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Besuch in Lake View

©  Elisabeth Schwarz


"Komm für 2 Wochen nach Johannesburg und mach dir dein eigenes Bild - dann kannst du dich immer noch entscheiden", sagte Max am Telefon. "OK", antwortete Lena; sie wollte Max wieder sehen; sie hatte Sehnsucht nach ihm. Ihre Entscheidung stand jedoch fest: Sie wollte dort nicht leben. Lena war eine kluge, besonnene Frau, die jeden Schritt, jede Neuerung in ihrem Leben durchdachte und abwägte. Seit ihr Mann nach Südafrika gegangen war, hatte sie viel gelesen und systematisch alle Reportagen im Fernsehen verfolgt. Je mehr sie erfuhr, umso fester wurde ihre Überzeugung. Lange ließ ihr diese Gewissensnot keine Ruhe. Ihre Brauen zogen sich immer mehr zusammen und ihre blauen Augen lagen bald in tiefen, dunklen Höhlen. Schließlich rang sie sich zu dem Entschluss durch: Lieber würde sie ohne ihren Mann leben, als mit ihm in diesem Land. Südafrika wurde noch vor 10 Jahren von einer Regierung beherrscht, deren oberstes Staatsziel die Erhaltung der Apartheid war. Farbige wurden diskriminiert und in Town Ships eingesperrt. Schwarze hatten kaum Rechte und wurden ausgebeutet. Es wurde auf strikte Rassentrennung geachtet und Schwarze durften sich nicht einmal auf dieselben Parkbänke, wie die Weißen setzen. Dieses System war angeblich Vergangenheit. Aber die Town Ships gab es immer noch und inzwischen sperrte man sich als Weißer vor den Negern ein. Man versteckte sich hinter Stacheldrahtzäunen und Lena wollte das nicht! Sie wollte nicht wie in einem Gefängnis leben. Ihre zwei Jungs sollten frei und ungezwungen aufwachsen und sie glaubte, dass dies in diesem von Rassenfeindlichkeiten vergifteten und von Raub, Mord und Vergewaltigung beherrschtem Land nicht möglich war.
In großen Schleifen umkreiste das Flugzeug Johannesburg. Die Stadt breitete sich über Hügel und Täler aus, streckte ihre Finger immer weiter in die Savanne hinein. In ihrem Zentrum ragten Wolkenkratzer in den Himmel und der Verkehr brandete durch die Straßenschluchten. Beim Landeanflug erhaschte Lena einen kurzen Blick auf eine Wohnsiedlung, in deren Gärten Obstbäume, Rosen und Palmen auf gepflegten Rasenflächen gediehen. Sie war überrascht: das wirkte ja fast nett hier.
Max warf sie fast um mit seiner stürmischen Begrüßung. Er küsste und umarmte seine Familie. Tränen liefen ihm über die Wangen. Er war dünner geworden, was ihm gut stand und zwischen seine dunklen Locken hatten sich ein paar graue Strähnen eingeschlichen. Erschöpft und müde nach dem langen Flug schmiegte sich Lena in seine Arme; bis die Jungs sich dazwischen schoben und von ihrem Papa volle Aufmerksamkeit verlangten. Mit Leo auf dem Arm und Tino an der Hand marschierten sie schließlich zum Firmenauto von Max und verstauten das Gepäck auf der Ladefläche des Pick-up's. Auf dem High way stockte der Verkehr und sie kamen nur langsam vorwärts. Lena blickte sich ständig um. Max lachte über ihre Ängstlichkeit: "Vom fahrenden Auto stiehlt uns schon keiner die Koffer." Vor dem Appartement musste Max den Wagen abstellen, um das Sicherheitstor öffnen zu können. Lena hatte nicht gewusst, dass er in einem bewachten Appartementkomplex wohnte. Der schwarze Wächter in dem kleinen Betonhäuschen winkte ihnen fröhlich zu. Max parkte das Auto und deutete mit der Hand nach rechts: "Dort hinten ist der Swimming Pool und eine Spielwiese", und dann zauberte er triumphierend einen Fußball unter dem Sitz des Autos hervor. Der kleine Leo stieß einen Freudenschrei aus und Tino schnappte sich sofort den Ball und wollte schon losrennen, als Lena ihn gerade noch am Jackenkragen zu fassen bekam. "Halt! Heute nicht mehr! Es wird schon dunkel und wir müssen noch auspacken."
