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Kurzgeschichte Kurzgeschichten Afrika

Ein Haus und seine Bewohner

©  Andrea Kreuter


In einer Allee ward es zu finden, umgeben von anderen ihm ähnelnden Häusern. Alle im Schwung der bewegten Linien, mit blumenähnlichen Verzierungen, gebaut unterschieden sie sich äußerlich kaum.
Auch die Einrichtung entsprach dem Üblichen. Die Fassade in grau gehalten, der Balkon durch ein schwarzes, geschwungenes Gitter begrenzt, im Innern ward es jedoch lila durch und durch, die Zimmer für Gesellschaften, sowie die für den privaten Gebrauch, nur die Gemächer des Gatten waren in weiß getüncht. Dies alles geschah auf den Wunsch der Hausherrin Frau Caroline von Romsberg-Düringsfeld, eine Person, nicht ungern anzusehen. Ihre blonden Haare fielen in Locken über ihre Schultern, leicht emporgehobene Wangenknochen machten ihr Gesicht markant, jedoch nicht zu sehr. Ihr Mund war wohlgeformt, sowie der Rest des Körpers. Begehrt von vielen zeigte sie nur wenigen ihre wahre Gestalt.
Ihr Angetrauter Leonard von Romsberg-Düringsfeld war schon über einen längeren Zeitraum Distriktkommissar im Kongo, der Kolonie Leopold des Zweiten. Er ward eine Kämpfernatur mit extravaganten Geschmack, sowie ausgefallenen Freizeitbeschäftigungen. Ein brauner Schnauzer zierte sein von den Jahren gezeichnetes Gesicht. Seine braunen Augen konnten einen unheimlichen Glanz entwickeln und schreckliche Angst hervorrufen. Seiner Angetrauten ward er stehts zugeneigt, angezogen von ihrem schönen Erscheinungsbild, auch wenn er ihr nicht immer ganz die Treue hielt. Folglich trennte nicht nur die Entfernung das Paar, auch ihr Alter unterschied sich nicht gering. So hatte die Dame des Hauses den Ehering schon längere Zeit abgelegt und bot einer alten Bekannten ihre Gastfreundschaft, mit all ihren Facetten, an.
Es begab sich somit, dass die Spuren des Angetrauten fast gänzlich verwischt warden, das Anwesehen in ihrem Geschmack erblüht ward, die Straßen von Schnee bedeckt warden, die alte Bekannte sich auf einer kleineren Reise befand und die Nachricht von der Rückkehr des Gatten die Gattin erreichte. Das Schiff befand sich bereits auf dem Weg und noch vor Weihnachten sollte er eintreffen.
1.12.1906
Geliebte,
gerade erhielt ich die Nachricht seiner Rückkehr, der Schrecken kehrt mit ihm. Wider Erwarten wird er noch vor dem Heiligen Abend hier eintreffen. Was mögen wir nur tun? Wieviel des Schicksals liegt in unseren Händen? Mit seinem sichren Tod hatt ich gerechnet; so viele hat er schon verschlungen, der düstre Dschungel. So hofft ich doch, dass er in der Dunkelheit des Dschungels für sein Handeln sühnte. Doch nun ist seine Rückkehr gewiss. Kein Ausweg kommt mir in den Sinn. Was für eine Angst quält mich dich zu verliern, bald nicht mehr Deine Nähe zu spürn. Dennoch bin ich froh dich in Paris zu wissen, du wirst den Tyrann nicht missen.
In Liebe, Caroline
Sieben Tage vor dem Heiligen Abend fuhr die Pferdedroschke vor, welche er sodann entladen ließ. Ganz in weiß mit einem weißen Zylinder und Gehstock mit goldenem Knauf verließ er die Kutsche, nichts von dem vergossenen Blut war zu erblicken, nur eine gewisse Befangenheit begleitete ihn. Sogleich ließ er nach seiner Angetrauten schicken.
In einem violetten Kleid verließ sie ihre Gemächer, oben hochgeschlossen, die Ärmel am Handgelenk gebauscht. Die Reibung am Joupon erzeugte das gewünschte Frou-Frou um den Reichtum zu symbolisieren, welcher mit dem seidenen Unterrock daherging. Verziert mit Spitzen und Stickereien bot sie eine nicht zu verachtende Erscheinung, auch wenn der hochgeschlossene Kragen und die hochgesteckten Haare sie etwas prüde erscheinen ließen. Doch nicht nur das Kleid war geschmückt, ihre Hand ward von dem goldenen Ehering geziert, sie war sich ihrer Treue abermals bewusst geworden. Der Tee ward serviert, doch erreichte das Gespräch seine Wärme nicht, leblos und kalt starrten sie einander an, hatten sich nichts zu sagen, nur Belanglosigkeiten verließen ihre Münder und wurden Teil der Unterhaltung.
