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Kurzgeschichte Kurzgeschichten Afrika

Nach Afrika

©  Gerald Brandt


Als dieser stinkreiche Forbes aus Hollywood in mein Büro marschiert kam und mich bat, seine Tochter in Afrika aufzuspüren, hätte ich ihn ohne Umschweife rauswerfen und alle meine Kollegen in der Stadt vor diesem Wahnsinnigen warnen sollen. Aber ich hatte gerade meine Post geöffnet und eine neue unbezahlte Rechnung zu den vielen anderen unbezahlten Rechnungen in meine Schreibtischschublade gesteckt. Und nun saß dieser Industriemagnat vor mir und ich witterte ein gutes Geschäft. Er hatte mir ein Foto von der jungen Dame gezeigt, mir eine schlichtweg unglaubliche Summe für Spesen angeboten, zusätzlich noch eine Erfolgsprämie draufgelegt und mir schließlich eine derart haarsträubende Geschichte aufgetischt, dass ich einfach nicht widerstehen konnte: Das liebe Töchterlein hatte sich offenbar in einen verrückten Typen namens Charly McDermott verknallt, dessen verdrehtes Gehirn eine fixe Idee nach der anderen produzierte. Dem werten Herrn Forbes zufolge war McDermott im Grunde ein Taugenichts, der es aber immer wieder schaffte, andere Menschen so geschickt zu manipulieren, dass sie ihm bei seinen verrückten Abenteuern finanziell unter die Arme griffen. Im Moment war er wohl der Überzeugung, man könne in Afrika bislang unentdeckte Elefantenfriedhöfe aufspüren und ausplündern. Mit dem Versprechen, dabei sei jede Menge Elfenbein zu holen, das man mit ein bisschen Bestechung hier und da auch problemlos außer Landes schmuggeln könne, hatte McDermott sich die Unterstützung einiger halbseidener, profitgieriger Unternehmer gesichert, die ihm den Trip finanzierten. Wie und wo er das Elfenbein verarbeiten lassen wollte, war mir allerdings schleierhaft. Forbes' Tochter hatte dem Vernehmen nach nichts mit diesen Machenschaften zu tun, sie war wohl eher auf der Flucht vor einem langweiligen und allzu bequemen Oberschichtsleben an diesen Abenteurer geraten und hatte sich Hals über Kopf in ihn verliebt.
Alle Warnungen des Vaters nutzten nichts, sie hob ein kleines Vermögen von ihrem Konto ab und war mit McDermott auf und davon, noch ehe man Malariaprophylaxemaßnahme sagen konnte.
Jetzt bin ich McDermott und Sally schon seit zweieinhalb Wochen auf den Fersen. Es war gar nicht so leicht, überhaupt eine Spur von ihnen zu finden, denn Afrika ist nicht gerade klein, wie ich feststellen durfte. Anfangs kannte ich auch nur ihren Zielflughafen, nämlich Khartoum, alles andere musste ich mühsam erfragen. Ich besorgte mir also einen Dolmetscher und klapperte erst mal alle Hotels ab. Danach versuchte ich es überall dort, wo man sich das Material für eine groß angelegte Expedition besorgen konnte.
Ich war großzügig mit meinem (beziehungsweise Forbes') Geld, und so erfuhr ich, dass sich Charly McDermott und Sally Forbes, nach zwei Wochen intensiver Nachforschungen in Khartoum, einen Jeep, zwei Lastwagen, reichlich Ausrüstung, Wasser und Treibstoff besorgt und vier Einheimische als Personal für ihre Expedition angeheuert hatten. Nun waren sie auf dem Weg in Richtung Zentralafrika - wohin genau sie wollten, war nicht zu erfahren - was bedeutete, mir blieb nichts anderes übrig: ich musste hinterher. Mit nur einem großen Landrover und meinem einheimischen Dolmetscher Ali, einem hageren Burschen von unbestimmbarem Alter, machte ich mich auf den Weg. Im Grunde war Ali ein schweigsamer Mann, bedächtig saß er auf dem Beifahrersitz und beobachtete, wie ich mich an die Trampelpfade zu gewöhnen versuchte, die man hierzulande Straßen nennt. Hin und wieder wies er mich auf Schlaglöcher hin und gab Anweisungen, an welchen Stellen ich mich mehr rechts oder links halten sollte, um achsbrecherischen Bodenwellen zu entgehen. Alis Englisch war beinahe brauchbar, aber häufig genug beschränkte er sich darauf, mit seinem kaffeebraunen Riesenzinken in die entsprechende Richtung zu weisen und ein "Da links!" oder "Jetzt rechts!" zu bellen. Kamen wir an irgendwelchen touristischen Sehenswürdigkeiten vorbei, spulte er wie ein Tonband einen ganzen Schwall Erklärungen ab. Man merkte, dass er nicht zum ersten Mal mit Ausländern übers Land fuhr. Wenn er über den Zweck unserer Tour verwundert oder beunruhigt war, dann ließ er es sich nicht anmerken.
