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Kurzgeschichte Kurzgeschichten Afrika

Alte Krieger, junge Kämpfer

©  Bettina Zens


Nichts regte sich in der Umgebung. Ein sachter Wind trieb über die Sanddüne, die eben passiert worden war und wirbelte einige Sandkörner auf. Stille hatte sich über die Wüste Libyens gesenkt und wurde nur von dem beinahe unhörbaren Knirschen des Sandes durchbrochen, das immer entstand, wenn das Dromedar einen Fuß aufsetzte. Regelmäßig und einschläfernd schien sein Gang beinahe wiegend und der Reiter sank immer weiter nach vorne. "Nicht einschlafen, Andrew", mahnte er sich selbst und fing sich mühevoll ab. "Wach bleiben", murmelte er und richtete sich auf. Hitze, Durst und Müdigkeit machten es ihm nicht leicht und er atmete bereits ziemlich schwer. Die warme Luft hatte seine Nase, seinen Rachen und seine Kehle ausgedörrt und er hatte nur noch einen Schluck in seiner Wasserflasche. Einen winzigen Schluck. "Da entlang.. Dort muss Norden sein. Wir müssen nach Norden", Andrew brachte nur ein Flüstern zustande und versuchte das Dromedar mit einem Ruck an den Zügeln in eben jene Richtung zu wenden. Stur schritt das Tier weiter, ignorierte seinen Befehl und gab nur ein missbilligendes Schnauben von sich.
Weiterhin trottete es dahin und versuchte noch nicht einmal den Anschein zu erwecken, dass es seinen Wünschen folgen würde. Innerlich verfluchte der junge Mann sein Reittier, aber er war klug genug nicht noch seine letzte Energie zu verschwenden, indem er laut schimpfte.
Er hatte schreckliche Kopfschmerzen, bereits seit die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte. Längst wusste er nicht mehr, vor wie vielen Stunden das gewesen war und er machte sich auch nicht mehr die Mühe, sich daran erinnern zu wollen. Sehnsüchtig blickte er auf die Wasserflasche, die er vor sich liegen hatte und er konnte beinahe das Wasser hören, das noch darin war. Einerseits sehnte er sich danach es zu trinken - so wenig es war, es war Wasser und zumindest wäre sein Mund nicht mehr so schrecklich trocken...
Und doch widerstrebte es ihm. Solange er noch ein wenig Wasser übrig hatte, hatte er noch den Funken einer Chance und die wollte er nicht verschwenden.
Seine Gedanken wanderten zurück zu dem Tag, an dem alles begonnen hatte.
Hier - in Libyen. Eigentlich war es eine Ironie. Mitten in der Wüste auf einem Dromedar saß ein Indianer, der laut Klischee auf einem Pferd durch die Prärie ziehen müsste. "Immerhin finden sie mich nicht", beruhigte er sich und lachte heiser auf. Nein, hier würde ihn niemand finden. Aber sie hatten erreicht, was sie wollten. Seinen Tod. Wahrscheinlich würde er nicht mehr lebend erwachen, wenn er erst einmal eingeschlafen war. Schwach hob er eine Hand und blickte auf seine bronzene Haut, die den selben Farbton hatte, der seinen Vorfahren die Bezeichnung ‚Rothaut' eingebracht hatte. Immerhin hatte er lange durchgehalten, weil er zumindest zum Teil an all das hier gewohnt war. Hitze, pralle Sonne und kaum Vegetation. In der Nacht kühlte es ab, weil der Sand die Wärme einfach nicht speichern konnte und die Tiere waren meist nur bei Dämmerung unterwegs. Aber er hatte es längst aufgegeben eines fangen zu wollen. "Weißt du, ich habe nicht schlecht gelebt. Das Reservat war nicht schlecht und wir konnten weiterhin sein, wie wir sein wollten. Es gab Tänze, Rituale... Rassismus. Ja, natürlich Rassismus. Aber was beschwere ich mich? Schlimmer als bei der Eroberung der Männer aus dem Osten kann es nicht sein. Wusstest du, dass es keine Rolle spielte, ob man bewaffnet oder unbewaffnet war? Ob man Frau, Mann oder Kind war? Es war gleich, die Kugeln der Soldaten trafen. Welchen Befehl sie wohl von Ihrer wehrten Majestät erhalten hatten? Ich kann es mir richtig vorstellen. Auf dem Thron sitzend und großartig mit der Hand winkend wird Ihre Hoheit gesagt haben: ‚Tötet sie'. So muss es sein. Hätten sie sonst etwa das alles getan? Lügner waren sie auch. Große Lügner. Glaube nicht, ich will etwas verschönen. Natürlich waren auch die Indianer keine Heiligen, aber immerhin kämpften Männer mit Männern und nicht gegen wehrlose. Außerdem hatten wir es nicht auf die Vernichtung eines Stammes abgesehen. Nein, nie. Ich war zwar nicht dabei, aber ich habe alles gelesen, was ich in die Finger kriegen konnte. Ja, ja.
