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So eine wie mich

© Adèle Atzert


So eine Frau mich kriegt der sowieso nicht mehr, und heute Abend muss er mir seine Adresse geben. Die Gedanken springen wie junge Hunde um Babs herum, während sich die Henkel der Lidltüten in ihren Puls schneiden.
Ich mache mich ja lächerlich, ein Mann, von dem ich seit Monaten nicht weiß, wo er wohnt. Babs schleppt sich, im achten Stock des Berliner Altbaus angekommen, an der Tür der schweigenden Nachbarin vorbei. Wie die möchte ich nicht leben, die huscht mit ihrem Pinscher durchs Leben wie ein aufgeschrecktes Huhn, wahrscheinlich ist die stinkneidisch auf mich, dass ich so einen breitschultrigen großen Neger habe, wahrscheinlich träumt die nur davon, dass Leon sich nur einmal in der Tür irren würde. Könnte sogar passieren, so spät wie der immer kommt. Ich bin auch ne doofe Kuh, er hat meinen Schlüssel und ich hab nichts von ihm, nur seinen Geruch habe ich ständig in der Nase. Wie riecht er eigentlich, ja wie duftet er eigentlich, irgendwie nach..., na, da komme ich noch drauf. Heute Nacht! Mein Gott, dieser Mann ist ein Geschenk. Wenn er mir nur sagen würde, ob er eine eigene Wohnung hat.
Den Schlüsselbund im Mund, tritt Babs die Tür zu ihrer kleinen Dachwohnung auf. Wie immer, wenn sie von der Arbeit kommt, stößt sie einen Seufzer der Erleichterung beim Anblick ihres Refugiums aus. Ich hab so ein schnuckeliges Zuhause, wir könnten es so gut haben, wenn Leon doch endlich einziehen würde. Sie lässt sich ins rote Plüschsofa fallen, der Wellensittich krächzt aufgeregt. Seit Tagen hat sie ihm kein frisches Wasser gegeben. Eigentlich könnte sie den abschaffen, wo sie jetzt Leon hat. Ach, da guckt das köstliche Eis aus der Tüte, Tiramisu, das mag er so gern. Ich hätte doch noch mal kurz bei Tchibo vorbeischauen sollen, die Herrenunterhosen im Dreierpack sind preiswert und von feinster Qualität. So eine wie mich kriegt der wirklich nicht noch mal. Warum ruft er nicht an, ich habe zweimal eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen, ob er Lachs mag. Ein Muslim isst kein Schweinefleisch, ist klar.
Aber heute Abend muss er pünktlich kommen, ich kann das Gesa nicht antun, die mag ihn nicht und wenn sie noch mal mit dem Essen auf ihn warten soll, dann hängt der Haussegen sonst wo. Ah, die Wäsche, wunderbar, das Fräulein Tochter macht sich. Die hat sie zusammengelegt. Ist ja auch kein Hotel Mama hier. Das Telefon klingelt, fast rutscht Babs auf dem Flokati, der schon einiges gesehen hat, aus. Ich werde ihn fragen, ob ich Pfefferminz an die Soße machen darf, vielleicht..." Ja, Babs hier...." Er mag ihre Stimme, man merke ihr gar nicht an, dass sie schon fünfundvierzig ist, sagt Leon. Aber das Hauchen nutzt nichts, es ist Angela.
"He, meine Süße, toll das du dich meldest, tschuldige, ich konnte dich nicht anrufen, die spinnen bei Chrysler, wir müssen sogar Arbeit mit nach Hause nehmen, bist du auch so müde? Es will nicht Sommer werden nee, Leon hat Heimweh nach Afrika, stell dir vor, seine Schwester ist total happy über das Geld, das ich ihr geliehen habe, jetzt kann sie ihre Tochter zur Schule schicken. Leon hat gestern mit ihr telefoniert, natürlich bin ich mir sicher, bin doch keine Florence Nightingale, was hältst du denn von mir?
Ich weiß, dass Leon nicht lügt, so was fühlt eine Frau. Seine Adresse, nee, die hab ich nicht, aber ich will ihn auch nicht drängeln. Er hat es doch so schwer hier in Europa, und du hättest den Currybudenfritzen sehen sollen, wie der uns gestern angestarrt hat, sicher hat der gedacht, was will die Alte mit so einem Kerl, ich sag dir, jetzt weiß ich, wie die Afrikaner sich fühlen. Die weißen Männer würden die doch am liebsten alle wieder mit dem nächsten Flieger Richtung Heimat schicken. Man kann nichts erzwingen, Angela. Wenn seine Frau erfährt, dass er eine Freundin hat, ist er seine Aufenthaltsgenehmigung los, das geht heute zack, zack. Schätzchen, ich muss auflegen, ich erwarte seinen Anruf. Ich melde mich bald wieder. Ist denn bei dir alles in Butter? Geht es dir....?"
Angela hat aufgelegt. Babs zwingt sich aus dem Sofa, ihr Blick fällt auf das abgehetztes Gesicht und den braunen Eisfleck auf der weißen Bürobluse. Der graue Haaransatz lugt unter der roten Lockenpracht hervor. Verdammt, ich muss zum Frisör, ob Leon das schon gesehen hat? An den Schläfen ist das Haar weiß. Babs dreht ihren Po zum Spiegel. Zum Glück stehen Afrikaner auf vollschlanken Frauen, aber abnehmen könnte ich ruhig. Heute Abend Fisch, kaum Kalorien. Die Nachmittagsonne scheint in ihr behagliches Wohnzimmer, Babs macht die Balkontür auf, zum ersten Mal seit Wochen schaut sie bewusst in den Berliner Sommerhimmel, sie streift die Pumps von den Füssen, der kalte Zementfußboden kriecht ihr bis in den Bauch hinauf.