Zunächst kamen wir flott voran. Dank Alis Ortskenntnissen fanden wir immer und überall eine Möglichkeit, unsere Vorräte aufzufrischen und unsere Wassertanks zu füllen. Da wir nur zu zweit waren, brauchten wir auch keine großen Lager aufzuschlagen, was ebenfalls half Zeit zu sparen. Wir hielten uns auf den befestigten Wegen, und Nachfragen bei der Bevölkerung ergaben, dass McDermott und sein Tross dieselbe Route durch die Savanne gewählt hatte wie wir. Sie waren uns etwa zwei Tage voraus, aber ich war mir sicher, wir würden sie bald eingeholt haben. Wir kamen nach Zentralafrika, ohne dass wir auch nur von weitem irgendwo einen Grenzposten oder etwas Ähnliches gesehen hätten. Allmählich wurde die Besiedelung dünner. Immer häufiger mussten wir in der Steppe übernachten, weil die Abstände zwischen den einzelnen Ortschaften größer und größer wurden. Unser Essen löffelten wir abends direkt aus den Dosen, ebenfalls um Zeit zu sparen, und der Sand machte sich allmählich überall im Landrover und in unserer Ausrüstung breit. Zum Schlafen kletterte Ali samt einer übelriechenden Wolldecke auf das Dach des Wagens, ich machte es mir so gut wie möglich auf den Vordersitzen bequem.
Nachts wurde es zum Teil empfindlich kühl und mehrmals schlichen Hyänen um den Rover; tagsüber hielt man es auch bei voller Fahrt und offenen Fenstern vor Hitze kaum im Auto aus. Dazu der ewige Staub und die vielen widerlichen Insekten überall, auf die man jedes Mal dann stieß, wenn man sie am wenigsten erwartete - so zum Beispiel bei der Erledigung allzu menschlicher Bedürfnisse. Ali meinte beflissen:
"Ich bleiben da, schaun zu, kann kommen kein Skorpion", doch ich lehnte dankend ab.
"Noch bin ich nicht soweit, dass ich jemanden brauche, der beim Scheißen auf mich aufpasst. Ich sag dir dann schon, wenn's soweit ist."
Jedenfalls hatte ich schon nach drei Tagen die Schnauze gestrichen voll von diesem Lebensstil. Ich verstehe wirklich nicht, wie irgendwelche Freizeitabenteurer sich so was freiwillig antun können. Und wenn nicht Forbes' Hunderttausenddollarprämie gewesen wäre, ich wäre stante pede umgekehrt und hätte mich ins nächste Flugzeug zurück in meine geliebten Staaten gesetzt. So aber verfolgte ich mit meinem guten Ali McDermotts immer frischer werdende Reifenspuren im heißen Savannenboden, schwitzte wie ein Schwein und sah mich beim Scheißen immer erst mal gründlich nach Skorpionen um. Dann erreichten wir endlich die ehemalige belgische Handelsstation, die Ali auf seiner Karte rot angestrichen hatte. Unsere Tanks waren leer, aber dort gab es stets genügend Wasser und Diesel zu kaufen, wie mir Ali versicherte. Das alte Gebäude der Handelsstation existierte tatsächlich noch. Darum herum standen etwa zwei Dutzend Hütten einfachster Machart, ein Brunnen, sowie ein großes Bauwerk, das offenbar seit Urzeiten als Lager diente. Wir verhandelten kurz mit dem Dorfältesten und erfuhren, wie erwartet, dass McDermott und sein Tross schon einen Tag vor uns da gewesen waren. Das war in mehrfacher Hinsicht schlecht für uns. Erstens hatten wir sie wieder einmal verpasst, und das allein war schon ärgerlich genug, zweitens brauchten McDermotts Jeep und die zwei Lastwagen natürlich auch Treibstoff. Sprich, dieser verfluchte Mistkerl hatte so gut wie allen Diesel aufgekauft, der auf der Handelsstation vorrätig gewesen war. Was nicht mehr in die Tanks passte, füllten sie einfach in Kanister und luden diese dann auf. Mit Wasser hatte McDermott sich offenbar ebenfalls reichlich eingedeckt, wie uns der Älteste wissen ließ. Für Ali und mich blieben ein nicht ganz voller Kanister Diesel und zehn Liter erdig riechendes Wasser pro Person. Dazu verkaufte man uns noch eine Ladung eingedostes Schweinefleisch, das irgendwie seinen Weg in diese Gegend gefunden hatte, das aber keiner der Moslems hier essen durfte. So ausgestattet fuhren wir noch am selben Abend weiter, in der Hoffnung, wir könnten durch eine Nachtfahrt McDermotts Vorsprung noch weiter verringern. McDermott hatte sich beim Dorfältesten nach einem Ort namens Ngeje erkundigt, der zirka zwei Tagesreisen von der Handelsstation entfernt liegt und den Eingeborenen hier als verbotenes heiliges Gebiet gilt. Der alte Mann verweigerte McDermott dementsprechend jede Auskunft und warnte ihn ausdrücklich vor den Folgen, die ihm drohten, falls McDermott tatsächlich das Tabu Ngejes brechen sollte. So hatten wir also einen ziemlich sicheren Anhaltspunkt, wo wir nach McDermotts Karawane suchen mussten; und ich hatte außerdem den Vorteil, dass mein Ali ganz genau wusste, wo der verbotene Elefantenfriedhof Ngeje lag. Im Laufe des nächsten Tages wurden aber auch diese Oasen immer spärlicher und verschwanden schließlich ganz. Das Gelände wurde immer hügeliger und schwerer, so dass wir unseren Landrover nur noch sehr langsam fahren konnten, wenn wir ihn nicht beschädigen wollten.