Seine Haut war gebräunt und eine kleine Narbe ließ sich über seiner rechten Augenbraue ausfindig machen. Die Augen warden dunkler als vor seiner Abreise und der grauenhafte Glanz dauerhaft zu erblicken. Ihm beliebte die Einrichtung nicht, zuerst ließ er seine Räume schwarz streichen, die für Gesellschaften sollten wieder in Weiß erstrahlen, der Parasit gewann Terrain. Die Maler begannen sogleich und die Zimmer wurden mit afrikanischen Kunstgegenständen gefüllt, das Haus von ihnen dominiert, bis auf die Zimmer seines Eheweibes, dieselbigen blieben verschont
Meine Liebste,
es ist grauenvoll, unerträglich scheint es mir. Schwarz streichen ließ er seine Gemächer, weiß die für Gesellschaften, nur unsere privaten ließ er außer Acht. Alle anderen warden mit Gegenständen dieses dunklen Kontinents versehen, schreckliche Fratzen , Bilder, dünne Körper, riesige Köpfe zieren die Wand es ist grausam sich in deren Gesellschaft zu befinden. Gekrönt das Ganze von einer Peitsche aus Nilpferdhaut, chicotte nennt er sie, ungeheuerliche Schmerzen muss es bereiten, von ihr getroffen zu werden.
Erst gestern drohte er der Magd sie zu schlagen, weil sie nicht willig war. Es ist nicht länger auszuhalten, die Dienstboten werden uns bald verlassen, unser Ansehen wird vergehen. Noch nicht eine Gesellschaft hat er gegeben, er wird uns ruiniern. Oh Liebste, so bitt ich dich, verlass mich nicht in dieser schweren Zeit.
Carolin
Herr von Romsberg-Düringsfeld verweigerte das Essen, wie auch den Tee, lebte zurückgezogen in seinen Räumen, ließ sich weder auf Gesellschaften noch in seinem Tennisclub sehen, verbrachte die Zeit in seiner eigenen Welt, las die Tagebucheinträge aus seiner Zeit im tiefsten Nirgendwo.
15.09 Mussten Männer für die Force Publique rekrutieren, sie empfingen uns mit Speeren, wurde über dem rechten Auge verletzt, Dorf niedergebrannt, alle Tauglichen mitgenommen, Rest fand qualvollen Tod.
20.09 Wir sind weitergezogen, sie sind schlauer geworden, haben das Dorf verlassen, bevor wir kamen.
25.09 Haben Geisel genommen, sie sind geschlagen.
27.09 Zurück in der Station. Taugliche mitgenommen, restlichen getötet, Köpfe zur Dekoration der Zaunpfähle verwendet. Mir wurden viele rechte Hände übergeben, Patronen werden in hohem Maß benötigt, muss neue beschaffen, sie wollen uns vernichten.
Einen Tag vor Jesu Geburt traf die Bekannte ein, durch den Schnee am früheren Kommen gehindert. Vom Gatten unbemerkt betrat sie den Besitz und die Affäre nahm ihren gewöhnlichen Verlauf.
Schon früh loderte das Feuer am nächsten Morgen im Kamin, nur die Hausherrin befand sich im Salon. Im Morgenmantel stand sie am Fenster und betrachtete die Schneelandschaft unter dem Sternenhimmel.
So ruhig und lieblich erscheint mir diese Welt, in diesem jetzigen Moment. So oft schon habe ich gezweifelt, doch dann den kleinen Stern erblickt. So spendet er Hoffnung in der dunklen Nacht , funkelt so wundervoll, wirft ein Licht auf meinen Platz. Strahlt mich an ohne zu begreifen wer ich wirklich bin, doch ist es nicht von Bedeutung, er strahlt mich an, gibt mir Hoffnung in dieser dunklen Zeit. So leuchtet er unaufhaltsam und wird mir immer wieder Hoffnung spenden.
Die lodernden Flammen erhaschten ihre Aufmerksamkeit. Sie ging zum Feuer, nahm den Ring von ihrer Hand und warf ihn den Flammen zum Fraß vor, als ihre Geliebte den Raum betrat.
Es begann zu dämmern und die ruhige, liebliche Schneelandschaft sah ihr Ende nahen. Ein Schneesturm braute sich zusammen, der Gatte war erwacht.
Die Magd hatte geplaudert, als sie ein weiteres Mal nicht willig war und mit Feuer in den Augen betrat er den Salon.
Die Flocken stoben in die Höhe, tanzten im Wind, waren gezwungen sich in den Luftmassen zu einem undurchdringlichen Vorhang zu entwickeln. Immer heftiger ließ der Wind seine Wogen werden, den Schneeflocken oblag keine Gegenwehr. Hilflos waren sie gezwungen ihm zu folgen, dem unbarmherzigen Wind. Die entflammte Wut versuchte er mit Hilfe der chicotte zu entladen, wobei er die Geliebte traf. Auch bei der ihr zu Hilfe eilenden Gattin hinterließ sie klaffende Wunden. Nicht zu bremsen war sein Zorn.
Immer höher wurden sie geblasen, immer schneller fegte der Wind, immer heftiger wurde der Sturm. Die ganze Landschaft ein Schleier aus wirbelnden Flocken, undurchdringlich, weiter tobend, bis die Bekannte leblos auf dem Boden weilte.
