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Kurzgeschichte Kurzgeschichten Afrika

Mango, Grigri und Seele aus Afrika

©  Gerda Sengstbratl


Mit acht macht ein Kind immer etwas und Hanni war acht. Die Wangen rosig, die Wimpern dicht und dunkel, die Haare zum Zopf geflochten und glockenhell die Stimme. Sie trug ein Gretltuch zum weißen Rüschenkleid. Kinder lachen fünfhundert Mal am Tag. Hanni kam auf sechshundert Mal silbern. Sie breitete eine beige Decke auf und starrte: spürte einen kleinen Widerstand. Wenn man den überwinden will, kostet es eine kleine Anstrengung oder man muss das Hell mit Geschwindigkeit überlisten. Wie ein Pfeil, ganz rasch. Zack. Und schon saß sie. Hanni schloss die Augen und saß auf einer Kuppel, von der sie abrutschte.
Auf der dunkelbraunen Decke war es anders: Steht man davor, so zieht ein Sog und man plumpst hinein ins Dunkel. So saß sie mit geschlossenen Augen in einem Nest, so behaglich, als hätte ein sie Vogel ausgebrütet. Sie mochte das Nest lieber, als die Kuppel.
Heute würde sie etwas Neues versuchen: Sie zündete eine Kerze an, hielt den Korkstoppel in die Flamme. Blies am Stoppel, rückte an den Spiegel. Schmierte den Russ über Stirn und Wangen, Augenbrauen und Nase bis ihr Gesicht schwarz war wie ein Nest, in das etwas hineinfallen könnte. Und wirklich: Als sie so dasaß, kam ein Drache, packte das Kind vorsichtig mit den Krallen, hob es ins Maul und flog mit ihm Richtung Süden. Von ganz hoch oben über Afrika sah der Drache beim westlichsten Zipfel eine Einbuchtung: Haus am Meer, dahinter ein Dorf im Busch und etwas weiter südlich Inseln wie Punkte im Wasser. Zusammen ergaben sie etwas, wie eine spürbare Grube. Dort spuckte er Hanni aus.
Und am Wegrand neben dem Reisfeld stand er: Wole. Tropenhut, knallrote Seidenunterhose, gelbes Hemd, Gehstock über der Schulter, an dessen Ende ein schwarzes Plastiksackel hing. Hanni schrie und winkte beim Vorüberfahren aus dem Taxi. Der Wagen hielt. "Wie heißt du?" - "Hanni." - "Und wie heißt du noch?" - "Wieso fragst du?" - "Nach dem Familiennamen wird immer gefragt. Man könnte verwandt sein. Immer. Mit allen theoretisch. Und dann freut man sich. Sehr." Also sagte Hanni ihren Familiennamen. Und so war das dann auch. Wole wusste, wer Hanni war. Er war erwachsen, lebte vom Tanz und fuhr einen Peugeot mit der Aufschrift einer Grieskirchner Autofirma. "Komm, steig ein. Wir fahren zu mir nach Hause."
*
Nach so vielen Jahren, mitten im Winter. Wellenbrechen, Vogelgezwitscher, Stimmen und gedämpfte Schritte auf weichem Grund wecken Hanni auf. Vor dem Zimmer wuchert mehr als Mangos und Palmen. Im offenen Fenster blüht ein orangefarbenes Kleid am Bügel in der Brise. Über Baumspitzen fällt der Blick in den Salzschaum. Hanni steht vor dem Spiegel und bürstet das Haar von unten nach oben. Schüttelt, zupft, fertig. Draußen schmiegt sich Hitze an ihre Haut, Sand massiert die Sohlen. Morgens, abends und in der Nacht schwimmen, blöd schauen oder gescheit, schnell oder träge, das würde sie. Aber später. Zuerst würde sie nach so vielen Jahren. Festen Schrittes eine Holperstraße entlang. Weiße Hose, hellblau das Leibchen, so, als wäre sie Französin. Von den Zehen blättert Nagellack. Sie schaut ernst. Die staubige Straße führt ins Dorf. Vor dem Café Les Palmiers wächst aus Muschelkies ein Tisch im Freien, wo heute niemand sitzt. Eine Frau fegt den Sand weg. In alten, flachen Schuhen steht Hanni rauchend vor der Tür. Sie steht da, wartet. Sie öffnet die Tür. Blickt sich um. Da verbreitert sich ihr Mund zum Lächeln. Da strahlen die Augen, da sieht man die Zähne. Polternd und freudig schreit sie "Wole!" stürmt auf den Tisch zu. Er breitet die Arme aus, sie fällt hinein und versinkt einen Augenblick. Sie nimmt den Stuhl, rückt ihn an die Schmalseite des Tisches. Er legt seine Hand auf die ihrige. Lange reden sie.