Gestern Vormittag ging uns der Diesel aus. Ich hatte eine lautstarke Diskussion mit Ali, da er sich weigerte, zu Fuß weiterzugehen. Wenn er schon in die verbotene Zone eindringen solle, dann sicherlich nicht ohne den Schutz eines stabilen Wagens um sich herum.
"Sein da Geister von Elefanten. Nix gut, töten Männer wie kommen!"
ereiferte er sich.
"Ach was", erwiderte ich, "du glaubst doch nicht an solche Märchen, oder?
Du bist doch keiner von diesen abergläubischen Dorfheinis hier. Wer Schweinefleisch aus Dosen essen kann, der kann auch mal ein kleines Tabu brechen, meinst du nicht? Du bist doch ein gebildeter Mann aus der Stadt, nicht wahr?"
"Ali kommen von Dorf andere Seite von Ngeje. Müssen immer gehen herum, nie durch. Alle wissen von Geister da. Dein Gewehr stark, ja, aber Gewehr nix gut für Geistelefant. Auto vielleicht ja - machen Angst. Geister keine Angst vor Gewehr, so nix gut. Besser gehen wieder zu Station."
Ich war auf hundertachtzig. Uns trennten noch zirka acht Meilen von Ngeje und McDermott, und ausgerechnet jetzt musste mir der Sprit ausgehen und mein Führer die Panik kriegen! Am liebsten hätte ich ihn erwürgt. Zurück zur Handelsstation waren es mindestens dreißig Meilen, wie dachte er sich das eigentlich? Wollte er den Rover einfach hier stehen lassen und zu Fuß zurückgehen? McDermott hatte mehr als genug Wasser und Vorräte und war viel näher, wir mussten nur seinen Spuren folgen, dann waren wir in Sicherheit.
Er konnte uns schließlich nicht seine Hilfe verweigern. Und ich musste ihm ja schließlich auch nicht gleich auf die Nase binden, dass Sallys Vater mich geschickt hatte, um sie zurückzubringen. Ich marschierte auf dem sandigen Boden hin und her, dass es nur so staubte. Schließlich baute ich mich vor Ali auf.
"Also, was jetzt", fragte ich, "bleibst du hier, gehst du zurück oder kommst du mit? Sag es mir, ich muss es jetzt wissen."
Ali senkte seinen Kopf und sah zu Boden.
"Gehn zurück."
Ich kroch in den Wagen und suchte mein Zeug zusammen. Zunächst meinen Kanister mit Wasser, den ich mir mit Hilfe zweier Packbänder wie einen Rucksack aufband. Dazu eine Tasche mit Fleischkonserven und allerlei nützlichem Kleinkram. Zuletzt steckte ich meine Beretta 92 mit zwei Ersatzmagazinen ein und nahm die alte Winchester African an mich, die ich in Khartoum gekauft hatte, plus dreißig der dazugehörigen .458er Magnum Patronen. Das war alles in allem zwar eine ziemlich schwere Angelegenheit, aber ich wollte ja schließlich auch auf alles vorbereitet sein. Ali überließ ich die leichtere Remington und verabschiedete mich von ihm mit ein paar sachlichen Worten. Ich trug ihm auf, er solle versuchen, zurück zur Handelsstation zu kommen und dort einen Hilfstrupp mit Packtieren und genügend Wasservorräten und Diesel für den Rover zusammenzutrommeln. Mit dem sollte er anschließend wieder hierher zum Rover kommen, wo ich und Sally Forbes auf ihn warten würden, falls ich sie bis dahin aus den Klauen von McDermott befreit hatte. Ansonsten würde auf jeden Fall ich auf ihn warten.
Ich ließ ihn alles wiederholen und nahm ihm ein Gehorsamsversprechen ab, das ich mit der Aussicht auf eine fürstliche Belohnung untermauerte. Dann ging ich los, ohne mich noch einmal umzusehen. Nur gut, dass ich mir keinen Punkt am Horizont oder so was merken musste, um meinen Weg zu finden. Ich hätte mich garantiert verlaufen in dieser öden Steppe, wenn nicht McDermotts Reifenspuren gewesen wären, denen ich einfach nur zu folgen brauchte. Das ist das Unglaubliche an Afrika: Man kann hier tagelang herumfahren, ohne eine einzige zumindest einigermaßen befestigte Straße auch nur von weitem zu sehen. Von Fahrzeugen oder Menschen ganz zu schweigen. Konnte es sein, dass in diese Gegend hier tatsächlich nie jemand kam? Und dann erst diese Stille!
Den gesamten Tag über war nichts zu hören, außer ab und zu dem leisen Rascheln einer Brise in einem verdorrten Grasbüschel und gelegentlichem Grillenzirpen. Ansonsten nichts als gnadenlose Stille. Und wieder war ich froh, dass ich mich auf meine Spuren konzentrieren konnte - wer weiß, auf was für Ideen ich sonst noch gekommen wäre. Es war schon deprimierend genug, mich dabei zu ertappen, wie ich mir selbst mit lauter Stimme erläuterte, was ich möglicherweise in Ngeje alles vorfinden und wie ich darauf dann am besten reagieren würde. So spielte ich nach und nach alle vorstellbaren Situationen theoretisch durch und versuchte mir für jede einen geeigneten Schlachtplan zurecht zu legen. Eine Stimme zu hören half einfach meinen Geist auf Trab zu halten, auch wenn es nur meine eigene Stimme war. So marschierte ich also dahin. Ich versuchte zunächst, die Hitze so gut wie möglich zu ignorieren, aber je länger ich lief, desto schwieriger wurde das.
