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Kurzgeschichte Kurzgeschichten Afrika

Turiga

©  Ingeborg Struckmeyer


Jan Velden kuschelte sich so tief in seinen Schlafsack, dass nur noch die Nasenspitze herausguckte. Neben sich hörte er seine Freunde gleichmäßig atmen, aber er selbst war zu aufgewühlt, um schlafen zu können. Zu eindrucksvoll war die Fahrt mit dem Motorrad durch die Wüste gewesen. Er sah die Bilder vor sich: weite mit graugelbem Staub bedeckte Ebenen, nur unterbrochen von ein paar größeren Steinen oder kleinen Felsmassiven, dann gegen Abend golden von der untergehenden Sonne beschienene Sanddünen, die sich bis in die Unendlichkeit zu erstrecken schienen.
Leise stand Jan wieder auf, kroch aus dem Zelt, das sie in der Nähe einer kleinen Oase aufgeschlagen hatten. Er holte sein Motorrad aus der Hülle, die es gegen den Sand schützen sollte, schob es einige hundert Meter vom Zelt weg und ließ erst dann den Motor an.
Langsam fuhr er auf der gekennzeichneten wellbrettartigen Piste durch die Nacht. Er hatte das berauschende Gefühl, ganz allein zu sein auf der Welt. Nach einer Weile bog er vom Weg ab und fuhr in die Dünen. Erst ging es ganz gut voran. Die Geländemaschine gehorchte willig, aber dann kam er in tiefen Sand, und das Motorrad blieb stecken.
Er stellte den Motor ab. Jetzt war es vollkommen still um ihn herum, so als hielte die Welt den Atem an. Er sah zum sternenübersäten Himmel hinauf, versuchte sich zu orientieren. Der große Wagen war sozusagen umgekippt, und vor dem Hintergrund der Milchstraße konnte er das Kreuz des Südens sehen. Der Anblick war atemberaubend.
Als er mit den Augen wieder auf die Erde zurückkehrte, bemerkte er oberhalb einer hohen Düne einen schwachen Lichtschein. Er ließ die Maschine stehen und stapfte bergauf durch den Sand. Nachdem er den Kamm der Düne erklommen hatte, sah er in einem Wadi, einem ausgetrockneten Flussbett, eine Ansammlung von dunklen Zelten, in deren Mitte ein kleines Feuer brannte. Im Hintergrund lagen einige Kamele, gurgelten leise vor sich hin, schnaubten im Schlaf. Er näherte sich neugierig. Niemand schien ihn zu bemerken. Aus dem Zelt, das ihm am nächsten stand, drang ein dünner Lichtstrahl. Ohne groß nachzudenken, ging er vorsichtig zum Eingang des Zeltes und spähte durch die Ritzen.
Im blakenden Licht einer Öllampe sah er das schönste Mädchen, das ihm je begegnet war. Die Haut war milchkaffeebraun, die Nase gerade und edel geformt, die Lippen ein klein wenig aufgeworfen, betörend sinnlich. Das Mädchen trug ein buntes, mit glitzernden Fäden durchwirktes Gewand und um den Hals eine Kette aus Kupfermünzen. Auch die Stirn unter dem nach hinten gebundenen Kopftuch war mit Kupfermünzen geschmückt. Wie unter einem Zwang hob Jan die Zeltplane an und trat in das Zelt hinein, und wie verzaubert stand er vor dem Mädchen, das einen kleinen erschreckten Laut von sich gab. Es hatte die Augen angstvoll aufgerissen, Augen, dunkel wie die Nacht draußen und von unergründlicher Tiefe.
Jan brachte zunächst kein Wort heraus. Das Mädchen schien zu begreifen, dass es von ihm nichts zu befürchten hatte. Es sah Jan an, sah die Bewunderung in seinen Augen, und ein stolzes Lächeln glitt über das schöne Gesicht.
Schließlich wies Jan mit dem Finger auf sich und sagte: "Ich bin Jan!". Er wiederholte seinen Namen noch einmal und schaute das Mädchen fragend an. Das war einen Augenblick lang verwirrt, doch dann sagte es, indem es auf sich zeigte: "Turiga!"
Plötzlich veränderte sich der Ausdruck in Turigas dunklen Augen, Furcht und Wachsamkeit waren darin zu lesen. Jan hörte hinter sich ein Geräusch. Schuldbewusst fuhr er herum. Er sah nur noch eine hochgewachsene Gestalt und ein Paar funkelnde Augen über einem Gesichtsschleier, wie ihn die Berber teilweise tragen, dann spürte er einen heftigen Schlag auf den Hinterkopf, und ihm wurde schwarz vor Augen.
