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Schlafwandeln ist gesund

©  Elisabeth Koschat


Schlafwandeln ist gesund, sagte Tante Narongo zu Nelson, der raunzte, weil ihm sein Vater nach dem Essen wie jeden Abend befohlen hatte, in die Stadt aufzubrechen, da es schon spät war. Nelson taten die Füße von der Feldarbeit noch weh, er wollte nicht gehen müssen, er wollte hier bleiben und hier in der Hütte bei seinem Vater und seiner Tante schlafen, geh, sagte Tante Narongo, sonst bekommst du Albträume. Nelson war müde und er glaubte nicht an Albträume, er war schließlich kein kleines Kind mehr, er war vor kurzem fünf Jahre alt geworden und verlangte zu erfahren, was es mit den Albträumen auf sich habe. Gut, begann Tante Narongo, du willst wissen, was für Albträume dich erwarten, wenn du hier schläfst, dann gib gut Acht.
Du könntest träumen, du schläfst tief und fest unter dem Fenster, eingerollt unter der Decke, auf einmal wird die Tür zum Haus aufgerissen, du schrickst hoch, Schritte, Soldaten dringen ein, durchsuchen jeden Winkel, du versteckst dich unter der Decke, machst dich klein, doch es hat keinen Zweck, sie finden dich, einer reißt dich am Arm hoch, schleppt dich hinaus, dein Vater wirft sich dazwischen, will dich retten, der Soldat sticht mit dem Bajonett auf ihn ein, und das Letzte was du siehst, bevor du aus dem Haus gezerrt wirst, ist, wie dein Vater tot zusammensackt in seinem eigenen Blut, so wie es mit deiner Mutter geschah, als sie deinen älteren Bruder retten wollte, als du noch ein Baby warst.
Oder du träumst vielleicht, du bist einem Rebellen als Munitionsträger zugeteilt. Eure Truppe marschiert täglich mehrere Kilometer durch den Busch.
Die Patronengürtel drücken unbarmherzig auf deinen Schultern. Du hast Hunger, du hast schon lange nichts mehr zu essen bekommen. Es fällt dir schwer, dem Tempo der Erwachsenen zu folgen. Du hast einen Freund unter den Kindersoldaten, Joseph, auch er hat unter der Last der Munition schwer zu tragen. Ihr muntert euch gegenseitig auf, Schritt zu halten. Ihr gerät in einen Hinterhalt. Alle beginnen zu laufen, suchen Deckung, wer eine Waffe hat, schießt um sich. Dir gelingt die Flucht in das sichere Versteck. Joseph aber stolpert, stürzt, auf ihn fällt ein getroffener Soldat. Dir bleibt das Herz stehen. Doch ihm ist nichts passiert. Er bewegt sich, aber der Tote ist schwer. Joseph zappelt, will sich befreien, es gelingt ihm, er windet sich hervor, und dann, anstatt zu laufen, zerrt er am Toten, versucht, ihn ein Stückchen wegzuschieben, während ihm die Kugeln um die Ohren zischen, der Tote liegt auf seiner Munition, doch alleine kann er ihn keinen Deut bewegen. Joseph gibt auf, die Munition bleibt unter dem Toten begraben. Er rappelt sich hoch, rettet sein Leben. Die Freude, dass du ihn wieder hast, ist groß. Der Hinterhalt wird abgewehrt, die Verluste sind schmerzlich. Am Abend folgt die Lagebesprechung, der Kommandant beurteilt und bestraft die Fehler. Joseph hat kostbare Munition liegen gelassen. Er muss verprügelt werden. Der Kommandant zeigt auf dich, Nelson, ja auf dich, du fängst an.
