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Kurzgeschichte Kurzgeschichten Afrika

Fieber

©  Jon


Er wusste, er hätte das Wasser nicht trinken sollen.
Diese schmutzig gelbe Brühe.
Das Fieber schüttelte ihn, der Schweiß verdunstete auf seinem heißen Körper, ohne ihn abzukühlen.
Er hatte Durst, sein Kopf schien zu platzen.
Weit und breit kein Baum, kein Strauch.
Mit zusammengekniffenen Augen hielt er in der weiten Steppe nach Raubtieren Ausschau.
"Ein gefundenes Fressen", fiel ihm ein Satz aus seiner Heimat ein.
"Geh niemals allein in die Wildnis."
Er hatte sich aus der Warnung des einheimischen Führers nichts gemacht. Schließlich war er es, der das alles hier bezahlte: Den Jeep, das Benzin und auch diesen aufdringlichen Fremdenführer.
Der war ihm von Anfang an mit seinen ständigen Belehrungen auf die Nerven gegangen.
Dabei war das sein Urlaub, da wollte er frei sein und sich nicht wie in der Firma bevormunden lassen.
Das hatte er sich redlich verdient.
Während alle anderen im Camp noch schliefen, hatte er den Autoschlüssel vom Brett genommen, war in den Jeep gestiegen und losgefahren. Allein.
Die Landschaft war großartig und er wollte so viel wie möglich davon in sich aufnehmen.
Also hatte er aufs Gaspedal getreten, bis der Staub hinter dem Geländewagen hochwirbelte.
Er hatte die Staubfahne im Rückspiegel beobachtet, aus vollem Hals gelacht, es war herrlich durch diese Gegend zu rasen, einmal alles hinter sich zu lassen.
In einigen hundert Metern Entfernung kreuzte eine kleine Elefantenherde die trockene Straße aus dunklem Lehm und er hupte, drückte noch mehr aufs Gas, hupte erneut und lachte.
Das war die Freiheit, die er sich immer erträumt hatte.
Der mächtige Elefantenbulle drehte seinen großen Kopf Richtung Straße und brüllte, die Kühe stellten sich schützend vor die Kälber.
Er hatte in seinem Jeep die Macht über die weite Landschaft, durch die er nun wie ein verirrter Pfeil jagte.
Eins der Vorderräder blockierte, als es in ein tiefes Schlagloch geriet; die Lenkung versagte abrupt, er bremste vergebens.
Der schwere Wagen kam kurz vor der Elefantenherde von der Straße ab, überschlug sich mehrmals und landete hart in dem flachen Graben am Rand.
Der Überrollbügel und der Sicherheitsgurt hatten das Schlimmste verhindert, aber sein Bein war eingekeilt und schmerzte.
Die Elefantenherde trabte über den Weg und verschwand aus seinem Blickfeld.
Er versuchte das Bein aus der Klemme zu befreien, aber erst nach einigen schmerzhaften Versuchen gelang es ihm sich aufrecht hinzusetzen und es herauszuziehen.
Die Fahrertür zu öffnen war schwierig, denn der Wagen lag auf der Beifahrerseite.
Er stemmte sich mit aller Kraft gegen sie, drückte sie so weit nach oben, dass er hindurchkriechen konnte.
Beim Sturz vom Jeep fiel er auf sein verletztes Bein.
Der Schmerz ließ ihn ohnmächtig werden.
Sein Mund war trocken, als er wieder zu sich kam; er kletterte auf den Geländewagen und suchte den großen Wasserkanister, den sein Führer immer dort abgestellt hatte, bevor sie losgefahren waren.
Doch die Halterung für den Wasserbehälter war leer, auch auf der anderen Seite war kein Kanister zu sehen.
Verzweifelt suchte er den Wagen nach irgendetwas Trinkbarem ab, doch er fand nichts.
Ihm fiel der Wasserkühler ein, aber er verbrannte sich die Finger an dem Schraubdeckel.
Das Funkgerät; es musste doch ein Funkgerät im Auto sein, dachte er und kletterte noch einmal auf den Wagen.
Doch es steckte nicht in der Aussparung am Armaturenbrett.
Erschöpft lehnte er sich an den Jeep, der ihm Schatten bieten würde, solange die Sonne nicht im Zenit stand.
Sein Bein schmerzte nun ständig und war grotesk geschwollen.
Er legte sich flach auf den Boden und nickte ein.
Als er von der grellen Sonne auf seinem Gesicht geweckt wurde, machte er sich auf die Suche nach etwas zu trinken und war schon nach wenigen Metern auf diese Pfütze mit dem schmutzig gelbem Wasser gestoßen.
Das Wasser schmeckte widerlich, aber er überwand seinen Ekel.
Die Hitze schien nachzulassen.
Sein Körper hatte sich abgekühlt; auch sein Kopf war klarer.
Der Fremdenführer flößte ihm Schluck für Schluck kühles Wasser ein, das er gierig schluckte.
"Trink langsam", hörte er den Mann sagen, "du hast Fieber."
Er nickte und saugte mit aller Kraft an der Flasche.
"Fieber", dachte er, als er allein in seinem abgedunkelten Zimmer lag, "was verstehst du denn schon von meinem Fieber?"




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Eingereicht am 01. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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