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Was für ein Morgen

©  Sabine Ulrich


Ein ungewohntes, seltsames Geräusch hatte mich aus dem Schlaf gerissen. Ich zog die Decke bis ans Kinn und wagte kaum zu atmen. Hart war die Pritsche auf der ich ruhte und Finsternis umschloss mich wie ein schwarzer Vorhang.
Mein Körper schien erst langsam wieder zu sich zu kommen, denn mir war nicht klar, wo ich mich befand. Auf dem Rücken liegend lauschte ich in die Dunkelheit. Da war es wieder ­ jetzt beunruhigend deutlich zu hören ­ dieses hysterische Lachen, fast schon ein Kreischen, begleitet von Kratzen und Trommeln.
Leicht hob ich den Kopf aus den nachtwarmen Kissen und starrte gebannt in das pechschwarze Nichts über mir. Das hektische Treiben spielte sich offenbar ganz dicht über meinem Schlafplatz ab. "Buschbabys" zuckt es mir unvermittelt durchs Gehirn und schlagartig wusste ich, wo ich mich befand.
Ich, die Mzungu ­ die Weiße ­ war aufgewacht mitten im afrikanischen Busch, in einer Banda der Gusii, fern ab von westlicher Zivilisation ­ ohne Wasser, ohne Strom ­ mein Herz begann zu hüpfen. Vorbei die Zeit der sehnsüchtigen Träume ­ willkommen Wirklichkeit ­ Karibuni sana Afrika!
Nichts konnte mich länger auf meinem Lager halten. Leise kroch ich aus dem Schlafsack und verließ tastend die dunkle Lehmhütte. Geblendet vom gleißenden Sonnenlicht, das mich im Freien unmittelbar umfing, schloß ich die Augen. Da stand ich nun im Schlafanzug und ließ den Morgenzauber auf mich wirken. Die Arme weit der Welt geöffnet, die Augen noch immer fest geschlossen, sog ich gierig die würzige Luft in meine Lungen. Mit dem ganzen Körper tauchte ich ein, in das Erwachen um mich her. Einem Impuls folgend begann ich mich langsam im Kreis zu drehen. Berauscht vom schweren, exotischen Duft und fasziniert von den fremdartigen Klängen die ­ tausendfach und fast ekstatisch lärmend ­ den neuen Tag begrüßten, wirbelte ich wie in Trance herum. Unumgänglich war der Ausbruch, Mensch gleich Vulkan. Immer schneller und schneller, Runde um Runde, wieder und wieder verschmolz ich trunken mit der Natur. Erst nachdem der Jubelschrei tief aus meinem Inneren in den Morgenhimmel entlassen war, hielt ich inne in meinem Tun.
Ich öffnete die Augen wieder und sah gerade noch, wie die Buschbabys irritiert vom Dach der Banda sprangen. Vor meinen nackten Füßen ­ welch herrlicher Zufall ­ hüpfte eine dicke Erdkröte wie eine reife Melone in das schützende Dickicht des Dschungels. Ausgerechnet dieses Geschöpf, Afrikas Symbol für Glück und Gesundheit, hatte ich mit meinem wilden Morgentanz aufgeschreckt. Was für ein Omen!
Eine Hand wie ein Sonnendach schützend über die Augen gehalten, ließ ich meinen Blick schweifen. Er glitt über die Hütten hinüber zur Dorneneinfriedung, weiter über den Bananenhain bis hinunter zum Raft Vally.
Einzelne Bananenblätter, in das Licht der Sonnenstrahlen getaucht, hoben sich golden aus dem Dunst, der das Tal und den Busch noch in grauen Nebel hüllte. Zarte Rauchsäulen stiegen in die klare Morgenluft und kündeten vom Fleiß der Frauen, die schon lange vor Sonnenaufgang im unwegsamen Gelände Holzsammeln gewesen waren.
Doch was war das? Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Schatten im Dunkel des Urwaldes hin und her huschten. Ich ahnte sofort, wer mich da heimlich mit neugierigen Augen beobachtet, denn seit meiner Ankunft letzte Nacht hatte ich kleine, mutige Freunde. Lachend rief ich "Jambo, Jambo" und schon kamen sie, rennend und stolpernd, kichernd und winkend ­ meine kleinen Lieblinge ­ Ondita und Boisabi, Jaboge, Fredy und Wisba. Wie ein Wirbelsturm brachen sie über mich her. Jedes der Kinder wollte wie selbstverständlich seine kleine Hand in die meine legen, denn vergessen war die Angst vor der Frau mit der weichen, weißen Haut und den glatten, roten Haaren. Umringt von der lärmenden pechschwarzen Schar, die sich ungestüm an meinen Körper schmiegte, fühlte ich mich eins mit diesen Menschen und der fremdartigen Schönheit ihres Landes.
Dann sah ich die Frauen. Mit der schweren Last auf ihrem Haupt schritten sie aufrecht dahin, in Anmut und Würde einer schwarzen Königin. Ihre Füße waren barfuß und um die schlanken Körper hatten sie bunte Tücher geschlungen. Die krausen Haare waren sorgfältig zu Gittern gekämmt oder zu kleinen Zwirbeln und Zöpfchen gedreht. Breite Reifen und bunte Ketten schmückten Oberarm und Dekolleté.
Lautlos kamen sie zu mir, stolz und wunderschön in ihrem natürlichen Charm.
Hatten sie mich tanzen gesehen? Hatten sie miterlebt, wie die kräftige, weiße Frau im Schlafanzug und ungekämmten Haaren ausgelassen herumwirbelte und euphorisch schrie?
Röte stieg mir ins Gesicht als sie sich zum Morgengruß vor mir verneigten.




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Eingereicht am 04. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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