Alles", erzählte er dem Dromedar enthusiastisch und nickte dabei schwach. Es schwieg, drehte aber wenigstens ein Ohr in seine Richtung. Wie gnädig. "Ein kluger Mann sagte einmal: ‚Ob der Westen für die Welt gewonnen oder verloren wurde, muss jeder für sich selbst entscheiden.' Wie wahr. Natürlich war es gut den Indianern zu zeigen, wie man das Leben erleichtern konnte. Aber darum ging es nicht. Es ging um Land, Gold und Macht. Edle Ziele, sehr edel", erklärte er weiter mit vor Sarkasmus triefender Stimme. Wieder wankte er und fing sich dank des Halses des Dromedars noch ab, ehe er zu Boden fiel. "Aber lassen wir das. Die Vorurteile gegen Indianer haben mir immerhin in meinem Beruf ziemlich geholfen. Schlecht war ich nicht. Ganz und gar nicht", bemerkte er und richtete sich wieder einmal auf. Er hatte es längst aufgegeben, das eigensinnige Tier lenken zu wollen. Es lief ohnehin, wohin es wollte und er konnte daran nichts ändern. "Bei genauer Betrachtung war ich sogar gut. Gerade weil jeder mich zweimal ansieht und ich nicht der unauffälligste bin, bin ich gut. Wer vermutet schon, dass jemand einen Spion ausbildet, auf den alle achten? Die unauffälligen sind es, welche die Aufmerksamkeit erregen. Sie haben mir ziemlich vieles beigebracht - war auch nötig. Manche Aufträge waren nicht leicht. Aber ich höre mich an, wie ein alter Mann, oder? Ich bin gerade einmal 25 Jahre jung und damit eindeutig nicht alt. Wo war ich stehen geblieben? Richtig. Die Aufträge. Hör dir das
an: Nachdem ich die meisten bisherigen Aufträge zur Zufriedenheit meiner Vorgesetzten erledigt hatte, und ich will jetzt nicht auf alle eingehen, hat man mir bereits ein wichtigeres Projekt nahe gelegt. Ich sollte nach Europa fliegen, nach Wien. Das liegt in Österreich, diesem kleinen Land unter Deutschland. Ziemlich unscheinbar, aber sehr praktisch, wenn man sich verstecken will. Ich sollte nämlich jemanden finden, der versuchte sich eben dort zu verstecken. Ein ehemaliger Spion, ein richtig guter. Einer von der älteren Generation, aber einer der besten, sagte man mir. Er war an der Spitze des Dienstes, bei dem ich arbeite. Welcher das ist, kann ich dir nicht sagen. Sonst müsste ich dich töten - strenggeheim!", bei dieser Bemerkung klopfte er dem Tier schwächlich gegen den Hals und kicherte bei dieser Vorstellung. "Es war nicht so, dass er uns verraten hätte, nein. Er war ziemlich loyal. Man hat mir auch nicht wirklich mitgeteilt, weswegen ich ihn finden und töten sollte. Vielleicht wusste er zuviel oder sie befürchteten, er würde zu einem anderen Dienst wechseln. In Wien habe ich eine Weile gesucht - es war auch ein wenig schwer die Sprache zu lernen, weil sie dort nicht wirklich Deutsch sprechen, mehr einen Dialekt. Aber ich lernte es und nach einem halben Jahr Arbeit fand ich ihn auch. Er war für die Menschen dort nicht mehr als ein gewöhnlicher Straßenarbeiter. Da staunst du, was? Natürlich geben sich Spione nicht immer als Fürsten oder dergleichen auf. Ist doch ziemlich auffällig, wenn wir es täten. Jeder findet