Deine Augen weiten sich, du verstehst nicht, aber er ist mein Freund, wirfst du ein, ein Blick trifft dich von ganz oben, fang an, dein Herz rast, du siehst keinen Ausweg, du gibst Joseph eine Ohrfeige. Nicht streicheln, sondern schlagen, befiehlt der Kommandant und versetzt dir einen Tritt, der dich zu Boden wirft, eine Chance hast du noch, sonst zeige ich es an dir vor, Joseph weint, blickt dich an, ängstlich, ungläubig, du ballst eine Faust, siehst Joseph nicht in die Augen und schlägst zu und zu in den Bauch, in die Brust, auf den Kopf und zu und weiter, und als der Kommandant genug sagt, klebt Blut auf deinen Fingern, die noch immer zur Faust geballt sind.
Womöglich träumst du auch wie du dich stark fühlst mit dem Gewehr an deiner Seite. Du hast rasch gelernt, damit umzugehen wie ein Profi. Du bist einer von ihnen geworden, nur noch brutaler, denn du bist zu jung für Skrupel.
Deine Truppe liegt bereit, der Kommandant gibt das Zeichen, der Angriff geht los, an der Spitze ihr Kindersoldaten. Du bewältigst deine Aufgabe gekonnt, ihr überfällt ein Dorf, ein Racheakt für einen Kameraden, du schießt auf Männer, Frauen, Kinder, Alte, solange bis sich nichts mehr bewegt. Ihr schlachtet das Vieh und plündert die Häuser. Auf der Suche nach Wertgegenständen blickst du unter ein Bett, unter dem sich eine Frau mit ihrem Baby versteckt hat, du herrschst sie an, sie kriecht dir entgegen, ihr Baby im Arm, sie fleht dich an, sie zu verschonen, du setzt dein Gewehr an ihre Stirn, drückst ab. Das Baby brüllt, du nimmst es und schleuderst es mit aller Wucht gegen die Wand, das Schreien verstummt. Was nicht niet- und nagelfest ist, nimmst du an dich. Als der Kommandant zurück im Lager Zufriedenheit über deinen Kampfeinsatz äußert, bist du sehr stolz.
Oder, .. aber es war genug. Nelson stand auf, er hatte verstanden, Schlafwandeln war gesund, es schützte vor Albträumen. Nelson gab Tante Narongo einen Kuss, lief aus dem Haus und versuchte die Nachbarskinder einzuholen auf ihrem Weg in die rund eine Kinderfußstunde entfernt liegende Stadt. Wenn sie sich beeilten, würden sie kurz vor Einbruch der Dunkelheit ankommen und vielleicht noch einen Schlafplatz in einem der Zelte ergattern, Zelte, die eine Hilfsorganisation am Rande von Gulu, einer Provinzhauptstadt im Norden Ugandas, aufgestellt hatte, um Schlafplätze für zumindest einen Bruchteil der tausenden Kinder bereit zu stellen, die jeden Abend, von ihren Eltern aus Angst vor einer nächtlichen Entführung ihrer Kinder durch die Milizen in die als sicher geltende Stadt geschickt, aus den umliegenden Dörfern nach Gulu strömten, hier übernachteten und in der Früh wieder in ihre Dörfer zogen und die von den Stadtbewohnern "Pendler-Kinder" oder "Schlafwandler" genannt wurden. Falls sie also keinen Platz mehr im Zelt ergattern könnten, würden sie wieder auf dem Marktplatz liegen. Sie hatten schon versucht, im Busbahnhof zu schlafen, unter Dach, windgeschützt, wärmer, waren aber stets von den älteren Kindern verjagt worden. Nach ein paar Versuchen hatten sie das aufgegeben, genauso wie eine Decke mitzunehmen. Zweimal hatte Nelson ein großes Tuch dabei, konnte es aber gegen die Begehrlichkeit der stärkeren Kinder nicht verteidigen. Und ein drittes Tuch konnte sich der Vater nicht leisten. Ihr müsst euch eng aneinander legen und gegenseitig wärmen, riet ihnen Tante Narongo, wie die Ziegenjungen. Und schließlich, meinte sie, ein bisschen frieren wäre immer noch besser, als von Albträumen geplagt zu werden.




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Eingereicht am 04. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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