Als er wieder zu sich kam, war ihm sterbenselend zumute. Erst langsam bekam er mit, dass er quer über einem Kamel hing und durch die Gegend geschaukelt wurde Sein Kopf schmerzte höllisch, und er wurde wieder bewusstlos. Als er das nächste Mal erwachte, fand er sich im Wüstensand wieder. Die Sonne stand hoch am Himmel. Er war mutterseelenallein. Ihm war heiß, doch gleichzeitig klapperten seine Zähne. Erst nach mehrmaligen Versuchen gelang es ihm aufzustehen. Er torkelte, hatte keine Ahnung, wo er sich befand und in welche Richtung er gehen müsste, um seine Freunde wiederzufinden. Sein Gesicht brannte, quälender Durst plagte ihn. Stundenlang irrte er ziellos herum, nur um dann festzustellen, dass er im Kreis gelaufen sein musste. Schließlich legte er sich völlig erschöpft in den Schatten eines kleinen Felsbrockens. Seine Kopfschmerzen waren unerträglich, seine Zunge schien zu einem dicken Klumpen geschwollen. Irgendwann hörte er das Geräusch eines Hubschraubers. Er öffnete mühsam die Augen, die von Sand und Schweiß verklebt waren, richtete sich ein wenig auf, wedelte mit den Armen, aber das Brummen entfernte sich wieder. Hoffnungslos ließ er sich zurücksinken. Er würde hier in der Wüste sterben müssen.
In der Nacht schreckte er auf, weil er ein Geräusch gehört hatte. Wieder standen die Sterne am Himmel, doch diesmal erschien ihr Funkeln ihm bedrohlich.
Er vernahm ein leises Stampfen. Dann sah er einen Maulesel vor sich. Eine Gestalt stieg herab, stieß bei seinem Anblick einen kleinen Freudenschrei aus. Jan konnte es kaum glauben. Über sich sah er Turigas Gesicht. Sie hielt ihm einen ledernen Wasserbeutel an die Lippen. Gierig trank er. Mit einem leisen Lachen nahm sie ihm die Flasche weg und bedeutete ihm, dass er nicht zu viel auf einmal trinken dürfte. Aus einer Tasche ihres weiten Überkleides holte Turiga eine kühlende Salbe, strich ihm damit über das Gesicht. Jan stöhnte auf, als ihre Finger seine verbrannte Stirn berührten.
Vorsichtig fasste Turiga ihn beim Arm. Sie half ihm auf den Maulesel, und er war zu schwach, um zu protestieren, als sie nebenher lief. Sie kamen nicht schnell vorwärts. Immer wieder fielen Jan die Augen zu, und er spürte, wie er ins Rutschen kam. Turiga schrie ihn an, versuchte ihn wach zu halten, und er rappelte sich wieder auf. Irgendwann hielten sie an. Vor sich erblickte Jan in greifbarer Nähe die Dattelpalmen einer großen Oase.
Turiga zog ihn vom Maulesel herunter und sah ihn eindringlich an. Die dunklen Augen leuchteten. Sie lächelte fast unmerklich, dann küsste sie ihn auf den Mund, sehr sanft und sehr süß.
Schnell wandte sie sich ab, stieg auf den Maulesel. Jan wollte sie zurückhalten, bekam aber nur die kupferne Münzkette zu fassen. Die Kette zerriss, die Münzen fielen lautlos in den Sand. Turiga blickte erschrocken, doch dann drehte sie sich um und ritt davon.
Jan sah ihr traurig nach. Als sie in der Dunkelheit verschwunden war, taumelte er zur Oase. Irgendwo fand er ein beleuchtetes Haus. Kaum hatte er die Schwelle überschritten und die Leute, ein paar französische Touristen, auf sich aufmerksam gemacht, brach er zusammen.
In einem Behelfskrankenhaus gab man ihm ein Antibiotikum, legte ihm eine Infusion an. In holperigem Französisch berichtete er dem Arzt und der Krankenschwester, was ihm zugestoßen war, erzählte ihnen von dem Mädchen. Die beiden lächelten und murmelten etwas von 'Fata Morgana'. Jan protestierte, er konnte sich das alles doch nicht eingebildet haben. Oder doch? Zu wirr waren seine Gedanken. Enttäuscht schloss er die Augen. Als er sie das nächste Mal wieder auf machte, fühlte er sich viel besser. Er streckte die verkrampften Glieder, öffnete die Hände, die immer noch zu Fäusten geballt waren. Es klimperte, eine Kupfermünze war ihm aus der Hand gefallen. Er hatte also doch nicht geträumt, das Mädchen der Wüste gab es wirklich.
Morgen würde er Turiga suchen - heute war er zu müde.




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Eingereicht am 13. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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