Um halb vier Uhr nachmittags stand die Sonne scheinbar immer noch im Zenit, und ich schwitzte wie angestochen. Ich hatte mich stark zurückgehalten, aber trotzdem war mein Wasservorrat schon um ein gutes Drittel geschrumpft. Dabei lagen meiner Schätzung nach noch etwa fünf Meilen vor mir, und wenn ich in Ngeje weder McDermott noch Sally Forbes vorfand, dann würde ich mit meinem Vorrat noch viel länger auskommen müssen als geplant. Ich beschloss nicht daran zu denken, verkniff mir den Schluck, zu dem ich gerade ansetzen wollte und ging weiter. Die Sonne brannte erbarmungslos auf mich herunter, meine Tasche hing schwer wie Blei an mir und schnitt mir ebenso in die linke nassgeschwitzte Schulter wie der Gewehrriemen in die rechte. Meine Füße wurden so schwer, dass ich um halb fünf die Gelegenheit wahrnahm, die mir ein lebloser Baumkrüppel bot, und mich eine halbe Stunde lang in seinen Schatten legte, um etwas zu essen und einen winzigen Schluck Wasser zu trinken. Anschließend musste ich mich zwingen, wieder aufzustehen und in der glühenden Hitze weiter zu marschieren. Einige Zeit später sah ich in der Nähe der Reifenspur etwas im trockenen Gras liegen, das sich beim Näherkommen als Skelett entpuppte. Ich ging also hin, um es mir anzusehen.
Zunächst dachte ich, es müsse sich bei diesem Tier um ein Zebra gehandelt haben, der Größe und Form der Knochen nach zu urteilen. Aber dann sah ich das Zaumzeug und wusste: es war ein Pferdeskelett. Kein Sattel und kein Reiter; vielleicht war es ja ein Packtier gewesen, das hier verendet war.
Oder war es von Löwen oder Leoparden gerissen worden? Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wohl vor hundert oder zweihundert Jahren in dieser Gegend ausgesehen haben mochte. Bestimmt war es früher viel fruchtbarer, denn das bisschen Vegetation, das heutzutage hier wächst, wäre in jedem Fall zu wenig, um eine oder sogar mehrere Elefantenherden zu ernähren. Die verdorrten Holzstümpfe, die hier und da aus dem Boden ragten, mussten vor Urzeiten also einmal stolze Bäume gewesen sein. Vielleicht hatten die Elefanten ja selbst dafür gesorgt, dass ihnen die Nahrungsreserven ausgingen, wer weiß. Aber warum sollten diese Tiere sich genauso bescheuert benehmen wie wir Menschen? In solchen Gedanken versunken folgte ich weiter meiner Spur. Es dauerte nicht lange, da fand ich das nächste Skelett, ein wesentlich kleineres diesmal. Auch dieses trug eine Art Zaumzeug, aber daran befestigt war ein Holster, in dem ein alter Revolver steckte. Ein Sammler würde bestimmt ein bisschen was dafür ausspucken, ich kannte so einen Kerl in Beverly Hills, der für einen alten Revolver mal dreitausend Dollar hingeblättert hatte, obwohl er ihn nicht benutzen konnte, weil man fürchten musste, dass er einem beim Schießen um die Ohren flog. Neben dem Skelett lag ein ausgebleichter, verwitterter Tropenhelm. Allmählich wurde mir doch ein bisschen unheimlich zumute. Deshalb hielt ich mich auch nicht lange auf. Im Weitergehen merkte ich jedoch, dass der Tote sehr wohl einen tüchtigen Eindruck auf mich gemacht hatte. Seit wann lag er wohl schon da? Und wer oder was mochte ihn wohl getötet haben? Wahrscheinlich war es in letzter Instanz seine Gier gewesen. Seine Gier nach dem Elfenbein aus dem Elefantenfriedhof Ngeje. McDermott war also nicht der erste, dem diese Idee gekommen war. Man wusste ja nicht einmal, ob nicht schon jemand vor ihm erfolgreich gewesen war und den Friedhof bereits geplündert hatte. Der Gedanke an den Tod ließ mich nicht mehr los. So unwahrscheinlich war es inzwischen gar nicht mehr, dass ich dieses Abenteuer ebenfalls als Leiche beendete. Ich stellte sicher, dass das Magazin der Winchester mit drei Patronen vollgeladen war und steckte zusätzlich noch eine in die Kammer.