Innerhalb kürzester Zeit war Max's möbliertes Appartement mit Spielsachen und Kleidungsstücken der Kinder übersät. Lena tadelte Tino, den älteren, er solle nicht so unordentlich sein, aber Max freute sich: "Endlich ist's hier wie zu Hause". Nachts, als sie nach hungrigem Sex eng aneinander geschlungen im Bett lagen, sagte er zu ihr: "Du magst es nicht, stimmt's?". Statt einer Antwort streichelte ihm Lena zärtlich über die behaarte Brust. "Wir können zurückgehen nach Deutschland, wenn du das willst. Ich werd' schon eine Arbeit finden." "Aber du wirst keinen Job als Werksleiter finden." "Nein wahrscheinlich nicht." Max hob ihren Kopf hoch und schaute in ihre tiefblauen Augen. Mit belegter Stimme, als spräche er einen Schwur sagte er: "Wir bleiben nur hier, wenn du und die Kinder es auch wollen."
Am nächsten Morgen war es, nachdem es in der Nacht Frost gegeben hatte, kalt in der Wohnung. Dick eingemummelt - südafrikanische Wohnungen haben keine Heizung - saßen sie in der Küche und frühstückten. "Was wollt ihr heute machen?" fragte Lena und Tino rief sofort: "Schwimmen! Fußball spielen!" Leo, der mit seinen knapp 2 Jahren alles verstand, aber nichts sprach, nickte bekräftigend. "Tolle Idee, aber findet ihr es nicht ein bisschen zu kalt zum Schwimmen?" "Nö! Es scheint doch die Sonne!" In Tinos Augen ein ausreichendes Argument und Lena wollte ihm nicht den Spaß verderben. "Gut, erst mach ich die Wohnung sauber, dann soll Leo seinen Mittagsschlaf halten und dann gehen wir nach draußen." Nach erwartungsgemäßem Gemaule erklärten sich die Jungs schließlich mit dieser Lösung einverstanden und Lena begann die Wohnung, die 2 Monate oder noch länger nicht mehr gereinigt worden war, gründlich zu putzen. Als sie fertig war und Leo endlich schlief war sie müde und geschafft. Sie setzte sich mit Tino auf den Balkon und erholte sich in der warmen, afrikanischen Wintersonne von getaner Arbeit.
Am Pool betrachtete Lena die rote Erde. Roter Staub, überall.
Er schmiegte sich in Ritzen und Fugen und nistete als nicht zu beherrschende Trauerränder unter den Fingernägeln der Jungs. Schon bald gab Lena den Kampf gegen ihn auf. Wenn sie hier bliebe, würde sie sich ein Hausmädchen leisten. Schnell schob sie diesen Gedanken wieder beiseite, denn sie würde nicht hier bleiben. Aber eine Hilfe im Haushalt wäre verlockend. Dann dachte sie an die Town Ships, in denen all die Hausmädchen und Arbeiter aus Max's Fabrik hausten. Improvisierte Hütten aus Blech, Spanplatten, Karton. Vor manchen Hütten standen Ziegen und rupften die spärlichen Grashalme aus. Wäsche war über alle möglichen Gegenstände zum Trocknen aufgehängt. In vereinzelten Straßenzügen waren die Häuser aus Stein gebaut, was sich aber nur wenige leisten konnten. Lena kannte dies nur vom Hörensagen, denn sie wagte es nicht mit den Kindern dort hin zu gehen. Es war nicht Angst überfallen zu werden, die sie zurückhielt, es waren die Blicke. Blicke, die ihr sagen würden, dass sie nicht dorthin gehöre, die ihr sagen würden, dass es entwürdigend ist, sich an der Armut anderer zu ergötzen. Blicke, die von Angst und Neid erfüllt sein würden und denen sie sich nicht gewachsen fühlte.
