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Könige

©  Udo Bergers


Jeden morgen, wenn der erste Sonnenstrahl mir einen neuen Tag schenkt, freue ich mich auf Jumas Gesicht. Jetzt wird es nicht mehr lange dauern.
Eine halbe Stunde vielleicht, dann wird Juma da sein, dann wird er wieder vor mir stehen, er kommt und seine Augen werden leuchten, sie werden glänzen wie zwei Sterne und voller Stolz wird er mich betrachten und seine Hände nach mir strecken. Er ist mir dankbar und ahnt doch nicht, wie sehr er mich selbst belohnt.
Juma ist ein Swahili-Name und heißt soviel wie "der an einem Freitag geboren wurde". Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass der Freitag Jumas Lieblingstag ist. Die meisten Swahili-Namen tragen eine Bedeutung, die mit den Umständen und Ereignissen ihrer Geburt in Zusammenhang stehen. Als beispielsweise Jumas kleine Schwester während der Trockenzeit geboren wurde, hat es zwei Tage lang geregnet, ein Vorfall, der eine besondere Beachtung fand. So gab denn quasi das Wetter ihr den Namen Dene, "Wasserlilie", einen Namen, den sie ausgesprochen gerne trägt und der nicht allzu oft vergeben wird.
Ich begegnete Juma erstmals an einem Freitag. Sein Vater brachte mich in das kleine Dorf, das aus nicht viel mehr denn 60 Lehmhütten, einem halboffenen Versammlungsraum, zwei als Abstellkammer dienenden Verschlägen und ein paar Stallungen für das Vieh bestand. Es ist ein typisches Dorf im nordöstlichen Teil Tansanias, ein Dorf, wie es überall in dieser Gegend zu finden ist. Die Straßen sind aus Sand. Die herrschende Farbe ist rot.
Wir kamen mit dem Autobus an. Jumas Vater hatte seinen Platz auf einer Sitzbank gefunden und ich musste oben auf dem Dach liegen. Jeden Morgen und jeden Abend kam dieser Bus und durchfuhr die umliegenden Dörfer, er brachte die Männer in die nahe gelegene Stadt, wo einige von ihnen ihrer Arbeit nachgingen und andere hofften, Arbeit für den Tag zu finden. Jumas Vater hatte in den letzten Wochen Glück gehabt. Da seine Hände geschickt waren und er eine schnelle Auffassungsgabe besaß, bekam er einen Hilfsjob bei einem in Verzug gekommenen Zulieferer. Drei Wochen lang durfte er Holz auf Maß schneiden und für die Auslieferung bereitstellen. Er erhielt dafür einen recht guten Lohn und als die Arbeit endete, war er entschlossen, seiner Familie einige Geschenke zu machen. Sicherlich wäre es vernünftiger gewesen das wenige Geld für die schlechten Tage, die wieder kommen würden, zurückzulegen, aber er war der Meinung, dass die Freude, die er jetzt schenken würde, selbst den schlechtesten Tag zu wiegen wisse. So machte er sich auf und kaufte seiner Tochter eine Puppe mit blonden Haaren, besorgte seiner Frau ein Kleid, das ihr, aber auch ihm, gefallen würde und suchte dann nach dem kleinen Laden, den es noch nicht sehr lange gab. Als er ihn fand und eintrat brauchte er nur wenige Sekunden um mich zu entdecken. Er prüfte mich unwissend, ich schien ihm zu gefallen, er besprach sich mit dem Verkäufer und führte mich schließlich sehr preiswert auf die Straße zurück.
Alles in allem stand ich nicht lange hier - wenn ich die Zeit einmal bedenke...
Denn mit der Zeit kenne mich aus. In Niedersachsen verbrachte ich einige Jahre in der Einsamkeit. Ich weiß nicht mehr genau, wann es aufgehört hat, aber die Besuche wurden kürzer und nur noch selten kam ich raus. Irgendwann fängt man dann an, sich nicht mehr gut zu fühlen. Man arrangiert sich mit den Jahren, die auf einem liegen, willigt in den Stillstand ein, verharrt, und die Luft weicht allmählich aus den Reifen. Wenn jemand zu mir in die Garage kam sah er mich nicht mehr an. Schließlich sagte ich zu mir: jetzt bist du alt und nicht mehr zu gebrauchen, kannst nicht mehr helfen, niemanden erfreuen. So ist es mit den Jahren.
Dann, es ist erst ein paar Wochen her, ging das Tor wieder auf und ein Mann, der selbst schon viele Jahre trug, nahm mich hocherfreut entgegen. Er brachte mich in eine Halle, da waren noch andere alte Männer, und sie putzten und schraubten an mir herum, restaurierten und lackierten, und gaben mir eine Klingel, mit der kann ich wieder tönen: Schaut, ich bin hier!
Wenn ich heute mit Juma über die sandigen Straßen Tansanias fahre, wir sind die Könige der Straße, erinnere ich mich gern an diese Halle zurück. Ich spüre die faltigen Hände, die fleißig an mich glaubten und sehe die Fotos an den Wänden, viele Fotos, viele Gesichter, fröhliches Lachen, leuchtende Augen, hunderte Sterne.




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Eingereicht am 04. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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