Warum nur konnte ich jetzt nicht in L.A. sein, verdammt noch mal! Dort kannte ich jeden Stein mit Namen und hatte noch nie einen Fall nicht zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst. Dort wusste ich immer, was auf mich zukam und was ich tun musste. Aber hier wusste ich gar nichts. Was zum Teufel hatte ich überhaupt hier zu suchen! Noch dazu mitten in der Trockenzeit! Die Hitze ließ meine Gedanken verschwimmen. Warum noch mal war ich hier? Ach so, ja - die Forbes-Tochter. Und das Elfenbein .. Nein, das nicht. Und ja, das Geld natürlich. Wie lange hatte ich schon nichts mehr getrunken? Na ja, ein kleiner Schluck wird schon nichts schaden. Hoppla, so wenig nur noch? Wann habe ich das denn ... Aber McDermott hat ja noch. Was mache ich aber, wenn ... nein, bloß nicht daran denken. Er kann mich doch nicht einfach wieder in diese Wüste - oder doch? Der Weg ging immer stärker bergauf und ich keuchte wie eine alte Dampflokomotive. Meine Nerven waren mittlerweile bis zum Zerreißen gespannt, hinter jedem trockenen Busch vermutete ich entweder eine Raubkatze oder einen von McDermotts Männern, und wenn nicht das, dann vielleicht einen sagenhaft großen Geisterelefanten, der mich zermalmen würde wie eine Erdnuss. Dann verwandelte sich vor meinen Augen McDermott in eine Schlange, die Sally Forbes verschlang, und die Schlange verwandelte sich in den Rüssel eines grell gemusterten Elefanten, der so groß war wie eine Mietskaserne. Ich schüttelte heftig den Kopf, und wurde so die Halluzination los. Die Winchester hielt ich die ganze Zeit über halb in Anschlag, so lange bis mir meine Arme schmerzten. Schließlich hängte ich mir das Gewehr doch wieder über die Schulter, allerdings so, dass es waagerecht an meiner rechten Seite hing und ich es mit einer Hand halten und im Zweifelsfall schnell hochnehmen konnte. Ich begann wieder mit mir selbst zu reden.
"Schau doch mal da vorne - ist das nicht ein Löwe, der da kauert?"
"Nein, das glaub ich nicht, warum sollte der sich denn mitten in die pralle Sonne legen?"
"Keine Ahnung, jedenfalls - irgend etwas liegt da vorne, soviel steht fest; schau doch selbst hin.
"Hm... tatsächlich, da liegt was."
Hätte ich nicht den winzigen Farbklecks gesehen, dann hätte die dunkle Wolke darüber meine Aufmerksamkeit auf jeden Fall erregt. Die Wolke erhob sich und breitete sich nach allen Seiten hin aus, bis ich erkannte, dass das ein Vogelschwarm war, der dort aufflog. Geier - was sonst. Bis ich herankam, waren alle schon weg. Fast hätte ich ihnen nachgerufen, sie sollten mich gefälligst mitnehmen. Dann sah ich zu meinen Füßen das dritte Skelett an diesem Nachmittag. Ganz frisch und noch ein bisschen blutig. Geier sind gute Futterverwerter, sie lassen fast nichts übrig. Der Farbklecks war ein buntes Hemd, das sowohl einem einheimischen Afrikaner als auch einem Touristen gehört haben konnte. Mehr Aufschluss gaben da schon die schäbigen Sandalen und ein paar kleine Büschel schwarzes Kraushaar, die um die Leiche herumlagen. Ich beugte mich vorsichtig über das stark riechende Skelett, konnte aber zwischen all den Knochen nichts entdecken, was mir hinsichtlich der Todesursache weiterhalf. Einzig ein paar Rippen waren zerschmettert.
Doch etwa drei Meter weiter der Reifenspur entlang fand ich zwei Patronenhülsen von beachtlichen Ausmaßen. Zwei .375er Patronen Holland & Holland - der arme Kerl hatte bestimmt nicht lange leiden müssen, soviel stand fest. Plötzlich wurde mir schwindlig. Was war hier vorgefallen? Warum um alles in der Welt fing McDermott an, seine Leute zu erschießen.
Wahrscheinlich waren ihm die Hitze und die Geldgier zu Kopf gestiegen. Mir kam ein höchst beunruhigender Gedanke. Wenn der gute Charly wirklich Schaden genommen hatte, dann wurde er unberechenbar und somit auch zur Gefahr für Sally Forbes. Außerdem war nichts schlimmer als ein wahnsinniger, unberechenbarer Gegner. Meine Paranoia war mit einem Schlag wieder da, und sogar noch furchteinflößender als zuvor. Ich ging nicht mehr, ich pirschte behutsam vorwärts, abseits der Reifenspuren nach Deckung suchend, immer bereit, bei dem noch so kleinsten Geräusch sofort zu schießen. Ich war fest entschlossen zu töten, was auch immer sich mir in den Weg stellen mochte, sei es McDermott oder sonst was. Es war nicht mehr der Gedanke an Selbstverteidigung, der mich bewegte. Der Schwindel in meinem Kopf wurde immer schlimmer, mein Körper wollte nicht mehr, mein Gehirn schrie, ich geriet in eine Art Ekstase, ohne dass ich es verhindern konnte. Ich erschrak, als ich diese Empfindung zuerst bemerkte, und gleichzeitig genoss ich sie wie einen Rausch, sog sie völlig in mich auf - es war der primitivste Impuls, den ich je verspürt hatte: Ich wollte töten, das Aufreißen von Haut hören, das metallische Aroma von großen Mengen Blut einatmen, den animalischen Gestank von aufgeplatzten Därmen riechen, der einem den Magen umdreht... ich wollte einfach nur töten, töten, nichts anderes war mehr in mir. Ich übergab mich in eine Hecke und blieb kurze Zeit benebelt liegen. Dann schlich ich weiter. Allmählich beruhigte ich mich, mein Gehirn fing langsam wieder an, die Welt nach normalen Maßstäben zu bemessen. So wie es aussah, gab es zwei Möglichkeiten: entweder hatte der Afrikaner gemeutert oder jemanden angegriffen und war deshalb erschossen worden. Oder McDermotts Verstand arbeitete tatsächlich nicht mehr ganz In keinem der beiden Fälle jedoch durfte ich ihn unterschätzen, er schien zu allem entschlossen. Aber gut, das war ich inzwischen auch. Ich war keinesfalls durch diese glühende Hölle gegangen, nur um den Dreckskerl anschließend ungeschoren davonkommen zu lassen. Eine Mordanklage würde diese Ratte endgültig aus dem Verkehr ziehen, und zu der würde ich ihm schon verhelfen, der sollte sich wundern! Kurz vor Sonnenuntergang erreichte ich Ngeje. Aus etwa einer Dreiviertelmeile entdeckte ich das Camp, das sich zunächst nur als ein dunkler Schatten gegen den gelbroten Horizont abhob.