In der Waschküche lernte Lena Ruth kennen, wo ihr diese mit nachsichtigem Lächeln erklärte wie Waschmaschine und Trockner zu bedienen sind. Ruth's schwarzes Gesicht war rund und voll, was wohl an der fortgeschrittenen Schwangerschaft lag. Sie erzählte Lena, dass sie zur Entbindung in ihr Dorf im Transvaal zurückkehren würde und Lena fragte entsetzt: "Aber gibt es denn dort eine ausreichende medizinische Versorgung?" Ruth musste herzhaft lachen über diese dumme Bemerkung und für einen kurzen Augenblick blitzte ihre frühere Schönheit auf. "Meine Mutter ist dort!" Das war Begründung genug. Nach einer kurzen Pause, fügte sie noch hinzu: "Das Baby werde ich dort lassen wenn ich nach der Geburt wieder anfange hier zu arbeiten", und kein Lachen verschönerte mehr ihr rundes Gesicht.
Lena lernte auch ihre Nachbarin Susan kennen. Susan stand mit 50 Jahren voll im Berufsleben; sie leitete mit ihrem Mann eine Baufirma und war eine sehr energische Frau. Ihre blonden Haare ließ sie zu einer praktischen Kurzhaarfrisur schneiden und ihre Gestik strotzte vor Selbstbewusstsein. In Apartheidszeiten war ihr nie in den Sinn gekommen, ihre Privilegien als Weiße anzuzweifeln, aber auch mit dem jetzigen Regime der Schwarzen arrangierte sie sich schnell. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, Lena zu überzeugen, dass Südafrika trotz seiner Schattenseiten ein wundervolles Land war, machte dabei aber einen entscheidenden Fehler. Er unterlief ihr, als sie zusammen mit Lena zum Einkaufen fuhr. An den Straßenkreuzungen hasteten Hausierer an ihrem Auto vorbei und versuchten, indem sie ihre Waren hoch hielten, ihren Tand zu verkaufen. Susan sicherte die Türen, verschloss die Fenster und schüttelte, ohne Produkt oder Verkäufer eines Blickes zu würdigen, abweisend den Kopf. Lena saß beschämt daneben und als ein Schwarzer mit einem Säckchen Mandarinen im Arm an ihr Fenster klopfte blickte sie verlegen zu Susan. "Es ist zu gefährlich das Fenster zu öffnen!" So wischte Susan den aufkeimenden Wunsch zu helfen beiseite und Lena maßte sich nicht an, ihr zu widersprechen.
Alicia, die sie durch einen Arbeitskollegen ihres Mannes kennen lernte, wurde eine richtige Freundin. Sie war eine verantwortungsbewusste, warmherzige junge Frau, deren Vorfahren aus Portugal stammten und bei der Lena sofort denken musste: "Wie kommt diese rassige Südländerin hierher nach Südafrika?" Alicia war als kleines Mädchen mit ihren Eltern nach Südafrika übergesiedelt, daher konnte sie sehr gut mitfühlen, wie einem in einem fremden Land mit fremder Sprache ohne Freunde zumute war. Alicia war außerdem sehr gläubig, wohl ein Erbe ihrer portugiesischen Erziehung. Lena achtete und bewunderte Menschen, die sich aus tiefstem Herzen ihrem Gott anvertrauen konnten, die sich von ihm geliebt und verstanden fühlten. Es musste schön sein, nicht nur aus Heuchelei in die Kirche zu gehen oder aus lästigem Pflichtgefühl. Als Kind hatte Lena auch diesen Glauben gehabt, aber irgendwann im Laufe der Jahre war er ihr abhanden gekommen; er hatte sich einfach davongeschlichen und Lena bedauerte jetzt, nichts getan zu haben um ihn aufzuhalten.