Die Leiche wurde weggeschafft, das Essen vorbereitet, der Raum gereinigt und die chicotte wieder an den Nagel gehängt.
Der Schnee sengte sich niedergeschlagen zu Boden, erschöpft vom Kampf gegen die Wogen. Ein Schneeregen setzte ein und wollte partout nicht enden, erschwerte den Gästen die Fahrt.
Am Nachmittag trafen sie ein, die Eltern des Gatten , wie auch dieselbigen der Gattin. Nach einem kleinen Umtrunk ließen sie sich zum Essen nieder. Von Schmerzen geplagt, setzte sich die Dame des Hauses mit Vorsicht, bewegte sich kaum, sprach das Diner über kein Wort und setzte ein Lächeln auf. Indes redete der Angetraute für zwei, sprach von den großen Taten welche er zu Gunsten der Zivilisation, Religion sowie Völkerverständigung vollbracht.
Spät am abend zerbrach die Gesellschaft und die von Romsberg-Düringsfeld blieben allein zurück.
Saßen beide im Salon, er zündete eine Zigarre an, sie betrachtete ein Foto ihres Mannes. Im weißen Anzug, auf dem Kopf den Stanley Helm stand er vor seiner Station, durch einen Zaum von der Wildnis getrennt. Tote Köpfe verzierten die Zaunpfähle, einer nach dem anderen fiel ihr in die Augen, manche mit leichtem Lächeln, andere mit Ausdrücken der Verzweiflung und Angst, alle warden sie ihm unterlegen. Zwei waren noch frei, ein neuer Kopf wartete schon darauf, den einen zu schmücken, in der Hoffnung, ihre Geliebte würde bald den Platz neben ihr finden.
"Gefiel es dir dort unten?"
"Die Frauen waren williger, als manche hier."
"Wieso bist du zurückgekehrt?"
"Es war nicht schön, die schlimmen Dingen häuften sich."
"Wie viele Menschen hast du getötet?"
"Wie sehr hast du dich in dem errungenen Reichtum gesonnt?"
"Wusst ich, das du mit Menschenleben es bezahlst?"
"Nun eschauffier dich nicht, so warst du doch über alles im Bilde, wie oft hab ich dir geschrieben, hab dir alles erzählt, dich über alles informiert."
"So denn, gib mir die Schuld, so hofft ich doch nur, auch dich werde der Dschungel verschlingen, so viele fanden dort den Tod, nur dich wollte selbst der dunkelste Fleck der Erde nicht."
"Und wie steht es mit dir, du elende Sünderin, wer wird dich beherbegen? Der Heilige nicht!"
Die Nacht war hereingebrochen, der Schneeregen hatte nicht geendet, als wollten sie ein Meer bilden, ergossen sich die Tropfen in Unmengen auf die Landschaft. Der Schnee verschwand, wurde immer kleiner, kämpfte ums überleben, mit letzter Kraft begab sich die Gattin in ihre Zimmer.
Sah einen kleinen Stern leuchten, von ihrem Fenster aus.
Engel sind wunderschön
Wunderschön wie sie dort schweben
Dort-vor der Himmelstür
Dem Eingang zur Unendlichkeit
Leicht wie eine Feder,
ganz in weiß
von einer Mysterie umwoben
Zu ihnen will ich ziehen
Der Sturm war vorüber, der Kampf ausgefochten, es hatte aufgehört zu regnen, wieder begonnen zu schneien, weiße Flocken bedeckten erneut die Straßen und Wege.
Am nächsten Morgen war das Weiß rot gefärbt. Als der Hausherr das Zimmer der Verstorbenen betrat, erlosch der Glanz aus seinen Augen, nun war auch der letzte Pfahl geschmückt. Vom Schock ergriffen ließ er sich in einen Sessel sinken, ihr Ehering ruhte in seiner Hand.
24.12
Sie ist gestorben, liegt vor mir, ganz in weiß - Augen blicken leblos - hat mich für immer verlassen, kann sie nicht hassen - Ihr Mund noch voll - Haare fallen in güldenen Locken - Gesicht weiß wie Schnee, von rotem Blut bedeckt - Gestalt noch schön - Trennung mir unmöglich.
Er zog in ihre Zimmer, lebte ausschließlich dort, wandelte umher und sprach mit niemandem ausgenommen sich selbst ein Wort.
27.12
Sie kommen - wollen mich holen - sich rächen - Angst ergreift mich, überkommt mich - Das Dunkel - genauso wie sie - Mit Masken - kann nicht fliehen - wohin? - wie? - wann? - verlassen - allein - ...
Seine Träume warden dunkel, wie auch seine Welt, bis er selbst zum Todsünder ward. Es brannte lichterloh, ab bis auf die Grundmauern. So starben sie alle auf ungewöhnliche Weise, wurden etwas besonderes in einer sonst fast gleichen Welt.




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Eingereicht am 04. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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