Es dämmert. Im Freien unter dem Fetischbaum übergibt Hanni der Medizinfrau eine Flasche Rotwein und ein Gazellenhörnchen. Wole leuchtet mit der Taschenlampe ins Loch und übersetzt. "Sie sagt, du sollst die Schuhe ausziehen und die Socken. Jetzt halt die Zehen über das Loch. Sie will dein Anliegen hören." Dann rinnt der Rotwein kalt über die nackte Haut in eine Kalebasse. "Sie sagt, du sollst sagen, ob du glaubst, dass sie etwas Richtiges sieht, oder was Falsches, wenn sie spricht." Sie schüttet den Wein in den Sand und liest vor, was sie sieht. Hanni sitzt lange so da. "Und? Wird das fertig auch irgendwann?" - "Sie sagt, wenn es fertig ist, sieht es so aus: Mit einem Bunsenbrenner bringen die Buschgeister in einer Metallplatte einen Kreis zum Glühen. Aus dem sprühen oben Funken, Sterne, Strahlen, lachende Gesichter und lustige Gefingere ins Schwarz der Nacht. Sie fragt ‚Und wer seid ihr?' - Sie sagt, sie geben keine Antwort. Sie tragen Haare, die sind einen Meter lang. Stark bläst ein Wind die Haare waagrecht nach vorne und kitzeln dich an der Nasenspitze. Sie sagt, du heißt ab heute Mamdara. Sie sagt, du tanzt. Sie sagt, du kannst gehen." Unter dem sternengepunkteten Himmel in ihrem heiligen Hain bespritzt sie Hanni beim Weggehen mit Gin. Spirit for the Spirits.
Wole bindet Hanni
ein Perlenband um die Fessel
hohl die Trommelnester
rund und dunkel wirbelt im Kreis hopp hopp
da fallen Geschichten
in kleine Hohlräume
Muschelgekröse
Die Muscheltreppe führt aus dem Sand hoch zu Lehmsäulen um die Rundhütten mit eingravierten Göttinnen und Ahninnen, die in Mauern sitzen. Da liegt ein Tausendfüßler eingerollt am Boden wie die afrikanische Version von Drageekeks.
Hoch die Schwingen
breit das Gefieder sich abstoßen
und dann in der Luft
hoch und nieder die Schwingen
und dann sieht sie von oben auf Grün auf Reseda
das zieht unter ihr dann vorüber
wie ein kleiner Vogel der es zum ersten Mal schafft
fliegt Hanni beim Tanzen
Muster schlängeln sich bunt von Stoffen. Brav und artig liegt ein orangefarbenes Tischtuch geometrisch und wartet auf Patzer von pimentscharfem Fisch mit Reis und Reis mit Fisch. Woles Kinder stehen so nahe, als würden sie jeden Moment in Hannis Buch fallen. Cherie hat Krätze am Kopf. Sie hält den Kopf krätzig Hanni hin zum Streicheln. Maran atmet ihr süß Mangoduft in den Nacken und das Rund von Hannis Oberarm ruht in seiner Hand wie ein Küken, das er sanft hin- und herwiegt, bewackelt.
"Du interessierst mich. Interessier ich dich auch?" - "Nein, ich kenn dich nicht." - "Wie heißt du? Und wie noch? Gehst du mit mir spazieren? Magst du mit mir die Hand so verzweigt halten?" - "Ich kenne dich nicht. Ich mag auch nicht. Na gut, ich halte die Hand so mit dir." "Ich mag dich. Magst du mich auch?" - "Ich kenn dich nicht. Geh lieber mit mir ins Dorf." - "Ich kann nicht, ich bin barfuss. Was hältst du davon, wenn wir Tag und Nacht zusammenbleiben, solange du da bist?" - "Ja, das klingt in Ordnung." - "Magst du mich jetzt schon ein wenig?" - "Ich weiß nicht. Vielleicht kommt das jetzt langsam." Er heißt Madou.
