen, das war die Vielfalt der Kulturen und Religionen, die sich uns auf engstem Raum in friedlicher Koexistenz und das heißt ganz ohne Rivalität und Neid darbot! Auf engstem Raum wohnten Hindus neben Moslems, arbeiteten Christen neben Buddhisten. Der indische Schneider beispielsweise besuchte regelmäßig seinen prächtigen buddhistischen Tempel, und der römisch-katholische Bäcker gleich nebenan wiederum hatte auch sein Gotteshaus. Aber auch die moslemischen Nachbarn konnten ohne Schwierigkeiten zu fürchten ihren Ramadan begehen. Kurzum - alle Weltreligionen nah beieinander, alle nur denkbaren sozialen Schichten nahezu vereint auf einer recht kleinen Insel im Indischen Ozean und alle Menschen o h n e diese bei uns so oft verbreiteten, verkniffenen, fast schon verbitterten Gesichtszüge, dafür ausgestattet mit einer überaus positiven Grundlebenseinstellung, fast möchte man sagen mit einer heiteren Nonchalance zum Leben, mit Augen und Mündern, die das Lachen noch nicht verlernt hatten. Doch nicht nur die Gesichter der hier lebenden Menschen luden zum Betrachten ein. Wir konnten uns auch nicht satt sehen an den wunderschönen, farbenprächtigen Gewändern der Inderinnen und Afrikanerinnen, und an der beeindruckenden Anmut der Chinesinnen. Die blendendweißen Zahnreihen in den sonnengebräunten Gesichtern schienen mit der Sonne selbst zu wetteifern. All diese faszinierenden Bilder erlebten wir nicht nur auf den so viel gepriesenen exotischen Wochenmärkten: Wir nahmen diese ganzen Eindrücke begierig in uns auf und sahen sie sowohl in kleineren Dorfgemeinschaften als auch in der Hauptstadt Port Louis.
Wir verbrachten mehrere Tage hintereinander mit unserem freundlichen und überaus gesprächigen Taxifahrer, der uns auch von seiner Familie erzählte. Davon, dass er "es geschafft" hätte; er hatte einen eigenen Taxiwagen, seinen 200D Mercedes, nahezu abgezahlt, und seine sechsköpfige Familie hatte mittlerweile ein halbwegs geregeltes Auskommen. Radshif fuhr uns zu einem ebenfalls indischen Schneider, wo ich mir ein wunderschönes taubenblaues Seidenkostüm nähen ließ. In der dortigen Schneiderstube spielten gerade zwei kleine Mädchen mit Stoffresten auf dem Boden und angesichts ihrer kindlichen Unbekümmertheit und Grazie setzte ich mich ebenfalls zu ihnen auf den Boden. Ich spielte mit ihnen, wobei mir ihre französische Kleinkindersprache anfangs noch Schwierigkeiten bereitete. Die Eltern dieser reizenden Kinder, die Schneidersleute, zeigten sich wiederum begeistert von unserer Art, mit den Kleinen umzugehen, und zu unserem überaus großen Erstaunen zeigte uns die Frau noch ehe wir uns richtig versahen dann sämtliche Fotoalben, die anlässlich ihrer aufwändigen Hochzeitsfeier entstanden waren. Wir mussten uns sodann durch alle komplizierten Verwandtschaftsverflechtungen gedanklich "durchkämpfen" und dabei galt es, alle Fotos gebührend zu bewundern. An der Wand hingen eine Vielzahl von Postkarten aus aller Herren Länder -samt und sonders alles Kunden - "Freunde" - von Herr und Frau Singh. Wir besuchten sie noch zweimal in dieser Zeit: Einmal zur Anprobe und ein zweites Mal " einfach nur zum Klönen" - wie wir Rheinländer zu sagen pflegen. Und unser Freund Radshif erledigte dann im Nachbardorf ein paar Besorgungen.
Wir haben uns noch einige Jahre geschrieben mit dem Schneiderpaar, aber auch mit unserem Taxifahrer hielten wir noch einige Zeit Kontakt. Und wenn ich heute an "unseren" Radshif denke, dann denke ich unweigerlich auch an das außergewöhnliche Abschiedsgeschenk, das er uns am Vorabend der Abreise überreichte: An diesem besagten frühen Abend klopfte er zaghaft an unsere Bungalowtür, versehen mit einer riesigen Schüssel in der Hand und sagte verschämt:" Für Euch". Und: "Einen besonders lieben Gruß von meiner Frau. Ich habe ihr neulich erzählt, wie sehr Ihr an dem Millionärssalat interessiert seid, und da hat meine Frau kurzentschlossen gehandelt und diesen nun für Euch gemacht. Er besteht hauptsächlich aus den Herzen einer besonders langsam wachsenden Palmenart..." Dann schwieg er plötzlich und fuhr sich verlegen durch sein glänzendes, rabenschwarzes Haar. Aber auch wir waren sprachlos und gleichzeitig wahnsinnig gerührt. Voller Dankbarkeit nahmen wir die Schüssel entgegen, mit dem Versprechen, die leere sodann am frühen Morgen an den mit ihm befreundeten kreolischen Koch unseres Hotels weiterzugeben. Wir nahmen ihn zum Abschied nochmals in die Arme, und ich frage mich rückblickend heute, was wir ihm und seiner Familie damals eigentlich für seine Dienste zusätzlich - abgesehen von einem königlichen Trinkgeld - sozusagen als Erinnerung an uns - gegeben haben.
Ich weiß es nicht mehr, aber ganz gleich, was es auch gewesen sein mag, es war nichts im Vergleich zu dem Geschenk und der Lektion, was wir von diesen einfachen Leuten erhalten, erlernt und erfahren haben: Die Toleranz gegenüber Andersdenkenden als höchstes Gut zu empfinden, gepaart mit der ihnen so eigenen Gastfreundschaft. Eine Gabe, die gerade in der heutigen Zeit wichtiger ist denn je.
Ich habe sie gefunden: Toleranz, Dein Name ist Mauritius!




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Eingereicht am 05. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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