Kurzgeschichten   Lust am Lesen   Lust am Schreiben       www.online-roman.de


  Lust am Lesen     Lust am Schreiben  

Kurzgeschichte Afrika Kurzgeschichtenwettbewerb Afrika Kurzgeschichten


Der stumme Baum

©  Allan Fuerst


Es dunkelte bereits, als Peter Schwuttke aus den Hallen des Kotoko International Airport wankte. Des Vormittags in Düsseldorf an Bord gegangen, hatte er sich während des turbulenten Fluges über Europa, dem Mittelmeer, der weiten Sahara mit Vodka betrunken, ein Rezept gegen Flugangst, das ihm ein fettleibiger Angestellter des Bodenpersonals von Ghana Flyaway, in Auftreten und äußerem Anschein ein schwarzer Marlon Brando, mit belegter Stimme nahegelegt hatte.
In Accra gelandet, fühlte sich Peter Schwuttke unversehens in eine andere Welt katapultiert. Erstmals in seinem jungen Künstlerleben war er durch die Lüfte geflogen, erstmals betrat er einen fremden Kontinent. Das war nicht wenig. Obgleich bei weitem nicht der einzige europäische Passagier, schien es Schwuttke, sobald er das Rollfeld betrat, als sei er der erste Weiße in Afrikas schwarzer Nacht. Ein heller Punkt, von allen Seiten leicht auszumachen, keine Chance zu entkommen. Belauert fühlte er sich. Ungekannte aromatische Hitze umgab ihn. Sein Schädel wogte darin wie in einem sanften Meer. Mit den Augen versuchte er, Schnappschüsse zu landen, Bilder zu sortieren, in Einklang zu bringen. Heftig gestikulierende Schwarze mit martialischen Gebissen schienen ihm Zeichen zu geben, bildeten menschliche Tunnel, die mit Händen nach ihm griffen, seiner Orientierungslosigkeit nachzuhelfen, dante`sche Vorhölle, vermischt mit der Lässigkeit einer Swing-Party. Peter Schwuttke schaute sich um, überlegte nicht lang, watete dadurch. Mit Erfolg. Vor den Einreisekontrollen standen sonnenbebrillte Wichtigtuer, die gegen Schmiergelder Lotsendienste anboten. Schwuttke fummelte irgendeinen Schein hervor, der verschwand in irgendeiner Hosentasche, ein schneller Stempel senkte sich in seinen Pass.
"Wir sind die wir sind. Wir leben in der Erde, wir durchdringen das Erdreich, wir sehen alles mit unseren Augen aus Stroh. Wenn der Regen fällt aus dem Äther, so bringt er die Mineralien, die wir brauchen, um uns zu wandeln. Wir sind hier und dort. Unser Leben ist nur angenommen, ein Kokon. Wir sind aus Wasser, wir sind wie eine feine Schicht aus Glas, das alle Farben in sich verschließt. Wir sehen alles mit unseren Augen aus Stroh. Als Leoparden leben wir unter Wasser, als Fische tanzen wir in der Luft."
Yaayaa, Schwuttkes Gastgeberin, wartete bereits mit einem Trupp Soldaten, nebst einem Jeep der ghanaischen Armee am Ausgang des Flughafens. Das taten sie nicht alleine. Aberhunderte feierten dort eine Party, reckten Schilder in die Luft, sangen, tanzten und freuten sich auf Heimgekehrte und Touristen. Es handelte sich um ein Spitzenereignis. Der große Tag der Devisenbringer. Schwuttke hielt Yaayaas Soldaten - sie war doch Tänzerin? Was hatte sie mit der Armee zu schaffen? Es würde sich aufklären, sie lächelte Schwuttke freundlich zu, herzte ihn, gab ihm einen Kuß - für eine latente Bedrohung, derweil die Uniformierten ihn unmißverständlich packten und auf den Beifahrersitz des Jeeps hoben. Mit einem Affentempo preschte der Fahrer durch die Straßen von Accra.
Im Stadtviertel 37, Yaayaas bescheidener Reihenhauswohnung angelangt, nickte Schwuttke, von Reisestrapazen und Schnaps erledigt, stehenden Fußes ein. Der Schlaf war traumlos, hochkomprimiert, ein Killerschlaf von der Sorte, die es vor großen Expeditionen zu schlafen gilt.