Erst als ich noch näher dran war, konnte ich die dunklen Zelte und die hellen Trucks voneinander unterscheiden. In der Nähe des Lagers erhoben sich einige Hügel. Offenbar lag der Elefantenfriedhof irgendwo zwischen diesen Hügeln. Zu sehen war jedenfalls nichts. Auch im Lager selbst war es ruhig.
Als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, schlich ich mich bis auf zirka zwanzig Meter heran. Plötzlich stolperte ich über etwas und fiel beinahe bäuchlings über den toten Schwarzen, der mir zu Füßen lag. Er lag auf dem Bauch, mit dem Kopf und den ausgestreckten Arme vom Lager weg, das Gesicht im Sand. McDermott hatte ihm scheinbar in den Rücken geschossen, als er versucht hatte stiften zu gehen. Ich hatte allerdings nicht viel Zeit, mir über den Toten Gedanken zu machen, denn schon brach im Camp ein Mordsradau los. Mehrere Stimmen brüllten und kreischten durcheinander, mir war, als hörte ich ein vielstimmiges Trompeten wie von Elefanten, es klang gleichzeitig sehr nah, aber auch transparent wie ein entferntes Echo. Dann wurde etwa dreißig- bis fünfzigmal mit verschiedenen Kalibern geschossen.
Aber die Schüsse waren nicht die einzigen Geräusche, es krachte und schepperte, als trample jemand das halbe Lager nieder. Der Lärm war ohrenbetäubend, so als ob man neben einem vorbeifahrenden Güterzug steht.
Aber ich war ja mindestens zwanzig Meter weit entfernt. Dann war mit einem Schlag wieder Ruhe. Ich überprüfte nochmals alles, meine Pistole war griff- und schussbereit, die Winchester im Anschlag. Ich legte meinen verbliebenen Proviant und den Kanister neben den Toten und schlich geduckt näher. Das gesamte Camp lag in Schutt und Asche. Hier hatte jemand gründliche Arbeit geleistet. Der Jeep, die Lastwagen und Zelte waren kreisförmig zu einer lückenlosen Wagenburg aufgestellt worden, und ich spähte zwischen den zwei Trucks hindurch in die fast kreisrunde Arena. Rechts vor mir und auf der gegenüberliegenden Seite lagen die letzten beiden Afrikaner. Sowohl sie als auch sämtliche Geräte, Zelte und Fahrzeuge waren mit Einschusslöchern übersät. Alle möglichen Gegenstände lagen verstreut umher, vom Hartschalenkoffer über diverse Haushaltsgegenstände bis hin zu großen schweren Holzkisten. Ein großer Teil davon schien enormer Gewalteinwirkung ausgesetzt gewesen zu sein, die meisten Kisten sahen aus wie gesprengt oder zerquetscht. überall auf dem Boden waren große runde Eindrücke zu sehen. Mir gegenüber, auf der anderen Seite der Wagenburg, krochen zwei Gestalten unter dem Jeep hervor, die eine erhob sich sofort und richtete eine Pistole auf die zweite Person, die vorerst an den Wagen gelehnt hocken blieb. McDermott war am Boden. Sally hielt ihn in Schach, während sie schluchzte und zitterte. Auch ihre Nerven hatten offensichtlich gelitten.
"Du Schwein, du widerliches Schwein, du verfluchtes widerliches Schwein", wiederholte sie monoton.
Sie schien wirklich nicht ganz bei sich zu sein. Ich hatte das Gefühl, ich sollte jetzt etwas unternehmen, schließlich hatte sie eine Waffe in der Hand. Der Umstand allerdings, dass sie damit auf McDermott zielte, spornte mich nicht gerade zur höchsten Eile an. Zuletzt siegte aber doch meine staatsbürgerliche Pflicht, ich löste mich aus meinem Versteck und ging bedächtig auf die beiden zu. Ich hatte Sally noch gar nicht angesprochen, da drückte sie plötzlich unvermittelt ab. Auf die kurze Entfernung konnte sie ihn nicht verfehlen. McDermotts Gesicht war um eine Öffnung reicher, sein Gehirn platschte schräg nach hinten an den Jeep, lief daran herunter.