einen Fürsten innerhalb einer Woche oder weniger - aber einen Straßenarbeiter? Hah! Darauf muss man erst einmal kommen. Natürlich arbeitete er nicht selbst, sondern jemand gab sich als er aus, sodass er selbst ungestört in seinem Haus leben konnte. Ich hatte das hinterblickt, nachdem ich den Straßenarbeiter gesehen hatte und setzte meine Forschungen fort - es war sehr leicht, nachdem ich erst einmal das Vertrauen einiger wichtiger Leute gewonnen hatte", beschied Andrew dem Dromedar heiser und hustete. Er wusste nicht, weshalb er das alles erzählte. Vielleicht einfach aus dem Drang heraus, dass irgendjemand wusste, weshalb er hier war und sterben sollte. "Sehr leicht ist wahrscheinlich übertrieben, aber nachdem ich erst einmal den Straßenarbeiter gefunden hatte und wusste, nach wem ich suchen musste, fand ich ihn auch. Er war ein stattlicher Mann - weißes Haar, etwas kleiner als ich und graue Augen, die beängstigend sein konnten. Selbst ich hatte Respekt vor dem Alten und ich habe gewöhnlich nicht viel für Leute übrig, die ich nicht gut kenne. Sein Haus war nicht zu sehr ausgeschmückt.
In einem Zimmer war eine altertümliche Waffensammlung. Schwerter - sowohl aus Asien als auch aus Europa - und noch dazu Hellebarden, Äxte und ähnliche Todeswerkzeuge, die man in früheren Zeiten verwendet hatte. Schon alleine das hätte mich warnen sollen, dass ich es mit einem Schätzer der alten Kultur zu tun hatte. Das alles sah ich, als ich ihm das erste Mal begegnete.
Ich diente einer Dame, besser gesagt gab ich es vor. So erfuhr ich durch Zufall, dass er heute ausgehen wollte und erst später heimkehren würde.
Darin witterte ich meine Chance und kehrte in der Nacht zurück, da nicht abgeschlossen war. Immerhin wohnten einige Untermieter bei ihm - und zu diesem Zeitpunkt nahm ich das für bare Münze - und die konnten nicht absperren, da ihr Herr noch aus war. Ich schaffte es ins Haus zu kommen, ohne entdeckt zu werden und da er auch keine Wachhunde oder dergleichen hatte, hatte ich keine weiteren Probleme. In seinem Zimmer wartete ich auf ihn und er kam nach Mitternacht herein. Er musste mich sofort gesehen haben, nachdem er die Tür geschlossen hatte und das Licht anschaltete, aber er zeigte keine Überraschung. Lässig legte er sein Jackett ab und hängte es über einen Stuhl, ehe er auch seine Krawatte löste und mich interessiert ansah. ‚So einen Jungen schicken sie mir hinterher? So alt bin ich aber nun nicht', beschwerte er sich", führte der schwache Reiter seine Geschichte weiter und kicherte kaum hörbar. Sein Stimme wurde immer leiser und schwerer zu verstehen. "Er nannte mich Junge, obwohl ich nicht mehr so jung war. Aber im Vergleich zu ihm, war ich wirklich ein Junge. Heute weiß ich das, aber früher wusste ich es nicht. Ich stand nur auf und zuckte die Achseln. Dass seine Zeit gekommen sei und man mich geschickt habe, ihn zu töten, sagte ich ihm, aber er zuckte nicht einmal mit einer Wimper. Er sagte sogar, er habe das erwartet und ich solle besser gehen, solange mir das noch möglich war.