Geweckt wurde Schwuttke von einem riesigen Insekt, das eine exorbitante Geräuschkulisse zu entfalten vermochte und in attackenhaftem Flug das Wohnzimmer durchmaß, indem es die Zahlen von eins bis acht in die Luft zeichnete. Es musste sich um eine Kreuzung aus Hornisse und Libelle handeln, die unter wachstumsfördernder Tropensonne leicht die mehrfachen Maße ihrer europäischen Verwandten erreichte. Yaayaa, solche Insekten offenbar gewohnt, griff, von einem schlecht unterdrückten Aufschrei Schwuttkes alarmiert, als wäre sie mit dieser verwachsen, eine Dose "Moskito`s Delight", die sie in Richtung des dröhnenden Eindringlings entleerte. Die Geräuschkulisse verebbte, das Insekt fiel in Zeitlupe zu Boden. Das Gas, von solchem Erfolg inspiriert, suchte nun Schwuttkes Lungen, der hetzte ans Fenster, wo er mit plötzlichem Panoramablick auf mondbeschienene Papayapalmen einen Asthmaanfall überlebte.
"Ha, Peter, das war nur ein ébéné, völlig ungefährlich, die kommen um Weihnachten ständig vor", beruhigte Yaayaa den Gast, dem sattes mitteleuropäisches Entsetzen im Gesicht stand. Ein jäher Riß ging durch sein halbbetrunkenes Hirn als sei es ein Riß durch die ganze Welt, überdeutlich spürte Schwuttke seine trockene Kehle und, damit verbunden, enormen Bewegungsdrang. "Ich mach mich mal auf den Weg, die Umgebung erkunden." "Geh nicht zu weit, damit wir uns nicht aus dem Sinn verlieren."
Accras Straßen waren spärlich beleuchtet. Das Augenweiß der Passanten hob sich deutlich von ihren schwarzen Gesichtern ab, flirrte wie Glühwürmchen in der tropischen Nacht. Es hatte etwas Unheimliches. Als wäre das Weltall in gedrängter, nicht näher determinierter Form auf die Erde gefallen. Als Abbild seiner selbst: Chaos und Entropie, knapp über dem Boden schwirrend. Augenweiße Sterne. Ein Geruch aus unbestimmter Gefahr und Süße schwelte in der Stadt, die Nacht schien ein einziges Spinnennetz. Nur wer waren die Spinnen, wer ihre Opfer? Sobald Passanten Schwuttke erblickten, zischten sie ihm zu, grüßten, lachten. Schwuttke grüßte, zischte, lachte zurück, ließ sich aber nicht in Gespräche verwickeln, da er vermutete, diese Leute würden ihm nichts Wesentliches zu sagen haben. Er folgte seinen Füßen und geriet nach zweidrei Wegkreuzungen auf eine Hauptstraße. In einiger Entfernung sah er bunte Lampions blinken, die ihn magisch anzogen. Sie entpuppten sich als Lichterkette eines Biergartens. Fat Daddy stand in schönen bauchigen Buchstaben über dessen Eingang geschrieben. In Türkis und Stierblutrot. Schwuttke suchte einen freien Tisch und bestellte Bier.
Bei Fat Daddy war nicht viel los. An einem Tisch saßen drei adrette Mädchen in Jungfrauenkleidung, die neugierig und schäkernd zu Schwuttke herüberlinsten. Feine Blasen stiegen aus ihren Coke-Gläsern in den Nachthimmel, dieweil die Brause sich ganz allmählich auf Zuckerkristalle reduzierte. Aus Lautsprechern dröhnten Weihnachtslieder, interpretiert von Boney M. Heiße Weihnacht. Da und dort das glockenhelle Klirren von Eiswürfeln. Es hätte auch ein kleiner wirrer Traum sein können. Vereinzelt tranken alte Männer ihr Feierabendbier oder glutfarbenen Palmweinbrandy. Still wie schlafende Vögel tranken sie. Den Außenbereich des Biergartens beschirmte ein ausladender Mangobaum. Gelegentlich krachten reife Früchte aus dem Geäst, trafen Köpfe, Schultern und Getränke, holperten schwerverletzt von den Tischen in den Kies, wo sie abweisend und böse dreinschauten.
Auf der Hauptstraße ging kaum Verkehr. An Fat Daddy`s Eingang formierten sich fliegende Kebab-Händler, das zähe Fleisch ihrer Ziegen feilzubieten. Sie brieten Spieße, beobachteten Schwuttke und Schwuttke, biertrinkend, beobachtete sie. So erwiesen sie sich gegenseitig Respekt. Schwuttkes afrikanische Zeit begann zu vergehen. Er war angelangt.