Ansonsten veränderte sich nichts an seiner Haltung.
"Sally! Um Gotteswillen, was tun sie denn da!", schrie ich sie an.
Langsam drehte sie sich zu mir um. Ich hatte mein Gewehr in der Hüfte im Anschlag, registrierte aber erleichtert, dass Sally ihre Pistole sinken ließ. Sie wirkte abwesend und schien mir gar nicht zuzuhören, als ich ihr langsam und ausführlich erklärte, wer ich war und warum ich sie suchte. Sie blickte nur starr vor sich hin, setzte sich aber immerhin auf eine aufgeplatzte Transportkiste. Sie wiegte sich vor und zurück. Ohne auf meinen Monolog einzugehen, ohne mich scheinbar überhaupt wahrzunehmen, wiederholte sie wie eine mechanische Puppe:
"Ngeje - Ngeje - Ngeje - Ngeje..."
"Wer hat die Männer erschossen, Sally", fragte ich sie, "das war Charly, nicht wahr?"
Sie schien zu nicken, aber sicher war ich mir dessen nicht.
"Sally - was ist hier passiert?", versuchte ich es noch einmal. "Wer hat das Lager verwüstet?"
"... Ngeje - Ngeje - Ngeje ..." Sie wiegte hin und her.
"Sally, sagen Sie mir doch um Himmelswillen, was hier passiert ist. Wer hat die Männer getötet, und wer hat das alles hier verwüstet, nun sagen Sie schon. Waren vielleicht Eindringlinge hier? Verstehen Sie, was ich sage?"
Sally öffnete ihren Mund und sprach ein paar geflüsterte Worte. Ich verstand keine Silbe, schloss aber aus der Sprachmelodie, dass Sally nicht zu mir sprach. Ich weiß nicht wieso und ich habe auch keine Erklärung dafür anzubieten, aber was ich da hörte, das war ganz eindeutig ein afrikanischer Dialekt. Niemand hatte bisher erwähnt, dass Sally die hiesige Landessprache beherrschte. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass das ja eigentlich auch ziemlich unwahrscheinlich war. Ich spürte einen Luftzug und es lief mir eiskalt den Rücken runter.
"Bleib ruhig, bleib jetzt auf jeden Fall ganz ruhig", sagte ich mehr zu mir selbst als zu Sally Forbes.
Wieder hörte man ein Geräusch wie von einem weit entfernten Trompetenecho, Sally erwachte aus ihrer Lethargie, sie sah sich um, nahm als nächstes mich wahr und blickte mir hektisch in die Augen.
"Sie sind da, hören Sie es?"
"Wer ist da, Sally, sagen Sie mir wer!" Sie blickte vor sich auf den Boden, bejahte einige Male eine für mich unhörbare Frage oder Aufforderung, dann sah sie mich an.
"Gehen Sie jetzt - ich muss zu ihnen."
Ohne Vorwarnung schob sie die Pistole in ihren Mund und drückte ab.
Sie war sofort tot, ich hatte von Anfang an nicht die geringste Chance gehabt. Kein Zweifel: sie war zuletzt genauso wahnsinnig geworden wie ihr Freund McDermott. Aber was zum Henker war hier vorgefallen, kurz bevor ich eingetroffen war? Das Ganze war mir nun doch ein bisschen unheimlich. Ich bin kein Experte, aber für mich sah alles danach aus, als wäre das Lager von mindestens einem wildgewordenen Elefanten niedergetrampelt worden, während Charly und Sally wie die Teufel um sich schossen. Die Fußspuren legten jedenfalls diesen Schluss nahe. Andererseits hatte ich weder einen Elefanten noch Elefantenblut gesehen, und wie hätte er in die Wagenburg hinein- und wie wieder herauskommen sollen, ohne zumindest ein Zelt nieder zu trampeln.
Aber alles stand noch an Ort und Stelle. Ich dachte dies alles noch ein zweites Mal kurz durch und plötzlich durchfuhr es mich wie ein Blitz. Mein erster Gedanke war der Jeep. Ich stieg ein und versuchte ihn zu starten, aber eine der schwereren Kugeln hatte ihn so unglücklich getroffen, dass er nicht viel mehr als ein heiseres Röcheln von sich gab. Wieder war mir, als hörte ich ein gedämpftes Trompeten, ganz in der Nähe, aber doch auch wieder nicht. Dann noch mal.
Schnell sprang ich aus dem Jeep und hastete weiter. Eine Kontrolle der zwei Trucks ergab, dass sie beide plattgeschossen waren. Es blieb mir also nichts anderes übrig als zu Fuß zu flüchten. So schnell ich konnte, durchstöberte ich das Camp nach Wasser und etwas Essbarem, nahm an mich, was ich neben meinem Gewehr noch tragen konnte und verließ schleunigst den Ort des Geschehens. Um die Leichen kümmerte ich mich nicht, das übernehmen hierzulande die Geier.
