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Kurzgeschichte Kurzgeschichten Afrika

Graziella und Leopold

©  Stefan Klein


Es war einmal eine Giraffe. Die hieß Graziella und lebte mit ihrem mit ihren Brüdern und Schwestern in Afrika. Ihren Namen hatte sie bekommen, weil sie schon gleich nach ihrer Geburt so anmutig umher stolzierte. Doch während die anderen Giraffenkinder immer größer wurden und ihre Hälse bald in den Himmel wuchsen, wollte der von Graziella einfach nicht länger werden.
Das war natürlich sehr schlimm, denn so konnte sie die Blätter und Zweige der Baobabs unmöglich erreichen. Aber die mächtigen Kronen der Affenbrotbäume waren nun mal sehr hoch und ihr kleiner Hals einfach zu kurz. Und so kam es, dass Graziella immer dünner und dünner wurde. Schließlich konnte sie sich kaum noch auf den Beinen halten.
Eines Tages, das ganze Rudel trank gerade aus einem Wasserloch, schlich sich ein Löwe heran. Vorsichtig näherte er sich der Wasserstelle. Als die Giraffen ihn bemerkten, liefen sie so schnell sie konnten davon. Nur Graziella blieb stehen, denn sie war einfach zu schwach geworden. Der Löwe kam immer näher und näher. Er setzte schon zum Sprung an, um sich auf Graziella zu stürzen. Doch dann hielt er plötzlich inne.
Er bekam Mitleid mit dem kleinen wackeligen Etwas, das da vor ihm stand. "Warum läufst du nicht weg?" fragte er erstaunt. "Ich bin müde und schwach, meine Beine sind schwer", antwortete Graziella traurig. "Frisst du mich jetzt auf?" Ihre Stimme zitterte.
"Nein. Mach' dir keine Sorgen. Wie heißt du denn eigentlich?" wollte der Löwe jetzt wissen. "Ich bin Graziella" sagte sie und reckte dabei so gut sie noch konnte ihren kurzen Hals stolz in die Höhe. "Und wer bist du?" fragte sie, nun wieder etwas mutiger geworden.
"Ich heiße Leopold", stellte der Löwe sich vor, "aber sag', warum bist du so schwach?" "Ach, weißt du, mein Hals will einfach nicht wachsen. Doch so kann ich die Blätter der Bäume nicht erreichen. Bald werde ich wohl sterben müssen", seufzte sie.
Leopold dachte eine Weile nach. Dann sagte er: "Ich bin schon sehr lange allein. Meine ganze Familie wurde von Wilderern getötet. Ich habe als einziger überlebt. Und so ziehe ich einsam durch die Savanne. Wollen wir nicht Freunde werden? Ich könnte für dich auf die Bäume klettern und Zweige herunter werfen. Du müsstest nicht verhungern und ich hätte jemanden, mit dem ich reden könnte."
"Das würdest du für mich tun?" Graziella bekam ganz glänzende Augen und konnte ihr Glück kaum fassen. "Oh ja, lass' uns Freunde werden!" rief sie aufgeregt und tanzte vor Freude um Leopold herum.
Von diesem Tag an waren die zwei unzertrennlich. Leopold sorgte dafür, dass Graziella immer genügend zu fressen hatte und bald wieder zu Kräften kam. Dafür erzählte sie ihm abends, wenn die Sonne bereits untergegangen war, die abenteuerlichsten Geschichten, die sie sich tagsüber heimlich ausgedacht hatte und die Leopold das größte Vergnügen bereiteten. Die beiden wurden sehr, sehr glücklich.
Und wenn ihr heute einmal eine Safari machen solltet und dabei einen Löwen und eine Giraffe mit kurzem Hals entdeckt, so wisst ihr jetzt, wen ihr da vor euch habt.




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Eingereicht am 04. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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