"Wir sind hier und dort. Wie der windgeschliffene Sand zu Harmattan, der Schleier der Nacht, der Rauch aus den Küchen, der unter den Händen der Frauen entweicht. Wir sind die Asche, Berge kalter Asche bestehen wir aus Lauten, als Vokale reisen wir von und zu den Sternen, wir reisen durch Körper, wir sind seit jeher verbrauchte Energie. Im Kopf des Warzenschweins leben wir, in den Wipfeln der Bäume, in den Bewegungen der Pflanzen, selbst im Kot, im Urin. Wir sind da. Wir sind die Furchen der Zeit, Dein Diener und Herr."
Ein gestreuter Kiesweg führte zu Fat Daddy`s maniok- und baumbestandenem Garten, in dem versteckt ein Bretterverschlag die "Toilette" markierte, die aus nichts weiter als drei Stellwänden bestand, hinter denen die Gäste ihr Geschäft auf den blanken Boden zu verrichten hatten. Der Garten ging über in freies Feld, von kniehohem Gras bewachsen, das von allerlei Schlangen und anderem Getier bewohnt sein mochte. Keine Häuser, keine Lichter mehr - nichts. Ein Schauder sträubte Peter Schwuttkes Körperhaare. Auf der rückwärtigen Seite des Biergartens schien die Stadt abrupt abzubrechen. Das Ende Accras, der Nacht, wenn nicht der ganzen Welt. Ein paar Meter saftige Wiese, dahinter pure Dunkelheit. Ein Abgrund hin zum Niemandsland. Warnende Kälte ging von dieser Wiese aus. Fat Daddy schien sein Business in der Pufferzone zwischen Orkus und mäßig belebtem Stadtrand zu betreiben. "Ach was", sagte Schwuttke leise, "bei Tageslicht wird sich das als Täuschung erweisen." Erschreckt fuhr er zusammen. Von einem Mauervorsprung, keinen halben Meter von Schwuttkes Gesicht entfernt, beglotzte ihn ein plötzlicher Leguan mit seiner reptilen Art. Eine starre unausstehliche Chimäre, ein ledriger Giftsack mit halbgeöffnetem Maul. Für einen Moment war Schwuttke versucht, etwas Widerliches in dieses Maul hineinzustopfen.
An den Tisch zurückgekehrt, saßen dort Mboum und vier fünf weitere. Mboum sprang auf, als er Schwuttke erblickte und schrie: "Aha! Obumbe. Laange laange her." Die restlichen, eine bunte Rotte afrikanischer Bohèmiens, allesamt Künstler des Neujahr-Kulturfestivals, machten mit Schwuttke das aufwendige Begrüßungsritual mit Fingerschnippen und allerlei Schnickschnack. "Yaayaa sagte, dass Du hier bist. Haha. Das ist gut. Alle gehen immer als erstes hierhin." Schwuttke fühlte sich leicht und zufrieden. Jetzt saßen Freunde am Tisch, allen voran Mboum, mit dem er in Deutschland so manches geteilt hatte. Mboum, Provinzprinz, Diplomatensohn und Veranstalter unabhängiger Kulturfestivals. Der in Europa aufgewachsen war, den es zu seinen Wurzeln zog. Und mit ihm seine Clique. Und mittendrin Schwuttke, der obumbe, der weiße Mann, der aus dem Paradies kommt. Es war an der Zeit zu reden, viel zu reden, viel zu trinken, zu scherzen, lauthals durcheinanderzubrüllen, die Nacht neigte sich ihrem Kipppunkt, an dem Gespräche in Erkenntnis übergehen, an dem Palmweinbrandy das Bier ablöst.
"Unsere Rede geht: Wir sagen alles und nichts. Wir lehren Euch den Sinn der Wellen, das Verschwinden, das Sein. Im Licht fahren wir in Eure Augen und füllen Eure Köpfe, wie Ihr Kalebassen mit Wasser und Maisbier füllt. Wir betreten Euch, wir gehen durch Euch hindurch und hinterlassen eine Spur, einen Geruch. Ihr gehört zu unserer Nation, euer Geschlecht ist das unsere, ihr seid die Maden, wir die Schmetterlinge, die Gerippe, der Staub der Zukunft und Vergangenheit. Wir sagen alles und nichts."