Ich laufe und laufe und laufe. Geschlafen habe ich kaum eine Sekunde seit gestern Abend. Wie denn auch - und wo. Abseits der Hügel habe ich mich zwar ein Weilchen hingelegt, aber wirklich geschlafen habe ich nicht. Einmal bin ich ein bisschen weggedämmert und sofort träumte ich, dass ein riesiger Elefant über mich herfiel und mich mit seinen meterlangen Stoßzähnen durch die Luft wirbelte, und ich spürte wie meine Knochen brachen wie trockenes Holz. Ich bin wohl hochgeschreckt und habe mein Gewehr und ein Magazin der Pistole leergeschossen. Passiert ist erstaunlicherweise nichts, ich habe weder einen Geist noch mich selbst getroffen.
Aber dann erwache ich wirklich - aufgestört durch das Kitzeln in meinem Gesicht. Da ist etwas Graues, faltig und beweglich! Schnell zieht es sich zurück. Es sind mindestens zwanzig, sie stehen um mich herum und lassen mich nicht aus den Augen. Der in der Mitte ist mindestens vier Meter groß, mit seinen Stoßzähnen könnte er mich wie einen Fisch aufspießen! Aber nichts bewegt sich, sie starren mich einfach nur an. Doch dann, ohne jede Vorwarnung, schnellt der Rüssel des Anführers blitzartig nach oben, es ertönt ein Schrei, der Mauern einstürzen lassen kann - ein Schrei, taub macht und den Boden erzittern lässt. Ich merke noch wie es in meinen Hosen feuchtwarm wird, dann verliere ich das Bewusstsein.
Einige Minuten später kam ich wieder zu mir und schaffte es, mich zumindest soweit zu beruhigen, dass ich weiterlaufen konnte. Ich begann wieder mit mir selbst zu sprechen. Das war der pure Zufall, das waren ganz normale Tiere.
Immerhin bin ich ja jetzt schon ein paar Tage hier unterwegs und in der ganzen Zeit habe ich von Geisterelefanten weder was gesehen noch gehört.
Vielleicht haben sie mich deshalb in Ruhe gelassen, weil ich von Anfang an nicht hinter ihrem Elfenbein her war, wer weiß ... Ach du Scheiße, jetzt fang ich auch schon mit diesem Unfug an, Gott bewahre ... Schluss damit, hör auf, verdammt noch mal! Du darfst einfach nicht darüber nachdenken, hörst du? Gut, so ist es besser ... Wie dem auch sei, ich habe jetzt nur noch ein
Ziel: Ich muss raus aus dieser Gegend, und zwar schnell, möglichst weit weg von diesem vermaledeiten Elefantenfriedhof mitsamt seinem ganzen verfluchten Hokuspokus! Was auch immer ich glaube gesehen zu haben, es kann einfach nicht die Wahrheit sein. Bestimmt gibt es eine absolut rationale Erklärung für alles. Die Hitze, der Durst, diese seltsame Umgebung - kein Wunder, dass die Leute anfangen durchzudrehen. Vielleicht gab es eine Meuterei unter den abergläubischen Trägern und das hat die Schießerei ausgelöst. Und die Spuren könnten doch auch von irgendwas anderem stammen, vielleicht von einer kleinen Tonne Diesel oder so was ... In jedem Fall muss es doch eine logische Erklärung für das Ganze geben, verflucht noch mal! Was zum Teufel soll ich denn sonst dem alten Forbes erzählen? Dass seine Tochter von Geisterelefanten in den Wahnsinn getrieben wurde und daraufhin erst McDermott und dann sich erschossen hat? Der lässt mir doch glatt zuerst die Lizenz entziehen und bringt mich anschließend in die Klapsmühle. Und schade auch um das ganze schöne Geld, was hätte man damit alles anfangen können ...
Oh, schau doch mal dort, siehst du das nicht? Das ist doch unser Landrover da vorne. Und da sind auch Leute. Ja, ich seh's, das muss Ali mit dem Hilfstrupp sein. Die waren aber schnell hier. Wie schön, wir haben's endlich geschafft. Ja, ich muss mich jetzt erst mal dringend ausruhen. Und schlafen - ja schlafen ... Ach nein, doch keine Leute, eine Fata Morgana. Na ja, Hauptsache, ich kann mich in den Wagen legen. Ah, das tut gut. Hoffentlich kommen sie bald. Hoffentlich kommen sie überhaupt... Verdammt noch mal, so was muss doch einfach nicht sein. Das nächste Mal bleibe ich daheim. Ich bin doch kein Abenteurer wie dieser Hemingway oder so. Ich bin ein Stadtmensch, verdammt noch mal! Was zum Teufel mache ich eigentlich hier?!
"Ja, Ali, danke. Nein, es geht schon, ich muss nur ein Weilchen liegen bleiben, ja. Nein, Ali, ich habe niemanden gefunden, gar niemanden. Nichts und niemanden. Gib mir doch bitte doch einen Schluck Wasser, ja? Danke. Ja ja, ich leg mein Notizbuch gleich weg, lass mich nur noch diesen Satz zuende schreiben. Wo bleibst du denn mit dem Wasser, ich hab so einen furchtbaren Durst - so Durst! Und ich bin müde, Ali. Ja, ich muss schlafen, Ali. Mich ausruhen... schlafen."




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Eingereicht am 09. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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