Damit Lena und die Jungs nicht nur die Stadt, sondern auch das Land kennen lernten, machten Alicia, ihr Mann und ihre beiden Kinder mit ihnen einen Ausflug zum Glen Africa Safari Park. Lena, Franz und vor allem die Jungs waren begeistert von der Atmosphäre im Busch. Sie lauschten dem Gebrüll der Tiere und ahnten die Hitze des Sommers. Sie beobachteten Springböcke und sahen Elefanten, die inzwischen so zahm waren, dass sie sich streicheln ließen. Strauße liefen mit dem Jeep um die Wette, wohingegen sich die Giraffen nur gelangweilt zur Seite drehten und ein weiteres Blatt aus der Baumkrone zupften. Auf einer Anhöhe machten sie Rast. Man konnte von hier aus über das weite Land blicken. Es war eine faszinierende, schier unendlich erscheinende Weite. Die Savanne lag braun und ausgetrocknet zu ihren Füßen und die Büsche wirkten wie Sprenkel eines Gepardenfells. Lena stellte sich vor wie es hier wohl im Sommer war, wenn alles üppig grünte und blühte und als Max sich hinter sie stellte und seine kräftigen Armen um ihre schmalen Hüften schlang, lehnte sie sich glücklich zurück. Sie sprachen nicht, kosteten schweigsam von der Magie des Augenblicks und leise beschlich sie das Gefühl, hier bleiben zu wollen.
Was Lena immer noch zu schaffen machte war die hohe Zahl HIV-Infizierter. Während sie auf dem Rückweg vom Safari Park waren erkundigte sich Lena, was Alicia darüber denke. Alicia dachte über die Frage nach und Lena beobachtete inzwischen die Schwarzen, die am Straßenrand im roten Staub, teils barfuß, teils mit Schuhen, geschäftig ihres Weges gingen. Manche trugen Taschen oder Einkaufstüten; manche balancierten ihre Lasten auf die traditionelle Weise auf dem Kopf. Sie zählte ab - 1, 2, 3, 4, 5 - du bist infiziert und schämte sich sofort für ihr makabres Spiel. Schließlich antwortete Alicia: "Ja, Aids ist ein Problem hier und viele Südafrikaner werden in Zukunft daran sterben. Es liegt an der Kultur der Schwarzen. Die Männer sind ihren Frauen nicht treu und als richtige Kerle benutzen sie kein Kondom." Lena musste lächeln, dachte Alicia wirklich, dies sei nur ein Problem der Schwarzen? Max mischte sich in das Gespräch ein und erzählte: "Wenn sich ein Arbeiter in der Firma verletzt und blutet, wird sofort ein Riesenaufstand wegen Aids gemacht. Keiner fasst den Verletzten ohne Handschuhe an. Eigentlich will ihn gar keiner anfassen. Aber am Wochenende nach dem dritten Bier vögeln sie ohne Kondome herum, als gäbe es beim Sex keine Ansteckungsgefahr." Lena dachte wieder einmal: Ich will hier nicht leben. Ich will nicht, dass sich meine Jungs irgendwann mit dem HI-Virus anstecken. Später dachte sie dann: Vor Aids kann man nicht davonlaufen. Diese Krankheit gibt es überall auf der Welt. Man kann sich jedoch davor schützen.
Lena wusste nicht mehr, wann es passiert war, aber irgendwann im Laufe der letzten 2 Wochen hatte sich ihre Meinung geändert. Sie hatte sich in dieses Land und seine Leute verliebt. Vielleicht als sie auf der Anhöhe im Busch standen und den Blick über die weite Savanne schweifen ließen, vielleicht schon am ersten Tag, als die warme Wintersonne sie auf ihrem Balkon wärmte. Vielleicht auch weil sie in Alicia eine Freundin gefunden hatte, die sie nicht mehr verlieren wollte. Oder vielleicht war es Ruth, der sie gern geholfen hätte, ihr Baby bei sich behalten zu können, oder Susan, deren Ansichten sie gerne beeinflusst hätte. Oder es war nur das banale Wissen, hier keine finanziellen Sorgen mehr zu haben. Aber letztendlich war Lena der Grund egal. Wichtig war nur, dass Land und Leute sie in ihren Bann gezogen hatten, dass sie nicht mehr von hier weg wollte. Sie würden hier leben und eine neue gemeinsame Zukunft konnte beginnen.




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Eingereicht am 04. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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