Das ist es, genau, er riecht wie die Kastanien, die ich als kleines Kind gesammelt und verkauft habe, der Geruch der Kastanien in meinem Turnbeutel, der immer drinblieb. Auch im Winter, wenn es längst keine mehr gab. Und ich?
Ich bin wie eine Pfütze im Herbst auf dem Waldboden mit einem Kastanienblatt darauf. Das ist es. Babs lächelt. Ich halte es nicht aus, ich muss diesen Mann sehen, sofort. Er spürt das. Wenn seine Frau Wind bekommen hat? vielleicht macht sie ihm gerade eine Szene? Ich kann sie verstehen.
Wenn ich an Mali denke, an seine zahnlose Mutter mit ihren rauen Händen und dem unendlichen Blick, wie sie meine Hände geküsst hat, bei unserem Besuch.
Kein Wort konnte ich mit ihr sprechen, nur nicken, immerzu nicken konnte ich. Wie habe ich mich geschämt mit meinen Traveller - Schecks in der Bauchtasche und sie da in dem kleinen, staubigen Innenhof an der Feuerstelle mit all ihren Enkelkindern um sie herum, eines schmutziger als das andere.
Aber fröhlich waren sie, lebendiger als wir hier. Da könnten sich die Daimler Chrysler Typen `ne Scheibe von abschneiden, diese Machtwölfe.
"Ich lebe und ich bin glücklich, ja richtig glücklich, hört ihr?" Babs schreit es von ihrem Balkon herunter. Ein Kurier auf seinem Rennfahrrad schaut nach oben und zeigt ihr einen Vogel. Jetzt ist die Sonne weg, es wird kühler, der ockergelbe Seidenvorhang weht ihr ins Gesicht. Ihre Wohnung ist in den Farben Afrikas gehalten, seit sie Leon liebt, hat sie sich ihre zweite Seele hervorgewagt. Im Büro ist sie die Alte, korrekt und gutgelaunt, aber wenn die wüssten, dass sich seit drei Monaten beinah jede Nacht einer, der duftet, zu ihr legt.
Babs versucht es wieder einmal. Leon hat vielleicht irgendwo sein Handy liegengelassen, doch nicht bei der Frau? Jogurt für die Soße fehlt. Das geht nicht. Sie kramt alle Tüten durch.
Schnell die Geldbörse, ich armes Schwein, noch mal all die Stufen gleich wieder hoch.
Babs ist schon auf der Treppe bei der schweigenden Nachbarin vorbei, da stellt diese sich ihr in den Weg."Frau Brand, gut, dass ich sie treffe. Ich wollte Sie bitten, sagen sie ihrem Freund, er soll nachts nicht so einen Krach machen, ich habe einen leichten Schlaf und er pfeift immer. Hat er denn Nachtschicht? Warum kommt er immer erst im Morgengrauen?" " Eh', ich weiß nicht, stimmt, er kommt immer spät, ich werde es ihm sagen, aber entschuldigen Sie mich, ich muss noch zum Türken, bitte, ich habe es eilig."
Kühn entzieht sie sich dem forschenden Blick der schmalen Dame. So ein bisschen Neid tut ihr gut. In einer Stunde kommt er, bis dahin muss die Wohnung aufgeräumt sein, ich muss kochen, am liebsten duschen und dann noch die Flüge für den Chef buchen. Scheiße.
Kurz darauf zündet sie hastig die Teelichter auf der Fensterbank und der Badewanne an, er soll denken sie habe ganz entspannt auf ihn gewartet. Eben noch Bob Marley auflegen. Der Lachs ist fertig, Gesa hat einen Zettel auf dem Wohnzimmertisch hinterlegt, sie geht heute Nacht zu einer Technoparty, wie gut. Jetzt könnte er kommen. Babs legt sich hin, nur kurz, die Soße muss noch gemacht werden. Sie erlaubt sich ein kleines Nickerchen.
Plötzlich fährt sie auf, aus der Küche quillt Rauch. Schnell den verkohlten Topf von der Flamme, das Klappfenster aufgerissen, die Balkontuer auf, die Teelichter sind runtergebrannt. Das ist noch mal gut gegangen. Hektisch wählt sie Leons Nummer: "Schatz, ich brauche dich, komm doch endlich. Es reicht, es ist zwölf Uhr, wo bleibst du nur?"
Dieser Kerl, dieser Taugenichts, er kann sich schließlich melden, wir sind hier nicht in Afrika. Ich muss eine Antwort haben, ich werde wahnsinnig.
Noch einmal versucht sie es. Die Mailbox speichert freundlich auch diese Nachricht. Sie schluchzt:"Verdammt noch mal, du Blödmann, wenn du dich nicht meldest, will ich meinen Schlüssel wiederhaben, hörst du, und überhaupt wo wohnt du überhaupt? Das kannst mit mir nicht machen. Ich schwöre dir, so eine wie mich kriegst du nie wieder."
Nach weiteren drei Stunden ist Babs erledigt, sie hat die Bluse mit dem Schokofleck noch an. Punkt acht Uhr erwartet man im Daimler - Büroturm eine aufgeweckte Sekretärin, die den wichtigen Männern das Leben erleichtert.
Heute Abend muss es sein, sie wird ihn zur Rede stellen, So geht das nicht.
Sobald er anruft, wird sie es herausbekommen. Wenn er anruft. Ja, wenn er anruft.




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Eingereicht am 04. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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