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Kurzgeschichte Kurzgeschichten Afrika

Hund im Berg

©  Gerda Sengstbratl


Auf der Linie stehen. Den Äquator entlang gehen. Dann läuft man sicher direkt in Arme. Das wäre schön.
Der indische Ozean hat eine Kante. Zu der eilt er hinaus und stürzt sich drüber ins Endlos. Dann liegt der Meeresgrund am Ufer offen und rissig in der grellen Sonne. Wo sich in den Spalten Tang verfangen hat, picken Vögel im Matsch, und am Horizont spiegelt sich die Sonne und blendet silbern. Ob der Ozean je wieder zurückkommt?, bange ich dann, so als würde er es heute möglicherweise nicht übers Riff schaffen. Und dann rollt das Blau nahe, dann rauscht es herein und verschluckt die Kante. Wenn ich nicht aufpasse, stolpere ich drüber und sinke in einem unvorstellbaren Blau bis auf den Meeresgrund, wo Fische schillern, als badete ich in Swarowski Kristallen und Perlen. Dort am Ufer raschelt jeder Baum anders. Am feinsten ist das Rauschen der Palmblätter. Die rascheln so, dass man in ihrem Schatten eindöst und dann erhebt sich der Geist leicht, wie eine Feder und schwebt unter Blättern. Landeinwärts, auf dem Weg zum Kilimanjaro schimmert in der Ebene rostfarbene Erde durch silbergrünes Dornengestrüpp, wie Kopfhaut unter abgeschorenem Kraushaar. Da und dort erheben sich Ketten alter Vulkane, die glühende Stücke durch die Gegend spieen und das Land übersäten mit Löchern, Tupfen, Kringeln und Höckern. Wo Lava schwarz erstarrte, denkt man, die Erde habe blaue Flecken. Am Flussufer rasten wilde Palmen nebeneinander, wie alte Pelztiere. Die Streifen der Zebras sitzen wie angegossen, bei jedem Zebra allerdings woanders. Rostrote Büffelherden, rostrote Elefantenmütter mit Jungen ziehen durch endlose, menschenleere Weiten. Die Tiere sind hier sicher, tragen dicke Haut. Nur die Menschen an den Rändern mit der dünnen Haut leben in freier Wildbahn.
Dort, wo die Erde tief in einen Graben gebrochen ist, dort christianisierten die Christen, dort brachten die Moslems Allah mit Koran und verdienten sich eine goldene Nase mit dem Handel mit Sklaven, die sie den Ägyptern verkauften und später in fernste Länder. Früher rissen sie hier Elefanten Elfenbein aus dem Gesicht, dem Nashorn das Horn. So ein Dolchgriff, der Traum jedes Saudis und zu Pulver gerieben wirkt es wie Viagra, behaupten die Männer. Die Götter der Hindus teilen Menschen in Kasten und am Rand der Stille warten sie mit Speeren, mit Schildern, mit Rötel im Haar und Tüchern in rotvioletten Karomustern. Nackte Füße, Arme und Hälse geschmückt mit Perlen aus Glas. Und was verstehen wir daraus? Wir haben es zu tun mit der Potenzierung von Manneskraft, mit Kriegern und Jägern, mit den Göttern der Männer. Vor Jahren und Jahren ist in dieser Gegend mein erster Geliebter zur Welt gekommen und hier ist mein letzter Geliebter geboren.
In der Nacht, ein sternenübersäter Himmel. Im Morgengrauen hebt sich der Dunst und in der Früh liegt der Kilimanjaro eine Weile da ohne Kappe. Dann ziehen kleine Flockenwolken zum Berg und hängen dann über dem Hochplateau in der roten Steppe wie ein Hut. In der Luft Flügelflattern, Schweinegrunzen, Krähengekrähe, Kindergeschrei in der Ferne. Ein kleiner Vogel mit grelltürkisen Federn zirpt im Flug, eine Kröte quakte wie ein Frosch. Wenn man lange auf den Berg stiert, sieht man ihn: Den felsenen Hund mit hängendem, linken Auge und Schwabbelwangen, mit grauem Gesicht und grauer Schnauze. Gütig und weich lächelt er mitten in Afrika von der höchsten Erhebung.
"Kilimanjaro, sprich zu mir! Du warst mir immer schon sympathisch mit deiner Breite, rundherum flach. So sanft schleichst du Richtung Meer, dass sogar ich auf dir spazieren will, dahinschlendern. Lass die Schleier noch ein wenig offen, ich bitte Dich!" - Jetzt redet der Hund! - "Da sitzt du, Kind und lauschst dem großen Geist im Berg. Kannst du mich verstehen? Sieh', ich trage einen Sonnenhut, damit mir die Stirn nicht schmilzt und nicht das Kopfgekrause. Um mich wirklich zu verstehen, muss man mich besteigen, mich mit den Sohlen spüren. Lausche nun meiner Geschichte.
Hörst du die Schritte im Sand? Es sind Schritte ohne Gesicht. Eines Nachts, vor langer Zeit, stapften diese Schritte mit einem neugeborenen Kind in den Armen den Weg entlang einen Hügel hoch. Vom Kind tropften noch Schleim und Blut, als ich kam, um es von oben bis unten abzulecken. Dann hoben die Schritte das nackte Mädchen den Sternen entgegen.
Einige Zeit später waren sie wieder zu hören. Diesmal hoben sie das Kind, das fest schlief aus dem Korb, küssten es, liebkosten es und legten es zurück auf den Stoff. Streichelten noch einmal über die Stirn, die Wangen, flüsterte dem Kind etwas ins Ohr und gingen.
Mit allen Neugeborenen schicke ich gleichzeitig diese Schritte aus, die kommen, hochheben, küssen, flüstern. Diese Schritte sind die Schritte eines Schwarzen. Deine erste Liebe, die letzte Liebe und du selbst: Ihr drei seid geküsste, geflüsterte Kinder.
Wenn ganz kleine Säuglinge sterben wollen, schicke ich die Schritte, lecke selbst das Kind. Seit ewig schon. Mit dir war es einfach: dich abzulecken genügte. Dann wolltest du schon weiterleben. Die Finger, fragst du? Die Finger, das ist einfach: Ich schlecke sie dir heute noch einmal. Ich habe dir den Lachtisch aufgestellt, so dass du drüberstolperst, habe alles vorbereitet, du kleine Kikuju, du kleine Acholi. Von nun an, solltest du jemals wieder Schritte hören, dann ist er es, der zum Küssen kommt und sein Flüstern wirst du dann verstehen. Er wird wiederholen, was er schon einmal gesagt hat.
Von hier aus, der höchsten Erhebung Afrikas aus, habe ich Dein Herz geschleckt. Du brauchst nichts tun. Es wird gut mit Zepter, mit Glasperlenschmuck, mit Rötel und Schriften. Ein Schwarzer war es, der dich verbunden hat mit den Geistern der Tiere und dem Besten im Mann, Kind."




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Eingereicht am 14. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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