Jedenfalls würde er sich gewiss nicht einfach so umbringen lassen.
Einleuchtend, nicht wahr? Natürlich würde er das nicht. Ich hob meine Pistole und zielte auf seinen Kopf, denn ein Gemetzel wollte ich erst gar nicht. Dummerweise war das Zimmer nicht besonders groß und ich stand sehr nahe bei ihm. Als es plötzlich an der Tür klopfte, war ich dumm genug aufzublicken und zu überlegen, ob ich meine Waffe nun auf die Tür richten sollte. Das genügte dem alten Fuchs um mir eben diese mit einem Tritt aus der Hand zu schlagen, sie abzufangen und nun auf mich zu zielen. ‚Jetzt nicht, ich bin beschäftigt. Komm später wieder', sagte er und wirkte, als würde er sich gerade zu Bett begeben. Was er zweifellos nicht tun würde - nicht solange ich noch da war. Natürlich hatte ich noch andere Waffen bei mir, aber mit ausgestreckten Armen kommt man nicht sehr leicht an Verstecke am Körper. Der Alte sah aus, als würde er es bedauernd und seufzte. ‚Das tue ich nicht gerne, Junge, aber du wirst ohnehin sterben. Wenn du mich nicht tötest, werde ich dich töten oder deine Vorgesetzten tun es. Wenn du mich tötest, werden sie sich ebenfalls umbringen, denn du könntest zu viel gesehen haben. Eine Zwickmühle, Junge, eine ganz dumme.' Genau das hat er gesagt. Er hat mich gewarnt, obwohl ich ihn umbringen wollte! Einen zweiten wie ihn gibt es nicht, da bin ich mir jetzt sicher. Aber damals dachte ich, er wolle mich nur abschrecken und aus dem Konzept bringen. Deshalb blickte ich zur Tür und rief, dass der Klopfer hereinkommen solle, da wir hier drinnen ein Problem hätten. Jetzt konnte der ausrangierte Spion nichts tun, denn wenn er schoss, würde der andere das zweifellos hören und wenn er nichts tat, würde man ihn mit der Pistole sehen. In der Zeit, die er brauchte, um mich zornig anzufunkeln und die Waffe verschwinden zu lassen, schaffte ich es mit einem Sprung zu einer Seitentür, die ich aufriss, um im nächsten Raum Deckung zu suchen. Ich hörte, dass der Alte den nächtlichen Besucher abspeiste und wieder wegschickte und sah mich sekundenlang im Raum um. Es war der mit den vielen Antiken Waffen, da hörte ich auch schon seine schweren Schritte. Ohne weiter zu überlegen riss ich ein Katana von der Wand und begab mich in eine entsprechende Angriffsposition, nachdem ich hinter einem Panzerglaskasten in Deckung gegangen war. Ich hatte auch Schwertkampftraining gehabt und das wollte ich mir zu Nutze machen, denn in der Pistole waren nur zwei Schuss. Einer für den Tod und einer zur Sicherheit, falls etwas nicht klappen sollte. Ansonsten hatte ich nie mehr geladen, da es verdammt gefährlich werden konnte, wenn so etwas wie eben nun passierte. Ich gebe zu, dass ich mich an diesem Tag besonders dumm anstellte, weil ich zu lange mit ihm gesprochen hatte - ihn zu lange hatte reden lassen, aber es war zu verlockend gewesen. Gewissermaßen war ich selber Schuld. Bei näherer Betrachtung war auch meine Waffenwahl ziemlich dumm. Wenn jemand Schwerter in seinem Nebenraum hängen hat, weiß er vermutlich auch, wie man damit umgeht. Vor allem, da er schon alleine von der Ausbildung her einige Kniffe kannte. Ich weiß noch, dass er kurz die Augenbrauen hoch zog, dann die Waffe wegwarf und ebenfalls ein Katana von der Wand nahm, dazu eines der kürzeren Schwerter. Ich weiß nicht mehr, wie man sie genau nennt. Ein kompliziertes japanisches Wort ist es, das weiß ich", von keuchendem Husten unterbrochen musste er in seiner Erzählung eine Pause machen und blickte nach vorne. Verschwommen sah er die Dünen, die reichten soweit das Auge blicken konnte. Verzweifelt schloss der Reiter die Augen, sprach aber weiter: "Er schwang sie kurz zur Probe, nickte zufrieden und sah dann zu mir. Ich bemerkte spätestens jetzt, dass ich erneut im Nachteil war, denn er bewegte sich mit den Schwertern, als wäre er mit ihnen geboren worden. Ich dagegen musste über jetzt meiner Schritte nachdenken.