Schwuttke musste Wasser abschlagen. Zum zweiten Mal an diesem Tag war er betrunken, angefangen hatte es in Düsseldorf, enden würde es in Accra, welch eine Schere hatte er da geöffnet, eine imposante Leistung. Dieses Ghana war doch ganz sympathisch. Lustige, freundliche Menschen. Schräge Künstlertypen. Boney M.-Weihnachtslieder. Ein musikalisch knirschender Kiesweg führte unter Mangos in einen schönen weitläufigen Garten, in dem sich auch Toiletten befanden. Aus dem Bretterverschlag, ungewiß ob von Mensch oder Tier, zischte es. Sein Instinkt führte Schwuttke sicher daran vorbei. An einem abgelegenen Baum machte er halt und beobachtete seinen glitzernden Urinstrahl, der in hohem Bogen und plätschernd in den Pflanzen eines Gemüsebeets verschwand. Wie ein Brunnen, der das Viertel der Unterirdischen tränkt, dachte Schwuttke.
Er wusste nicht, was das für ein Baum war, an den er sich lehnte, als Schwuttke das Gesicht darin erblickte. Er fühlte, wie Lähmung ihn umklammerte, er versteinerte. Von jetzt auf sofort. Die Zeit schien einerseits außer Kraft, andererseits sich kaugummihaft zu dehnen, Sekunden wuchsen zu Minuten, es war unerträglich, weder konnte er den Arm, mit dem er sich schräg oberhalb des Gesichts an den Stamm lehnte, lösen, noch war er fähig den Urinstrahl zu unterbrechen. Das schlimmste aber war, dass das Gesicht seinen Blick in Bann zog. Es gehörte einem grimmigem würdevollen Mann, er mochte siebzig, achtzig oder mehrere hundert Jahre alt sein. Sein magnetischer Blick war halb von trägen Lidern verhangen, andernfalls hätte er den Urinierenden wohl in den Stamm gesogen. Unsägliche Angst machte sich in Schwuttke breit. Was, wenn er für ewig in dieser Situation verharren müsste. Wenn schon unvermittelt Gesichter in Bäumen auftauchten, warum sollten sie ihn nicht in ihre Dimension entführen können? Unendlich langsam bewegte der Alte im Baum seine Pupillen und Wangenmuskeln. Kam denn niemand zuhilfe?
Schwuttke bemerkte, dass er unfähig war, um Hilfe zu rufen. Hilflos versuchte er, mit dem Alten Kontakt aufzunehmen, doch der begann mit stummer Härte, Schwuttkes Körper abzumessen, ihn streng zu mustern, als müsse eine wichtige Entscheidung gefällt werden. "Eine afrikanische Entscheidung," dachte Schwuttke, "eine fremde Entscheidung, ich werde sie nicht verstehen." Gelähmt wie er war, konnte Schwuttke nicht erneut erstarren, doch sein Inneres zog sich brachial zusammen, und seine Angst erreichte einen neuen Höhepunkt, als er den Blicken des Alten im Baum ablas, dass dieser ihn maßregelte - weder wußte Schwuttke wofür, noch wohin das führen solle -, was Reue in ihm auslöste, bezugslose Reue oder Reue für alles, was auf dieser Welt geschah. Das Gefühl der Angst, der zeitweisen Todesangst - wie weggefegt. Stattdessen ein Vakuum, das Platz für neue Empfindungen ließ, die aus dem Boden in ihn zu kriechen schienen. Demut stieg in Schwuttke auf, entkrampfte seine Innereien, löste seine Zunge. "Es tut mir leid", hörte er sich tonlos sagen. Er war imstande zu sprechen, immerhin, doch war kein Bedürfnis nach weiteren Worten vorhanden. Der Alte musterte ihn stumm. Er gab keine Anzeichen menschlicher Rührung, doch schien er Schwuttke die Unterwerfung zu danken, mit leisem Rascheln verebbte der Urinstrahl. Dann ging alles sehr schnell: Der Alte senkte mit einem Anflug Gutmütigkeit seine Lider und Schwuttke nutzte die Chance, riß sich von Baum und Antlitz los und rannte.
Es war klar, der Alte hatte ihn freigelassen. Mboum und die anderen reagierten mit heller Aufregung, als Schwuttke ihnen von seiner Begegnung im Garten erzählte. "Wo ist dieser Baum?" "Wer war der Mann? Trug er einen Speer?" "Du musst uns hinführen!" "Wir müssen wissen, ob er gefährlich ist oder nicht." "Wenn sie hierhin kommen, ist es schlimm." "Er kann sich getäuscht haben." "Und wenn es ein mumbu war?" "Wir müssen es herausfinden." "Bist du wahnsinnig? Die mumbu sind das kleine Wunder. Man muss sie in Ruhe lassen." Schwuttke merkte, wie schwer betrunken sie waren. "Ich werde auf keinen Fall dorthin zurückkehren", stellte er fest. Mboum und die anderen verschwanden, dicht aneinandergedrängt, im Garten, kehrten nach kurzer Zeit lachend zurück: "Obumbe hat einen Geist gesehen, einen Geist gesehen. Der weiße Prinz hat tief in sein Palmweinbrandyglas geschaut. Auf dem Boden seines Glases hat er die Geheimnisse Afrikas erblickt."