Tags darauf wirbelt am Strand ein Stück Styropor vor Hannis Füßen und am folgenden Tag eine rote kleine Christbaumkugel aus Plastik. Hannis Augen fallen in all die Unordnung, in der der Geist sich verliert. Die Hitze brennt nur im Schatten nicht. Dort fällt Hanni in Sand. Er redet ihr vor und geht vor ihr mit Gummischlapfen, aus denen die Fersen hinten raushängen. Sie tritt im Sand in seine Spuren. "Ich gehe jetzt Kochen." sagt Madou. "Heute schlafe ich noch nicht bei dir."
Hanni läuft die Treppen rauf und guckt durch das Fenster in die Küche. Das steht Madou und hantiert in den Schüsseln. Er setzt sich auf einen Hocker mit Blechschüssel am Schoß und schiebt Reiskörner hin und her und rundherum. Die schwarzen Pünktchen, die harten Körner. Immer schiebt jemand den Reis her und hin. Nach dem Essen fegt er das Zimmer, zieht die Leintücher gerade, legt sich hin. Hanni streckt sich daneben aus. "Bevor man in den Schlaf sinkt, wo man fremd ist, bringt Reis Glück. Hier! Was willst du?" - "Nichts." - "Na, dann komm her," sagt er. Vorne und hinten Haut rundherum und innen, und außen mit oben. Hand in Hand brechen Zungenbrüste im Rücken vom Trommeln, der Hitze, dem Schweiß. Der Geruch dunkelwürzig und herb mit Reptilienhaut an den Beinen. Bei der Liebe ist es leise wie ein Windhauch. Geht man im Busch zufällig an Liebenden vorüber, denkt man, das Knacken der Knochen stamme von Zweigen.
Glitschbreiig, süßwürzig breitet sich Banane aus in Hannis Mund. Vom feinen Haar kriechen Zöpfchen, wie Würmer. Eine Schlange kriecht dünn wie ein Oberarmreifen am Boden. Wole steht am Dorfplatz unter den Fetischbaum. Schreit mit Frauen, die auf geschenkte Seife warten, mit den Kindern, die Bonbons wollen. "Wir sind doch Djola!!!" Die Dösende in Rüschenrobe, trägt am äußeren Augenrand tätowierte Striche und am Rücken zwei Narben wie Schwämme. Wole hat die gleichen. "Es gibt hier Krankheiten, die es sonst nirgendwo gibt." Dort, wo auf der Stirn das dritte Auge sitzt, ist bei Wole eine Einbuchtung, eine Narbe, ein Loch. Er hat sich das dritte Auge entfernen lassen, sonst wäre er verrückt geworden. Die Körper sind Bücher, in denen Klekse, Löcher und Striche erzählen, was man durchmacht und trotzdem überlebt. "Einmal hatte ich vier Jahre lang Rückenschmerzen. Dann träumte ich, dass mir einer in den Rücken pinkelte. Das war Voodoo. Das ist nicht Abnützung gewesen, sondern Voodoo. Deshalb tragen wir so viele Schutzamulette herum."
Die Sonne geht auf
da schallen Trommeltöne in der Luft
Es geht los monoton
Geklopftes spricht
tanzt Wole
Lehmkugeln, verstrichen zu Wänden, hochgezogen zu Hütte um Hütte zwischen wuchtigen Karaokebäumen: das Dorf im Busch. Hähne krähen, zirpen Fledermäuse, gackern Hühner. Nanaminze wächst frauenhoch in Feldern. Gott riss einst im Zorn einen Baum aus und warf ihn mit einer derartigen Wucht zurück auf die Erde, dass er mit den Wurzeln nach oben stecken blieb. Der Baum heißt Baobab. Das Dorf regiert eine Königin. "Nein. Sie ist nicht da. Sie arbeitet am Reisfeld." Vor einem Lehmhaus eine hochschwangere Frau im Schatten unter dem Hausbaum. Sie wackelt mit dem Oberkörper hin und her, so als würde sie jede Minute ihr Kind zur Welt bringen. Zusammen ernten die Frauen den Reis, binden ihn zu Bündeln. Lagern ihn im Frauenlagerraum. Büsche und Bäume lassen drei Ernten fallen. Am Wasserloch traktieren zwei Affen Kühe. Das Geburtshaus und die Dieseldreschmaschine gehören den Frauen. Zäune knorrig wie Knochen stecken im Sand um den Frauenhain.