Dennoch - ich war in die Enge getrieben und ein Löwe, den man in die Ecke treibt, greift an. Also griff ich an. Mit Leichtigkeit parierte er meinen ersten Schlag und vertauschte unsere Rollen. Nun war ich der, der abwehren musste und der angegriffen wurde. Er ließ sich weder von meinen Tritten beirren, noch den Tricks, die ich in all das legte. Da konnte ich schlagen, springen und selbst mein kleiner Dolch erschreckte ihn nicht, als ich ihn plötzlich zog und zum Einsatz brachte. Ich sah, dass ich nicht gewinnen konnte. Schließlich bin ich nicht blind und auch nicht so dumm, wie manche Leute behaupten. Aber ich konnte auch nicht fliehen, denn er stand zwischen mir und der Tür und aufgeben kam nicht in Frage. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, aber noch bevor die große Standuhr auf dem Korridor zur nächsten vollen Stunde schlug, hatte er mir das Katana aus den Händen geschlagen und seinen auf meinen Hals ausgerichtet. ‚Nicht schlecht, Junge, aber ziemlich holprig. Deine Ausbildung liegt wohl schon zurück? Erweitert wurde sie auch nicht. Hole das nach, wenn du noch Gelegenheit dazu bekommst', wies er mich an und nur Momente später wurde alles dunkel um mich herum. Im Nachhinein vermute ich, dass er mir mit dem Heft gegen die Schläfe geschlagen hat, aber ich bin mir nicht sicher. In Ohnmacht bin ich jedenfalls sicher nicht gefallen", wieder lachte Andrew rau auf und erschauderte trotz der unsäglichen Hitze. Er erkannte seine eigene Stimme kaum noch. "Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einer Bank im Park und die Sonne schien. Auf meinem Bauch lag ein Brief und alles in allem stand da, dass ich nicht so dumm sein solle, auf jemanden zu vertrauen, der wahllos Menschen tötete. Loyalität war dem Dienst fremd und ich solle schleunigst verschwinden, er selbst habe es schon getan. Vermutlich stünde nun auch ich auf der Abschussliste, denn ich hatte meinen Auftrag nicht geschafft und könne mit ihm unter einer Decke stecken. Ich bin nicht feige, aber ich glaubte ihm. Immerhin kannte ich den Dienst - und sehr zimperlich war er mir noch nie vorgekommen. Als ich am nächsten Morgen erfuhr, dass mein Haus rein zufällig völlig ausgebrannt sei, nachdem mein Hausmädchen es betreten hatte, war ich mir sicher. Ich stand auf der Abschussliste. Also verschwand ich aus Wien und setzte mich hier ab, in Libyen, Ägypten. Es erinnert mich ein wenig an zu Hause, aber wir haben nicht so... sandige Wüsten und wenigstens fliegen bei uns noch Geier am Himmel", hier machte er erneut eine Pause und sah auf die Flasche. Weshalb das Wasser sparen? Er brauchte es und viel länger konnte er nicht warten. Also trank er, was noch da war und seufzte glücklich. "Wasser ist etwas Herrliches, nicht wahr? Ich kam also hierher und wich auf meiner Reise gerade noch so einigen anderen Agenten aus, die auf mich angesetzt waren. Eigentlich hatte ich ziemliches Glück, weil ich sie entdeckte, bevor sie mich fanden. Hier habe ich schließlich eine Reise durch