Schwuttke verabschiedete sich von den Freunden. Er spürte ferne den Morgendämmer der Horizontlinie auflauern. Es war Zeit zu gehen, das Geschehene allein zu verarbeiten. Hatte er tatsächlich einen Geist gesehen? Hatte er halluziniert? Den Bäumen am Straßenrand mißtraute er jedenfalls, um besonders verdächtige machte er weite Bögen, als er Yaayaas Stimme hinter sich vernahm. "Peter, es ist Zeit. Du läufst in die falsche Richtung. Komm mit. Machen die Bäume Dir Angst?" Schwuttke bemerkte, dass er sich verirrt hatte. Aber Yaayaa war da. Woher war sie gekommen, noch dazu um diese Uhrzeit? "Es ist Zeit", wiederholte sie. "Du brauchst Dich vor den Bäumen nicht fürchten. Es gibt Geschichten von mächtigen Zauberern, die Menschen in Bäume verwandeln können, zur Strafe für Übeltaten werden sie viele hundert Jahre in den Stämmen gefangen gehalten. Aber sie tun Dir nichts. Und solche Baummenschen gibt es nur im Wald. Und überhaupt sind solche Geschichten nur Unsinn und Aberglaube. Die mächtigen Zauberer von heute tun solche Dinge nicht mehr. Und die Geister in den Bäumen haben vor den Kirchen Angst, sie sind längst ausgerottet. Glaubst Du solche Geschichten?"
"Wir existieren nicht. Wir sind das Blatt im Wind, das niemanden interessiert. Du kannst uns nicht sehen, wir sehen Dich mit unseren Augen aus Stroh. Mit unserem Blut tränken wir die Flüsse, Du trinkst mit dem Regen unser Blut. Wir sind vom selben Geschlecht. Das ist, was Dich schaudern macht. Du stehst mit nackten Füßen auf der Erde, die Eidechsen wissen mehr von der Erde als Du. Dein Haar weht wie ein Tastorgan im Wind. Blind schaust du durch die Nacht und dumm zur Sonne, mit Deinen Augen aus Stroh. Die Sonne, die das Gestern verbrennt."
Was Yaayaa erzählte, konnte es Zufall sein? Hatte sie Mboum und die anderen getroffen? Hatte sie jemand per Mobiltelefon informiert? "Ich will an den Strand", sagte Schwuttke. "Wir können dort frühstücken", antwortete Yaayaa. Es war eine gute Stunde zu Fuß bis dorthin, kein Taxi zu dieser Stunde unterwegs. Das erste Dämmerlicht war bereits über den Horizont gekrochen, und vertrieb Schwuttkes knochige Müdigkeit, als sie am Koko Beach anlangten. Jalousien von Imbiss-Hütten lichteten sich, würzige Düfte von Meerestieren hingen in der Luft, ein paar frühe Kinder sammelten Seeigel zwischen Felsen am Wassersaum. Mit breitem Lächeln und einem riesigen Korb voller Hühner auf dem Kopf begrüßte eine Imbissbesitzerin ihre frühen Gäste. Auf kleinen Aschehaufen verrauchten kalt die letzten Reste des vergangenen Tages.




Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor / unsere Autorin ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.


»»» Weitere Afrika-Geschichten «««

»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««

»»» HOME PAGE «««


Eingereicht am 04. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




Erzähl mir was von Afrika
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 3-9809336-2-8

14 Autoren aus Deutschland und Österreich zeigen den geheimnisvollen und faszinierenden Kontinent aus unterschiedlichen Perspektiven.
Von Ägypten bis Südafrika, von Guinea bis Kenia ...

»»» Direkt beim Verlag bestellen
»»» Bei Amazon bestellen