Das Dorf ist auf den Beinen: Zu Trommeldröhnen der Tanz, in großen Töpfen das Schmoren, ausgeschenkt aus Kanistern. Aus Kalebassen stinkt Palmwein wie Most. Junge Männer und Knaben in langen Brokaten, mit schillernden Perlenschnüren um Schultern, mit Stock in der Hand, mit Mustern ins Haar bis auf die Haut rasiert. Nackte Füße in Nike, ein Muss. Nach wochenlanger Einweihung sind die Initiierten nun zurückgekehrt aus dem heiligen Hain, dem Geisterwald. Dort schmolzen die alten Männer die jungen und verwoben sie ins Gemeinsam. Ein Tisch säuerlt, als hätte jemand eine Million mal mit dem gleichen Fetzen über Essensreste von Jahren gewischt und sich fest gebissen. Papayas schmecken wie alte Lappen. "Mit uns waren sie drei Monate zur Initiation im Busch. Wir kehrten als Männer zurück. Damals im Wald habe ich den Tanz gefunden," sagt Wole.
"Als Mutter hat man immer Angst. Im Wald passiert oft was. Manche sterben, manche werden krank. Danach? Nein, nicht stolz. Froh ist man dann. Auf den Inseln machen sie das Gleiche mit den Mädchen. Wir kommen von dort. Am Weg hierher haben wir das vergessen," lacht Mariama. "Schau, so wird die Baumwolle gefaltet," sagte sie und schiebt den Hocker nahe an Hanni in den Schatten. "Du presst dann das Blut raus, wenn du pinkelst, so dass nicht ein einziger Tropfen je am Stoff sichtbar wird. Mein Vater hatte zwei Frauen. Deine Mutter sticht dir nie mit dem Messer ins Herz, die zweite Frau möglicherweise schon. Also versuchst du, dich mit ihr besser zu stellen, wie mit der Mutter. Mein Vater hatte zwei Frauen, mein Bruder hatte zwei Frauen. Hätte mein Mann zwei Frauen gehabt, hätte es mich nicht gestört. Hat er aber nicht. Wenn du hier im Dorf ein Kind kriegst, übernehmen die Dorffrauen dann deine gesamte Arbeit: Das Feld, das Kochen, die Kinder, das Haus. Kinder an den Rücken zu binden bestimmt den Wert fürs Leben. So viel ist das Kind Wert. Gebunden am Rücken. Und von vorne getragen ist nichts. Du kannst es sofort weglegen. Das ist nichts." Sie geht mit Hanni durchs Dorf. Die Ruine des Geburtshauses wächst aus einem Minzefeld. Die Tür knarrt. Fledermäuse schrecken auf.
Noch ist Morgen. Noch ist im Garten kühler Schatten. Noch ist die Sonne am Beginn. Die Trommler schlafen noch. Der Chef ist eingetrudelt. Wole wäscht im Schatten die Familienwäsche mit der Hand. Wäschewaschende Männer sehen, macht Vieles gut. Madou mit dem sanften Waldkindgemüt wäscht Hannis Wäsche.
Der Schuster verschließt das Grigri, den Talisman, schleckt das Leder ab, zieht den Nähfaden durch Wachs. "Alle haben ein Totem. Ich hab ein Krokodil. Das sieht man an meinen Unterschenkeln. Die werden wie Krokodilhaut, wenn ich sie nicht eincreme. Mein Vater kennt die Totemtiere aller Familienmitglieder. Er weiß, wenn eine der Frauen schwanger ist, noch bevor sie es selbst weiß. Ich muss noch fünfhundert Jahre leben. Ich stelle in meinen Träumen Fragen. Deshalb weiß ich, wann ich sterben werde. Leute, die ihre Seele verloren haben sind leicht am Gang zu erkennen. Wenn die Seele zurückgeholt wird, hauchen wir sie durch den Kopf und die Brust wieder in den Körper ein. Ich habe vor langer Zeit geträumt, dass du wieder hierher kommst. Ich habe das in mein Buch geschrieben. Ich werde dir das zeigen." Im Gegenlicht flirrt Sand wie Dunst. Schweine im zahnigen Gehege des Zauns. Im Schatten mächtiger Bäume tausend Fledermäuse. "Es gibt Leute, die haben eben eine Seele aus Afrika," sagt Wole. Geier steigen vom Wasserloch hoch. In Hannis Seele wird etwas heil. Im Dorf der Königin ist Hanni ein Splitter ins Auge geflogen und schmolz Inneneis.




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Eingereicht am 14. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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