die Wüste gebucht, zu einer Oase. Den Rest kennst du theoretisch, du bist schließlich mein Reittier. Wir ritten und ritten und schließlich wurden wir von dem Sandsturm überrascht und von der Gruppe getrennt. Hier sind wir nun. Einsam, allein, verlassen. Wenn wir hier herauskommen, muss ich ein Buch schreiben", erklärte er dem Trampeltier überzeugt und sank nach vorne. Seine Stimme hatte sich beinahe völlig verloren, obwohl das Wasser geholfen hatte und er blinzelte. "Sie haben also, was sie wollten. Meinen Tod. Ob sie den Alten Fuchs schon erwischt haben? Ich glaube nicht. Ich glaube nicht einmal, dass ich ihn wirklich erwischt habe. Vielleicht ließ er sich erwischen? Der Gedanke kommt mir erst jetzt. Damit er wusste, ob der Dienst ihn tatsächlich umbringen lassen wollte vielleicht", sinnierte er. "Ich hoffe, dass sie ihn nicht kriegen.
War ein bemerkenswerter Kerl, findest du nicht auch?" Er erwartete keine Antwort auf diese Frage und blickte nur noch einmal kurz auf. "Ich schätze, dass ich auch jetzt nicht aufgeben sollte. Aber man sollte wissen, wann man besiegt ist", die letzten Worten verloren sich völlig und schwarze Punkte begannen vor seinen Augen zu tanzen. Dann stürzte er. Den Aufprall spürte er kaum noch und verschwommen nahm er wahr, dass die Sonne sich senkte und ein sanftes Rot den Horizont färbte. Ab und an unterbrochen von lila oder blau wirkte er wie man ihn immer in den Zeitschriften sah. Das Tier trottete weiter, hielt kurz Inne und brüllte laut und erfreut auf, dann fing es an zu laufen. "Lässt du mich auch allein?", fragte der Gefallene kläglich, aber er hatte nicht mehr die Kraft sich aufzurichten. Ein leises Plätschern drang an sein Ohr, aber vermutlich war es nur eine Halluzination. Stumm schloss er die Augen. So geht es zu Ende. Wieder einen geschafft, du großer Dienst. Wie viele dumme Jungen bleiben dir wohl noch? Mag sein, dass manche Völker unzivilisiert sind, aber immerhin bringen sie sich nicht gegenseitig um, zumindest nicht in dem Ausmaß. Es muss immer erst Krieg geben, ehe die Führer sich an den Konferenztisch setzen. Dass man sich gleich zu Beginn dorthin setzt, darauf kommt niemand. Er lächelte still und sank endgültig in den Sand zurück, nachdem er sich ein letztes Mal umgeblickt und gesehen hatte, wie der Sand vom Wind erfasst und sachte verweht wurde.
"Was machst du denn in Libyen? Mitten in der Sahara? Als ich sagte, du sollst verschwinden, sagte ich nicht, du sollst dich umbringen oder mir folgen. Wie hast du diese Oase überhaupt gefunden? Sie ist nicht auf den Karten verzeichnet! Junge? Lieg da nicht so faul im Sand, steh auf. Die Jugend hält aber auch gar nichts mehr aus.. Ah, warte, ich komme schon", vernahm er eine Stimme und blinzelte. Eigentlich konnte das nur einer sein.
Aber wachte er - oder träumte er bereits?




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Eingereicht am 04. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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